AMAZONA.de - Green Box: Roland JD800 & JD990

von Florian Fischer am 08.09.2006

Roland JD-800/990 „digitaler Analoghybride“!?



Es kommt selten genug vor, dass einem schon beim Anblick eines Bildes von einem Synthesizer das Wasser im Mund zusammen läuft. Zum Zeitpunkt des Erscheinens der ersten Bilder des JD-800 Anfang 1991 gab es schon eine Vielzahl interessanter Objekte, die allesamt aber eines gemeinsam hatten: Sie hatten nichts mehr mit „analog“ zu tun. Da seien genannt der Yamaha SY77, der Ensoniq VFX, natürlich der Roland D-50 und D-70 oder Korgs Wavestation und 01/W. Allen gemeinsam war eine digitale Klangerzeugung mit durchaus mehr oder minder imitativen Charakter, wobei alle Synthesizer auch ihren individuellen Klangcharakter beisteuern können. Aber wie gesagt: „Analog“ war irgendwie out, was das Klangerleben betraf.__Nichtsdestotrotz konnte man sich auch damals für einen Jupiter-8, einen Elka Synthex oder Oberheim OB-8 begeistern. Klangmöglichkeiten waren genügend vorhanden, aber vor allem haben alle genannten Modelle REGLER und KNÖPFE und nicht nur, wie die digitalen Derivate, ein Display und eine Handvoll Taster drum herum. Was also lag näher, als sich einen Synthesizer mit mehrheitlich digitalem und vielleicht auch synthetischem Klangcharakter zu wünschen, der über Regler und Knöpfe verfügt.

 

Heute wissen wir, dass dies anfangs an der Rechenleistung der damaligen Chiptechnologie lange Zeit scheiterte, Regler zurück ins Gehäuse zu bringen, sofern überwiegend digitale Bauelemente verbaut wurden. D/A-Wandler pro Regler hätten einen solchen Synthesizer unbezahlbar gemacht. Und so schien es auch ausgesprochen kühn von Roland, mit dem JD-800 einen Synthesizer auf den Markt zu bringen, der auch tatsächlich arge Anlaufschwierigkeiten trotz zahlreicher guter Testergebnisse mit sich brachte und erst nach einigen Preisanpassungen nach unten doch noch seinen Weg in die „Hall of Fame" fand.

1. Der JD-800

Wie ich eingangs schon erwähnte, mischte Roland den Markt zwar augenscheinlich mächtig auf, bewirkte aber zunächst doch nicht so richtig was. Der JD sah hip aus, verfügte über 63 Regler, 62 Taster und 61 Tasten auf dem Keyboard. Klare Sache: 63 – 62 – 61 – meins! (frei nach Ebay). Die Konkurrenten bei Korg und Yamaha und vielen anderen Herstellern auch warteten zunächst einmal ab, wie sich der JD-800 wohl am Markt etablieren würde. Und oh Überraschung: Er floppte anfangs gewaltig bei einem Einstiegspreis von bis zu 4800 DM (rund 2400 EUR). Schon vor ihm gab es genügend Synthesizer in ähnlichen Preisregionen, denkt man mal an den Yamaha SY99 oder eine Korg T1. Aber da der JD-800 klanglich mehr in Richtung Synthesizer ging, als viele andere Synthesizer vor ihm, floppte er. Ein Grund auch, warum Korg mit der Wavestation ebenso Probleme hatte, diese am Markt zu platzieren und erst mit der EX-Version die Samples nachlieferte, derer jeder habhaft sein wollte (ein Klavier, ein Klavier...wir kennen das).



Komischerweise ist das ROM des JD-800 aber gut genug bestückt, all die Klänge zu produzieren, die man so braucht. Und spätestens mit der Herausgabe der Cardsets (eine Liste ist bei www.synrise.de/docs/pcm/roland.htm zu finden) mit Schlagzeugklängen, Pianos, Streichern, Bläsern, die meiner Meinung nach so was von überflüssigem Akkordeon und Gitarren enthalten, hatte man die Entertainer wieder auf seiner Seite geglaubt. Leider hat es nie ein Vintage-Cardset gegeben und auch kein SR-JV80-Adapter für den JD-800, um die gleichen Platinen wie im späteren JD-990 auch im JD-800 zu verwenden. Was für ein Jammer. Ich würde mich ja wirklich allzu gern dafür interessieren, wie viele Musiker sich das Akkordeon-Cardset zugelegt haben. Diese haben mit 285 DM (rund 143 EUR) richtig viel Geld gekostet. Ich habe damals – im gleichen „Ich brauch’n Klavier“-Wahn wie alle anderen – natürlich das Piano-Cardset erworben. Aber das klang auch nicht viel besser, als das ohnehin schon als ROM-Sample vorhandene Klavier, das ich sogar heute noch einsetze. Später habe ich das Piano-Cardset gegen das Strings-Cardset getauscht und darin das gefunden, was ich noch am besten klangtechnisch im JD-800 verwursten konnte. Hoch gelobt sind auch die Drum-Cardsets, die allerdings – und das kommt noch später – in ihren speziellen Einsatzmodus, dem Special Setup, zuviel Resourcen binden und den JD-800 ad absurdum führen. Meines Erachtens bliebe nur noch das Brass-Cardset übrig, welches ich empfehlen könnte, jedoch nie gehört habe. Aber Akkordeon!? Ich bin und bleibe fassungslos! Wo blieb das Cardset „Triangle-Collection“ oder „World of Alphorn“?

2. Der JD-990

Der JD-800 lag der Musikindustrie irgendwie schwer im Magen. Die Konkurrenten zeigten sich uninspiriert, die Musiker zwar begeistert, aber abwartend.


Die Presse verteilte Innovationspreise und die Roland-Ingenieure fragten sich, was sie falsch gemacht haben könnten. Also ging man flugs zurück ins Labor und überlegte, wie man das ganze vielleicht in ein Standardrackgehäuse unterbringen könnte, ausgestattet mit weiteren Features. Da fast gleichzeitig die Entwicklung an der JV-Serie lief und man mit JV-80 und JV-880 zwei Synthesizer im Angebot hatte, die über optionale Erweiterungen ROM-klanglich erweiterbar waren (die sagenumwobene SR-JV80-Serie), hat man dieses Feature gleich mal mit ins JD-990-Gehäuse implantiert. Und da man im JV-80/880 auch noch – neben einer deutlich simpleren Klangsynthese und weitaus weniger Effekten – dennoch ein paar Details hatte, die dem JD-800 fehlten, hat man den JD-990 gleich so konstruiert, dass man zumindest theoretisch JV-80-Klänge auch auf dem JD-990 erstellen und umgekehrt natürlich auch JD-800-Klänge einladen konnte.__In der damaligen Werbung versprach Roland, mit dem JD-990 den fortschrittlichsten und bestklingendsten Synthesizer aller Zeiten gebaut zu haben. Ich bin auch fast der Überzeugung, dass sie das bis zum Erscheinen des V-Synth auch tatsächlich geschafft haben, wären da die nicht immer wieder die von Dritten genannten Abstürze des JD-990 bei der MIDI-Kommunikation. Aber irgendwas ist ja immer.

 

3. Die Klangerzeugung

Egal, um welchen JD es sich handelt, so haben doch beide Modelle erst mal viele Gemeinsamkeiten, die ich hier in diesem Kapitel näher erläutern möchte, bevor ich später auf die Besonderheiten des JD-990 noch näher eingehe. Für alle, die sich schon immer fragten, ob man einen JD-800 nicht als Luxusprogrammer für den JD-990 verwenden kann: JA, man kann! So, nun zum Klanggeschehen!

Das Klangerzeugungsverfahren ist zunächst einmal relativ herkömmlich aufgebaut, sprich das Oszillator-Filter-Verstärker-Verfahren der Subtraktiven Synthese findet Anwendung. Nur, dass das natürlich bei Roland seinen eigenen Namen hat, namentlich WG (Wave Generator), TVF (Time Variant Filter) und TVA (Time Variant Amplifier). Jede der drei Sektionen verfügt über mehrstufige Hüllkurven, die sinnvolle Parameter besitzen und sinnvollerweise auch als Flachbahnregler (sprich Fader) ausgeführt sind, so dass man den Hüllkurvenverlauf auch erkennen kann, wenn man ihn von Grund auf programmiert.

Ja, und da liegt auch das große Manko des ansonsten fantastischen Bedienfeldes des JD-800: Es gibt keine Motorfader. Wählt man ein anderes Programm, so bleiben alle Regler in ihrer Position. Ein Bewegen des Reglers führt dann zu sprunghaften Parameteränderungen im Klang. So ist der direkte Eingriff ein wenig getrübt, denn ein Abholen des Parameterwertes ist nicht vorgesehen – leider!

Doch zurück zu den Sektionen des JD-800/990!

1. WG (Wave Generator)


Er verfügt über 108 verschiedene Wellenformen (3 MByte, entspricht den im Prospekt genannten 24 Mbit) (195 im JD-990 und somit 6 MByte zzgl. jener der Erweiterungsboards). Die Stimmung des WG kann grob und fein justiert werden. Die PITCH-RANDOMIZE-Funktion erlaubt eine in der Intensität regelbare leichte Verstimmung zur Gesamtstimmung des Instrumentes bei jedem Tastenanschlag rein zufällig. Klingt wirr, soll aber nichts weiter sein, als eine Nachahmung gleichen Effektes bei echten analogen Synthesizern, die selten in reiner Stimmung spielten. Das ist zwar meiner Meinung nach Unsinn, hätte man doch besser Crossmodulation, Ringmodulation oder Oszillator Synchronisation implementiert. Beim JD-990 hat man gegenüber dem JD-800 den Oszillator-Sync und die Frequency Cross Modulation möglich gemacht. Abgerundet wird das WG-Angebot durch Key Follow, einer tastenpositionsabhängigen Modulation – hier natürlich der Tonhöhe, wobei 100 % der normalen Stimmung entsprechen – mit hinzus chaltbaren Pitchbender sowie Aftertouch mit regelbarer Intensität auf LFO 1 oder LFO 2 (getrennt regelbar). Schließlich kann noch bestimmt werden, wie stark LFO 1 und/oder LFO 2 den WG modulieren soll/en.__Dem WG steht der PITCH-ENVELOPE als Hüllkurve zur Verfügung. Er verfügt über die bei allen drei Hüllkurven gleichen Parameter für die Modulation der Intensität und der Zeit durch die Anschlagsdynamik sowie eine tastaturpositionsabhängige Intensität des Zeitverlaufes der Hüllkurve. Kompliziert, kompliziert. Die Grafik soll das verdeutlichen. Die Tonhöhenhüllkurve verfügt über sechs Parameter.

2. TVF (Time Variant Filter)


Das A & O eines jeden subtraktiv arbeitenden Synthesizers stellt das Filter dar. Dass ein digitales Filter gute Dienste leisten kann, bezeugt die Qualität des JD-Filters, der resonanzfähig ist und mit einer Flankensteilheit von 24 dB/Oktave arbeitet. Dass in der Realität das Filter bisweilen zu Verzerrungen neigt, kann den Gesamteindruck nicht trüben. Dieses Filter war seiner Zeit weit voraus. Das Filter ist auch nicht einfach nur ein Tiefpass, sondern auch ein Band- und Hochpass, womit das Klangspektrum deutlich erweitert wird. Die Filtereckfrequenz (CUTOFF) und -resonanz (RESONANCE) sind beide in gleich hoher Auflösung gehalten. Sehr gut! Wir kennen das aus früheren Zeiten auch anders! Für das Filter ist neben der tastaturpositionsabhängigen Modulation (KEY FOLLOW) auch eine Modulation durch die TVF-ENV (Filterhüllkurve) sowie durch LFO 1 oder LFO 2 sowohl im positiven als auch im negativen Bereich vorgesehen. Schließlich ist eine positive bzw. negative Modulation durch Aftertouch möglich. Ich denke, dass man damit viel Spielfreude anregen kann. Leider gibt es keine Modulation der Filterresonanz – ein gern gesehenes Feature.__Die TVF-ENV verfügt neben dem Basishüllkurvenparametersatz (VELOCITY, TIME VELOCITY und TIME KEY FOLLOW) über eine Hüllkurve mit acht Parametern und ist damit die aufwändigste der drei Hüllkurven. Auch hier soll die Grafik Näheres veranschaulichen.

3. TVA (Time Variant Amplifier)

Der TVA macht, was man von ihm erwartet: Er lässt den JD erklingen. Die Besonderheit ist die BIAS-Funktion, mit der es möglich wird, mehrere Tones übereinander zu legen. Sozusagen eine KEY-FOLLOW-Funktion für den Verstärker. Der TVA kann von LFO 1 oder LFO 2 intensitätsregelbar moduliert werden (Tremolo) und ist auch durch Aftertouch beeinflussbar.__Die TVA-ENV verfügt über den Basisparametersatz, den wir schon von den anderen Hüllkurven her kennen, und es folgt eine Hüllkurve mit sieben Parametern.

4. LFO (Low Frequency Oszillator)


LFO 1 und LFO 2 wurden die beiden Modulationsoszillatoren getauft. Sie sind absolut identisch aufgebaut, verfügen aber über eigene Bedienelemente auf der Bedienoberfläche, so dass ich nur einen LFO beschreibe.__Zunächst gibt es die Wahlmöglichkeit, ob der LFO bei jedem Tastenanschlag neu getriggert werden soll oder doch besser frei läuft (KEY TRIG). Dann legen wir ein Offset fest, das positiv, neutral oder negativ sein kann. Bei machen Modulationen macht das durchaus Sinn, insbesondere dann, wenn die Modulationen erst durch Spielhilfen ausgelöst werden sollen. Als nächstes wählt man eine Wellenform für die Modulation aus. Zur Wahl stehen Dreieck, Sägezahn, Rechteck, Rauschen und Random. Schließlich stehen die die drei Fader für die Modulationsgeschwindigkeit (RATE), der Einsatzverzögerung (DELAY) und der Einschwingzeit (FADE) zur Verfügung. Damit kann man ein verzögertes, langsam stärker werdenes Vibrato beispielsweise erzeugen. Sehr schön.

5. COMMON


Schließlich noch zwei Tipptaster, mit denen festgelegt werden kann, ob der jeweilige Tone auf den HOLD-Fusstaster reagieren soll oder nicht und wie die Anschlagsdynamikkurve aussehen soll. Das kann beim Übereinanderlegen mehrer Tones durchaus interessant werden.___4. Ein TONE macht noch kein PATCH__Die gerade eben beschriebenen Parameter stellen komplett einen TONE dar. Bis zu vier TONEs bilden ein PATCH. Damit lässt sich wohl etwa erahnen, wie viel Synthesepower in dieser Maschine steckt. Aber allem Halleluja zum Trotze muss auch gleich das Thema Stimmenzahl genannt werden, denn:

1 TONE = 24 Stimmen

2 TONEs = 12 Stimmen

3 TONEs = 8 Stimmen

4 TONEs = 6 Stimmen

Da nicht wenig Patches erst mit vier TONEs so richtig gut klingen, ist der JD-800 und leider auch der JD-990 mehr oder weniger oft nur sechsstimmig. Ein Grund, warum dem später noch genannten PERFORMANCE-Modus wenig Beachtung geschenkt wurde.____Um die vier TONEs besser bändigen zu können, wurden die PALETTE-Fader, wie sie schon im D-70 zu finden waren, eingebaut. Damit kann man alle vier TONEs gleichzeitig editieren. Dazu bewegt man einfach einen Regler auf dem Bedienfeld und die Werte aller vier TONEs werden im kleinen Display angezeigt.

Nun kann man mit den PALETTE-Fadern jeden TONE einzeln editieren, was auch im kleinen Display sofort zu sehen ist.__Die Organisation der vier TONEs in einem PATCH ist anfangs verwirrend, lässt sich aber nach kurzer Eingewöhnung sehr intuitiv nutzen. Die Abbildung zeigt die PATCH-SELECT-Taster mit den LEDs und darunter eine Taste namens LAYER <-> ACTIVE. Genau mit der Taste wird zwischen dem LAYER- und den EDIT-ACTIVE-Modus umgeschaltet. D.h., man sieht normalerweise, welche der vier TONEs im PATCH verwandt werden – die leuchtende LED signalisiert, welche TONEs aktiviert sind. Um Stimmen zu gewinnen, kann man also durch Drücken der jeweiligen Tasten TONEs deaktivieren oder auch hinzuschalten und ggfs. sogar ganz andere Klänge aufzurufen.

Drückt man nun die LAYER <-> ACTIVE Taste, so zeigen die LEDs nun an, welche TONEs auf dem Bedienfeld editiert werden können. Die jeweiligen TONE-LEDs blinken. Nur die blinkenden TONEs können nun auf dem Bedienfeld direkt verändert werden. Alle anderen sind nur über die PALETTE-Fader veränderlich. Sind beispielsweise zwei TONEs am Blinken, als ACTIVE, so werden auch beide TONEs in gleicher Weise editiert. Würde man alle Werte verändern, so würden beiden TONEs letztendlich völlig gleiche Werte bekommen!__Verstanden? Wenn nicht, dann besorgen Sie sich einen JD-800 und sie kommen schneller hinter das Geheimnis, als Sie sich das heute noch vorstellen können!

6. Effekte


Eine Besonderheit des JD-800 sind seine gleichzeitig nutzbaren Effekte, die allerdings nur im normalen Patch-Modus voll zur Entfaltung kommen. Dann können nämlich bis zu sieben Effekte gleichzeitig eingesetzt werden, während im Multi-Modus nur die drei Basiseffekte einsetzbar sind. Über allem steht zudem noch ein achter „Effekt“, nämlich der parametrische dreibandige Equalizer, dessen Einstellungen für den gesamten Synthesizer gelten.

Die Basiseffekte unterteilen sich in Chorus, Delay und Reverb, die relativ detailliert programmiert werden können und der Gruppe B angehören, während die nur in der Patch-Abteilung nutzbaren Effekte der Gruppe A im Einzelnen aus Distortion, Phaser, Spectrum und Enhancer bestehen. Leider lassen sich wie gesagt die Gruppe-A-Effekte überhaupt nicht im Multi-Mode nutzen und selbst die Gruppe-B-Effekte müssen neu programmiert werden, da sich alle Multi-Mode-Programme einen Satz Effekte teilen müssen. Dafür kann aber individuell im Multi-Mode pro Multi-Mode-Patch der Anteil der Effekte eingestellt werden.

Im Einzelnen stehen sieben verschiedene Distortion-Effekte, ein Phaser, sechs Bandpassfilter-Arten (Spectrum), ein Enhancer, zehn Hallalgorithmen, Chorus (je nach Einstellungen auch als Flanger oder Doubler nutzbar) sowie ein Dreifachecho (Delay), wobei die Stereolage und Verzögerung pro Delay getrennt programmiert werden können, was mit die interessantesten Effekte erzeugt.

Klingt alles kompliziert, ist es aber nicht, da man den JD-800 ohnehin fast immer nur im Patch-(Single)-Modus nutzen wird. Zuviele gute Patches benötigen vier Tones und dann ist der JD-800 ohnehin nur noch sechsstimmig. Wer will die dann noch im Multi-Modus verteilen und dabei noch auf Effekte verzichten?__Die Effekte klingen recht ordentlich für einen Synthesizer aus den Anfang Neunzigern. Ein Lexicon-Hall vermögen die Reverbs nicht zu ersetzen, aber wer will denn den Charme eines JD-800, zu welchem auch die Effekte gehören, mit High-End-Effekten verwässern!?

7. Multis und Specials

Nun haben wir schon bei den Effekten von den Multis und Specials gehört. Jetzt ist es auch an der Zeit, dass wir uns den Multi-Mode ein wenig näher ansehen. Dazu muss ich selbst erst einmal in der bibelähnlichen Anleitung, wo allein zwei Seiten sich mit dem An- und Ausschalten des Instrumentes beschäftigen, nachsehen, denn in der Praxis nutzt man diesen Modus so gut wie nie! Die Gründe sind ja bekannt, denn Stimmenmangel kann sich niemand erlauben. Dennoch verbirgt sich ein sehr interessantes Feature im sogenannten Special Setup. Dazu gleich mehr.__Der JD-800 ist im Multi-Mode bis zu sechsfach multitimbral, wobei als Parts fünf „normale“ Patches eingesetzt werden können und als sechster Part das Special-Setup fungiert. Pro Part ist ein MIDI-Kanal definierbar, was logisch sein sollte.

Darüber hinaus ist jeder Part im Multimode programmierbar, so z. B. welche der drei Basiseffekte der Gruppe B (siehe unter Effekte) angeschaltet werden sollen, wo sich die Parts im Panorama befinden, ob sich die Solo- und Portamento-Funktion nutzen lässt und natürlich wie laut der Part denn sein darf. Hier kann man auch tricksen und beispielsweise zwei Parts mit gleichen Sounds belegen, im Panorama gegeneinander legen und auf den gleichen MIDI-Kanal empfangen lassen. Kleine Details in der Programmierung der einzelnen Parts (auf Patch-Ebene!!) können dabei hoch interessante Effekte erzeugen!__Als sechster Part kommt der Special Part oder auch das Special Setup. Hier ist es möglich, pro Taste (!) einen eigenen Klang zu programmieren, wobei alle Parameter der Bedienoberfläche zur Verfügung stehen.

Allerdings ist jeder dieser Special-Setup-Klänge nur mit einem Parametersatz belegbar und nicht mit bis zu vier, wie bei den gewöhnlichen Patches. Auf diese Art und Weise werden dann zum Beispiel auch Drum-Sets programmiert. Bekannt wurde das Werks-Special-Setup durch „I can’t dance“ von Genesis, wo exessiv davon Gebrauch gemacht wurde. Dieses Special Setup ist auch das Interessanteste, was der Multi-Mode zu bieten hat. Alles andere wird bei richtiger Nutzung des JD-800 als Synthesizer im Wortsinne einfach nicht seiner Aufgabe gerecht.

8. Spielhilfen und Bedienung

Der JD-800 verfügt über eine 61 Tasten umfassende anschlags- und druckdynamische Tastatur, die recht angenehm zu spielen ist, jedoch im Laufe der Zeit an Druckdynamik verliert. Man muss nach einiger Zeit schon mächtig drücken, um noch eine Aftertouch-Effekt auszulösen. Das scheint aber bei Roland üblich zu sein. Meines Wissens stammen die Tastaturen von Fatar. Links neben der Tastatur sind die Spielhilfen angebracht: Der Roland-Bender, der von vielen gehasst und von anderen geliebt wird. Das Problem: Für Modulationseffekte ist der Weg zu kurz – sie sind einfach nicht dosiert genug einsetzbar. Ein Rad für Pitch und Modulation wäre schöner gewesen...

Die Gesamtlautstärke des JD-800 wird dort ebenfalls eingestellt. Die Transpose-Taste erlaubt auf Tastendruck eine zuvor eingestellte Transponierung der Tastatur, die in einem Bereich von +/- 12 Halbtönen eingestellt werden kann. Somit ist auf Tastendruck möglich, in anderen Tonarten zu spielen, ohne seinen Fingersatz zu verändern. Bei Wurstfinger-Keyboardern wie ich einer bin, ist das von erheblichen Vorteil ;-). Dann kommen noch die Solo- und Portamento-Taste, wobei Portamento nur dann hinzugefügt werden kann, wenn bereits der Solo-Betrieb aktiviert wurde. Im Solo-Mode spielt der JD-800 monophon, wobei auch nur eine Stimme aktiv ist und nicht etwa alle Stimmen leicht gegeneinander verstimmt erklingen. Polyphones Portamento war Anfang der Neunziger wohl einfach nicht mit drin.

Das Paradestück des JD-800 ist natürlich die Bedienung, denn selten hat man so viele Parameter auf einmal im Blickfeld und vor allem in den Fingern. Die Programmierung eines Patches geschieht mit Hilfe der Layer-Active-Taster, wie bereits schon weiter oben beschrieben. D.h., pro Layer im Patch steht jeweils ein kompletter Parametersatz zur Verfügung. Das ist mitunter auch die Crux, will man den JD-800 live spielen – also in die Klangprogramme eingreifen, denn man hat den JD leider nicht mit den Segnungen der späten Neunziger ausgestattet, wie z. B. Endlosreglern, Parameter-Abhol-Modus und dergleichen. Auch kann man nicht ohne Weiters in alle Layers gleichzeitig relativ eingreifen – also Offsets setzen, wie z.B. beim CS1x von Yamaha.

Man muss sich da also mit Tricks und Fingerspitzengefühl annähern. Für experimentelle Musiker gibt es aber wenigstens die MANUAL-Taste, welche die gegenwärtig eingestellten Parameter in ein Patch verwandeln, von wo aus man dann natürlich jederzeit problemlos eingreifen kann. Ob das aber klingt – wenn überhaupt – ist eine andere Frage. Man kann dies aber ab und zu mal als Zufallsklangerzeugung einsetzen, hat man länger nicht mehr die MANUAL-Funktion benutzt.

Ferner können Patches kopiert, gesichert, transferiert und verglichen werden. Die Patchauswahl erfolgt über das Bank/Number-Tastenfeld in Verbindung mit dem INT/CARD-Taster (interne Programmspeicher, Kartenspeicher). Der JD-800 ist dabei automatisch im Bank-Hold-Modus, das heißt, will man erst Klang 1 in Bank 5 und dann Klang 7 in der gleichen Bank, so braucht man beim zweiten Mal nur die 7 drücken. Wechselt man quer durch die Bänke, muss man die BANK und NUMBER immer einzeln drücken. Die vier sternförmig angeordneten Taster dienen der Platzierung des Cursors und dem Seitenwechsel auf Menue-Seiten, die über das Bedienfeld nicht erreichbar sind (MIDI-Einstellung, Common-Parameter (3-Band-EQ, Patchname und dergleichen), Effekteinstellungen usw.

9. Und hinten?

Was bietet der JD-800 für Anschlüsse?____Wie schon so oft bemängelt, bietet der JD-800 – wie fast alle anderen Synthesizer auch – seine Kopfhörerbuchse auf der Rückseite an. Es ist immer das Gleiche, also warum sollte man das noch kritisieren. Das MIDI-Trio erfüllt seine Aufgaben in gewohnter Manier, wobei via MIDI möglich ist, alle Parameterveränderungen auch an einen Sequenzer zur Aufzeichnung zu senden. Das endet zwar in einer MIDI-Datenflut ohne Ende, was aber den Soft-Sequenzern wohl kaum mehr Ärger machen dürfte. Des weiteren kann ein JD-800-Bedienfeld auch als Programmer für den JD-990 via MIDI eingesetzt werden.

Auch das hatten wir schon.

Zwei Pedal-Anschlüsse, eines als Hold-Pedal, das andere als Controler-Pedal sowie die vier Audio-Ausgänge runden das Bild des 15-Kilo-Synthesizers ab. Die vier Audioausgänge sind als Mix-Stereoausgang (mit Effekten) und als trockene Ausgänge in Stereo nutzbar. Im Multimodus können diese bei extremen Panorama-Einstellungen auch als Einzelausgänge genutzt werden, was aber in der Regel kaum der Fall sein dürfte.

Schließlich gibt es noch die Kaltgerätenetzsteckerbuchse. Sehr vorteilhaft, denn eine Wandwarze wäre unprofessionell und ein festes Netzkabel sollte seit dem Yamaha DX7 der Vergangenheit angehören.

Bleiben nur noch die beiden Cardslots für WAVEFORM und DATA. Erstere ist für die PCM-Daten-Karten aus der SO-JD80-Serie oder die der JV-Serie aus der Reihe SO-PCM. In den DATA-Cardslot kommen dann die Programmdatenkarten aus der SL-JD80-Serie, zu denen auch die SO-JD80-Waveform-Karten gehören. Eine Liste der verfügbaren Karten (aus dem Handel!!) gibt es bei www.synrise.de/docs/pcm/roland.htm.


Fazit

Der JD-800 begleitet mich nunmehr seit 13 Jahren und ist bei mir nicht mehr weg zu denken. Er ersetzt für mich Masterkeyboard und Analogsounds, ist die Steuerzentrale meines Studios, Inspiration und sorgt bisweilen auch für Transpiration. Er hat nichts an Charme verloren, wirkt trotz seiner Jahre immer noch modern und aktuell – sieht man mal von der mageren Stimmenzahl ab.__Der JD-800 erzeugt digitale flirrende Athmos genauso, wie knackige analoge Bässe, Flächen, Pop-Pianos und auch den ein oder anderen „gewöhnlichen“ Sound.

Als Brot-und-Butter-Maschine ist er aber entschieden unterbewertet. Gerade beim Einsatz knackiger Analogsounds und der Triple-Delay mit Ping-Pong-Effekt im Panorama erfreut der JD-800 immer wieder. Kaum ein namhaftes Studio hat in der ersten Hälfte der Neunziger auf den JD-800 verzichtet.__Mittlerweile gibt es zahlreiche Alternativen, selbst im unteren Preissegment, aber die gibt es auch für den Jupiter-8, Yamaha CS-80 oder Elka Synthex/M.

Nichtsdestotrotz haben die Originale ihren eigenen Charme und selbst das beste Multisample vermag nicht das Leben einzuhauchen, das man nur von einem Original erwarten kann.__Für mich gibt es für den JD-800 keine Alternative.

PLUS

+ Soundqualität

+ zeitgleich nutzbare Effekte

+ Bedienoberfläche

+ Transpose-Taster

+ Special-Setup

+ Testroutine (siehe weiter unten)

MINUS

- Stimmenzahl (max. 24 bis runter auf nur noch 6 Stimmen bei Verwendung von 4 Tones pro Stimme)

- Einschränkungen im Multimode bezüglich Effekte

- Nach kurzer Zeit mangelhafte Druckdynamik

- Schlechtes Angebot an Cardsets für den JD-800 (Akkordeon...)

 

Tipps und Tricks

Bei Synrise gibt es eine Erläuterung, wie man die Testroutine des JD-800 aufruft und was die einzelnen Test-Punkte letztendlich überprüfen:_

UNSER GANZ BESONDERER DANK GILT

Theo Bloderer, der uns für diesen Bericht die Klangbeispiele und Fotos zur Verfügung gestellt hat.Theo Bloderer ist nicht nur Autor bei amazona.de, sondern auch Initiatior der Plattform BLUSYNTHS.COM. Dort finden Sie hervorragend recherchierte Artikel zu Vintage-Synthesizern, sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache.Besonderen Hinweis verdient außerdem der JD-800 Bericht auf Blusysnths.com über den Sie einige hervorraggende Sound-Patches für Ihren JD800 oder JD990 herunter laden können.

 

Verweise

  1. Synrise Portal
    (http://www.synrise.de/docs/tips/roland.htm)

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  3. Bluesynths.com
    (http://www.bluesynths.com/)

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