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Interview: Ludwig Rehberg, Grandseigneur deutscher Synthesizer

Ludwig Rehberg EMS

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Er ist der Grandseigneur der deutschen Synthesizer: Ludwig Rehberg programmierte Klänge für Pink Floyd, kümmerte sich um das Sounddesign vom Film „Das Boot“, ist eng mit Martin Gore befreundet und beliefert heute noch Jean-Michel Jarre mit seinen Instrumenten. Er ist der Mann hinter EMS Rehberg, einer kleinen Firma im schwäbischen Ditzingen, die sich um Vertrieb, Wartung und zum Teil auch Entwicklung der ursprünglich britischen Instrumente von EMS kümmert.

Ludwig Rehberg holt mich mit seinem Cayenne („den fahre ich nur, weil ich für Porsche den Klang der Motorengeräusche untersuche“) am Bahnhof in Ditzingen ab. Wir fahren in sein Testlabor, oder sollte man besser sagen: Verkaufsraum? Wie auch immer. Auf ungefähr 12 Quadratmetern im Haus seiner Eltern stehen zwei Synthi 100, EMS Vocoder, eine Filterbank sowie der bekannte Synthi AKS. An der Wand zahlreiche Fotos großer Künstler, daneben eine schwarze Platine („Das war der Prototyp des ersten digitalen Sequencers“). Zusammen basteln wir am Synthi AKS rum, er zeigt mir einige seiner Lieblingsklänge, wir sprechen über dies und das und schließlich auch über seine Geschichte mit EMS.

Ludwig Rehberg

Ludwig Rehberg

 

AMAZONA.de:
Wie begann Ihre Zusammenarbeit mit EMS?

Ludwig Rehberg:
Anfang der 70er hatte ich ein Musikgeschäft in Stuttgart an der Königsstraße. Eine Goldgrube war das. Wir waren die Exoten und haben relativ viel Geld verdient mit Marshall Verstärkern, Gibson Gitarren, Hammond Orgeln und so weiter. Im Rahmen einer Musikmesse in England sah ich im Russel Demo-Studio ein Konzert von Bee Gees, die da so ein seltsames Instrument mit blinkendem Licht auf der Bühne hatten. Wie sich herausstellte, war dies ein Prototyp des Synthi AKS. Sie gaben mir die Adresse der kleinen Firma EMS im Londoner Vorort Putney. Und so traf ich Peter Zinovieff und David Cockerell, die ganz begeistert waren, dass sich da ein Deutscher für ihre Instrumente interessiert. Ein Jahr später habe ich meinen Anteil am Musikgeschäft an meinen Partner verkauft und bin mit diesem Geld nach England. Bei EMS war ich v.a. fürs Marketing und die Finanzierung zuständig und kam so mit allen Kunden in Kontakt, die ich auch bei der kreativen, musikalischen Arbeit unterstützte.

AMAZONA.de:
Sie hatten ja auch Kontakt zu den großen britischen Bands der 70er Jahre.

Ludwig Rehberg:
Ich hatte das Glück, dass ich bei Pink Floyd im Studio war und für sie ein paar schöne Sounds und Sequenzen programmierte. Depeche Mode waren damals noch nicht bekannt, doch wohnten sie bei uns um die Ecke. Wir haben teilweise ihre Verstärker repariert. Später begannen sie mit unseren Instrumenten zu experimentieren. Der Kontakt hält bis heute an, v.a. mit Martin Gore. Früher haben wir ihnen mit den Reparaturen geholfen und heute machen sie ein paar gute Geschäfte mit uns. Die anderen Sachen kennen Sie ja, steht ja auch alles auf meiner Homepage.

AMAZONA.de:
Stießen Sie in der Anfangszeit auf viel Unverständnis? Schließlich waren Synthesizer damals in der breiten Öffentlichkeit eher unbekannt.

Ludwig Rehberg:
Am Anfang hat mich das schon genervt, ich war 23 Jahre und hatte keine Ahnung, wie ich mit den kritischen Professoren auf der Messe argumentieren sollte. Florian Schneider von Kraftwerk hatte ähnliche Probleme. Die Leute meinten, ihre Musik sei künstlich, ätzend und steril. Und er antwortete: „Wächst ‘ne Trompete auf dem Baum? Kann man Klaviere im Wald pflücken?“ Das sind alles technische Instrumente, selbst eine Orgel. Das einzige natürliche Instrument ist unsere Stimme. Beim WDR, die ein Studio mit dem Synthi 100 hatten, gab es viele Diskussionen, Musiker mit Musiker, Techniker mit Techniker, und da habe ich genau zugehört, wie sie die Elektronische Musik verteidigten. Karlheinz Stockhausen konnte sehr gut argumentieren, wieso er einen Synthi 100 mit zwölf Oszillatoren braucht und warum das so klingen muss.

Wenn ich mit Technikern diskutiere, gibt es andere Missverständnisse. Auch wenn eine Rechteckwelle auf dem Oszillographen perfekt aussieht, heißt das noch lange nicht, dass sie auch musikalisch gut ist. Ich weiß, was ich höre, z.B. wenn da Subharmonische fehlen. Und dann bastelt der Techniker wieder ein paar Stunden rum, das Rechteck sieht zwar genau gleich aus, doch wurden ein paar Widerstände in der Schaltung verändert, und schon klingt es besser. Das verstehe ich unter „Synthesizer bauen“. Das ist beim Geigenbauer ähnlich, der seine Hölzer aussucht und richtig lagern muss. Da gibt’s auch Diskussionen.

 AMAZONA.de:
Wie lange waren Sie bei EMS in England?

Ludwig Rehberg:
Bis 1980. Ich habe fast 7 Jahre in London und Oxford gelebt. Und dann gab’s ein bisschen Stress mit Peter Zinovieff, der eine andere Einstellung hatte vom Geschäft. So haben wir uns getrennt.

AMAZONA.de:
Und dann sind Sie zurück nach Deutschland und haben begonnen, die Synthesizer zu bauen?

Ludwig Rehberg:
Ja, wobei wir die Produktion zwischen Robin Wood (ehemaliger EMS Techniker, Anm. der Redaktion) in England und mir aufgeteilt haben: Robin produziert den VCS3, Synthi AKS und Synthi 100. Und wir bauen die Vocoder, Filterbänke und Synthi Logik und revidieren die alten Synthis. Das haben wir immer klar getrennt. Robin und ich nehmen uns auch gegenseitig keine Kunden weg. Grob gesagt, bedient er die USA und Großbritannien und wir Europa und Asien. Wobei es auch Ausnahmen gibt. Zum Beispiel Martin Gore, der von mir betreut wird, da wir uns schon lange persönlich kennen. Währenddessen eine Band aus Münster und Bielefeld Robins Kunde ist.

Klangbeispiele

  1. Profile Photo
    elektronalin

    Vielen Dank für das tolle und vor allem RARE Interview mit Ludwig Rehberg.

    Gerade in einer Zeit, in der alles so extrem kurzlebig und rasch wertlos ist, sind Firmen wie EMS wichtig.

    EMS hat garantiert bis zum Schluss seine Kunden, denn ihre Produkte haben ja mit ihren “Alleinstellungsmerkmalen” die letzten Jahrzehnte durchgehalten, auch wenn ich mir letztendlich als Musiker durch diesen immensen Wertanstieg nie wieder einen leisten kann ;-)

    Elektronalin

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    Elegtrosmok

    Echt ein tolles interview und eine schöne Geschichte die sich hier mit EMS und den Synths verbindet. Leider kann man sich als interessierter Analog Musiker kaum mehr solch einen Schatz an elektronischer Tonalität leisten. Man darf gar nicht daran denken was einem hier auf Grund der Sammlerpreise an eigener Kreativität verschlossen bleibt.

    Großen Dank an Martin und Ludwig!

    • Profile Photo
      changeling •••

      Ich denke es gibt genug günstigere Alternativen mit denen sich ähnliche Ergebnisse erzielen lassen (auch das ist gut für die Kreativität). Mit einem Eurorack System ist man z.B. schnell flexibler als mit einem Synthi A, auch wenn es dann ein bisschen anders klingt.

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    balpirol

    Mein allererster Synthie auf dem Gymnasium war ein AKS unseres Musiklehrers, dem meine Schulkameradin während unseres Referates gleich mal einen Pin des Steckfeldes – natürlich unbeabsichtigt – abbrach.
    Sehr ärgerlich, aber auch ein Zeichen dafür, daß diese Steckfelder – bis heute – nicht das non-plus-ultra sind.
    Natürlich liebe ich EMS ebenso wie PPG, Moog, Arp, Fairlight, Elka (Synthex), Yamaha (CS-Serie) oder Oberheim (2.Voice,4V,8V) oder Korg (MS-Serie, PS-Serie)
    Nichtsdestoweniger sind die Preise von EMS hinsichtlich Preis/Leistung völlig überspannt (siehe Porsche oder Mercedes)
    Wie schön, daß es (VCF-)Plagiate von Analogue Solutions gibt…

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