AMAZONA.de

The History of EM, Teil 1: Die Pionierzeit (1900-1970)

Switched on Bach.

drucken
1 2 3 4 5 >

Die Geschichte der elektronischen Musik begann im 19. Jahrhundert. Als die Menschheit gerade die ersten Steckdosen ins Haus bekam, konstruierten kreative Bastler auch schon die ersten elektromechanischen und elektronischen Instrumente. Sie legten damit den Grundstein für eine völlig neue Art der Musik, die im Laufe der letzten 100 Jahre eine enorme Vielfalt an Stilrichtungen hervorgebracht hat.

Diese Artikelserie wird die wichtigsten Stationen der EM von den Anfängen bis hinein ins 21. Jahrhundert behandeln, unterteilt in drei Kapitel (Pionierzeit, Blütezeit und Moderne).

Zunächst muss man eine Frage beantworten: Was eigentlich ist elektronische Musik? Fasst man den Begriff etwas weiter, dann ist alles Klangliche, was mit Hilfe elektronischer und/oder elektromechanischer Gerätschaften erzeugt wird, EM. Das können auch Tonbänder, Hallfedern, Plattenspieler, rückgekoppelte Verstärker usw. sein, und in der Tat wurde vor der Entwicklung leistungsfähiger Synthesizer so ziemlich alles verwendet, was die Elektronen irgendwie hörbar machen konnte. Außerdem war bis hinein in die 80er Jahre nur ein kleiner Teil der als elektronisch bezeichneten Musik auch hundertprozentig elektronisch erzeugt, meistens wurden zusätzlich elektromechanische und akustische Instrumente verwendet. Ab dieser Zeit dann ist ein großer Teil der populären Musik fast rein elektronisch, möchte aber gar nicht so einsortiert werden. Er wird deshalb hier auch nicht erwähnt.

Im 19. Jahrhundert waren elektronische Instrumente noch recht sonderbare Konstrukte und hatten diverse technische Unzulänglichkeiten. Der Musical Telegraph (1867) konnte Töne nur per Telefonleitung übertragen, erst später wurde er mit einem einfachen Lautsprecher ausgestattet. Das Telharmonium (1897) war allen Ernstes dampfbetrieben und arbeitete mit rotierenden Zahnradwellen, die durch Induktion Wechselstrom mit verschiedenen Frequenzen erzeugten, mit dem dann direkt die Lautsprecher angesteuert wurden – ein Apparat wie aus einem Roman von Jules Verne. Entsprechend groß und schwer war das Ganze dann auch, satte 200 Tonnen. Dabei war es sogar transportabel, verteilt auf zwei Güterzüge. Der Alptraum eines Roadies. Auch der Singing Arc aus demselben Jahr, der Summtöne mit Bogenlichtlampen erzeugte, war aufgrund der starken Hitze- und Rauchentwicklung der Lampen nicht gerade praxistauglich.

200 Tonnen dampfbetriebene Klangerzeugung: Das Telharmonium (Quelle: 120years.net)

200 Tonnen dampfbetriebene Klangerzeugung: Das Telharmonium (Quelle: 120years.net)

...und eine Rotorwelle des Telharmoniums (Quelle: 120years.net)

…und eine Rotorwelle des Telharmoniums (Quelle: 120years.net)

Als erste brauchbare und tatsächlich elektronische, mit Röhren arbeitende Instrumente gelten das Audion Piano von Lee De Forest (USA, 1915) und das Theremin (1919), das in Russland von Lew Termen erfunden wurde (er fiel nach anfänglichem Ruhm leider in Ungnade und musste dann in einem sibirischen Gulag für das KGB Wanzen basteln). Aufsehenerregend war damals, dass es berührungslos über Antennen gespielt wurde. Wohl auch deshalb ist auch das dienstälteste seiner Art, transistorisiert wird es heute noch gebaut.

Das Audion Piano (Quelle: 120years.net)

Das Audion Piano (Quelle: 120years.net)

Lev Termen am Theremin (Quelle: 120years.net)

Lev Termen am Theremin (Quelle: 120years.net)

In den folgenden Jahrzehnten wurden weitere elektronische und elektromechanische Instrumente gebaut, genannt seien hier das Sphäraphon (1923), das Ondes Martenot (1928) und das Trautonium (1930). Der erste Sampler stammt ebenfalls aus dieser Zeit, das Superpiano (1929) arbeitete nach dem Tonfilmprinzip mit geloopten Tonaufnahmen. Auch der Vocoder wurde bereits 1940 in den Bell Labs entwickelt, einer Einrichtung der Bell Telephone Company. Er sollte ursprünglich der Verschlüsselung von militärischen Nachrichten und der automatischen Textansage dienen, die musikalische Nutzung ist also ein früher Fall von Spin-Off-Effekt.

Das Ondes Martenot (Quelle: 120years.net)

Das Ondes Martenot (Quelle: 120years.net)

Zunächst kamen die neuen Instrumente im Rahmen klassischer Orchestermusik zum Einsatz. Das Theremin wurde in den 20er Jahren auf Welttournee geschickt (auch um den sozialistischen Fortschrittsgeist zu demonstrieren) und das Publikum zeigte sich begeistert. Neben Lew Termen selbst trat Clara Rockmore als Solistin auf, die bald als “Hohepriesterin des Theremins” bezeichnet und so zum ersten Superstar der EM wurde. Es wurden aber schon bald Stücke speziell für die neue Instrumentengattung komponiert, z.B. von Konstantin Kowalski, Joseph Schillinger und Leopold Stokowski, auch die ersten teilelektronischen Filmmusiken entstanden. Für “L’Idee” von Berthold Bartosch (1930) wurde ein Ondes Martenot, für den sowjetischen Film “Odna” (1931) von Dmitrij Schostakowitsch ein Theremin verwendet.

  1. Profilbild
    Tyrell AHU

    Hallo Holger, großartige Zusammenfassung und Einführung in die Thematik. Ich bin schon sehr auf Teil 2 gespannt. :-)

  2. Profilbild
    Marius Seifferth ••••

    Hervorragende Zusammenfassung einer Epoche! Sehr informativ und jedes mal, wenn ich ein paar Zeilen vorher Namen vermisste, wurden sie gleich darauf genannt.

    Den ANS-Syntehsizer, den Artemiev verwendete, hätte man allerdings auch erwähnen können, denn in meinen Augen war das schon einer der Vorläufer für Geräte, wie den Korg Kaossilator.

    Ich konnte hier aber auch noch Dinge erfahren, die ich vorher nicht wusste. Großes Lob! Ich bin ebenfalls schon auf den 2. Teil gespannt.

    • Profilbild
      h.gerdes AHU

      Ja, der ANS hätte auch erwähnt werden müssen, wie so vieles Andere. Man kann ein ziemlich dickes Buch über das Thema schreiben! Schau mal in die “Liste der historischen elektronischen Instrumente” (Linksammlung), da stehen noch viele interessante Details.

      • Profilbild
        Marius Seifferth ••••

        Ich weiss nicht, ob und was da schief läuft, aber ich kann den link zu 120 years nicht öffnen. Hab es jetzt 3 Tage hintereinander probiert. Schade!

  3. Profilbild
    Markus Schroeder AHU

    Nur eine kleine Anmerkung zu
    “Zunächst muss man eine Frage beantworten: Was eigentlich ist elektronische Musik?”

    “Elektronische Musik ist Musik die zu ihrer Darbietung Lautsprecher erfordert.”
    Das ist die übliche musikwissenschaftliche Definition. Nur um die Frage umfassend zu klären.

    LG :)

  4. Profilbild
    Yog-Sothoth

    Vielen herzlichen Dank für den tollen Bericht, habe ihn mit Begeisterung gelesen und freue mich auf Teil 2…

  5. Profilbild
    jaxson

    Stimmt so nicht…den bevor es auf Lautsprechern wiedergegeben werden kann muss der/das Schall/Klangereignis elektrisch zu den Lautsprechern befördert werden ;-)

  6. Profilbild
    Matthias_H

    Per Zufall habe ich dieser Tage von einer Kollegin erfahren, dass sie eine EM-Pionierin als Großtante hat(te)… Daphne Oram (1925-2003), Gründerin des BBC Radiophonic Workshop. Googelt die Dame mal, gibt ziemlich lustiges Zeug von ihr und ihrem “Oramics”-Apparat :)

Kommentar erstellen

Kleinanzeigen werden in den Kommentaren grundsätzlich nicht veröffentlicht.

Hinterlasse eine Antwort

Bewertung

Bewertung: 0 Sterne Bewertung der AMAZONA.de Redaktion
Leserbewertung: 5
Jetzt anmelden und dieses Produkt bewerten.