Album Release: Martin Gerke – Groenalund

Martin bei AMAZONA.de im Café

Peter:
Zwischen dem Grand Prix Gewinner-Song Waterloo von 1974 und ihrem letzten Album VISTORS von 1984 hat sich ABBA enorm entwickelt und verändert. Gibt es da eine Phase von ABBA, die du ganz besonders bevorzugst?

Martin:
Als Kind mochte ich tatsächlich die späte, düstere Phase am liebsten. Dass die früheren Songs vor „Arrival“ auch ihren Charme haben, habe ich erst als Erwachsener zu schätzen gewusst. Aber ich glaube, ich empfinde „The Album“ von ’77 als die Abba Klassik, dort gab es einen ersten Ausflug Richtung Musical und die beiden Grundzutaten Melancholie und Leichtigkeit waren in perfekter Balance. Der amerikanische Einfluss von Soft-Rock und die europäische Tradition von Klassik und Chanson, mitunter auch Schlager und natürlich die Beach Boys und die Beatles wurden da zu etwas aufregend Neuem verschmolzen. Es ist das erste Album, was ich als vollendet und rund empfinde. Am liebsten mag ich dort „Eagle“, weil das so schön weltschmerzig schwebt und diese geniale Melodieführung hat. Allein bei diesem Song kann man hören, dass bei Abba der Bubble-Gum-Pop angezählt war. Sie waren glaub ich auch besonders stolz auf den Sound dieser Nummer, die überschwappt vor flirrenden Gitarren, waberndem Polymoog und melodischen Chören. Alle folgenden Alben sind auch noch wichtig und überall gibt es auch Lieblingssongs. Bei Abba ist es leichter zu sagen, welche Songs man nicht mag, als die aufzuzählen, die man mag.

Peter:
Willst du bei der Vermarktung deiner Songs bewusst auf den Verweis zu ABBA hinweisen oder soll das eher subtil geschehen, indem User die Songs hören und sich an ABBA erinnert fühlen?

Martin:
Ich habe nicht vor in bunten Kostümen die sattsam bekannten ABBA Klischees nach zu tanzen. Aber ich möchte mit einer ähnlichen geistigen Haltung und dem gleichen qualitativen Anspruch Songs schreiben und produzieren, weil ich glaube, dass die damalige Herangehensweise eine ganz bestimmte Qualität zur Folge hatte, die ich persönlich sehr erstrebenswert finde. Provokant und verkürzt gesagt: Ich will wieder die Qualität hören, wie ich sie auf klassischen Pop/Rock-Produktionen der 70er Jahre kennen und schätzen gelernt habe, bevor die digitale Revolution durch MIDI und DX7 eingesetzt hat.

Im Zentrum von Groenalund wird neues Songmaterial stehen, mit Bezug zur heutigen Gesellschaft. Wir spielen aber sozusagen respektvoll mit der Ästhetik der Musik des großen Vorbilds und sind mal näher dran oder auch mal weiter weg. Auch Coverversionen sind nicht ausgeschlossen, werden aber Ausnahmen bleiben.

Groenalund Mixing Desk

Peter:
ABBA hatte ja schon mehrmals ein Fan-Revival erlebt, zuletzt auch als Kinofilm und Musical MAMMA MIA, aber denkst du wirklich, dass der ABBA Sound heute kommerziell nochmals eine Chance hat?

Martin:
ABBA verkaufen nach wie vor Tonträger, als ob es kein Morgen gäbe. Ich glaube sie sind heute noch erfolgreicher als in den Siebzigern. Dieses Jahr kommt der zweite Mamma Mia-Film in die Kinos. Abba wird generationsübergreifend gehört, bis heute. Als ich zuletzt irgendwo Verkaufszahlen gesehen habe, waren sie bei 380 Millionen Alben. Abba ist ein zeitloses Phänomen.

Peter:
Was genau macht denn den ABBA Sound aus?

Martin:
Zuerst kam die Melodie und eine Hand voll Ideen für instrumentale Abläufe. Ideen wurden an Klavier und Gitarre entwickelt. Benny flogen die Melodien nur so zu und Björn hat dann gesagt, lass uns bei dieser Idee bleiben, die nehmen wir. Das Sammelsurium an Ideen wurde dann von einer Band in verschiedenen Tempi und Stilistiken durchprobiert, bis man glaubte, die perfekte Kombination gefunden zu haben. Danach ging es an die Aufnahme der Basic-Tracks, die manchmal auch über ein Raummikro gedoppelt wurden. Überhaupt war das Layering bei der Produktion sehr wichtig. Die Stimmen wurden alle mit einem speziellen Verfahren gedoppelt. So sind diese Larger-than-Life-Chöre entstanden, wie z.B. im Refrain von „Lay all your love on me“.

Ein anderer typischer Abba Sound wäre die Dopplung von Piano und Gitarre („Gimme,Gimme, Gimme“) oder der Einsatz von Folklore-Elementen durch Flöten („Fernando“) und Mandolinen („one of us“). Auch typisch: der sture Rhythmus mit relativ stark komprimierten Drums, gespielt von Ola Brunkert, die melodiösen und gleichzeitig groovigen Bassläufe vom Bassisten Rutger Gunnarson, der auch Streicher für die Band arrangiert hat.

Bass-Recording Alex Mayer

Die Gesangsstimmen von Agnetha und Frida sind natürlich einzigartig: Die aufwändigen Vokal-Arrangements mit ihrer oft choralartigen Qualität, mit Gegenstimmen und reichhaltiger Harmonisierung sind neben dem charakteristischen Instrumentalsound das Zentrum des ABBA Sounds. Dieser Sound macht dich sofort süchtig, mir ist es jedenfalls so ergangen im zarten Alter von 8 Jahren. Da hatte das Musikfeuilleton noch keinen Zugriff auf meine ästhetische Urteilskraft und das war auch gut so.

Peter:
ABBA hat offensichtlich auch jede Menge Synths im Einsatz gehabt. Ein Grund, warum du die Bass-Parts mit einem Yamaha CS30 einspielst – obwohl den ABBA selbst ja gar nicht hatte.

Martin:
Der Yamaha CS30 hat Filterchips und andere Bauteile mit dem CS80 gemeinsam, der ein direkter Nachfahre des GX1 ist, der ja der Hauptsynthesizer bei ABBA war. Bestimmte Lead- und Basssound bekomme ich damit hin, bei denen man sofort das Gefühl hat, sie wären aus einem Abba Album gepurzelt.

Peter:
Mit welchen Synthesizern arbeitest du sonst noch?

Martin:
Besonders froh bin ich über meinen Yamaha SY2 von 1975, einen der ersten Yamaha Synthesizer überhaupt, der tatsächlich identische Filter und Oszillatoren mit dem GX1 gemeinsam hat.

Der SY2 entspricht dem oberen Solomanual des GX1 und kann diese typischen Solosounds liefern, wie zum Beispiel die oboenartigen Linien, die auf dem „Super-Trouper“-Album immer wieder mal vorkommen.

Yamaha SY2 und Korg Lambda bei GROENALUND

Im Intro von „Lay all your Love on me“ wird auf dem GX1 z.B. ein typischer Abba Sound durch zwei gegeneinander verstimmte Manuale mit dem gleichen Stringsound erzeugt. Der da zu hörende Ensembleeffekt entstand durch unabhängig laufende LFOs pro Stimme. Das hab ich so noch nicht auf anderen Synths überzeugend gehört. Von mir gibt es deswegen einige Versuche, diesen Sound im Zebra-Synthesizer nachzubauen oder ihn durch Sampeln meines Yamaha SY2 nachzubilden, Letzteres funktioniert erstaunlich gut.

Ein Segen ist auch der Korg ARP Odyssey mit dem 12 dB Filter. Benny hatte einen Odyssey der ersten Generation, das kann man auf dem „Gimme.Gimme,Gimme“ Video ganz gut sehen. Des Weiteren habe ich ein paar Stringmachines (RS505, RS202, SK30 und Korg Lambda), um die meisterhaften Stringlayer, für die ich das letzte Album immer sehr bewundert habe, nachzuvollziehen. Da kommt auch mein MKS-80 ins Spiel.

Forum
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    dilux  AHU

    etwas ot, aber seid wann hat den herr grandl einen elka synthex? und wieso steht der nicht im studio?

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      Tyrell  RED

      Du wirst es nicht glauben, aber in meinem winzigen Keller-Studio hat keine einzige Tastatur mehr Platz. Und so habe ich hin und wieder die Gelegenheit während der Arbeit mal ein wenig an Sounds zu schrauben :-)

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        dilux  AHU

        ja, nein, ich meine blos, ein synthex! eine wahre rarität, im gegensatz dazu wird man in der bucht mit jupitern, prophets und oberheims regelrecht zugeschmissen; ich meine mich auch zu erinnern, das du im blue box artikel zum synthex die „muss man nicht haben“-seite vertreten hast…
        egal, auf jedenfall glückwunsch zu diesem boliden, ein toller synth!

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    TobyB  RED

    Klasse Typ! Und Klasse Prjojekt! Zwischen den EHXen würd ich sehr wohl fühlen.
    Ich kann ihn verstehen, ich hab auch so ein Faible für Nordic und Northern Soul. Die Visitors LP hab ich auch schon so dermaßen oft gehört und noch nie überhört. Meine ABBA Favoriten sind
    The Day before you came
    http://bit.ly/2Hnh8ty
    und nicht von ABBA gesungen
    I know him so well
    http://bit.ly/2HmIRL0

    Was Bands wie ABBA und andere immer auszeichnete sind die Verweise auf aktuelle Themen und der Einsatz von Technik im Dienste der Musik. Nicht andersrum. Musikalisch bin ich zwar näher dran an Secret Service
    http://bit.ly/2zKBtpi
    aber seine anderen Ansichten über Youtube, Spotify und Co kann ich absolut nachvollziehen. Ironischerweise kommt Spotify aus Schweden.

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      Martin Gerke

      Hallo Toby, danke fürs Durchlesen.
      Ja, diese beiden Songs mag ich auch sehr gerne. Mir ist nicht ganz klar, was Du mit EHXen meinst…?

      lg,
      Martin

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        TobyB  RED

        Hallo Martin,

        ich hab ne ganze Kiste voll mit EHXen und mein Outboard ist auch voll damit. :) Ich liebe die Dinger. Was ich sehr gut finde das viele Pedale mit CVs über den Expression In angesteuert werden können, Und den Sound somit drastisch beeinflußen können. Deswegen fühlte ich mich wohl ;)

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    costello  RED

    Sympathisches Interview. Ja, das „Metaphysische“ bei ABBA. Mich hat Waterloo damals förmlich elektrisiert, diese Piano-Akkorde musste ich sofort nachspielen. Und später ging’s mir halt so, dass ich als bekennender ProgRock-Fan mir nicht eingestehen wollte, dass ABBA perfekte Pop-Musik produzierten. The Visitors war dann der Wiedereinstieg und inzwischen mag ich die anderen Platten auch. Gefreut hat mich im Interview auch die Erwähnung des SY-2, der Nachfolger des Yamaha SY-1, den ich selbst spiele. Der Filtersound ist einfach nur genial!

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      Martin Gerke

      Wenn man ehrlich ist, ist Abba mit den Produktionsmethoden und komplexen Songstrukturen nicht so weit weg vom Prog-Rock.
      Oh, ja, der SY2 ist ein unverzichtbares Instrument für mich geworden. Da ein GX1 wohl eher unerreichbar scheint, ist dieser kleine „Orgelaufsatz“ wirklich die Geheimwaffe, um in die Nähe des GX1 zu kommen.
      Der Grundsound der Filter und Oszillatoren ist tatsächlich identisch mit dem GX1, das merkt man, wenn man wie ich, den SY2 in Einzelstimmen samplet und dann anfängt, ihn mit sich selbst so oft zu layern, bis man ein mächtiges polyphones Pad auf dem EMU liegen hat. Dieses seidig, warme und für meine Ohren sonderbar emotionale Feeling, das nur der GX1 hat, stellt sich auch auf diese Weise ein. Natürlich hab ich den GX1 noch nicht in natura gehört, aber was ich so von den Alben runterhöre, werde ich mit meiner Methode adäquat für künftige Groenalund-Songs umsetzen können.
      Der CS 30 ist deswegen eine sehr gute Ergänzung dazu, weil er die brachiale Seite des GX1 gut darzustellen vermag (z.B.Basssound bei „does your mother know“). Der SY2 ist eher auf der eleganten und weichen Seite.
      Ich kann gern mal ein paar Klangbeispiele machen :-)

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        costello  RED

        Hallo Martin, ich hatte hier für amazona.de mal einen Blue Box-Artikel zum SY-1 produziert. Gerade auch das Hochpassfilter macht diesen eleganten, seidig-summenden Sound. http://bit.ly/2p3kFGS
        Einen SY-2 zu samplen und so einen polyphonen GX 1 nachzubauen, das ist natürlich genial. Dass der CS-30 so brachial daherkommt, erstaunt mich. Ich hatte den CS-40M und auch einen CS-15D. Ersterer war ein Modulationsmonster und hatte drei Filterarten plus Ringmodulation. Aber klanglich habe ich ihn als eher kultiviert in Erinnerung.

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          Martin Gerke

          Ja, schon kultiviert, aber wenn man ihn samplet und polyphon spielt, geht das eher in Richtung Hornsection, während der SY als Multisample selbst mit dem Trompetenpreset immer was streicherartiges hat. Klangbeispiele sind auf dem Weg…

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    Marko Ettlich  RED

    Schönes Interview. Sehr interessant und sympathisch. Ich bin auch mit der Musik von ABBA aufgewachsen. Die Platten liefen bei meinen Eltern damals hoch und runter. :D

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      Martin Gerke

      Hallo Marko, Dankeschön!
      Ich habe dein Polysix-Video auf YouTube glaube ich schon mindestens 50 mal gesehen, weil ich selbst noch kein geeignetes Exemplar gefunden habe. Wird Zeit, dass er sich zu meinem Mono/Poly gesellt ;-)

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        Marko Ettlich  RED

        Gerne. :) Das freut mich. Aber überleg es dir gut, der Polysix ist ein echtes Sensibelchen. Den aus dem Video gibt es schon nicht mehr. Schau ruhig weiter die Videos, das freut uns beide. :D ;)

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    solartron  

    … und die analogen ESS-YPSILONE von Yamaha hat wohl auch noch keiner geschafft in ein VSTi zu gießen…

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    iggy_pop  AHU

    Ich kann mich erinnern, daß mir Martin Gerke in den 1990ern immer etwas schnöselig, klugscheißerisch und besserwisserisch vorkam („Der Klaus Schulze spielt da ja immer nur kleine Sekunden“), wenn er sich in Interviews äußerte — das hatte immer was von „ich bin Musikstudent und weiß es deshalb besser“. Das fand sich dann auch in der Musik wieder, die ich deswegen immer als irgendwie Etepetete und überkandidelt wahrgenommen habe. Das ist, zum Glück, einer — wie ich finde — recht differenzierten Sicht der Dinge gewichen, und mit diesem Statement spricht er mir aus der Seele:
    .
    „Die sozialen Medien im Internet sind deswegen voll mit halbgaren bis unfertigen Sachen, die insgesamt ein bedeutungsloses Rauschen erzeugen. Die guten Sachen, die es auch noch gibt, ragen qualitativ daraus hervor, müssen aber trotzdem unter erschwerten Bedingungen um Aufmerksamkeit kämpfen.“
    .
    Das bringt es auf den Punkt.

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      Martin Gerke

      Ein Schnösel ist jemand, der laut Duden von sich eingenommen und arrogant ist und sich und seine Weltsicht über andere stellt. Ich frage mich, was du hier gerade machst Herr…Pop??
      Ich stehe jedenfalls immer noch dazu, dass für mich, mein ehemals großes Vorbild Klaus Schulze, mit zunehmenden Wissen über Musik und Synthesizer immer bedeutungsloser wurde. Wenn das bei dir nicht so sein sollte, dann ist das eben so.
      Ich kann meine Statement von damals (1995) auf jeden Fall immer noch fachlich, jenseits von geschmäcklerischem Gehabe begründen. Aber das dürfte dich gar nicht interessieren.
      Aber schön zu wissen, dass ich eine so bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen habe.

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