Album Release: Martin Gerke – Groenalund

Peter:
Du hast mir erzählt, das Limit waren damals die 24 Bandspuren und MIDI gab es noch nicht. Und trotzdem ist der Sound von Abba extrem dicht und lässt sich live eigentlich gar nicht reproduzieren. Wie hat man damals produziert, um zu so einem Ergebnis zu kommen?

Martin:
Doppeln und noch mal doppeln. Schlagzeug und Bass zweimal übereinander, alle Chorstimmen zigfach einsingen und zusammenmischen. Dabei waren sehr gute Instrumentalisten und Sängerinnen natürlich sehr wichtig, weil man nicht ansatzweise die Editier-Möglichkeiten einer modernen DAW hatte.

Ein Schlagzeuger musste es also drauf haben, genau so noch einmal zu spielen, ohne dass es einen hörbaren Flam-Effekt gibt. Bei „Lay all you Love on me“ sind von Bewunderern dieses Songs oft Sequencer am Werk gemutmaßt worden. Tatsächlich haben die Musiker von Abba, aber einfach nur super exakt eingespielt. Benny hatte eine Abneigung gegen Sequencer. Und nur auf dem allerletzten Stück „The Day before you came“ wurde mal eine Linndrum benutzt.

Peter:
Dieser ganz spezielle Sound war für den die Band oder ein Produzent verantwortlich?

Martin:
Was für die Beatles George Martin war, das war für Abba Michael B. Tretow. Er wurde später auch aus Dankbarkeit mit einem Anteil der Abba Tantiemen bedacht. Er hat das Prinzip der „wall of sound“ von Phil Spector übernommen und weiter entwickelt. Beim Produzieren hatten aber auch die Abba Männer ihren Anteil. Und bei den Vokal-Arrangements hatten auch die Frauen etwas zu sagen. Viele Chor- und Nebenstimmen gehen auch auf Ideen von Frida und Agnetha zurück.

Musiker, Komponist und Produzent – Martin Gerke

Peter:
Wie produzierst du?

Martin:
Am Anfang ist die Songidee, bzw. mehrere verwandte Ideen verdichten sich langsam zu einem Song. Irgendwann hat der Song dann eine eigene Persönlichkeit, die bestimmte Dinge verlangt. Es entsteht dann der Eindruck, dass der Song nur so sein kann und nicht anders. Ich arbeite also am Klavier oder auch schon mal am Laptop diese Songstrukturen aus, mache Basslinien, skizziere den Rhythmus, schreibe auch schon Chorsätze. Aber es gibt noch keinen Text. Vielleicht gibt es eine Zeile, die ich unbedingt verwenden will, aber prinzipiell hat die Melodie Vorfahrt. Erst wenn das Stück komplett fertig ist, wird der Text im Detail geschrieben und an die Musik angepasst. Selten ist es umgekehrt. Ich denke einfach von der Musik her und nicht vom Text. Ich glaube auch, dass dadurch die Komposition schlüssiger wird. Wenn man die Musik dem Text anpasst, neigt die Musik dazu, überflüssige Schlenker machen zu müssen.

Es gibt dann als erstes also eine Art Vorproduktion im Rechner, auch mit Samples, die dann nach und nach durch echte Instrumente und Synthesizer ersetzt werden. Für Groenalund gilt nämlich das Prinzip: No Sample-Libraries allowed. Am besten man nimmt dann die Basic-Tracks mit guten Musikern im Studio auf. Danach geht es darum, diese Basictracks nach und nach mit weiteren Spuren auszustatten. Wenn die Instrumentalspuren fertig sind, geht es an die Vocals.

Mabel Winkler u.a. die Stimme auf „the curse“

Peter:
Du versuchst ja weitgehend auf Plug-ins zu verzichten, vor allem um diesen Sound zu erreichen. Welches Equipment kommt dabei hauptsächlich zum Einsatz?

Martin:
Da meine finanziellen Mittel überschaubar sind, bin ich natürlich zu Kompromissen gezwungen. D.h. statt einer echten Bandmaschine, die mit der typischen Bandkompression maßgeblich für den Abba Sound mit verantwortlich war, kommt bei mir ein Plug-in zum Einsatz, das eben eine Bandmaschine simuliert. Der Vorher-Nachher-Effekt, wenn man eine komplette Chorsektion durch die Bandsimulation geschickt hat, und zwar pro Spur ein Plug, ist jedes Mal wieder verblüffend.

Auch den Equalizer der Harrison Konsole hab ich leider noch nicht als Hardware im Studio. Aber zum Glück gibt es ja die recht guten Nachbildungen von Universal Audio, die ich hauptsächlich benutze. Meine Aufnahmekette für Vocals ist meist das Neumann TLM67 über einen Presonus ADL600, das von einem Distressor im Opto-Mode mit 2 dB Kompression in die Wandler geht. Danach ist das Signal griffig, kann aber noch ausführlich nachbearbeitet werden. Beim Mix kommt auf vielen Spuren die Studer Tapesimulation als erstes, gefolgt vom Harrison EQ mit mehr oder weniger Lowpass-Filter zum Einsatz.

Als Hall habe ich ein PCM70 als Hardware oder das Valhalla-Vintage-Verb im 70er Modus. Auch den EMT 250 Hall von UAD benutze ich häufig. Generell geht es meist darum, die digitale Direktheit aus dem Signal zu nehmen und es rund zu machen, damit dieser schöne Analogklang entsteht. Wenn die Mischung fertig ist, gehe ich immer noch mal durch einen echten, analogen Manley Stereo-Pultec und eine Summenkompression des Nail-Kompressors von A-Design. Dieser finale Schritt gibt dem Mix noch mal viel Körper mit.

Der Körper oder das Gefühl, der Sound klebe nicht nur zweidimensional vor den Boxen, ist das, was ich mit allen Details bei der Produktion herzustellen suche. Dabei hilft eben die analog hochwertige Aufnahmekette und der finale analoge Schritt mit EQ und Kompression. Bei allen Schritten, die im Rechner passieren, versuche ich aber immer analog zu denken bzw. mir vorzustellen, was Michael B. Tretow jetzt wohl gemacht hätte. Beim Tracking kann ich alternativ zum Presonus auch durch einen UA 6176 gehen, der etwas mehr Charakter mitbringt, was Bässen und Gitarren in Verbindung mit dem integrierten Kompressor gut tut.

Unverzichtbar ist auch ein A-B Plug-in, das mir dabei hilft, meinen Sound mit dem Vorbild zu vergleichen. So kann ich jederzeit überprüfen, ob ich auf dem richtigen Weg zum angestrebten Sound bin. Interessanterweise ist der Sound meiner Mischungen manchmal detailreicher, weil es bei mir keine Verluste durch analoges Kopieren gibt. Gerade bei den ersten Abba Alben hat man oft Stimmen, die doch sehr im Gesamtbild untergehen, wenn sie mehrfach auf der analogen Bandmaschine subsummiert wurden. Detailreichtum ist aber nicht immer gut. Die technischen Unzulänglichkeiten von damals gehören eben auch zur Ästhetik. Wenn man das in der DAW nachvollziehen will, braucht man eine klare Vorstellung vom Sound, den man erreichen will, damit man sich nicht mit allen Möglichkeiten, die geboten werden, ablenkt. Ich beschränke mich selbst auf eine Hand voll Plug-ins, die mir das liefern können, worauf ich hinaus will.

Peter:
Wie kam es zu den Sängerinnen aus deinen Stücken?

Martin:
Ich brauche Sängerinnen, die sich nicht zu fein dafür sind, wirklich tief in die Emotionen rein zu gehen. Das ist nämlich die große Qualität von Frida und Agnetha gewesen, dass sie absolut mit ihrer Rolle im Song verschmelzen konnten. Das ist eine Qualität, wie sie auch gute Schauspieler mitbringen. Viele Sängerinnen wollen aber cool sein, das kann ich nicht gebrauchen.

Es gab eine lange Casting-Phase, ca. 20 bis 30 Sängerinnen standen bei mir in der Vocal-Booth, einige waren sehr gut, passten aber nicht recht zum Musikstil, ein paar waren auch technisch nicht in der Lage, die Sachen zu singen und wieder andere hätte ich gern gehabt, die mochten aber meine Musik nicht oder konnten sich nicht vorstellen, in welche Richtung das gehen soll.

Die GROENALUND Vocals Julia & Lisa

Ein so aufwändiges Projekt ist am Anfang einer gewissen Fluktuation der Beteiligten Künstler unterworfen, weil sie alle irgendwie für ihre Existenz kämpfen müssen, und ich noch keine nennenswerten Gagen anbieten kann. Ich brauche also Idealisten, die wirklich hinter dem Projekt stehen und die auch daran glauben, dass wir es schaffen können, eines Tage besser da zu stehen. Im Moment haben wir für die hohen Parts, Julia Koep und für die tieferen Parts Lisa Lazarev. Beide haben zusammen die Vocals für die erste Single „We keep on dancing“ gesungen.

Für die zweite Single „The curse“ ist neu dazu gekommen Mabel Winkler, die wirklich außerordentliches geleistet hat, um der nicht einfachen emotionalen Qualität dieses schön traurigen Songs gerecht zu werden. Wir haben zwei komplette Aufnahmetage, die gut waren, weggeschmissen. Erst der dritte Tag hat uns dann näher an die spezielle Mischung aus Verständnis, Wut und Verletzung geführt.

Forum
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    dilux  AHU

    etwas ot, aber seid wann hat den herr grandl einen elka synthex? und wieso steht der nicht im studio?

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      Tyrell  RED 1

      Du wirst es nicht glauben, aber in meinem winzigen Keller-Studio hat keine einzige Tastatur mehr Platz. Und so habe ich hin und wieder die Gelegenheit während der Arbeit mal ein wenig an Sounds zu schrauben :-)

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        dilux  AHU

        ja, nein, ich meine blos, ein synthex! eine wahre rarität, im gegensatz dazu wird man in der bucht mit jupitern, prophets und oberheims regelrecht zugeschmissen; ich meine mich auch zu erinnern, das du im blue box artikel zum synthex die „muss man nicht haben“-seite vertreten hast…
        egal, auf jedenfall glückwunsch zu diesem boliden, ein toller synth!

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    TobyB  RED

    Klasse Typ! Und Klasse Prjojekt! Zwischen den EHXen würd ich sehr wohl fühlen.
    Ich kann ihn verstehen, ich hab auch so ein Faible für Nordic und Northern Soul. Die Visitors LP hab ich auch schon so dermaßen oft gehört und noch nie überhört. Meine ABBA Favoriten sind
    The Day before you came
    http://bit.ly/2Hnh8ty
    und nicht von ABBA gesungen
    I know him so well
    http://bit.ly/2HmIRL0

    Was Bands wie ABBA und andere immer auszeichnete sind die Verweise auf aktuelle Themen und der Einsatz von Technik im Dienste der Musik. Nicht andersrum. Musikalisch bin ich zwar näher dran an Secret Service
    http://bit.ly/2zKBtpi
    aber seine anderen Ansichten über Youtube, Spotify und Co kann ich absolut nachvollziehen. Ironischerweise kommt Spotify aus Schweden.

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      Martin Gerke

      Hallo Toby, danke fürs Durchlesen.
      Ja, diese beiden Songs mag ich auch sehr gerne. Mir ist nicht ganz klar, was Du mit EHXen meinst…?

      lg,
      Martin

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        TobyB  RED

        Hallo Martin,

        ich hab ne ganze Kiste voll mit EHXen und mein Outboard ist auch voll damit. :) Ich liebe die Dinger. Was ich sehr gut finde das viele Pedale mit CVs über den Expression In angesteuert werden können, Und den Sound somit drastisch beeinflußen können. Deswegen fühlte ich mich wohl ;)

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    costello  RED

    Sympathisches Interview. Ja, das „Metaphysische“ bei ABBA. Mich hat Waterloo damals förmlich elektrisiert, diese Piano-Akkorde musste ich sofort nachspielen. Und später ging’s mir halt so, dass ich als bekennender ProgRock-Fan mir nicht eingestehen wollte, dass ABBA perfekte Pop-Musik produzierten. The Visitors war dann der Wiedereinstieg und inzwischen mag ich die anderen Platten auch. Gefreut hat mich im Interview auch die Erwähnung des SY-2, der Nachfolger des Yamaha SY-1, den ich selbst spiele. Der Filtersound ist einfach nur genial!

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      Martin Gerke

      Wenn man ehrlich ist, ist Abba mit den Produktionsmethoden und komplexen Songstrukturen nicht so weit weg vom Prog-Rock.
      Oh, ja, der SY2 ist ein unverzichtbares Instrument für mich geworden. Da ein GX1 wohl eher unerreichbar scheint, ist dieser kleine „Orgelaufsatz“ wirklich die Geheimwaffe, um in die Nähe des GX1 zu kommen.
      Der Grundsound der Filter und Oszillatoren ist tatsächlich identisch mit dem GX1, das merkt man, wenn man wie ich, den SY2 in Einzelstimmen samplet und dann anfängt, ihn mit sich selbst so oft zu layern, bis man ein mächtiges polyphones Pad auf dem EMU liegen hat. Dieses seidig, warme und für meine Ohren sonderbar emotionale Feeling, das nur der GX1 hat, stellt sich auch auf diese Weise ein. Natürlich hab ich den GX1 noch nicht in natura gehört, aber was ich so von den Alben runterhöre, werde ich mit meiner Methode adäquat für künftige Groenalund-Songs umsetzen können.
      Der CS 30 ist deswegen eine sehr gute Ergänzung dazu, weil er die brachiale Seite des GX1 gut darzustellen vermag (z.B.Basssound bei „does your mother know“). Der SY2 ist eher auf der eleganten und weichen Seite.
      Ich kann gern mal ein paar Klangbeispiele machen :-)

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        costello  RED

        Hallo Martin, ich hatte hier für amazona.de mal einen Blue Box-Artikel zum SY-1 produziert. Gerade auch das Hochpassfilter macht diesen eleganten, seidig-summenden Sound. http://bit.ly/2p3kFGS
        Einen SY-2 zu samplen und so einen polyphonen GX 1 nachzubauen, das ist natürlich genial. Dass der CS-30 so brachial daherkommt, erstaunt mich. Ich hatte den CS-40M und auch einen CS-15D. Ersterer war ein Modulationsmonster und hatte drei Filterarten plus Ringmodulation. Aber klanglich habe ich ihn als eher kultiviert in Erinnerung.

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          Martin Gerke

          Ja, schon kultiviert, aber wenn man ihn samplet und polyphon spielt, geht das eher in Richtung Hornsection, während der SY als Multisample selbst mit dem Trompetenpreset immer was streicherartiges hat. Klangbeispiele sind auf dem Weg…

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    Marko Ettlich  RED

    Schönes Interview. Sehr interessant und sympathisch. Ich bin auch mit der Musik von ABBA aufgewachsen. Die Platten liefen bei meinen Eltern damals hoch und runter. :D

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      Martin Gerke

      Hallo Marko, Dankeschön!
      Ich habe dein Polysix-Video auf YouTube glaube ich schon mindestens 50 mal gesehen, weil ich selbst noch kein geeignetes Exemplar gefunden habe. Wird Zeit, dass er sich zu meinem Mono/Poly gesellt ;-)

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        Marko Ettlich  RED

        Gerne. :) Das freut mich. Aber überleg es dir gut, der Polysix ist ein echtes Sensibelchen. Den aus dem Video gibt es schon nicht mehr. Schau ruhig weiter die Videos, das freut uns beide. :D ;)

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    solartron   1

    … und die analogen ESS-YPSILONE von Yamaha hat wohl auch noch keiner geschafft in ein VSTi zu gießen…

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    iggy_pop  AHU 1

    Ich kann mich erinnern, daß mir Martin Gerke in den 1990ern immer etwas schnöselig, klugscheißerisch und besserwisserisch vorkam („Der Klaus Schulze spielt da ja immer nur kleine Sekunden“), wenn er sich in Interviews äußerte — das hatte immer was von „ich bin Musikstudent und weiß es deshalb besser“. Das fand sich dann auch in der Musik wieder, die ich deswegen immer als irgendwie Etepetete und überkandidelt wahrgenommen habe. Das ist, zum Glück, einer — wie ich finde — recht differenzierten Sicht der Dinge gewichen, und mit diesem Statement spricht er mir aus der Seele:
    .
    „Die sozialen Medien im Internet sind deswegen voll mit halbgaren bis unfertigen Sachen, die insgesamt ein bedeutungsloses Rauschen erzeugen. Die guten Sachen, die es auch noch gibt, ragen qualitativ daraus hervor, müssen aber trotzdem unter erschwerten Bedingungen um Aufmerksamkeit kämpfen.“
    .
    Das bringt es auf den Punkt.

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