Album Release: Uwe Rottluff – Petrified Forest

15. Dezember 2018

Der Vulkan erwacht, die Apocalypse beginnt

 

Irgendwann 2011 hatte ich das Vergnügen, meinen unlängst erworbenen GRP A8 an den Synthesizer-Kenner und Uwe Rottluff weitergeben zu dürfen. Mir war das Teil auf Dauer zu sperrig und zu unübersichtlich. Durch Zufall „stolperten“ wir beide vor Kurzem wieder übereinander – und siehe da, aus dem gewaltigen GRP A8 waren offensichtlich zwei handlicherer GRP A4 geworden. Aber das Erstaunliche, Uwe setzt beide tatsächlich live ein – zusätzlich mit weiterem, schweren Equipment. Was mich aber vor allem dabei begeistert hat, war die Musik, die er damit komponierte. Sein aktuelles Album PETRIFIED FOREST war deshalb ein willkommenes Werk für unsere aktuelle Album-Release-Serie:

Uwe Live (Bild: M. Teuchert)

Peter:
Hi Uwe,  ganz obligatorisch unsere erste Standardfrage, die aber immer wieder von Interesse ist: Wann ging das los bei dir mit den Synthesizern?

Uwe:
Meine Liebe zu den schwarz-weißen Tasten begann in der 6. Klasse, meine Eltern überredeten mich zum Akkordeonspielen. Es ist leider nicht mein „Lieblingsinstrument“ geworden. Endlich mit 14 Jahren kaufte ich mir  ein „richtiges“ Tasteninstrument, eine Elektroorgel der Firma Weltmeister, 50 kg schwer mit  Holzbeinen. Das war mein Einstieg in eine „richtige“ Band. Verschiedene Tasteninstrumente der Firma Vermona folgten und ein kleines Casio Keyboard.

Dazu gibt es eine kleine Geschichte. Eines Abends war ich bei einem Konzert der Berliner Punk Band „Feeling B“. Dort spielt der Keyboarder ein kleines weißes Casio Keyboard. Ich fragte den Sänger und Bandleader, ob er mir es verkauft. Sonntagmorgen überreichten wir ihm das Geld und der Casio war mein Eigentum. Irgendwann hatte ich dann mal recherchiert, dass der damalige Keyboarder von Feeling B  „Flake“ von Rammstein war. Ende der 80er .… dann mein erster richtiger Synthesizer ein Roland Juno-106 . Durch die einfache Bedienoberfläche des Juno machte das Programmieren der Sounds sehr viel Spaß. Später wurde es digital mit einem Ensoniq Synthesizer ESQ-1, vor allen der Sequencer hatte es mir angetan.

(Bild: Steffen Röder)

Peter:
Lass uns mal über dein aktuelles Album sprechen. Wie kam es zu Petrified Forest?

Uwe:
Inspiriert vom Versteinerten Wald und dem einzigartigen Naturschauspiel, welches sich vor 291 Millionen Jahren abspielte, entstand das Konzeptalbum „ Petrified Forest“, eine Hymne an das steinerne Weltwunder von Chemnitz . Die szenisch komponierte Musik soll die Zuhörer in eine Millionen Jahre zurückliegende Zeit versetzten.

Peter:
Wir haben uns ja einst einmal kennengelernt, weil du meinen GRP A8 gekauft hast. Nun stehen aber zwei GRP A4 auf der Bühne. Was war der Grund?

Uwe:
Bei der Planung meiner Konzerte fand ich den GRP A8 doch etwas zu groß und schwer für den Transport. Ich habe mich deshalb für zwei GRP A4 entschieden. Wichtig waren mir vor allen zwei unabhängige Stepsequencer. Diese steuere ich mit einem ACME-4 an, damit laufen sie in Sync. Zum besseren Transport habe ich die GRPs in schmalere schöne Alugehäuse umbauen lassen, Transportkisten dazu und fertig war die Bühnentauglichkeit.

(Bild M. Teuchert)

Peter:
Ich bin GRP A2 Besitzer und wirklich extrem glücklich mit dem Mini GRP. Wäre das nicht noch handlicher als die GRP A4?

Uwe:
Der GRP A2 ist wirklich ein toller Synthesizer. Ich finde er hat einen sehr durchsetzungsfähigen und warmen Klang. Er gefällt mir sehr gut und ist natürlich auch handlicher. Aber, das gesamte Klangpotential meiner GRP A4 Synthesizer habe ich immer noch nicht ausgeschöpft.

Peter:
Vieles in deinem Live-Equipment-Park sieht so aus, als ob man es noch „kleiner“ und „leichter“ haben könnte. Aber irgendwie würde dann auch die Show darunter leiden,  also visuell – wie siehst du das?

Uwe:
Mein Live-Equipment wähle ich etwas größer, damit das Publikum auch etwas zu sehen hat. Es ist immer schwierig, elektronische Musik live zu präsentieren. Für mein Projekt wellenvorm habe ich entschieden, meine Musik an besonderen und nicht alltäglichen Orten zu performen in Verbindung mit einer dafür abgestimmten Lichtinstallation. Es ist oft etwas schwierig, die dafür verantwortlichen Personen zu überzeugen, ein Konzert zu veranstalten. Das war z. B. der Fall im Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig. Aber es hat sich gelohnt – es war ein tolles Konzert – eine einmalige Kulisse.

Peter:
Erstaunlich sind auch die ZWEI Radikal Accelerator? Du scheinst ja ein Fan davon zu sein, oder?

Uwe:
Ja, ich bin ein großer Fan der Firma Radikal Technologies, kenne mittlerweile den Entwickler und Kopf der Firma Jörg Schaaf persönlich und tausche mich gern mit ihm aus. Für mich ist der Accelerator einer besten VA-Synthesizer. Die Programmierung über die Matrix gefällt mir nicht so gut, aber der Klang steht einem analogen Synthesizer in nichts nach. Vor allen auf der Bühne nebeneinander stehend kann ich sie sehr gut spielen.

Peter:
Kommen wir nochmals auf deine Musik zurück, von der ich wirklich ein großer Fan bin. Wie würdest du sie einordnen, stilistisch?

Uwe:
Mich selbst einzuordnen fällt mir schwer. Mein Debütalbum von 2014 „Toene des Nebels“  lehnt sich eher an den Stil der „Berliner Schule“ an. Ich habe mich damals inspirieren lassen von Klaus Schulze und den frühen TD Alben. Mit „Petrified Forest“ habe ich versucht, etwas Neues zu schaffen. Vielleicht kann man es so beschreiben: Klangcollagen mit teils ungewöhnlichen Effekten, zusammengehalten von einem Puzzle an melodischen Passagen, steuern das Kopfkino – inmitten einer elektronisch geschaffenen Landschaft.

(Bild M. Teuchert)

Peter:
Wie entsteht deine Musik – wie gehst du vor?

Uwe:
Meine Musik entsteht zuerst bei mir im Kopf. Ich beginne wie ein Maler mit einem Pinselstrich mit einer Farbe des Klanges. Um diesen Pinselstrich herum baue ich meine musikalischen Ideen und lasse mich treiben. Am Anfang kann ich oft noch nicht sagen, wie lang das Stück wird oder wie es endet. Diese Phase der Kreativität ist für mich ein sehr spannender Prozess. Manchmal benötige ich auch einen gewissen Abstand, um weiterzuarbeiten. Das können Tage oder auch Wochen sein. Dann spaziere ich oft über Felder, um mich zu erden und mir Inspiration zu holen.

Peter:
Schneidest du die Aufnahmen live mit oder produzierst du auch Teile davon im Studio oder verfeinerst die Live-Mitschnitt im Studio?

Uwe:
Für kurze Konzertfilme schneide ich das Konzert meistens mit und „verfeinere“ dann im Studio die Live-Mitschnitte.

Live im Völkerschlachtdenkmal (Bild: Steffen Röder)

Peter:
Du spielst ja nicht nur als Solist, sondern auch mit befreundeten Musikern. Wen gibt es da so?

Uwe:
Mit Gerhard (Synthwerk) und Andreas (Weltklang) treffe ich mich in größeren Abständen zu einem Session-Wochenende in München. Wir benutzen dabei analoge und modulare Klangerzeuger und lassen unserer Kreativität freien Lauf.

Peter:
Im Studio steht ja einiges mehr als auf der Bühne. Vor allem bist du ein großer Fan des Trautoniums. Wieso? Auf welchen Stücken ist das Trautonium zu hören?

Uwe:
Mich faszinieren elektronische Instrumente, die man dynamisch und mit den Fingern formbar spielen kann. Deshalb habe ich mir auch vor ein paar Jahren das Haken Continuum Fingerboard gekauft. Es hat eine digitale Klangerzeugung und mehrere Soundbänke. Das Trautonium ist im Gegensatz dazu analog aufgebaut mit nur einem Oszillator und zwei Filtern – eben ein puristisches Instrument. Man kann dem Instrument ebenfalls sehr interessante Klänge entlocken. Nur sollte man sich mit dem Instrument auseinandersetzen, um die Spieltechnik zu erlernen. Es hat keine Tasten, sondern man spielt es über einen Draht, der über eine Metallschiene gespannt ist. Das Trautonium habe ich erst seit ein paar Wochen, in neueren Stücken wird es zu hören sein.

Uwe an seinem Trautonium

Peter:
Vieles von deinem Equipment stammt aus dem letzten Jahrzehnt, ist also nicht wirklich vintage – auch wenn sich ein GRP A4 ganz sicher so anfühlt und auch anhört. Warst du jemals im Vintage-Fieber?

Uwe:
Vintage Fieber … muss ich kurz nachdenken. Ein originaler Minimoog war schon immer auf meiner To-Do-Liste. Deshalb war ich froh, dass die Firma Moog den Minimoog Reissue Model D noch einmal aufgelegt hat. Auch hier wieder, durch die wenigen Bedienelemente, keine verschachtelten Modulationsstränge oder Menüs, kommt man sehr schnell zu musikalischen Ergebnissen. Ein GRP ist da doch etwas komplexer.

Live im Völkerschlachtdenkmal (Bild: Steffen Röder)

Peter:
Gibt es noch das ein oder andere Wunsch-Gear, welches du noch gerne hättest?

Uwe:
Mit dem Trautonium habe ich mir erst einmal meinen Wunsch erfüllt.

Peter:
Welche Projekte schweben dir als nächstes vor und wo kann man dich in naher Zukunft live erleben?

Uwe:
Derzeit arbeite ich an einem sehr spannenden Projekt. Ein kürzlich erschienenes Buch des Schriftstellers Benedict Wells hat mich so beeindruckt, dass ich eine Kurzgeschichte daraus vertonen möchte. Sollten die Geschichten irgendwann verfilmt werden, passt ja vielleicht meine Musik dazu. In der Planung sind weitere Konzerte an besonderen Orten. Im April kann man wellenvorm in der Kuppel der Yenidze der alten Tabaksfabrik in Dresden erleben.

Peter:
Vielen Dank für das Interview Uwe und weiterhin frohes Schaffen.

Uwe:
Ich habe zu danken !

Forum
  1. Profilbild
    rio  

    ich hatte bereits den Artikel in der „Keyboards“ gelesen – Schönes live-Setup bzw. Ecosystem, was Uwe da hat. Da kommt sicher eine Menge Kabelage auf der Bühne zusammen. Respekt – die Kompositionen gefallen ;)

    • Profilbild
      Coin  AHU

      Ja, es ist natürlich schwierig zu kritisieren bei solchem Niveau,
      aber als Versuch konstruktiver Kritik, möchte ich ergänzend sagen: Drums

      • Profilbild
        tonvibration  

        Naja, bei Ambient Musik das Fehlen von Drums zu monieren ist, als würde man bei einem Sportwagen die Ladekapazität thematisieren ;)

        Ich kann aber gut verstehen, dass vielen Hörern durch fehlende Drums der Zugang zur Musik erschwert wird, oder sie schlicht keinen Bock darauf haben. Ich persönlich komme ursprünglich vom Techno, bin dann über House und Trance zu Ambient* gelangt, was ich in den letzten Jahren fast ausschließlich mache. Ich finde Drums mittlerweile stinklangweilig. Geschmäcker sind nunmal verschieden.

        Die Musik hier gefällt mir – exakt so wie sie ist, ohne Drums -sehr gut!

        * Wobei ich genau genommen kein Ambient mache sondern Score, genauso wie das hier kein Ambient ist. Hintergrund: Ambient nimmt sich per Definition selbst zurück, tritt in den Hintergrund, will keine Aufmerksamkeit. Score – benannt nach Filmmusiken – probiert Filme im Kopf zu erzeugen und heischt sehr wohl nach Aufmerksamkeit (kann plötzliche Lautstärkewechsel oder Harmoniewechsel enthalten), hat aber in der Struktur einiges mit Ambient gemeinsam.

  2. Profilbild
    Coin  AHU

    Hey tonvibration,
    kannst auch Drums mit Rhythmus ersetzen.
    Mir persönlich fehlt was zur Orientierung.
    So ist das irgendwie „taktlos“.
    .
    Aber gut, Score bzw. Ambiente soll es geben.
    Nur nach meiner Definition von klanglicher Ästhetik fehlt etwas.

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