Amazing Readers Music: Bernd Michael Land, Das Lächeln der Bäume

7. März 2021

Vom düsteren Alien zum bunten Naturfreund

Bernd Michael Land, von seinen Freunden Bernie genannt, ist ein Urgestein der Synth-Community in Deutschland und ein gern gesehener Interviewpartner auf AMAZONA.de. Bereits 2000 in  unserem Gründungsjahr, war Bernie erstmals bei uns zu Gast. Seine außergewöhnliche Synthesizer-Sammlung war auch im Jahr 2009 der Grund für ein weiteres Gespräch. Inzwischen sind es aber Bernies musikalischen Werke, die im Mittelpunkt stehen.

Sein musikalisches Werk ist inzwischen sehr umfangreich geworden und auch die Menge der Preise, die Bernie nun jährlich einheimst, ist wirklich beeindruckend. 2020 gewann er gleich viermal den „Deutschen Rock und Pop Preis“ in den Kategorien Bester Electronic-Interpret,  2x Best New Age Album (für zwei verschiedene Alben) sowie Bestes Booklet & Inlaycard.

Mit seinem neuester Wurf DAS LÄCHELN DER BÄUME – DEFINITIVUM, passt er als langjähriger AMAZONA.de- Leser nun auch perfekt in die Serie AMAZING READERS MUSIC.

Also legen wir los.

Viel Spaß bei meinem Gespräch mit einem außergewöhnlichen Zeitgenossen.

Peter:
Lieber Bernie, du bist ja seit vielen Jahren Dauergast unserer Interview-Ecke. In den letzten 9 Jahren hast du wirklich eine erstaunliche, musikalische Entwicklung hingelegt und soeben mit dem Album „Das Lächeln der Bäume“ ein neues Elektronik Highlight geschaffen.

Erzähl uns kurz ein paar Hintergründe zu deinem neuesten Wurf.

Bernie:
„Das Lächeln der Bäume“ war mein erstes Konzertprogramm in diskreter 4-4-4-Quadrophonie, die Vorbereitungen dafür zogen sich über gut zwei Jahre hin. Premiere war dann in 2011 und es wurde dann bis Ende 2016 kontinuierlich live aufgeführt. Aus den 4-kanaligen Mitschnitten (674 Stunden), wurden die einzelnen Titel extrahiert und neu in Stereo abgemischt. So entstanden daraus die vier Alben „Intervall“, „Odyssee“, „Metamorphose“ und „Quintessenz“ mit einer Gesamtspielzeit von ca. 5 Stunden. Jeder von uns kennt das Gefühl, das einen beschleicht, wenn eine Arbeit noch nicht richtig fertig ist und genau so erging es mir auch mit diesem Werk. Das neue Album „Definitivum“ schließt als fünfter und letzter Part dort an und markiert somit den Abschluss des Projektes.

„Das Lächeln der Bäume“ packaged

Peter:
Magst du uns kurz erklären, was „diskrete 4-4-4-Quadrophonie“ bedeutet und wie man sich das technisch live vorstellen muss?

Bernie
Nicht bei allem, was als quadrophonisches Konzert bezeichnet wird, handelt es sich auch um eine echte Quadrophonie. Livekonzerte werden zwar häufig werbeträchtig damit beworben, sind aber oft nur Mogelpackungen, weil der Hörer meist nur ein banales Stereokonzert aus vier Lautsprechern vorgesetzt bekommt. Fachleute bezeichnen das als 2-2-4-Pseudoquadrophonie. Bei den Konzerten in echter Quadrophonie im System 4-4-4, auch als diskrete Quadrophonie bekannt, werden vier gleichberechtigte Audiosignale nach einem besonderen Verfahren abgemischt. Jedem einzelnen Klang (mono) wird ein separater Kanal zugewiesen und bleibt während der gesamten Bearbeitung, bis zur Wiedergabe beim Konzert, getrennt. Die Mischung geschieht dann in Echtzeit auf der Bühne über spezielle Quad-Prozessoren, mit denen es möglich ist, die Audiosignale frei im Raum wandern zu lassen oder an einer bestimmten Stelle statisch zu platzieren. Wer sich näher dafür interessiert, kann die Funktionsweise ausführlich auf meiner Homepage unter „Environment“ nachlesen.

„Das Lächeln der Bäume“ unpackaged

Peter:
Aus dem einstigen ALIEN-Musiker ist ein farbenfroher Naturfreund geworden. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Bernie:
Meine ersten Lebensjahre habe ich außerhalb bei einem Gutshof verbracht, naturverbunden war ich daher eigentlich schon immer. Du kennst ja noch das große Studio im alten Forsthaus im Wald.

Peter:
Und doch spürt man eben einen starken Bruch zu deinen früheren Werken, sowohl musikalisch als auch in der Außenwahrnehmung. Gab es dafür einen Grund?

Bernie:
Mit zunehmendem Alter bin ich auch ruhiger geworden, nicht nur von der menschlichen Seite, sondern auch von der musikalischen. Ich bin ein Suchender, der ständig auf Entdeckungsreise ist und probiere immer wieder Neues aus. Diese Weiterentwicklung ist ein fortwährender Prozess und die gesammelten Erfahrungen fließen wieder in meine Musik ein.

 

Peter:
Ich habe auch das Gefühl, dass deine Musik – darf ich sagen „romantischer“ geworden ist. Erinnere ich mich an alte ALIENS PROJECT Tracks, waren die immer düster und unheimlich, nun hört man fast schon den zartrosa Sonnenuntergang mitschwingen. Man hat bisweilen das Gefühl, als würdest du trotz der Zeit, in der wir gerade leben, voller Zuversicht in die Zukunft schauen. Ist das so?

Bernie:
Ein bisschen back roots – unter meinem Realnamen knüpfe ich wieder an die elektronische Musik an, welche ich schon in den siebziger Jahren gemacht habe. Dazwischen gab es viele musikalische Stationen und Ausflüge, von Krautrock bis hin zum Bembeltechno. Ich bin ein sehr positiver, glücklicher und zufriedener Mensch, der aber nicht blauäugig in die Zukunft schaut. Daher sind es oft solche ernsten Themen wie beispielsweise Umweltzerstörung, Rassismus oder Krieg, die sich in meiner Musik widerspiegeln. Düstere und bedrohliche Klänge lassen sich auch heute in der Musik finden. Das Album „Hyperreale Reflexion“ mit seinen schweren Maschinensounds ist alles andere als zartrosa und stilistisch eher in der Sparte Glitch und Noise einzuordnen. Dennoch möchte ich den Hörern meiner Musik etwas Positives mitgeben, sie sollen sich an meiner Musik erfreuen und nicht mit zugehaltenen Ohren schreiend das Weite suchen.

Bernie live

Peter:
Lass uns mal zu deinen Live-Konzerten schwenken. Wann standest du das letzte Mal auf der Bühne?

Bernie:
Mein letztes Livekonzert vor realen Menschen fand zusammen mit dem Videokünstler Claus Jahn (Modern Art & Dreams Animation Studio) auf dem Frankfurter Luminale-Festival im März 2020 statt. Ursprünglich waren vier Konzerte in Folge in der Frankfurter Fabrik geplant, die letzten beiden Darbietungen mussten jedoch vom Veranstalter von heute auf morgen Corona bedingt abgesagt werden. Ein kleineres Konzert, nur akustisch mit Gongs und Klangschalen, fand im September 2020 im Rodaupark zur Einweihung des Kunstwerkes „Colormaster R“ (von Manuel Franke) statt. Zwei weitere Auftritte aus der Open World Halle waren virtuell, ebenso das gemeinsame Konzert mit HaDi Schmidt zu den Rumpenheimer Kunsttagen aus der Schlosskirche.

Der nette Herr, der einst ein düsteres Alien war, kaum vorstellbar.

Peter:
Und gibt es schon konkrete Pläne für Live-Auftritte nach dem Lockdown?

Bernie:
Bis Sommer 2021 sehe ich derzeit kaum Perspektiven für größere Auftritte vor echtem Publikum, mehrere Konzertanfragen wurden von mir bereits abgesagt. Eine feste Booking-Zusage gibt es bisher nur für das Artrock-Festival X im April 2022 in Reichenbach (Vogtland).

Peter:
Deine Live-Auftritte sind ja nicht gerade minimalistisch. Im Gegenteil, ich kenne kaum einen Elektronik-Act, der einen solchen Equipment-Overkill betreibt, außer vielleicht JMJ, aber der hat ein paar Helfer mehr als du. Ist das die Musik die diesen Aufwand braucht oder der Musiker dahinter?

Bernie:
Alleine die Musik bräuchte diesen Aufwand sicherlich nicht, der ließe sich mit dem Einsatz eines Laptops deutlich reduzieren. Wahrscheinlich wäre sogar die Qualität noch etwas besser, wenn sich nichts mehr verstimmt und alles ultraperfekt im Timing synchronisiert ist. Ich könnte auch das komplette Liveset als fertige Wav-Datei vom Rechner abfeuern, dabei zwischendurch mal im Internet stöbern und in meine Mails reinschauen.  Oder mit etwas Ironie ausgedrückt, dem Veranstalter auch gleich eine fertige CD von mir zuschicken, dann spare ich mir sogar die Anreise …

Aber wollen die Konzertbesucher das? Was ist denn der Grund für die Menschen, warum sie überhaupt ein Livekonzert zu besuchen? Die Gäste möchten schließlich etwas Besonderes erleben und das Auge hört doch mit. Wenn ich auf der Bühne leiden muss, weil mir das Tuning am Modularsystem mal wieder abdriftet, dann leidet das Publikum mit mir. Ich musste zum Nachstimmen deswegen ein Stück mal kurz unterbrechen und wieder neu vom Anfang bestarten und wurde trotzdem mit tosendem Beifall belohnt. Die Menschen möchten doch live miterleben, was „der da oben“ so alles treibt. Sie wollen sehen, an welchen Knöpfchen gedreht wird und was gerade gespielt wird, selbst auf die Gefahr hin, dass sich da mal ein schiefer Ton dazwischen mogelt. Musik ist Kommunikation und lebt natürlich vom Feedback.

Bernies Setup bei einem Live-Auftritt inklusive Gongs und Klangschalen

Peter:
Ich sehe ja auch auf deinen sozialen Kanälen, wenn du wieder Dutzende von Cases packst und nach den Konzerten wieder mühselig ins Studio integrierst. Wird dir das nicht zuviel?

Bernie:
Stimmt, wenn ich die großen Gongs schleppen muss, die bis zu 50 kg wiegen, dann knarzen meine alten Knochen schon ganz ordentlich. Aber ich sehe das sportlich und etwas Bewegung schadet mir sicher nicht. Nach einem Konzert kann ich mir mit dem Auspacken aber ein paar Tage Zeit lassen. Es lässt sich trotzdem ganz normal im Studio weiterarbeiten, da mein Bühnen-Equipment weitgehend unabhängig von der Studioeinrichtung ist. Die beiden großen Eurorack-Modularsysteme sind überwiegend für den Einsatz auf der Bühne konzipiert, während ich im Studio hauptsächlich mit den großen 5U Systemen im Moog-Format arbeite.

Peter:
Irgendwann einmal hast du dich von deinen großen Modularschränken getrennt und auch viele Klangexpander sind in den Jahren verschwunden. Wurden die mit der Zeit durch neue Hardware ersetzt oder bist du inzwischen auch VST-User?

Bernie:
Natürlich ist das immer in einer gewissen Relation zu sehen. Durch den Umzug in die aktuellen Räumlichkeiten und die damit verbundene Reduktion der reinen Studiofläche von 110 qm auf ca. die Hälfte, war es nicht mehr möglich, wieder die komplette 5,5 m breite Modular-Schrankwand unterzubringen. Es wurde aber nur ein Teil davon abgegeben und mein MU-Modularsystem (Moog-Format mit 5 HE) besteht derzeit immer noch aus imposanten 224 Units sowie einem separaten Macbeth M5 und dem Moog Model 15. Zum Vergleich: Das Monster-Modularsystem von Dotcom ist 110 MU halb so groß. Über einen Mangel an Modularschränken kann ich mich nicht beklagen und die vorhandenen 20 VCOs und 12 VCFs sollten auch höheren Ansprüchen genügen. Natürlich trauere ich etwas dem PPG-300 Modular und dem Roland System 700 hinterher. So was werde ich mir nie wieder leisten können, denn die Gebrauchtpreise haben sich seit dem Verkauf verdreifacht und steigen immer noch weiter an. Aber hier stehen noch die Eurorack-Systeme mit über 2000 TE in 10 Doepfer Cases bereit, mit denen ich wiederum völlig andere Möglichkeiten habe. Ich habe mich zwar von vielen anderen Synthesizern und Effekten getrennt, aber vieles davon wurde kaum noch verwendet oder war teilweise sogar doppelt vorhanden. Im Vergleich zu damals habe ich den Gerätepark zwar deutlich abgespeckt, aber mit derzeit „nur noch“ rund 90 Synthesizern, kann ich mich nicht beschweren. Heute sind rund 8 laufende Meter an 19“ Racks weniger im Studio und mir fehlt nichts.

Peter:
Also kam dir nie der Sinn, doch mal Plug-ins zu verwenden?

Bernie:
Selbstverständlich habe ich auch einige Plug-ins gekauft und installiert, aber ich benutze sie nicht. Wenn ich beispielsweise die großen Knöpfe an einem Minimoog drehe, um feinste Schwebungen einzustellen, ist das viel präziser als mit der Maus oder einem Controller.  Die ganze Haptik am Rechner sagt mir nicht so zu. Bei der Hardware habe ich immer das gesamte Bedienpanel direkt über der Tastatur vor mir liegen, alle Potis, Taster und Wheels sind stets im direkten Zugriff. Das ist eine ganz andere Welt und viel ergonomischer. Mal abgesehen davon sind da immer noch Unterschiede im Klang, wenn auch nicht mehr so große, als vielleicht vor 15 Jahren. Für mein älteres Roli Grand Stage setze ich den zugehörigen Equator Software Synthesizer ein, um neue Klänge zu erstellen. Nach der Übertragung der Sounds, kann ich das Roli Grand dann auch ohne Computer standalone verwenden. Diverse Plug-ins nutze ich allerdings, neben der bewährten Hardware, zum Restaurieren und Mastern.

Peter:
Sicher haben sich mit der Zeit in deinem gewaltigen Fuhrpark auch ein paar echte Favoriten herauskristallisiert. Magst du uns die verraten und den Grund nennen, warum du sie besonders schätzt?

Bernie:
Nach wie vor arbeite ich im Studio gerne mit den großen Modularsystemen und den älteren Synthesizern. Ich mag einfach die Haptik und den klassischen analogen Sound – weich klar und dennoch druckvoll. Meine Favoriten sind der Moog Minimoog (bzw. Voyager), das Haken Continuum Fingerboard, der Arturia MiniBrute SE, EMS VCS3, EMS Logik, Korg Kronos, Yamaha Montage, Behringer Deepmind DM-12 und die unzähligen Minisynthies, Noiseboxen und Dronemachines. Die Kombination von warmen analogen Sequenzerbässen mit kalten digitalen FM-Flächen mag ich sehr gerne. Auf eine schnelle und intuitive Bedienung lege ich besonders großen Wert. Wenn ich ständig durch kryptische Untermenüs scrollen muss, bleibt die Kreativität auf der Strecke. Was sich grundsätzlich in meinem Sound geändert hat, ist der vermehrte Einsatz von akustischen Instrumenten. Häufig verwende ich meine 35 Gongs und die ebenso vielen Klangschalen, Klangstäbe und Perkussives in meiner Musik.

Peter:
Weil du gerade den Behringer Deepmind 12 aufgelistet hast, wie stehst du persönlich zu Behringer Synthesizern?

Bernd:
Mich interessiert hauptsächlich das Produkt an sich und ob es meine Erwartungen erfüllen kann. Beim Deepmind 12 trifft das alles perfekt zu. Gerade bei ruhigen Ambienttracks kann ich keinen polyphonen Synthesizer brauchen, der immer nur dominiert und mir den ganzen Mix zumatscht. Mit dem DM-12 habe ich einen Synthesizer gefunden, der druckvoll, aber auch weich und leise sein kann und sich zurückhaltend im Mix integrieren lässt. Der Sound geht sehr in die Richtung des alten Juno-106, aber die 6 Stimmen wären mir heute zu wenig. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Clones, es ist doch schön, wenn man solche alten Sachen heute wieder neu kaufen kann. Oft sehen die Hersteller, wie hoch die Nachfrage nach ihren alten Schätzchen ist, aber sie reagieren einfach nicht auf den Markt. Kopiert wurde ja schon immer, auch von anderen Herstellern. Ich finde es allerdings nicht richtig, wenn aktuelle Geräte von anderen Herstellern fast 1:1 kopiert (Arturia) werden oder man die Leute verunglimpft (Kirn Cork Sniffer). Eine große Firma wie Behringer sollte sich da fair verhalten, die haben das wirklich nicht nötig. Dort sitzen genug schlaue Köpfe, um eigene innovative Entwicklungen herauszubringen.

Peter:
Du produzierst ja noch für jede Neuveröffentlichung ein echtes Album auf CD. Aufwendig gestaltet und professionell gedruckt und produziert. Lohnt sich der Aufwand oder ist es dir einfach die Ausgaben wert?

Bernie:
Die Frage stellt sich für mich nicht. Es ging mir nie darum, ob sich der Aufwand für ein physisches Album oder eine DVD „lohnt“, denn es ist ein elementarer Bestandteil meiner Arbeit und gehört einfach dazu. Würde man je einen Maler fragen, ob sich die Verwendung von Ölfarbe und Pinsel lohnt? Schließlich könnte er seine Bilder auch am Computer „malen“ und anschließend ins Netz stellen. Ich mag keine selbstgebrannten Silberlinge und meine CDs werden daher immer professionell von einem Glasmaster gepresst. Dazu gehören natürlich auch die künstlerisch gestalteten Booklets in sehr hochwertiger 4-farbiger Druckqualität mit bis zu 28 Seiten. Ich sehe die CD zusammen mit dem Booklet immer als ein Gesamtkunstwerk an und wer sie in den Händen hält, trägt die Früchte meiner Arbeit. Meine Alben werden daher auch nicht als Download im Netz angeboten. Auch wenn die allgemeine Nachfrage an CDs in den letzten Jahren immer weiter abgenommen hat, so ist eine CD-Produktion für mich immer noch essentiell und lohnend. Man sollte nicht unterschätzen, wie viele Hörer es auf diesem Planeten gibt, die immer noch sehr bewusst Musik konsumieren und das zelebrieren. Ambient ist doch geradezu prädestiniert dazu, um entspannt die Füße hochzulegen und nach einem stressigen Arbeitsalltag etwas zu relaxen.

Hardware ohne Ende

Peter:
Noch mal zurück zu „Definitivum -Das Lächeln der Bäume“. Wie lange hast du von der ersten Idee bis zum finalen Master an der Produktion gesessen?

Bernie:
Für die gesamte Produktion eines Albums benötige ich meistens um die 3-4 Monate, dann ist alles fertig im Kasten, das war bei „Definitivum“ nicht anders. Da ich täglich rund acht Stunden im Studio verbringe, läppert sich da einiges an Zeit zusammen. Zwischendurch fahre ich mit dem Fahrrad durch den Wald, über Felder und Wiesen und durch die Stadt, um meine Field Recordings durchzuführen.

Peter:
Wie läuft das bei dir ab von der ersten Idee bis zur Einspielung. Wie viel ist geplant und wie viel ist pure Inspiration?

Bernie:
Ich bin ein extrem kreativer Mensch und an neuen Ideen mangelt es mir nicht, eher an der Zeit für die Umsetzung. Alles, was mir musikalisch so durch den Kopf geht, notiere ich mir für später und speichere das in einer Textdatei ab. Vor einem neuen Projekt, kann man das überfliegen und frische Inspirationen holen. Meine Vorgehensweise ist immer ähnlich. Lange Zeit, bevor überhaupt der erste Ton erklingt, wird ein musikalisches Konzept erarbeitet. Es gibt ja bei meinen Konzeptalben eine klare Thematik, die ich dann fertig ausarbeite. Erst im Anschluss beginne ich mit der eigentlichen Komposition und dem Sounddesign. Die Musik entsteht aber nicht im Studio an den Geräten, sondern schon vorher mit einem Bleistift und Zettel, beispielsweise beim Frühstück. Hier werden Tonarten bestimmt, rhythmische Raster und Tonfolgen notiert, die dann später gezielt an den Klangerzeugern umgesetzt werden. Das stundenlange konzeptlose Herumprobieren empfinde ich als nicht sonderlich effektiv, denn es führt oft nicht zum gewünschten Ziel. Eine polyrhythmische Sequenz mit zusätzlichem Delay beispielsweise sollte vorher besser geplant werden.

Peter:
Wie muss man sich denn deine schriftlichen Notizen vorstellen? Werden da Szenerien beschrieben, schreibst du die Noten auf oder beschreibst du darin Klänge oder Klangeindrücke, die dir im Kopf umgehen?

Bernd:
Ich fertige nur ein paar grobe Notizen über Sequenzen, Tonart, Tonfolgen etc. auf einem Schmierzettel an und probiere meinen Entwurf dann anschließend mit einem Pianosound am Kronos aus. Hier wird das noch weiter ausgearbeitet, bis alles stimmig ist. Je nach Musikstück gebe ich die Notenwerte in einem Step-Sequencer am Modularsystem ein. Die Steuerspannungen werden dabei immer von Hand justiert, denn MIDI verwende ich hier nicht. Oft spiele ich direkt live auf einem Synthesizer dazu und zeichne es gleich als Audiofile auf.

Peter:
Du arbeitest seit 2013 als Berufsmusiker, wie sehr bist du finanziell von der Pandemie betroffen?

Bernie:
Vor der Corona-Zeit konnte ich die letzten acht Jahre mit Musik meinen Lebensunterhalt recht gut bestreiten, aber die Einnahmen sind seit Frühjahr 2020 zu großen Teilen  weggebrochen. Derzeit halte ich mich mit diversen Staatshilfen und Fördermitteln über Wasser und schöpfe alles aus, was möglich ist. Da kommt mir jetzt zu gute, dass ich alle meine Einnahmen immer brav versteuert habe und eine saubere Bilanz der letzten beiden Jahre vorweisen konnte. Man muss ja seine  finanziellen Verluste gegenüber den Behörden glaubhaft belegen können. Weitere Unterstützung kam von der Hessischen Kulturstiftung, die mir je ein großzügiges Arbeitsstipendium und ein  Projektstipendium gewährte. Hier entschied dann ein Gremium darüber, ob meine musikalischen Werke als förderungswürdig anerkannt werden. Eine unbürokratische Soforthilfe für uns Künstler und Veranstalter gab es auch von meiner Heimatstadt Rodgau (45.000 Einwohner),  die 200.000 Euro für abgesagte Konzerte bereitgestellt hat. Das ist sehr vorbildlich und zeigt uns, wie wichtig Kunst und Kultur hier sind, davon könnte sich manche Stadt eine dicke Scheibe abschneiden. Weiteren Support bekomme ich natürlich auch von meinen langjährigen treuen Fans, was mich sehr freut. Einige feste Vorbestellungen für mein nächstes Album „Rodgau Field“ sind bereits eingegangen, welches am 29. April erscheinen wird.

Peter:
Vielen Dank für die ausführlichen Antworten, Bernd, wir freuen uns jedenfalls jetzt schon, wenn wir dich wieder auf der Bühne sehen dürfen. Alles Gute und beglücke uns bitte weiterhin mit deiner wunderbaren Musik.

Bernd:
Vielen Dank!

Forum
  1. Profilbild
    SynthNerd  AHU 1

    Interessanter Beitrag über einen interessanten Musiker.
    Beim Blick auf das Equipment, könnte ich neidisch werden :-)

    • Profilbild
      Bernd-Michael Land  

      Vielen Dank, das freut mich.
      Damals waren monophone Analogsynthesizer ohne Midi sehr günstig zu bekommen, heute könnte ich mir das auch nicht mehr kaufen.

    • Profilbild
      Bernd-Michael Land  

      Danke!
      Das hat sich ja über viele Jahrzehnte so angesammelt, es ist aber lange nicht mehr so viel Zeugs, wie in meinem alten Studio in Offenbach.

    • Profilbild
      swellkoerper  AHU

      Das sind schon andere Massstäbe. Hier werden keine Synthies mehr gezählt, der Bernd denkt in vollen Racks am Meter. Musste bei diesem Satz herzlich lachen.
      Die Interview-Qualität hat bei Amazona einen grossen Satz nach vorn gemacht, das mit Jörg Schaaf war schon toll, das ist hier ist auch grosse Klasse. Tiefgründig, einfühlsam, mit äusserst sympathischen Protagonisten. Vielen Dank!

  2. Profilbild
    Benny  

    Dieser eigene Stil in de Liveshows hat mich schon sehr beeindruckt, da es teilweise sehr strange Klänge sind die er aus seinen Instrumenten zaubert, welche mir schön öfters ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert haben und das kann nicht jeder. Das mit den CDs ist eine super Sache , die sie vielleicht nicht so rechnet, aber dafür kann man als Hardware Freak ein Stück Kunst in den Händen halten und wenn noch kleine Zusatzinformationen enthalten sind sogar etwas lernen.

    • Profilbild
      Benny  

      ups…ich meine ins Gesicht gezaubert ….schade das man Kommentare nachträglich nicht ändern kann, wenn man manchmal drauf los schreibt und das Ganze dann am nächsten Tag nochmal liest. Ach immer diese Matrixfehler aus dem mindspace ;-)

  3. Profilbild
    rio  

    Respekt. Bei all den Kabeln und Geräten da live den Durchblick zu behalten. Das auf- und abbauen muss Stunden dauern..

    • Profilbild
      Bernd-Michael Land  

      So schlimm ist das nicht, denn die Koffer lassen sich weitgehend schon vorverkabelt transportieren.
      Die wenigen Verbindungen von einem Case zum nächsten sind alle beschriftet, das geht dann recht schnell. Für den gesamten Aufbau, incl. Tuning der VCOs und Sequenzer samt Soundcheck, benötige ich ca. 1,5 Stunden (stressfrei ohne Hektik). Da ich öfter live spiele, habe ich da schon eine gewisse Routine.

  4. Profilbild
    fanatic  

    Bei dem Anblick des atemberaubenden Modulparks steigt der Blutdruck um beim Hören der Musik wieder zu sinken. Sehr schön

  5. Profilbild
    wintegralle  

    Guten morgen. Hab mir gestern alles in Ruhe durchgelesen bzw zuerst angehõrt.Jetzt weiss ich warum ich aufhöre Sound ,Musik etc zu machen.genialer Sound ,Collagen,etc.mit einer Vielzahl an Farben Frequenzen.Lösen bei mir automatisch Bilder aus.Diese Art hypnotischer,psychodelische Ausführung ist beeindruckend.Ich denke der Herr in weiss ,hat sein ich gefunden,bzw ist auf einer Reise in dessen.Ich muss ein bisschen aufpassen denn mich animiert es sofort ein Bier etc Indus zu nehmen.Ja da trennt sich die Spreu vom weizen. Oder anders gesagt den Hobbymusiker vom Musiker🤭.Verdammt gut,eher beeindruckend und ich meine nicht die Anzahl an werkzeugen vordergründig.Der Klang im Detail macht’s aus, die Liebe und Hingabe, fast hör ich Demut,wehmut raus .Früher hätte ich gesagt da muss ich noch viel üben. Jetzt sage ich da komme ich nie hin. Auch ein großes Lob zu deinen Kommentaren sie haben immer eine sehr gute Unterstützung für Überlegungen gegeben z.b. was Equipment angeht und hast deine Erfahrungswerte weitergegeben.
    Ach ein Neutron seh ich da auch🧐 ,wollt den immer haben. Anfangs wollte den keiner und nun naja, ich weiss gibt’s oder gab’s als VST mit 🕹️.dann wünsch ich dir weiterhin, viel Spass beim Soundbasteln, und die Auseinandersetzung mit der Natur.Zeit hin Zeit her….zeitlos..rastlos.Viel Erfolg und einen schönen Tag.

    • Profilbild
      Bernd-Michael Land  

      Bin noch etwas verschlafen, habe gerade meinen ersten Kaffee vor mir und lese deinen wunderbaren Kommentar -vielen Dank dafür!
      You made my day. :-)

      Du solltest etwas mehr Geduld haben und nicht so schnell aufgeben, denn man kann auch mit wenig Equipment sehr spannende Sounds erstellen.
      Viel wichtiger sind Geduld und Liebe.

  6. Profilbild
    Christian Koehler  

    Danke für das sehr interessante Interview.
    Besonders interessant fand ich das mit dem Konzept vorher auf Papier ausarbeiten. Das kann ich gar nicht, vielleicht weil mir auch das musikalische Wissen dazu fehlt. Ich bin mehr so ein planloser Rumklimperer, wo am Ende nie was fertiges bei rum kommt.

    • Profilbild
      Bernd-Michael Land  

      Ich erstelle ja kein klassisches Notenblatt, sondern mache mir nur ein paar einfache Notizen.
      Eine sehr vereinfachte „Komposition“ mit der Grundtonart, Melodie, Rhythmik, usw., aber nur die grundlegenden Basisinfos, auf denen ich dann später weiter aufbaue.

      So schreibe ich mir beispielsweise vorher die wichtigsten Werte für die analogen Stepsequenzer auf, denn die können ja nix. Gerade bei polyrhthmischen und verschachtelten Strukturen, geht das mit einem klaren Konzept am Gerät dann viel schneller, als mit ziellosem ausprobieren.
      Wenn da schon am Anfang der Kette die Clocksequencer durcheinander tickern, wird das später nie was.

      • Profilbild
        Christian Koehler  

        Danke für die Zusatzinfo, eine Melodie könnte ich nie vorher aufschreiben, das muss ich immer spielen und brauche da auch ziemlich lange bis ich was finde, was mir gefällt. Also Hut ab vor so viel Planungsgeist.

        • Profilbild
          Bernd-Michael Land  

          Als es noch keine Handys gab, habe ich meine Ideen in ein kleines Diktiergerät mit Minicassette „gesungen“, damit ich sie nicht vergesse. Möglichkeiten gibt es unendlich viele und mein Weg wird nur für wenige Leute passen, das muss man selbst herausfinden. Mit einem klaren Ziel vor Augen, kann man meistens effektiver arbeiten und das spart Zeit. Viele wollen das aber garnicht und das ist natürlich auch okay.

  7. Profilbild
    Jupiter Six  

    Toll das Amazona die Musik der Leser in den Mittelpunkt rückt. Das macht sonst niemand im Netz, soweit ich weiß, auch nicht im Ausland. Weiter so.

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.