AMAZONA.de Autoren: Matthias Gustke alias Ziel: 100

3. August 2000

Minimum Ziel 100.

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Auf einer Party verriet mir ZIEL 100 mal, dass hinter seinem Pseudonym das Ziel steckt 100 Jahre alt zu werden. Im folgenden Interview gab er allerdings eine neue Erklärung dafür an…

AMAZONA:
Erst einmal würden wir gerne wissen, was hinter deinem Nick Name Ziel100 steckt?

MATTHIAS:
Früher war ich in der Frankfurter Graffitiszene aktiv. Damit ich nicht mit rechtlichen Konsequenzen rechnen mußte, habe ich mir für meine legalen Sprüharbeiten einen Namen zugelegt, der möglichst gute Buchstaben für’s Graffiti malen hatte: Ziel. Die 100 kam dann nach und nach dazu und mittlerweile bekomme ich den Namen nicht mehr weg.
Obwohl er ziemlich bescheuert ist: Niemand spricht mich wirklich mit „Ziel“ oder „Herr Hundert“ an…

AMAZONA:
Wie verdienst du deine Brötchen und wie viel Zeit bleibt dir neben deinem Hauptjob für die Musikproduktion?

MATTHIAS:
In der Hauptsache arbeite ich als freier Mitarbeiter beim hessischen Rundfunk. Bei der Jugendwelle hrXXL bin ich einer der vier Musikredakteure. Dabei bestimme ich welche Lieder bei uns rotieren, welches Lied vorgestellt wird oder auch welche Gruppen zum Interview eingeladen werden. Allerdings verschiebt sich mein Aufgabenfeld mehr und mehr in Richtung Veranstaltungsmanager – ich produziere und organisiere mittlerweile alle Eigenveranstaltungen von hrXXL.

Das sind so dicke Dinger wie Sound of Frankfurt und Hessentag, aber auch nette Clubsachen. Sonntags moderiere und mixe ich früh morgens eine Chill-Out Sendung, wer reintunen möchte, sollte mal www.hr-xxl.de checken.
Außerdem lege ich schon eine ganze Weile auf und bin recht gut an den Plattentellern beschäftigt. Aber mehr wie ein paar Brötchen springen da noch nicht raus…
Zeit ist leider durch meinen Job extrem rar. Ich versuche möglichst viel Zeit mit Musik zu verbringen, aber leider fällt das produzieren momentan öfter mal aus.

AMAZONA:
Wie war der Einstieg in die Welt der Musikproduktion?

MATTHIAS:
Ich habe damals – ist echt schon fast 10 Jahre her – hauptsächlich mit meinen guten Freund Mike-L (der mittlerweile auch recht erfolgreicher DJ ist!) rumgehangen und wir haben zusammen Platten aufgelegt. Acid war unser Ding. Irgendwann habe ich dann gesehen, daß Cosmic Baby, den wir super fanden, eine SH-101 auf der Bühne hatte.

Die habe ich dann über „das Inserat“ gesucht. Im Endeffekt war das wahrscheinlich die wichtigste Anzeige meines Musikerlebens: Zum einen habe ich dadurch meinen ersten Synth zusammen mit Mike-L für lächerliche 350DM gekauft, zum anderen habe ich über diese Announce Andreas Kauffeldt kennengelernt, der gerade sein Label Aural Satisfaction gegründet hatte.

Nachdem wir unser Studio erweitert hatten, haben wir sofort Tracks en masse produziert. Ein paar davon wurden dann auf Aural Satisfaction veröffentlicht, unter den Projektnamen NKS.
Es folgte noch ein Liveact im sagenumwobenen XS in Frankfurt und kurz danach hatte ich einen Riesenstreit mit meinen Partner und wir mussten erstmal das Studio trennen.
Danach habe ich dann konsequent möglichst viel Equipment gekauft. Ich denke mir, es ist wichtig mal ein Gerät über längere Zeit zu benutzen, bevor man sich ein Urteil bildet.
Manche Geräte finde ich über Jahre richtig cool, manche sind schnell verbraucht. Früher konnte man sich halt auch noch recht günstig mit alten Sachen versorgen. Analoge waren nicht so gefragt und man mußte nicht die heutigen Fantasiepreise zahlen.
Dadurch kenne ich glücklicherweise die meisten Synths aus der Praxis und nicht nur von Berichten.

AMAZONA:
Wo würdest du deine Musik einordnen?

MATTHIAS:
Genau da! Bei Musik.
Ich habe viel zu viele Lieblingsstile, als das ich mich da festlegen könnte. Ich produziere viele Electrobeats, ich mach aber auch mal Techno, House finde ich momentan super spannend, Drum’n’Bass flasht mich schon seit Jahren, Chill-Out ist eine Passion, HipHop ist oft richtig klasse und 2-Step ist der Swing!
Aber wenn ich meinen Output kategorisieren müßte, dann würde da wohl doch der „Electro-Stempel“ drauf gehören!

AMAZONA:
Graffiti… Hat das deine musikalischen Intentionen beeinflußt?

MATTHIAS:
Da bin ich mir ganz sicher. Der Soundtrack zu meiner Pubertät wurde von Grandmaster Flash, Africa Bambataa, KRS One und Public Enemy gerapt. Wenn man sich die frühen Rap Sachen mal anhört, dann sind das oft echte Electroperlen. Naja, von so einer Prägung kommt man offensichtlich nicht los! Graffiti oder HipHop ist ja auch ein Lebensgefühl, das man nicht einfach abstreift.
Obwohl ich mit der heutigen HipHop Welt und den dazugehörigen Attitüden nicht mehr viel am Hut habe…

AMAZONA:
DJ… Geht man dadurch mit einen anderen Ohr an die Produktion ran?

MATTHIAS:
Auch da bin ich mir sicher. Ich hab noch absolut kein einziges Lied mit echter Songstruktur produziert. Ich bastel Tracks für DJ’s. Kein Intro – gleich Beat, ständiger Klimax bis zum Break, guter Part zum „rausgehen“ für den DJ. Ich bin DJ und höre viel DJ-Musik die ich natürlich auch versuche im eigenen Track umzusetzen…

AMAZONA:
Equipment – wie ging’s los, wie sieht’s heute aus?

MATTHIAS:
Der Anfang war die SH-101. Dazu kam dann recht flott die CR-8000 und das Midiverb. Den Trigger der CR-8000 habe ich dem Sequencer der 101 zugeführt und beide Signale in das Midiverb (CR-8000 links, 101 rechts) geleitet. Das wurde dann getaped. Ich hab noch einige dieser Sessions auf Cassette – immer wieder lustig zu hören! Erinnere mich noch genau, wie meine Eltern mich für total durchgeknallt gehalten haben, weil ich stundenlang an einen Drehregler Millimeter für Millimeter gedreht habe. Danach habe ich wild alles gekauft, was analog war. Gesequenzed wurde eigentlich kaum mit dem Atari, ich habe mehr an den Geräten programmiert.

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CSQ100 und interne Sequencer der Synths wurden mit Trigger der Drummashines angesteuert.
Nach und nach ist aber auch logischerweise Neueres dazu gestoßen und langsam nähert sich jetzt mein Studio meinen Idealvorstellungen.

Als Sequencer nutze ich Logic Audio auf PC. Der ist absolut nicht mehr en Vogue mit seinen 64MB RAM und Pentium 200MMX Prozessor – aber alles was ich machen will, macht der noch! Ich steh überhaupt nicht auf Software Synths und so – ich bin absoluter Hardware Fetischist und Purist! Ich nehme meist auch nicht viel mehr als eine Stereospur mit Logic auf, die ich über die Audiowerk2 ausgebe. Als Midibox habe ich ein EES PC-Midi2/4 und ein AMT-8 angeschlossen, CV/Gate und Trigger macht bei mir ein EES MCV7.

Als Soundquellen steht mir ein Juno106, Sequential Multitrack, Korg Poly61m, Yamaha DX100, Korg 707, Emu Classic Keys und ein Gameboy mit Nanoloop zur Verfügung. In der Abteilung „Monophone Bassynths“ habe ich die SH101, einen modifizierten Moog Prodigy und eine MB33 im Angebot. Gesampled wird mit einen Akai S3000, S700 und einen Yamaha SU-10.

Drums sind mir ungeheuer wichtig, gerade habe ich RZ-1, RM50, R-8m, KPR77, TR606, TR505, TR707, X-Base, Simmons SDS5+9, Tama Techstar200, Paragon Synth, Pearl SC40 im Studio stehen.

Eine reiche Auswahl von Effekten ist mir sehr wichtig, weshalb ich ziemlich viele gesammelt habe. Midiverb, LXP1 + LXP5, SDE1000+2000, Studiotwin, RPS1900, Zoom1201, MAM VF11, SPX90II, DRP16, REX50, EMP100, Boss DC10, EH Small Stone, Electric Mistress, Monarch Stagefazor, Bodeneffekte und Sherman Filterbank. Dynamikprozessoren sind bei mir ziemlich wenig am Start: Ein Composer und ein Aphex Studiodominator und ein paar Gates – mehr brauch ich nicht. Ich finde es ganz reizvoll, wenn‘s auch mal im Mix ein bisschen rauscht und mal ein wenig nuschelt.

AMAZONA:
Dein Studio ist voller analoger und digitaler Drumcomputer. Werden die alle benutzt oder ist das eher eine Sammelleidenschaft von dir?

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MATTHIAS:
Ich mag perkussive Musik. Deshalb finde ich jede Drumbox interessant. Die ganzen alten Kisten reizen da ungeheuer, weil sie wirklich alle eigenen Stil durch analoge Klangerzeugung haben. Die wichtigsten hatte ich auch schon alle mal unter den Fingern gehabt. Unverzichtbar empfinde ich in meinen momentanen Set-Up allerdings nur die X-base, die wirklich extrem knackig sein kann und eine vernünftige Alternative zur teuren TR909 ist und die RZ-1, die mehr grooved und dreckiger ist, als alles andere.

Benutzt habe ich jede der Boxen mal, aber natürlich ist da auch viel „Haben-will“ dabei.
Eine TR505 ist jetzt nun wirklich nicht nötig, wenn man eine TR707 hat – schön ist es trotzdem .

In Punkto Drums finde ich allerdings dieses Softwaretool „Stomper” sehr interessant: Die Sounds sind absolut druckvoll und echt ein Versuch wert! Damit bastel ich mir sehr gerne Sounds für den Sampler. Allein deshalb werde ich mir bald noch eine MPC2000 zulegen, die mich wegen dem tighten Timing sehr anmacht!

AMAZONA:
Welchen Mischer und welche Abhöre benutzt du?

MATTHIAS:
Ich habe einen Tascam M2600MKII Mixer mit 32 Kanälen. Dazu noch ein Yamaha DMP-11 Digitalpult.
Mit beiden komme ich gut zurecht. Das Tascam hat supergeile EQ’s, da freue ich mich jedes mal wieder neu! Das Yamaha Pult ist nur Submischer und nur bei aufwendigen Arrangements im Einsatz.
Als Abhöre dienen Tannoy Reveal Monitore.
Günstig und OK. Ich hab mich gut eingehört auf die Boxen und empfinde den Unterschied zu teuren Monitoren als nicht so gravierend, als das ich dort mehr investieren würde

AMAZONA:
Was ist dein größter Instrumenten Traum?

MATTHIAS:
Ein goßer Traum war der Z1 von Korg. Hab ich mir aber gerade bestellt! Der hat so mörderische Pads auf Lager, der hat mich echt umgehauen!
Ansonsten wäre ein Mutron Mutator ein Traum. Überhaupt flashe ich momentan auf Module wie Warp9, Filterfactory und EH Microsynth. Da werde ich bestimmt bald schwach.
…und dieser Wave von Waldorf soll ganz gut sein???

Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    ..was natürlich wieder die Frage aufkommen läßt ob man einen DJ als "Musiker" bezeichnen kann..so ganz ohne Instrumentalem Background.

  2. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Komischer Traum. Z1 ? Naja dann kann ja nich jeder vom KORG OASYS
    Träumen. ;)

  3. Profilbild
    Tobias Kasper

    wow… im ersten Moment erschreckend, dann lustig, wenn man erkennt, dass das Interview aus 2000 stammt… aber die Technik war vor nicht mal 10 Jahren auf dem besagten Stand… und heute?… schöner Artikel, erinnert mich an früher ;-)

  4. Profilbild
    theFranks

    Der Begriff des gemeinen Musikers lässt sich heutzutage in mancherlei Haare spalten. Damals wie heute gilt für mich, was am Ende dabei herauskommt – Musik…oder eben nicht – das liegt zum Glück im Auge des Betrachters

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