Wie der Ton entsteht: Saiten, Plektren und Anschlag erklärt
Wer den Klang einer E-Gitarre verändern möchte, denkt meist zuerst an Pickups, Verstärker oder Effektpedale. Dabei beginnt die Antwort auf die Frage, wie der Gitarrenton entsteht, bei der Saite und der Art, wie du sie in Schwingung versetzt. Saitenstärke und -material, Plektrum, Anschlagposition und selbst der Winkel des Plektrums beeinflussen bereits das Signal, bevor der Pickup überhaupt ins Spiel kommt. In diesem Teil der AMAZONA Gitarren-Akademie schauen wir uns deshalb an, wie der Ton entsteht, den wir als angenehm empfinden und wie dieser auf einer E-Gitarre entsteht und welchen Einfluss Saiten, Plektren und Spielweise darauf haben.
Worum geht es? Die AMAZONA Gitarren-Akademie: Wie entsteht der Ton einer E-Gitarre und welchen Einfluss haben Saiten, Plektrum und Anschlag?
- Saiten: Stärke, Material und Konstruktion beeinflussen Klang, Spannung und Spielgefühl.
- Plektrum: Material, Stärke, Form und Winkel verändern Attack und Ansprache.
- Anschlag: Die Position zwischen Hals und Brücke beeinflusst den Klang deutlich.
- Spielweise: Finger, Plektrum und Anschlagtechnik prägen bereits die Schwingung der Saite.
- Signalweg: Der Pickup erfasst die Saitenschwingung und wandelt sie in ein elektrisches Signal um.
Inhaltsverzeichnis
- AMAZONA Gitarren-Akademie: Wie der Gitarrenton entsteht
- Warum gibt es unterschiedliche Saitenstärken?
- Die Mensur spielt mit
- Nickel, Stahl und Co.: Das Material der Saite
- Roundwound oder Flatwound?
- Und was macht eigentlich das Plektrum?
- Der Winkel verändert den Anschlag
- Warum klingt die Gitarre an der Bridge anders?
- Plektrum oder Finger?
- Kommt der Ton aus den Fingern?
- Von der Saite zum Pickup
AMAZONA Gitarren-Akademie: Wie der Gitarrenton entsteht
Am Anfang war die Saite
Ohne schwingende Saite gibt es kein Signal. Wird eine Gitarrensaite angeschlagen, ausgelenkt und anschließend losgelassen, beginnt sie zu schwingen. Der Gitarrenton entsteht. Dabei bewegt sie sich nicht nur als Ganzes hin und her. Gleichzeitig entstehen verschiedene Teilschwingungen, die zusammen mit der Grundschwingung das charakteristische Klangspektrum eines Tons bilden.
Die Frequenz der Grundschwingung bestimmt dabei die wahrgenommene Tonhöhe. Wie hoch oder tief eine Saite klingt, hängt im Wesentlichen von ihrer schwingenden Länge, ihrer Masse und ihrer Spannung ab. Genau deshalb verändert sich die Tonhöhe, wenn wir einen Bund greifen. Wir verkürzen den frei schwingenden Teil der Saite.
Das erklärt allerdings noch nicht, warum derselbe Ton auf zwei Gitarren oder selbst auf derselben Gitarre unterschiedlich klingen kann. Hier kommen die Obertöne ins Spiel. Ihr Verhältnis zum Grundton prägt maßgeblich die Klangfarbe.
💡 Schon gewusst?
Eine Gitarrensaite erzeugt beim Anschlagen nicht nur eine einzige Frequenz. Neben dem Grundton entstehen zahlreiche Obertöne. Deren unterschiedliche Stärke prägt die Klangfarbe entscheidend mit. Deshalb können zwei Instrumente denselben Ton mit exakt gleicher Tonhöhe erzeugen und trotzdem deutlich unterschiedlich klingen.
Warum gibt es unterschiedliche Saitenstärken?
Ein typischer E-Gitarren-Saitensatz wird beispielsweise mit .009–.042 oder .010–.046 bezeichnet. Die Zahlen geben den Durchmesser der dünnsten und dicksten Saite in Tausendstel Zoll an. Bei einem 010er-Satz besitzt die hohe E-Saite also einen Durchmesser von 0,010 Zoll.
Mit zunehmender Saitenstärke steigt bei gleicher Mensur und Stimmung auch die erforderliche Spannung. Dickere Saiten fühlen sich deshalb in der Regel straffer an, während dünnere Saiten leichter zu ziehen sind und Bendings weniger Kraft erfordern.
Welche Stärke die richtige ist, hängt stark von Spielweise, Stimmung und Instrument ab. Ein Spieler mit kräftigem Anschlag kann von etwas dickeren Saiten profitieren, während sich für ausgiebige Bendings ein dünnerer Satz angenehmer anfühlen kann.
Eine allgemeingültige Regel nach dem Motto „dickere Saiten klingen besser“ gibt es allerdings nicht.
🎸 AMAZONA-Tipp
Wer mit verschiedenen Saitenstärken experimentiert, sollte nicht nur auf den Klang achten. Spielgefühl, Bendings, Anschlag, Stimmung und Mensur spielen ebenfalls eine Rolle. Bei einem deutlichen Wechsel der Saitenstärke kann zudem ein neues Setup der Gitarre erforderlich werden.

Die unterschiedlichen Saiten eines Standard-Satzes .009 – .042. Die drei Basssaiten verfügen über einen umsponnenen, die Diskantsaiten bestehen nur aus Stahl.
Die Mensur spielt mit
Eine .010er-Saite fühlt sich nicht auf jeder Gitarre gleich an. Einer der Gründe dafür ist die Mensur, also vereinfacht gesagt die Länge der frei schwingenden Saite zwischen Sattel und Steg.
Eine typische Stratocaster besitzt eine Mensur von rund 648 mm (25,5″), während viele Les-Paul-artige Gitarren bei etwa 629 mm (24,75″) liegen. Bei gleicher Saite und Stimmung benötigt die längere Mensur eine höhere Saitenspannung. Deshalb kann sich ein identischer .010er-Satz auf einer Gitarre mit kürzerer Mensur spürbar weicher anfühlen.
Die Mensur und die damit verbundene Saitenspannung spielen eine große Rolle in Bezug auf den Sound, den du erzeugen willst. Hierzu wird es einen Artikel innerhalb der AMAZONA Gitarren-Akademie geben.
Nickel, Stahl und Co.: Das Material der Saite
Bei den hohen, nicht umsponnenen Saiten einer E-Gitarre handelt es sich in der Regel um Stahlsaiten. Bei den tiefen Saiten wird es interessanter. Sie besitzen einen Kern, um den ein weiterer Draht gewickelt wird.
Bei E-Gitarren begegnen uns vor allem Nickel-Plated-Steel, Pure-Nickel und Stainless-Steel. Hinzu kommen beschichtete Saiten, deren Oberfläche durch eine dünne Schutzschicht weniger unmittelbar mit Schweiß und Schmutz in Kontakt kommt.
Nickel-Plated-Steel-Saiten gehören heute zu den verbreitetsten Varianten und bieten einen ausgewogenen Klang. Pure-Nickel-Saiten werden häufig mit einem etwas wärmeren und weicheren Charakter in Verbindung gebracht. Stainless-Steel-Saiten können dagegen brillanter und direkter wirken.
Wie groß diese Unterschiede in der Praxis tatsächlich sind, hängt allerdings von der gesamten Signalkette ab. Wir werden innerhalb der AMAZONA Gitarren-Akademie einen Blindtest mit unterschiedlichen Saitenfabrikaten durchführen, damit ihr euch ein neutrales Bild machen könnt.
Roundwound oder Flatwound?
Auch die Form der Wicklung beeinflusst Spielgefühl und Klang. Bei Roundwound-Saiten wird ein runder Draht um den Kern gewickelt. Dadurch entsteht die typische geriffelte Oberfläche. Sie sind brillant, obertonreich und heute bei E-Gitarren der Standard.
Flatwound-Saiten besitzen dagegen eine deutlich glattere Oberfläche. Sie erzeugen weniger Griffgeräusche und werden häufig mit einem wärmeren, weniger brillanten Klang verbunden. Besonders im Jazz sind sie bis heute beliebt.
Dazwischen existieren weitere Wicklungsformen wie Halfround- beziehungsweise Groundwound-Saiten.
Und was macht eigentlich das Plektrum?
Bis hierhin haben wir uns mit dem beschäftigt, was schwingt. Mindestens genauso interessant ist aber die Frage, wodurch die Saite zum Schwingen gebracht wird.
Ein Plektrum ist nämlich keineswegs nur ein Stück Kunststoff, das verhindert, dass uns beim Spielen die Fingernägel abfallen. Material, Stärke, Form und Spitze beeinflussen sowohl das Spielgefühl als auch den Attack. Ein dünnes Plektrum gibt beim Anschlag stärker nach. Das kann insbesondere beim Akkordspiel angenehm sein. Dickere Plektren verformen sich weniger und ermöglichen dadurch einen direkteren und kontrollierteren Anschlag.
Wenn du dir nicht sicher bist, welches Plektrum für dich das Beste ist, dann besorge dir ein paar zur Auswahl. Das kostet nicht die Welt, kann deinem Sound aber auf die Sprünge helfen.
Auch die Spitze spielt eine Rolle. Eine stark abgerundete Spitze gleitet anders über die Saite als eine sehr scharfe Spitze. Gerade bei schnellen Einzelnoten kann dieser Unterschied deutlich spürbar werden.

Wie sich der Winkel auf den Gitarrenton auswirkt. Probiere unterschiedliche Winkel aus und achte darauf, wie sich der Ton verändert.
Der Winkel verändert den Anschlag
Nicht nur das Plektrum allein entscheidet über den Attack. Auch die Art, wie du es hältst, hat Einfluss.
Trifft das Plektrum mit seiner Fläche nahezu im 90°-Winkel auf die Saite, entsteht ein anderer Widerstand als bei einem leicht angewinkelten Anschlag. Wird das Plektrum gedreht, gleitet seine Kante stärker über die Saite. Das verändert nicht nur das Spielgefühl, sondern auch das Anschlagsgeräusch und damit den unmittelbaren Klangeindruck.
Warum klingt die Gitarre an der Bridge anders?
Jetzt kommt ein Experiment, das jeder sofort machen kann:
Schlage eine offene Saite zunächst ungefähr über dem Hals-Pickup an. Anschließend spielst du dieselbe Saite mit möglichst gleicher Kraft direkt in der Nähe der Bridge.
Der Unterschied sollte deutlich hörbar sein. Nahe der Bridge wirkt der Klang heller und härter. Weiter in Richtung Hals klingt die Saite voller und weicher. Der Grund liegt unter anderem darin, welche Schwingungsanteile du an der jeweiligen Position besonders stark anregst beziehungsweise begrenzt.

Die Position des Anschlags hat gravierende Auswirkungen auf den Sound. Je weiter du Richtung Steg anschlägst, desto höhenreicher und prägnanter wird dein Sound.
🎸 AMAZONA-Tipp
Probiert es selbst aus: Wählt einen cleanen Sound und schlagt dieselbe offene Saite zunächst nahe am Hals und anschließend unmittelbar vor der Bridge an. Verändert weder Pickup noch Verstärkereinstellung. Allein die Anschlagposition sorgt bereits für einen deutlich hörbaren Klangunterschied.
Plektrum oder Finger?
Noch deutlicher wird der Einfluss des Anschlags, wenn wir das Plektrum ganz weglegen.
Mit der Fingerkuppe angeschlagen, besitzt ein Ton meist einen weicheren Attack. Der Fingernagel erzeugt dagegen einen härteren Anschlag und ein Plektrum wiederum ein anderes Obertonspektrum. Selbst bei identischer Gitarre, identischem Pickup und identischer Verstärkereinstellung kann sich der Charakter des Tons dadurch erheblich verändern.

Eine bunte Sammlung aus meiner Hosentasche … Guitar Monkey, Rombo, Clayton, Jim Dunlop, Werbung und No-Name. Alles da.
Und damit kommen wir zu einer Erkenntnis, die Gitarristen seit Jahrzehnten in vermutlich jeder Kneipe diskutieren:
Kommt der Ton aus den Fingern?
Die Finger können natürlich keine physikalischen Gesetzmäßigkeiten einer Gitarre außer Kraft setzen. Ein Single-Coil wird durch einen anderen Anschlag nicht plötzlich zum Humbucker und eine 25,5″-Mensur wird durch besonders gefühlvolles Spielen nicht kürzer.
Aber der Spieler entscheidet maßgeblich darüber, wie die Saite angeregt wird, mit welcher Kraft, an welcher Position, in welchem Winkel und mit welchem Material. Damit beeinflusst er bereits die Schwingung, die anschließend vom Pickup erfasst wird.
Der oft zitierte „Ton aus den Fingern“-Satz hat also durchaus eine physikalische Grundlage.
🔎 Mythos oder Wahrheit?
„Der Ton kommt aus den Fingern.“
Teilweise Wahrheit. Die grundlegenden Klangeigenschaften werden natürlich vom Instrument und der Signalkette bestimmt. Der Spieler beeinflusst aber durch Anschlagstärke, Anschlagposition, Plektrum, Winkel und Spieltechnik, wie die Saite in Schwingung versetzt wird. Damit verändert er bereits das Ausgangssignal, bevor der Pickup es überhaupt erfasst.
Von der Saite zum Pickup
Damit schließt sich der Kreis der Frage, wie der Ton entsteht, zum vorherigen Teil unserer Amazona Gitarren-Akademie. Die schwingende Saite verändert das Magnetfeld des Tonabnehmers und der Pickup wandelt diese Bewegung in ein elektrisches Signal um.
Der Pickup erzeugt den ursprünglichen Ton nicht. Er erfasst und überträgt die Schwingung der Saite und prägt das daraus entstehende elektrische Signal durch seine Konstruktion zusätzlich.
Oder stark vereinfacht:
Anschlag → Saite → Schwingung → Pickup → elektrisches Signal → Verstärker → Lautsprecher
Und genau diese Kette können wir in den kommenden Teilen Stück für Stück weiterverfolgen.
Im nächsten Teil der AMAZONA Gitarren-Akademie schauen wir uns an, wie Mensur, Saitenspannung und Saitenstärke zusammenspielen und warum sich derselbe Saitensatz auf zwei Gitarren völlig unterschiedlich anfühlen kann. Danach geht es weiter mit Elektronik, Brücken und Vibratosystemen sowie passenden Workshops und Experimenten rund um Setup, Saitenwechsel und Klang.
































Danke für die tolle Reihe! Zum Thema Saiten nur die kurze Anmerkung, dass mir die GHS Boomers aufgefallen sind, weil bei ihnen IMHO der Unterschied zwischen den oberen (nicht-umwickelten) und den unteren (umwickelten) Saiten am geringsten ausfällt, die Saiten also ausgeglichener klingen. Aber ich benutze auch andere Saitenmarken.
Und mein Lieblings-Anschlags-Effekt: Sollte mit so ziemlich jeder Gitarre (außer Nylon-Saiten) funktionieren, gefällt mir mit Strat-Hals-Pickup am Besten. Dazu Clean-Sound mit tüchtig Hall. Tiefe Note greifen (z.B. G am dritten Bund auf der tiefen E-Saite) und dann am Oktav-Punkt (also über dem 15. Bund) die Saite anschlagen, gerne mit der „Breitseite“ des Plektrons und nicht zu hart. Ergebnis: Eine schöne Friedhofsglocke :) Wer ein Lied hat, welches eine schöne Glocke vertragen kann: Einfach mal ausprobieren.
Vielen Dank für diese Erläuterungen. Da ist mir einiges klar geworden, besonders die Rolle der Obertöne hatte ich bei der E-Gitarre unterschätzt.
Ich werde jetzt öfter wieder zum Plektrum greifen, auch wenn ich mich da momentan wie ein Anfänger vorkomme. Die vier Finger meiner rechten Hand (ohne den untätigen kleinen Finger kränken zu wollen) sind noch deutlich treffsicherer. :-)
Hallo Jan,
besten Dank für Deine E-Gitarren-Reihe!
Ich bin ja heilfroh, dass hier nicht irgendwelche Mythen wie „das Holz macht’s“ usw. verbreitet werden, sondern Du Dich an die wissenschaftlich nachweisbaren Fakten hältst.
Bezüglich „der Ton kommt aus den Fingern“: ich könnte mir sogar vorstellen, dass die Greiffinger eine Rolle spielen könnten, wenn sie sich in der direkten Nähe des Bundes befinden, weil sie dann die Saite leicht bedämpfen. Und außerdem wird die Saite oft leicht gezogen, wenn man nicht absolut perfekt greift (was vermutlich nie passieren wird).
Super, weiter so!
Gruß
Fredi