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Amazona Readers Music: Tom Gamlich, More Morbid Beat

16. Juli 2022

Filmproduzent und Synthesizer-Liebhaber

Tom und ich hätten uns eigentlich schon in den 90ern kennenlernen müssen, als wir in zwei konkurrierenden Verlagen der MI-Brnche gearbeitet hatzten. Nun, dazu kam es aber nicht. Erst 30 Jahrespäter sind wir uns dann schließlich über den Weg gelaufen – in der Filmbranche. Entsprechend groß war die Überraschung, dass unsere eigentliche Leidenschaft den Synthesizern gilt. Da wir noch dazu beide in München leben, vereinbarten wir kurzerhand ein Treffen bei ihm zu Hause, denn auch seine Musik hat es mir angetan, liegt sie doch genau auf meiner Wellenlänge.

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Im Dachgeschoss eines Münchner Altbaus hat sich Tom sein Refugium aus Studio mit integriertem Wohnbereich kreiert. Oder ist es andersherum? Die Symbiose aus Produktonsecke, Industrial-Loft-Charakter, mit Dachterasse und Mut zu poppigem Ambiente, hat schon etwas sehr Kreatives. In diesem Umfeld Musik zu produzieren, stelle ich mir berauschend vor.

Begrüßt wurde ich von einem sympathischen und ewig jung gebliebenem Musiker, der immer den Anschein erweckt, als käme er gerade von der angesagtesten Underground-Party der Szene. Frisch, fröhlich und gut gelaunt wurde ich zum Frühstück mit Synth-Talk eingeladen.

Na dann legen wir mal los:

Toms Produktionscke

Peter:
Hi Tom, obwohl du früher beim PPV-Verlag und ich beim Musik Media Verlag gearbeitet haben, sind wir uns nie über den Weg gelaufen. Und ausgerechnet über die Filmbranche lernen wir uns jetzt kennen. Erzähl doch mal, wie das bei dir mit der elektronischen Musik angefangen hat.

Tom:
Ich weiß das sogar ganz genau: Ich war als Kind mal in einer Sternwarte, da gab’s ne Show „Musik durch Raum und Zeit“. So Sternenzeugs mit Musik. Ich bin – da war ich ein Knirps so um die 12 – zu dem Mann am Pult gegangen und hab ihn nach der Musik gefragt. Es war Jean Michel Jarre „Oxygene“. Sooo sphärisch. Das war wie ein Erweckungserlebnis für mich. Und seitdem ist das mein Sound. „Oxygene IV“ ist bis heute mein favorite track No. 1. Und dann kamen die 80s, New Wave, Synthi-Pop. Ich komm‘ ja aus der Nähe von Düsseldorf. Da sind dann natürlich Kraftwerk die absoluten Heroen.

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Peter:
Von wann bis wann warst du denn bei KEYS und was war deine Aufgabe damals für das Magazin?

Tom:
Mitte der 90er-Jahre. Es war SOUNDCHECK, das Schwestermagazin von KEYS und ich war für das Keyboard- und Studio-Ressort zuständig: Testberichte, Studioreports usw.

Tom wie er leibt und lebt … im Gespräch mit AMAZONA.de

Peter:
Wie bist du dann in die Filmbranche gerutscht – und was machst du da heute genau?

Tom:
Ich hatte volontiert, also eine Redakteursausbildung, und habe mich damals bei ProSieben beworben. Da war ich sieben Jahre lang in Talk und Magazinen. Und seit 2003, also seit fast 20 Jahren, bin ich mit der eigenen TV-Firma am Start. Wir produzieren heute Doku-, Wissens- und Unterhaltungsprogramme für „Terra X“ im ZDF, „Galileo“ bei P7 oder Primetime-Programme bei SAT1 oder im BR.

Peter:
Erzähl mal von deiner Musik. Ich hab ja einiges bei dir gehört, was u. a. schwer nach Tangerine Dream klang.

Toms aktuelles Album

Tom:
Tangerine Dream ist auf jeden Fall ein Einfluss. Und von den jüngeren Sachen sowas wie Justice, Air oder Röyksopp. Muss Atmosphäre haben. Aber auch Harmonien. Und ne gewisse Abgehangenheit. Ganz aktuell finde ich z. B. Weval super. Bei mir ist es meistens eher ein bisschen darker. Pur analog. Stephan Bodzin hat auch Einfluss mit seinen analogen Tracks. Die House-Welt streife ich immer wieder. Aber das meiste Zeug bei mir ist langsamer. 90 bpm, das ist mein Tempo.

Mein aktuelles Projekt heißt More Morbid Beat. Auf dem letzten Album, „Elements Of Flow“, habe ich zu chemischen Elementen Songs gemacht. „Selen“ z. B. ist ein friedvolles Element, es steckt in allen möglichen gesunden Dingen drin. Entsprechend mellow ist auch der Track „Selen“.

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Ich hab auch ein Pop-Projekt. Und elektronische Remakes von Beethoven und Brahms veröffentlicht. Mit meinem Partner und unserem House-Projekt Schottke Mexiko haben wir mal ne Vinyl bei k-tune und Kosmo Music herausgebracht, die angeblich in Brasilien in den Club-Charts war. Aber wir wissen selbst nicht, ob die Story stimmt.

Peter:
Produzierst du nur im Studio oder bist du noch auf der Bühne?

Tom:
Seit Jahren nur im Studio. So’n richtig nerdiges An-Maschinen-Rumschrauben. Aber ich kann auch spielen und habe damals richtig Klavier gelernt, wollte sogar an die Musikhochschule. Jedenfalls hab ich halbwegs noch Ahnung von Harmonien und Tonarten.

Der junge Tom in den 80ern

Peter:
Deine Keyboardburg zu Hause hast du ja quasi kreisförmig um dich herum gebaut. Dabei sind alle Keyboards auf Local-on geschaltet, damit du überall und gleichzeitig spielen könntest. Erzähl mal, wie du produzierst und komponierst.

Tom:
Ja, ich will, dass jeder Synthi gleichzeitig da ist. Wenn du abends im Studio stehst, alle Lichter blinken, ein Bass wummert, kannst du überall an Knöpfen drehen und zu einem Arpeggio oder der 808 jammen. Meine Frau nennt das Ganze Arpeggioland. Diese Maschinen haben ein Leben. Alles quasi live analog. Wenn du nur über MIDI gingest, hättest du ja immer nur eine Spur aktiv.

Ein Song entsteht eigentlich immer rund um einen Hook oder eine Sequenz, die ich irgendwie magisch finde. Oder eine Harmoniefolge, die ich vorher am Klavier gespielt habe. Dafür den richtigen Sound zu finden und interessante Drums, das ist die Basis. Bei mir ist fast nichts mit Samples, Loops oder Realinstrumenten. Und um so ein Hauptthema herum bauen sich dann weitere Sounds und harmonischen Schichten auf. Keine Songs mit Strophe, Mittelteil, Refrain. Die analogen Synthi-Lines nehme ich dann alle als Audio-Spuren auf und drehe dabei an Filtern und Envelopes. Alles also wirklich „gespielt“, wenn man so will.

Alles, was der Synth-Nerd begehrt

Peter:
Zu deinen Synths. Da steht viel Analoges und Virtuell-Analoges. Das ist deine Welt ,oder?

Tom:
Ja, volle Pulle! Mein erster Synthi war ein Korg Mono/Poly. Der ist heute noch einer meiner liebsten. Und vielleicht einer der besten und unterschätztesten überhaupt. Geil roh und derbe. Neu habe ich jetzt einen Minimoog Reissue. Auch wenn man solche Sounds schon hat; es ist halt der Synthi überhaupt und irgendwie auch ein Kult-Möbelstück. Der Behringer Odyssey ist auch toll. Sehr live-geeignet mit den ganzen Schiebereglern. Der erste Nordlead, mit dem fing ja das Virtuelle an. Aber ich nutze auch Plug-ins, die Arturia Collection, natürlich auch mit dem ganzen analogen Zeug. Die meisten Strings bei mir kommen vom Solina- oder vom Mellotron-Plug-in.

Peter:
Ganz besonders vorgeschwärmt hast du mir von deinem Pro-3. Was daran findest du so toll?

Tom:
Da hat Sequential und Dave Smith einen super-intuitiven Synthi gebaut. Die Soundwelt des alten Pro-One, kombiniert mit einem tollen Sequencer, bei dem man live während der Sequenz die Steps editieren kann. Und unendliche Modulationsmöglichkeiten, sehr easy im Handling. Viele Tracks starten bei mir mit einer Sequenz vom Pro-3.

Peter:
Und hier hinten stehen aber auch eine originale TR-808 und TR-909 – dazwischen dann wieder ein Elektron Model:Cycles. Was davon nutzt du noch bei deinen Sessions?

Nix Behringer, hier trommeln noch die Originale

Tom:
808 ist Kult. Es gibt ja sogar nen ganzen Film über die 808. Da sagt, ich glaube Pharell Williams den Satz: „Du bist im Studio und dein Song ist nur so lala – und dann legst du die 808 drauf und es ist sofort funky.“ Aber, die 808 klingt natürlich schon so ultra-bekannt, dass ich sie für Tracks gar nicht so oft nehme. Aber zum Jammen ist sie die beste. Dieser kleine Model:Cycles funktioniert in gewisser Weise ähnlich: dieselbe Pattern-Logik. Bisschen komplizierter. Da kannste viel, viel mehr Sounds einstellen und jeden einzelnen Step im Klang bearbeiten. Wenn ich damit produziere, zerlege ich jedes Pattern und recorde einzelne Audio-Spuren. Bei 808 und 909 genauso.

Peter:
In einem kleinen Glaskasten hast du liebevoll ein Diorama gebaut mit Miniaturen von Vintage-Synthesizern, die wirklich genial aussehen. Wer stellt denn so etwas her?

Tom in seinem Miniatur-Dreamstudio

Tom:
Der Typ ist der Knaller, Ronaldo, ein Modellbauer aus Sao Paulo, Brasilien. Den habe ich zufällig auf Facebook gesehen. Der baut die coolsten Synthesizer im Maßstab 1:6. Superdetailgetreu bis zum letzten Knopf. Ultra-cute. Und dann hab ich ihm geschrieben und er hat mir schließlich das Traumstudio gebaut, das ich in echt nie besitzen konnte (und das man auf dem Vintage-Markt nicht bezahlen könnte): Yamaha CS-80, Mellotron, EMS AKS, PPG Wave 2.3 usw.

Peter:
Und der Typ zwischen CS-80 und Co. bist doch ganz offensichtlich du selbst. Zumindest sieht dir das Männchen verdammt ähnlich. Wie kommt’s?

Tom:
Totaler Zufall: Das Team meiner Firma hatte mir als Gag zum Geburtstag mal ne Action-Figur von mir geschenkt, die man mit’m 3D-Scanner machen konnte. Und die passt nun zufällig in die Mini-Synth-Welt. Als ich dem Modellbauer in Brasilien ein Foto geschickt habe, ist der fast ausgeflippt: „Can’t believe it! You’re probably the only one worldwide having an action figure of yourself that fits to my miniatures.“ Das ist jetzt mein persönliches Mini-Synthi-Museum.

Peter:
Machst du eigentlich auch Musik für eure eigenen Filmproduktionen?

Tom:
Wollte ich immer, aber ganz ganz selten. Für die meisten populären TV-Formate im Privatfernsehen ist meine eher darke Musik aber natürlich auch nix. Und um nen ganzen Film zu vertonen, müsste man sich viel Zeit nehmen.

Peter:
Wo können wir deine neuesten Stücke hören?

Tom:
Ich habe mein letztes Album „Elements of Flow“ ganz normal bei Spotify, Apple Music, Deezer und Co. veröffentlicht. Wer will, hört mal in „Yttrium“, „Selen“ oder „Bismut“ rein. More Morbid Beat heißt das Projekt. Unter dem Namen findet man auch noch ein paar weitere Tracks. Leider sind viele Sachen, die ich mal via Spinnup veröffentlich habe, inzwischen gelöscht. Aber auf Soundcloud habe ich noch einiges von Electro-Pop bis Beethoven Brahms Reworks: soundcloud/mc-aliensen. Von dem Elements-Album gibt‘s bald ne kleine Auflage als Vinyl. Falls das tatsächlich jemand hören will :-), der darf sich gern melden und ne Vinyl bekommen.

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Peter:
Gibt’s irgendwelche Pläne für kommende Produktionen oder Events? Du hast was von einem YT-Channel erwähnt.

Tom:
War immer mal ne Idee. Aber dazu bin ich wohl zu wenig Performer. Wenn das Vinyl-Album fertig ist, gebe ich ne kleine Record-Release-Party mit Live-Action. Und von anderen Producern oder Künstlern mache ich hin und wieder Remixes bzw. besser: Reworks. Von Kings of Convenience gibt’s z. B. einen tollen Song: „Boat behind“, Singer-Songwriter-Pop. Da habe ich z. B. ein komplett elektronisches Rework produziert und mit Vocoder gesungen.

Peter:
Na dann wünsche ich dir viel Erfolg und Spaß mit all den Schätzchen, die du hier hast.

Tom:
Danke! Und Grüße an alle da draußen, für die Musik genauso das Universum ist.

 

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Fazit

Wir sind immer sehr an eurer Musik und euren Produktionen interessiert. Wer sich in dieser Serie gerne sehen möchte, spannende Tracks und gute Fotos hat, der möge sich doch bitte bei mir melden.

Euer Tyrell

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Forum
  1. Profilbild
    zeitlos

    Gefällt mir gut die Musik, besonders das Brahms-Rework. Tolle Sounds, die Drums lebendig und gelungen sparsam eingesetzt, die Variationen der Themen pfiffig entwickelt.

  2. Profilbild
    THo65

    Schönes Interview, klasse Typ und gute Musik. Und eine sehr sympathische und vertraute Arbeitsweise.

  3. Profilbild
    tom.g.now

    Und an alle, die in ähnlichen Musikwelten (oder auch in anderen?) unterwegs sind; vielleicht ergibt dich die Gelegenheit für Collaborationen?

  4. Profilbild
    deepmor

    Schönes Interview, tolle Musik. Miniaturen von Vintage-Synthesizern sind so süß. Viel Erfolg

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