Black Box: EMU ProCussion, Drum-Expander

23. Mai 2014

Brain-Percussion für Grenzgänger

Ein kleiner Rückblick

1989 kündigte EMU einen Soundexpander an, der den Sound des 25.000 DM teuren Emulator III in einer 1 HE Unit beherbergen sollte. Gemeint ist hier das graue Keyboard-Schlachtschiff EMU III, das zwei Jahre zuvor für Aufsehen sorgte – und nicht die EIIIXP Expander-Version, die in den Folgejahren auf dem Markt erschien – ohne analoge Filter und ohne dem Sexappeal des Keyboards.

Es dauerte ein weiteres geschlagenes Jahr bis schließlich EMU den viel versprechenden Expander erstmals als PROTEUS auf der NAMM SHOW vorstellte. Die vollmundigen Werbeversprechen wurden dann allerdings nur zum Teil gehalten. So verfügte der Proteus über ein 4 MB Rom mit 16 Bit Samples und einer maximalen Sampling-Rate von maximal 39 kHz (!!!) und verzichtete vollkommen auf Filter. Von einer günstigen EMU III Playback-Expander-Version konnte also nicht die Rede sein.

E-Mu ProCussion Anzeige von 1991

Es folgten die Modelle Proteus/2 mit Orchester-Sounds und Proteus/3 mit Ethno-Sounds. 1991 ergänzte man schließlich das Trio um den EMU ProCussion, den ich Ihnen heute  vorstellen möchte und der meiner Meinung nach auf Grund seiner einzigartigen und unnachahmlichen Sounds bis heute auch in aktuellen Studioproduktionen eine gute Figur macht.

Ich greife damit gleich einmal das Fazit vorweg: Während Proteus/1 bis Proteus/3 heute gerade noch nostalgische Gefühle wecken, wohl aber kaum den Ansprüchen zeitgenössischer Produzenten genügen, gilt der Emu ProCussion als ein echter Geheimtipp und hat dank seines kantigen Soundprofils bis heute eine Daseinsberechtigung. Zieht man dann noch das Preis-Leistungs-Verhältnis in Betracht (laut Syntacheles-Liste auf Ebay geschätzte 70,- Euro!), sollte die Hemmschwelle für einen Testkauf äußerst gering sein.

Bei mir hat der EMU ProCussion jedenfalls die letzten 24 Jahre überstanden und lässt sich auch durch moderne Plug-ins nicht vollständig verdrängen. Nun aber los:

ProCussion CU Right

INNENLEBEN

Der EMU ProCussion ist quasi die Percussion- und Drumversion des Proteus/1. So befindet sich auch im ProCussion der gleiche Chip, der auch im EMAX II und der ersten Proteus Generation seine Arbeit verrichtet hat. Im Klartext: 16Bit / 39 kHz Samplingfrequenz, 32-stimmige Polyphonie. Das schwarze, stabile Kunststoffgehäuse beherbergt 4 MB an Percussion- und Drumsounds, teilweise aus der original SP12 und EMU III Library. 548 verschiedene Schwingungsformen hat EMU in dieses 4 MB große ROM gepackt und das angeblich ohne Datenreduktion.

HARDWARE

Über sechs Audioausgänge, die auch als drei Stereopärchen konfigurierbar sind, führt der ProCusssion seine Sounds nach außen. Der Emu ProCussion verzichtet zum Glück auf ein externes Netzteil und lässt sich mit einem handelsüblichen Schukokabel mit Strom speisen. Das MIDI-Trio komplettiert die rückseitige Ausstattung.

ProCussion Back

KLANGERZEUGUNG

128 Drumkits (64 ROM, 64 RAM) verwalten 1062 verschiedene Percussion- und Drumsounds (550 ROM, 512 RAM). Diese große Menge an Sounds ist nur durch die geschickte Stimmenarchitektur des Emu ProCussion möglich. Die 548 Samples sind nämlich nur selten auch komplette Klänge, meist muss man schon mehrere Samples zusammenfügen, um zu einem gut klingenden Ergebnis zu kommen. Aber genau darin liegt die Stärke des Emu ProCussion. Man mixt sich aus bis zu vier Einzelsamples einen neuen Sound. Dazu kommen unzählige Modulationsmöglichkeiten, die dem endgültigen Klang Lebendigkeit verleihen. Leider verfügt der Emu ProCussion über kein einziges Filter, schade. Auch die angekündigte 4 MB Sample-ROM Erweiterung wurde letztlich nie fertig gestellt.

Die maximale Polyphonie von 32 Stimmen verringert sich natürlich bei Verwendung von Layern. 4-fachLayer sind entsprechend nur noch 8-fach polyphon. Bei einem Percussion-Modul ist das aber auch heute noch ein ausreichender Wert, da selbst bei aufwendigen Drumparts nur selten 8 Sounds (die je aus 4 Sounds bestehen) gleichzeitig erklingen. Ich bin jedenfalls noch nie an die polyphonen Grenzen des Emu ProCussion gestoßen.

EDITING

Soundediting ist beim Emu ProCussion ebenfalls die Achillesverse, da die Struktur eines Sounds nur schwer durchschaubar ist. Über ein Edit-Program wie z.B. SOUND DIVER geht die Erstellung eigener Percussionsounds aber relativ einfach von der Hand. Ein LFO, zwei dreistufige Envelopes (für AMP und Pitch), eine Modulationsmatrix mit 4 Strängen sowie ein Tone-Parameter, der quasi ein Filterersatz sein soll (ist es nicht, macht den Sound nur dumpfer), sind pro Layer möglich, aber am Gerät wirklich sehr umständlich zu bedienen.

ProCussion CU Left

MIDI

Einen großen Pluspunkt streicht der Emu ProCussion im MIDI-Verbund ein. Über jeden der 16 MIDI-Kanäle lässt sich ein eigenes Drumkit ansteuern. So lange man die verfügbare Polyphonie von 32 Stimmen nicht übersteigt, lassen sich also beliebige Sounds verschiedenster Drumkits über unterschiedliche MIDI-Kanäl antriggern, ohne immer wieder neue Kits programmieren zu müssen, nur um einmal alle verfügbaren Snaredrums auszuprobieren. Der Rest der eingesetzten Drumsounds rappelt währenddessen weiter vor sich hin. Die Drumkits lassen sich natürlich über MIDI-Program-Change abrufen und können somit in das Song-Arrangement des Sequencers eingebunden werden.

ProCussion CU Mid

SOUND

Zunächst einmal sei bemerkt, dass der Emu ProCussion druckvolle Percussion und Drumsounds erzeugt, die nur bei lang ausklingenden Klängen in der Release-Phase ein hörbares Rauschen aufweisen. Da die meisten Samples in der Regel kurz geschnitten sind, ist dieser Punkt jedoch zu vernachlässigen.

Durch die begrenzte Samplingfrequenz fehlt aber besonders den Cymbals das letzte Quäntchen Höhen. Auch sind Ride- und Crashbecken zu früh geloopt, um natürlich auszuklingen.

Zu den Stärken gehören hingegen phantasievolle Percussionsounds, Fantasy-Soundmappings jeder Couleur sowie LoFi Drums. Wer es gerne ein bisschen TR-909 mäßig hat, wird nicht auf seine Kosten kommen. Es gibt zwar ein paar passable TR-808 Kick und Snare-Sounds, die aber niemals die Wucht ihrer analogen Vorbilder erreichen.

Eines muss man dem Emu ProCussion aber auf jeden Fall zugestehen. Er hat seinen ganz eigenen, charismatischen Klangcharakter, der selbst in einem dichten Mix deutlich zu erkennen ist. Liebhaber von authentischen Natursounds werden definitiv nach anderen Klangerzeugern Ausschau halten müssen. Wer allerdings prägnante Drumsounds sucht, die zeitlos auch in den kommenden Jahren nicht an Identität verlieren werden, der wird mit dem ProCussion seine Freude haben.

ProCussion Angle

An dieser Stelle sei auf die Klangbeispiele verwiesen. Ich habe ganz bewusst keine gängigen Sounds gewählt, sondern viele der erwähnten Special-Sounds zum Einsatz gebracht, um hörbar zu machen, was mich am ProCussion so reizt.

Der Hall im ersten Audiobeispiel wurde durch einen Effektprozessor hinzugefügt. Die weiteren Audiobeispiele wurden trocken aufgenommen.

Ansonsten wurden die Aufnahmen nur normalisiert und leicht komprimiert.

ALTERNATIVEN

Wer nun gefallen an den Beispielen gefunden hat, der hat keine Alternative. Wie der ProCussion, so klingt nunmal nur der ProCussion. Spätere Proteus-Generationen hatten denkbar umfangreichere und ihn Bezug auf akustische Sets auch deutlich realistischere Sounds. Selbst bei E-Drums – also Nachbildungen von TRs und Simmons, stellen so manche Nachfolger den ProCussion in den Schatten.

Wer allerdings wirklich auf DIESEN Sound steht, diese faszinierenden Mappings und abgefahrenen Klänge, der muss wohl oder übel 70,- Euro investieren ;-)

Fazit

Der EMU ProCussion ist ein kreatives Soundfeuerwerk. Als Imitator für Roland TR-Klassiker oder Naturschlagzeug kann er nicht überzeugen. Sein Potential liegt bei Drum- und Percussionsounds, die außergewöhnlich, kantig und einzigartig sind. Nicht ohne Grund hörte man den EMU Pro/Cussion aus vielen 90er Produktionen DEUTLICH heraus, z.B. bei einigen Produktionen von PRINCE. Für 70,- Euro ein echter Geheimtipp!!

Plus

  • außergewöhnliche Sounds mit hohem Inspirationsfaktor
  • einfach zu bedienender Multimode
  • 6 Einzelausgänge
  • extrem große Auswahl an fertigen Sounds, Layern und Kits

Minus

  • sehr umständliche Bedienung, wenn man Sounds editieren möchte
  • keine Filter
  • Samples mit nur 39 kHz

Preis

  • ca. 70,- Euro (Stand Mai 2014 lt. Syntacheles-Liste)
Klangbeispiele
Forum
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    TobyB  RED

    Hallo Peter,

    für 70€, das ist dann die NoBrainer Kategorie. Der Proteus kling gut :-) Da verspüre ich GAS. Ich denke das er immer noch aktuell ist und z.b. in Verbindung mit einer VT-3 o.ä noch einiges leisten kann.

    Eine Frage hab ich noch, wer arbeitet bitte noch mit Sounddiver? Ich habs entsorgt, die Arbeit in einer Virtuellen Maschine unter OS X mit WinXP und einer M4UXT war ein echtes Ärgernis. Für die Soundeditierung benutze ich mittlerweile CTRLR. Teilweise gibts es für Vintage Schätze schon Panels, bzw. man erstellt sich eins, wenn man die MIDI Implementation hat und die korrekt ist. EMU war da immer vorbildlich, im Gegensatz zu anderen ;-)

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      Despistado  

      ICH arbeite noch mit Sound Diver.
      Ich bin froh, dass das auch im Großen und Ganzen recht gut klappt, denn Alternativen (an Universal-Editoren) gibt’s ja bis auf Midiquest kaum (und Midiquest mag ich nicht).
      Ich hab zwei Midisport-Interfaces (einmal 4×4 und einmal 8×8).

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    MidiDino  AHU

    Mir gefällt der Hang, an lieb gewonnen Schätzchen festzuhalten, wenn sie zu Produktionen noch etwas beitragen können. Ich selber pflege eine solche Leidenschaft. Meine Wahl würde wahrscheinlich nicht auf den ‚Procussion‘ fallen, aber darum geht es nicht! Ich bin immer wieder erstaunt, was mit solchen alten Geräten heute noch möglich ist.

    Speziell von Emu habe ich immer noch einen um- und aufgerüsteten E-Synth (E4), softwareseitig den X2, zudem eine riesige Soundbibliothek für beide, die weit über die EMU-Produktionen hinausreicht. Ein Procussion käme sich recht verloren vor ;-)

    Aber egal. Es gibt viele ausgewachsene Sound-Umgebungen. Wenn Dir diese Proteus-Variante ans Herz gewachsen ist, warum nicht :-)

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      TobyB  RED

      Hallo Mididino,

      ich bin jetzt auch stolzer Besitzer von diesem Teilchen :-) und bin begeistert :-) ich hab exakt 65€ bezahlt :-D Ich hab im letzten Jahr einiges an diesen Vintagekisten gekauft, die meisten Leute die die Dinger loswerden wollen, beklagen sich über mangelnde Midieditoren für ihre Patch Libaries. Beziehungsweise das vorhandene Betriebssysteme ihre Editioren nicht unterstützen, mein Procussion stand drei Jahre rum. Ich verstehe das zwar nicht, weil es zu Sounddiver nun außer Midiquest Alternativen gibt.

      Fazit: EMU klingt nachwievor gut und der Procussion ist noch nicht am Ende.

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        AMAZONA Archiv

        Gratulation zum Familienzuwachs :)
        Bei mir ist heute der Proteus/3 angekommen; war auch so ein spontan-Schnapper, und ich hab für 2 Stunden das Grunsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen.
        Meine Proteus-Familie ist somit komplett …..

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          TobyB  RED

          Hallo Andreaz,

          bei mir waren es die Klangbeispiele von Peter ;-) Blöd nur das meine Mischpulte schon wieder voll sind ;-) Den Proteus/3 hab ich auch noch auf der Liste, ich hoffe die Midi Impelmentierung von dem ist ähnlich sauber wie beim Procussion, ich hab 2x3h Stunden gebraucht um eine Controller Oberfläche in ctrlr zu realisieren. Wohingegen ich mit der D110 immer noch zu kämpfen habe ;-)

          Grüße

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            AMAZONA Archiv

            Mischpulte sind wieder voll?
            Da krieg ich ja Angst :)
            Machs einfach wie ich: Einen Submischer pro Rack, dazu alles via Patchbay vorbereiten und schon sieht es aus wie in der New Yorker Telefonzentrale 1917….

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              TobyB  RED

              Morsche Andreas,

              das werde ich wohl tun müssen, ich bin mit meinem Gespann an Mischern ZED 14 und als Hauptmixer ZED420 sehr zufrieden und werde davor eher aufsummieren und patchen. 36 Kanäle sind nichts, wenn man zu faul ist ständig zu stöpseln ;-) Zum Patchen, es gab 1990 in der Ex DDR noch Telefonvermittlungen die auf diese Weise betrieben wurden ;-) Selbstwählverbindungen gab in nur von Einzelanschlüssen, an Nebenstellen wurde meist vom Pförtner per Stöpseln ein Amt gesteckt. Lustig war auch der 3 Ader Betrieb in der DDR, der erlaubte bei aufgelegtem Höhrer, das Samplen von der letzten Vermittlungstelle. Interessanterweise waren die im Stasi Hauptquartier so paranoid das die ihre ganze interne Anlage so konzipiert und umgesetzt haben…

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                AMAZONA Archiv

                Hiermit sei dir, und da spreche ich sicherlich jedem hier aus der Seele, der Titel
                „Meister der Abschweifungen“ ehrenvoll verliehen.
                Gehe maßvoll und im Sinne des ganzen Universums mit dieser neuen Macht um….

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                  TobyB  RED

                  Hallo Andreas,

                  gibt mir keine Stichworte ;-)

                  Ich trage den Titel in Ehren :-)

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    AMAZONA Archiv

    Ich möchte mich der Proteus-Hymnensingerei gerne anschließen.
    Der Pro/Cussion ist in der Tat ein flexibler und immer wieder geil klingender Drummie.
    Aber an einer Stelle möchte ich Peter vehement widersprechen: Beim Proteus/1 werde ich nicht nur nostalgisch; die Sounds „InChoirIrie“ und „Octave Choir“ sind meiner Meinung nach heute auch noch ganz großes Kino und immer wieder gut zu gebrauchen. Gerne auch mit etwas externer Effektierung….

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