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Blue Box: Böhm Soundlab Modularsynthesizer (1983)

19. Dezember 2020

Rarität in Ton und Bild: Boehm Soundlab

Vorwort

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Manfred Miersch, über den wir bereits anlässlich der Restauration eines Subharchords berichtet haben, hatte uns kürzlich kontaktiert und auf einen seltenen Modular-Synthesizer aufmerksam gemacht: das Böhm Soundlab Modularsystem.

Selbstverständlich waren wir sofort interessiert, zu diesem seltenen Klangerzeuger einen Artikel zu veröffentlichen. Angereichert mit Bildern und Video von Manfred Miersch, hier nun in Form eines Interviews: Das Böhm Soundlab Modularsystem von 1983.

Manfred Miersch vor seinem Böhm Soundlab

Peter:
Hallo Manfred, kannst du uns ein paar Worte zum Böhm Soundlab sagen. Vielleicht etwas zur Entstehungsgeschichte oder zum Erscheinungsjahr?

Manfred Miersch:
Das Soundlab-System wurde 1983 nach Ideen und einem Konzept  von Prof. Dr. Bernd Enders entwickelt, wobei die Schaltung von Oliver Kellogg stammt. Es entstand in einer Zusammenarbeit der Universität Osnabrück mit der Orgelfirma Böhm. Enders arbeitete seit 1981 an der Osnabrücker Uni. Die Module wurden in 1985 um ein „Digital Sound Memory“ ergänzt, ein spannungssteuerbarer Sampler von Dieter Doepfer mit 32 kB RAM bei 12 kHz Bandbreite. Das DSM-Modul hatte sogar einen Ausgang für den Commodore C64 und alle sonstigen Computer mit 8 Bit Parallel-Schnittstelle (User-Port).

Sollte jemand so ein DSM-Modul zu verkaufen haben, kann er sich bei mir melden, wie man auf den Fotos sieht, habe ich den Platz extra freigelassen …

Abbildung aus dem von Manfred Miersch produzierten Video

Bereits in der Ausgabe vom Dezember 1985 wurde im Magazin KEYBOARDS ein als Bausatz erhältlicher MIDI-Expander der Firma Böhm getestet und besprochen. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Zeit der analogen monophonen oder duophonen und modularen oder halbmodularen Synthesizer vorerst vorbei war. Im Kleinanzeigenteil derartiger Magazine wurden Mitte der 1980er-Jahre regelmäßig analoge Synthesizer zu Preisen angeboten, die heute um mehrere Nullen und mit dem Euro-Symbol ergänzt werden müssen.
In den Rundfunkanstalten fand sich damals in irgendeiner Ecke im Regal immer mal ein ausgemusterter gepflegter EMS Synthi AKS und ein der Zukunft zugewandter freundlicher zuständiger Herr sagte dann: „Gib mir 100 Mark und nimm das Teil mit!“

Das Koffer-Soundlab war weit weniger verbreitet als der EMS Koffer-Synthesizer Synthi A/AKS und trotz des revolutionären DSM-Sampling-Moduls kein Verkaufserfolg. Im Internet kann man lesen, dass größere Teile der Produktion angeblich durch ein Feuer vernichtet worden seien. Ob das stimmt, kann sicherlich Bernd Enders sagen. Sein Buch „Die Klangwelt des Musiksynthesizers“ (siehe Foto) gehört, nebenbei gesagt, zum Besten, was es zum Thema gibt.

Peter:
Ich nehme an, das Böhm Soundlab ist entsprechend selten, oder?

Manfred Miersch:
In Matthias Beckers Buch „Synthesizer von gestern Vol. 2“ vom Februar 1995 kann man bereits lesen: „Es wurden nicht allzu viele Geräte hergestellt, so dass die Wahrscheinlichkeit, eines auf dem Gebrauchtmarkt zu finden, wohl recht gering sein dürfte.“ Und das also zu einer Zeit, als das Analog-Revival noch gar nicht ausgebrochen war.

Peter:
Wie kamst du zu diesem gut erhaltenen Exemplar?

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Manfred Miersch:
Ein bei mir ganz in der Nähe wohnender Musiker hat es mir zu einem fairen Preis verkauft. Als wir uns bei mir trafen und er das Teil höchst vorsichtig abstellte, war klar, dass der Schwachpunkt das Kunststoffgehäuse ist. Die Plastik-Rahmenkonstruktion ist in Teilen zu dünn und wird wohl bei jedem noch vorhandenen Soundlab mehr oder weniger beschädigt sein. Auch bei meinem gibt es diverse Schadstellen. Dank Corona ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich bald mal die Zeit finden werde, diese Stellen vorsichtig zu restaurieren.

Nach einem Böhm Soundlab habe ich jahrelang gesucht. Nicht weil ich damals schon wusste, wie es klingt, sondern aus einem ziemlich albernen Grund: Ich wollte einerseits ein kompaktes tragbares analoges und vor allem original altes Modularsystem, das bei Flügen mitgenommen werden kann, und andererseits hatte ich keine Lust, bei Auftritten im Ausland mit dem üblichen Fernost-Equipment zu erscheinen (womit ich absolut nichts gegen meine Synthesizer von Roland, Korg oder Yamaha habe) oder mit neueren kompakten Geräten. Nein, ich dachte, als jemand der in Krautrock-Land aufgewachsen ist, wäre es passender und schicker, mit einem Gerät zu performen, auf dem der Name einer altehrwürdigen urdeutschen Orgelbaufirma prangt!
Einer Firma, der durch ihre Bausätze zudem das schön nerdige Image von exzessiver Elektronikbastelei anhängt.

Peter:
Was macht seinen Reiz aus?

Manfred Miersch:
An erster Stelle: Es klingt unglaublich gut, meines Erachtens nach besser als oben genannter EMS Synthesizer.
Durch die Spannungssteuerung fast aller Module bietet es viele Möglichkeiten, die erst lange Zeit später nach seiner Entstehungszeit dann im Eurorack-System auftauchten. Die Verwendung von ineinandersteckbaren Bananensteckern ist sehr praktisch und die derartigen Stecker und Kabel sind wesentlich robuster als die heute üblichen fragilen und anfälligen Mono-Miniklinkenkabel-Verbindungen.
Dann ist da eben auch noch der Joystick, der seinem Namen alle Ehre macht. Ich gebe diesbezüglich zu, dass die Chancen, international zum Keyboarder des Jahres gewählt zu werden, durch das, was ich in meinem Filmchen mit dem Soundlab mache, eher weiter gesunken sind.

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Forum
  1. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    Ich kann mich erinnern, wie ich im Sommer 1984 bei Musik Bär in Horgen am Zürichsee (dem Böhm-Vertrieb in der Schweiz) das Soundlab nebst Digital Drums vorgeführt bekam und ziemlich geplättet war — das war mit die erste Begegnung mit einem leibhaftigen Synthesiser, nach einem Solina String Synthesizer bei einem örtlichen Musikalienhändler und einem (defekten) Wasp an der Musikschule. Es war erstaunlich günstig (um die 150 DM pro Modul), aber das war für mich noch immer unerschwinglich.

    Das Soundlab erinnert mich klanglich immer ein wenig an das Synton 3000 Modulsystem, da auch das Soundlab auf Curtis-ICs basiert — nicht wirklich punchy, dafür eher akustischen Instrumenten nahe, resonanter und feinzeichnender.

    Wenn ich mir allerdings vorstelle, ich müßte auf die endlose Suche nach Modulen und Gehäusen gehen, um ein bestehendes System zu erweitern, dann vergeht mir die Lust auf nähere Beschäftigung mit dem Böhm-System. Da bin ich dankbar für moderne Alternativen, die klanglich vielleicht eine andere Schiene bedienen, aber dafür verfügbar sind.

    Die in Minden ansässige Firma Böhm brannte im Juli 1985 komplett nieder durch ein Feuer in den Produktionsstätten. Danach ging es bei Böhm zwar immer noch irgendwie weiter, aber die glorreichen Zeiten der DIY-Heimorgelbauer waren definitiv vorbei.

    • Profilbild
      falconi  RED

      Das war in den Sommerferien, endlich mal was los – Ich habe nicht weit weg gewohnt. Meinen ersten Keyboardständer und MIDI-Merger habe ich im Insolvenzabverkauf erworben. Beide leisten mir bis heute gute Dienste.

  2. Profilbild
    PaulusS  

    Das System hätte mir auch gefallen. Aber aus heutiger Sicht wahrscheinlich unbezahlbar.
    Aber ein EMS Synthi AKS für 100 DM ist schon der Hammer.
    Eine Neuauflage wäre vielleicht interessant. Aber da scheitert es wahrscheinlich wie bei EMS an den Gehäusen.

    • Profilbild
      Dirk Matten  RED

      Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter einer Rundfunkanstalt das Eigentum dieser wie beschrieben verkauft hat. Woher stammt denn diese Information und ist sie verlässlich? Und ob das beschriebene Gerät besser als ein EMS Synthi A klingt, kommt immer auf das an, was der Anwender davon erwartet. Eine allgemeine Formulierung wie diese hier ist subjektiv, vielleicht hätte der Interviewte sagen sollen „aus meiner Sicht“ oder „nach meinen musikalischen Geschmacksvorstellungen“.

    • Profilbild
      iggy_pop  AHU

      In Gevelsberg wechselte einst der hauseigene AKS einer Schule im Tausch gegen einen Behringer Virtualizer (aus dem Sonderangebot vom Store für 39,90) für die Schul-PA den Besitzer.

      Auf dem berüchtigten Flohmarkt in Ibbenbüren stand vor einigen Jahren mal ein sehr stark fragmentiertes Soundlab, welches einen Döpfer Sound Sampler enthielt. Es sollte an die 4.000 Euro kosten, und der Verkäufer nahm seine wie Sauerbier angepriesene Rarität wieder mit nach Hause.

      Einen Preis zu verlangen, ist eine Sache — diesen Preis auch zu bekommen, eine ganz andere.

      • Profilbild
        Dirk Matten  RED

        Das ist Vergeudung von öffentlichem Eigentum, so sorglos geht man damit um, wenn es einen nicht persönlich betrifft. Abmahnung in die Personalakte. Unmöglich.

  3. Profilbild
    NicGrey  

    … am 1. Dezember wurde ein Soundlab in der Bucht für rund 1800 Euro verkauft. Einziger Mangel: Bruchstellen im Kunststoff-Gehäuse.

    Hier noch die Specs:

    Konzept: Modularsystem bestehend aus einem Basismodell und acht verschiedenen Modulen

    VCO-Modul: Sinus, Dreieck, Sägezahn und Puls mit separatem Ausgang, synchronisierbar, Regler für Pulsbreite, Pulsbreitenmodulation, Frequenzmodulation

    VCF-Modul: kaskadierbarer Tief-, Hoch-, Bandpaß sowie Bandsperre (18, 12, 6, 6 db/Oct), Regler für Input Level, Keytracking, Cutoff Frequenzmodulation, Frequenz und Resonanz

    VCA-Modul: zwei separate VCAs sowohl für Audio- als auch Steuersignale verwendbar

    VC-ADSR-Modul: für alle vier Parameter die Möglichkeit der eigenen Spannungsteuerung, Delay

    MFM-Modul: «Multifunktionsmodell» einsetzbar als Rauschgenerator, Zufallsgenerator, LFO, Sample und Hold, Ringmodulator oder 3-kanaliger Mixer

    Eingebauter Lautsprecher

    • Profilbild
      iggy_pop  AHU

      Eine Menge Kohle für sieben Module und eine Tastatur, wie ich finde. Und besonders „viel“ kann man mit dieser Brot-und-Butter-Konfiguration auch nicht anstellen.

      Naja, irgendeiner braucht es immer.

      • Profilbild
        lightman  AHU

        Ich oute mich mal und gestehe, daß ich einige zeitlang hinter dem Soundlab her war. Mein Ansatz damals (Anfang der 90er) war, daß es wohl kaum viel kosten könnte, Böhm war ja eher eine behäbige Marke, die im elektronischen Bereich härterer Gangart keiner auf dem Schirm hatte. Leider gab es wohl nicht viele der Teile, ich hatte daher kein Glück, das einzige Angebot entpuppte sich als unbrauchbarer Totalschaden.

        Ironischerweise fand just zu dieser Zeit ein Insolvenzverkauf des Nürnberger Orgelstudios statt, wo ich als orgelbegeisterter Steppke in den späten 70ern oft rumhing und ab und zu sogar mal diverse Instrumente anspielen durfte, in diesem Rahmen wurde ein neuwertiges Soundlab für 400 Mark veräußert, was ich erst Jahre später erfuhr. Dumm gelaufen.

        Man braucht es nicht wirklich, aber das Teil ist für mich nach wie vor inspirierend.

  4. Profilbild
    tantris  

    Mag sein, dass das Gerät selbst ein Rarität darstellt. Für den Klang gilt das sicher nicht. Die Maschine verfügt über einen VCO, Filter, Hüllkurven, VCA, Noise, LFO und Sample Hold. Gäääähn ….

  5. Profilbild
    Umusasa

    Der ‚SoundLab‘ in seinem Plastikkoffer war ja sehr ähnlich dem MOOG ‚Sonic Six‘ in dessen Plastikkoffer – tragbar, aufklappbar und insgesamt eher leicht (gegenüber den vielen damals im Metall- (mit Holzwangen) oder Vollholz-Gehäusen (wie MiniMoog etc.).
    Klar – wenn dann Transportschäden auftraten (weil viele Musiker vielleicht das Geld für die Synthesizer aufbrachten – nicht aber die etwa 5-15 % des Instrumentenpreises für ein zusätzliches und Wert sowie Funktion erhaltendes Flightcase), dann waren diese eben am eher unreparierbaren Plastikgehäuse, welches eben nicht die Stabilität eines Flightcases aus Holz, Alukanten und Kugelecken hatte.
    Ich hatte Anfang der Neunziger in Stuttgart eine Sammlung von 75 Synths – auch beide oben erwähnten; viele musste ich generalüberholen – es waren wahre Schätze darunter … zusammen heute ein Vermögen wert ! Für einen KORG ‚800DV‘ ersetzte ich die völlig zerschlagenen Holzwangen durch neue (als Schreinersohn natürlich so nahe am Original wie möglich). Der Käufer war voll zufrieden – und ich hoffe, dass das edle Teilchen heute noch so gut aussieht wie damals!

  6. Profilbild
    Umusasa

    Der Dr. BÖHM ‚SoundLab‘ arbeitete mit Patchcords mit sog. ‚Bananensteckern‘ (4 mm Durchmesser / einpolig – also OHNE Masse/Abschirmung ! – solche Stecker werden z.B. in MultiMetern verwendet). Es waren und sind Stecker im Elektronikfachhandel erhältlich … auch in verschiedenen Farben und Qualitäten.
    Eigentlich schlüssig, dass es einpolige Kabel sind: die Masse aller Module kommt ja vom gemeinsamen Netzteil, sie liegt folglich überall auf demselben Niveau. Somit sind für Trigger-, CV- und auch Audiosignale eben nur einpolige Verbindungen zwischen Modulen notwendig.
    Diese Bananenstecker und deren zugehörige Einbaubuchsen (auf den Modul-Oberflächen) sind in aller Regel recht robust – es gibt keinen Doppelkontakt und auch keinen mechanischen Schaltkontakt innen (mit dem im un-belegten Zustand der Buchse eine interne Verbindung durchgeschaltet wird). Zugehörige Kabel (‚Messkabel‘ – auch in verschiedenen Farben erhältlich) sind mangels der Abschirmung hochflexibel … für den, der das mag.

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