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Blue Box: Crumar Trilogy, Analogsynthesizer


Schmal aber nicht unsportlich

Heute gibt es einen Spruch aus dem Küchenkalender – kostenlos: Im Leben benötigt man viel Geduld!!! Geduld im Beruf (vorzugsweise mit Vorgesetzten, zuweilen auch mit Arbeitskollegen bzw. -innen, aber natürlich auch mit Kunden), in Beziehungen (…), mit Behörden (Reinhard Meys Klassiker “Antrag auf Erteilung eines Antragformulars” ist nach wie vor sehr aktuell), mit Kindern aller Altersklassen (und mit deren näherer Umgebung), im Postamt (am Freitagvormittag bei einem einzigen geöffneten Schalter), im Straßenverkehr (von Erlangen nach Würzburg rechterhand zwischen zwei LKWs), im Kino (mit popcornwütigen und lautstark grölenden, nicht näher zu identifizierenden Individuen), im Studio (mit sich auf unerklärliche Weise von selbst verknotenden Kabeln), und natürlich ganz speziell mit CRUMAR.

Durch das Titelbild eines Vangelis-Albums bekannt: Crumar Trilogy

Durch das Titelbild eines Vangelis-Albums bekannt: Crumar Trilogy

Doch selbst bei CRUMAR gibt es Abstufungen. Jene, die einen DS-2 Synthesizer ihr eigen nennen, benötigen viel Geduld und vor allem auch Nerven wie Drahtseile. Immerhin funktionieren grob geschätzt 8 von 10 dieser Synthesizer grundsätzlich nur teilweise oder so gut wie gar nicht. Besitzer eines Crumar Spirit benötigen viel Geduld und vor allem viel Zeit, um die beinahe intriganten Verschachtelungen rund um Mod X und Mod Y in irgend einer Weise zu durchschauen. All jene mit einem Crumar Trilogy schließlich benötigen neben Geduld vor allem viel Fantasie und den unerschütterlichen Glauben, dass dieses Instrument auch tatsächlich ein vollwertiger Synthesizer ist (was ja, genau genommen, nur teilweise stimmt).

Der Trilogy hat gewiß schon manche Musiker (vorzugsweise jene mit wenig Geduld) in den Wahnsinn getrieben. Stept man durch die (sieben) Werkspresets, so wird man einer mageren und zuweilen geradezu fragilen Klangschwäche hörig, die keinesfalls zum styligen Aussehen des durchaus geschmackvoll gestalteten Synthesizers passt. Um jedoch an dieser Stelle Vorurteile zu vermeiden, möchte ich ein kleines Gesamt-Resumée einwerfen: Der Crumar Trilogy hat – neben dem Sequential Prophet-5, dem ARP-2600 und einigen Moog Synthesizern (wie etwa dem Multimoog) – eines der schönsten Filter (bzw. eine der schönsten Filter-Resonanzen, um genau zu sein) aller Zeiten. Weiters gibt es noch einige zusätzliche Besonderheiten, die im Trilogy einmalig und für die gesamte Synthesizer-Historie einzigartig sind.

Logo, Rückseite

Logo, Rückseite

Dieses Statement scheint mir nicht ganz unwesentlich (und lohnt ein Weiterlesen des Berichtes), zumal der Trilogy am Gebrauchtmarkt des öfteren zu attraktiven Preisen ab ca. 300 Euro angeboten wird.

Multikeyboard

Der Crumar Trilogy ist im strengen Sinne gesprochen kein eigenständiger Synthesizer. Er ist ein Multi-Keyboard, eines jener mehrfach-orchestrierten Instrumente also, wie sie um die Wende der 80er Jahre so beliebt waren. Diese Konzepte (von Moog Opus 3 über den Korg Delta, Lambda, Trident, ARP Quadra, Siel Orchestra, Yamaha SK-Serie, Roland Paraphonic RS-505, Saturn 09, etc in allen Größen und Schattierungen erhältlich) sollten übermäßige Keyboard-Burgen vermeiden. Daher weg mit der Hammond und weg mit dem Oberheim OB-X. Hier kommt der Trilogy…

Crumars TRI – LOGY bietet – der Name lässt es stark vermuten – drei Klangeinheiten: Orgel, Strings und Synthesizer. Über einen kleinen Mixer lassen sich die Klangquellen individuell mischen und rückwärts sogar separat abgreifen.

Organ

Die Orgel-Einheit ist puristisch aufgebaut: 4 Schieberegler ermöglichen das Mischen der Fußlagen 16′, 8′, 4′ und 2′. Der Klang ist nicht so schlecht, sollte er doch eine Kirchen(Pfeifen)Orgel imitieren, was ansatzweise gelingt. Eine nette, jedoch sehr simple Beigabe – vielen Dank und weiter geht’s…

Orgel-Sektion, Askese pur ...

Orgel-Sektion, Askese pur …

Strings

Ähnliches gilt hier – die Streicher sind relativ einfach aufgebaut. Das stufenlose Mischen von tiefen zu hohen Strings (16′ zu 8′) ist ebenso möglich wie die Einstellung des grundsätzlichen Klangbildes von dunkel nach hell (“Timbre”), sprich: Filter auf und zu. Mit dabei ist eine kleine Hüllkurve, die den groben Klangverlauf bestimmt. Attack und Release erlauben somit zumindest kleine Variationen im streichenden Orchestergraben. Die String-Abteilung ist “ok”, wobei ich persönlich nie ein Fan der Crumar-Streicher war und hier jeden Korg Delta oder Lambda und so manche Roland- oder Yamaha-Stringmachine vorziehen würde. Natürlich ist mir bekannt, dass viele Musiker gerade die Crumar-Strings besonders interessant finden. Also lassen wir jegliche persönliche Wertung als nicht aussagekräftig beiseite und kommen zum dritten Teil des TRILOGY…

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Klangbeispiele

  1. Profilbild
    Dreitagebart

    Ich empfand dieses Ding damals als total käsig und dünn klingend und verstehe nicht, warum das jemals jemand gekauft hat. Auch in dieser Preisklasse gab es zum Zeitpunkt seines Erscheinens schon wesentlich besser klingende Instrumente.

  2. Avatar
    Stefan

    Diese Vintage Blue box Serie gefällt mir sehr gut. Besonders angetan hat es mir hier das Klangbeispiel 5, wie bekommt man diese mystischen Akkorde im zweiten Teil hin ? Sind das Layer mit extrem Schwebungen ?

    • Profilbild
      a.jungkunst AHU

      Neben dem speziellen GLIDE dürfte hauptsächlich ein Delay zu diesem "mystischen" Wirken beitragen. Letztendlich wird auch da nur mit Wasser gekocht :-)
      Es klingt aber gut, ich mag diese Klänge auch gern.

      • Profilbild
        Bloderer RED

        Axel hat natürlich recht. Delay ist hier ein wichtiger Faktor. Ich denke auch, dass gerade die analogen Instrumente sehr wohl für den Einsatz mit Effekten (vorzugsweise Bandechos) gedacht waren. Dennoch muß der Basisklang eine bestimmte Qualität haben, sonst greifen die Effekte ins Leere. Beim Hörbsp. Nr. 5 kommt Glide Mode C des Trilogy vor. Man kann gut hören, wie ein OSC gleich bleibt, und der andere über einen Zeitraum von 2-3 Sekunden von unten her über Glide 'angeschliffen' wird. Das macht das Klangbild ungewöhnlich und interessant. Mittels Delay wird dieser Eindruck noch verstärkt bzw. erhält so mehr Räumlichkeit.

  3. Avatar
    babo

    wie immer schöner beitrag. zu ergänzen wäre noch das die synthabteilung vollpolyphon ist, und pro filter/amp-card von allen
    oktaven je zwei halbtöne (tasten)
    geschickt werden, was zu lustigen
    neu-trigger efekten führen kann. man hält einen akkord, und spielt
    achtel auf dem um zwei oktaven transponierten selbigen akkord.
    bis auf oszis selbe chips wie pro

    • Profilbild
      Bloderer RED

      Vollpolyphon? Danke, das ist interessant (und wird im Artikel ergänzt). Es gibt allgemein viel zu wenig (und zu wenig gute) Informationsquellen zum Trilogy. Zu den Chips: Schon der besonderen Bausteine und Ersatzteile wegen lohnt es sich unter Umständen, einen nicht mehr ganz einwandfrei funktionierenden Trilogy (oder Crumar Stratus) zu erwerben. Man kann damit eine ganze Reihe von Analogen mit wertvollen Ersatzteilen versorgen…

  4. Avatar
    babo

    selben chips wie im prophet 5 bis auf die
    fehlende zweite hüllkurve und die oszilatoren. sync bedeutet leider nur
    die gleichstimmung der
    oszis, damit man von detuned sounds sofort zurückkommt

  5. Profilbild
    iggy_pop AHU

    Ich meine mich erinnern zu können, daß man die Werkspresets gar nicht als solche zu verwenden braucht, sondern intern auf einem Programmerboard — ähnlich Yamahas Miniaturpanels bei CS60/80 oder GX-1 — Minitrimmer einstellen kann für Filter- und Hüllkurvenwerte. Diese eingestellten Werte lassen sich dann über die sieben Programmtaster abrufen.

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Crumar Trilogy

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