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Blue Box: Korg 770 Analogsynthesizer

29. Dezember 2013

Vielseitig. Genial. Selten.

Korg 770 Analogsynthesizer

Korg 770 Analogsynthesizer

Die Korg 770 History

Diesmal geht es um einen kleinen Analogen, dem man gelegentlich diverse Unwahrheiten und “interessante” verwandtschaftsmäßige Verbindungen nachsagt. Immerhin wird der Korg 770 gerne als “Vorfahr” des MS-20 bezeichnet. Zwei VCOs, zwei Filter, Ring-Modulator… die Ähnlichkeit ist – punkto Technik – auch wirklich vorhanden. Zudem sieht der 770 mit seinem schrägen Bedienpanel wie eine Entwurfsstudie zum MS-20 aus. Doch im Grunde hat das eine Ei mit dem anderen kaum etwas gemeinsam. Sie stammen letztlich aus zwei verschiedenen Epochen der Korg’schen Synthesizer-Entwicklung…

1976 auf den Markt gekommen, gehört der Korg 770 zu jener hervorragenden “frühen” Korg-Produktpalette, die sich durch äußerst eigenständige, ungewöhnlich aussehende und auch in ihrem Klang unverwechselbare Instrumente auszeichnet. Zu nennen wären hier der Korg 700 (bzw. 700S), dessen Bedienelemente vorderseitig unterhalb (!) der Tastatur platziert wurden. Weiters der allseits bekannte Korg 800 DV (auch “Maxikorg” genannt), der zwei komplett unabhängige Synthesizer in einem Gerät verbindet. Letztlich wäre noch der Korg 900 PS zu nennen, ein eigenartig geformter Preset-Synthesizer mit langer Performance-Metallstange (“Touch Bar”) unterhalb des Keyboards. All diese Instrumente bilden eine Familie, die erst durch das Erscheinen der polyphonen, semi-modularen PS-Synthesizer (ab 1977) bzw. der monophonen MS-Serie (1978) abgelöst wurde.

Gruppenbild mit MS-20, PS3100, 770

Obwohl der Korg 770 also einem MS-20 und PS-3100 ähnlich sieht, entstammt er dennoch einer früheren Generation.

Korg 770 – bescheidene Rückseite

Diese frühe Generation der Korg-Synthesizer hat Bewunderer aber auch ablehnendes Publikum gleichermaßen gefunden. Immerhin ist die Signalführung teils etwas ungewöhnlich gestaltet, viele der Korg-typischen Terminis auf den Panels bedingen Stirnrunzeln und zusätzliche Fragezeichen, die seitenverkehrte Polierung der Fader (Maximum = Fader oben = 0) verlangt flexibles Umdenken, Spielhilfen wie Wheels sucht man vergeblich, und auch die Anschlüsse sind teils sehr spartanisch und eigenwillig ausgefallen. Korg war zu jenem Zeitpunkt eben noch eindeutig “anders” als die Konkurrenz – das hat nun Vorzüge wie auch ein paar weniger praktikable Seiten zugleich.

Mit Abdeckhaube sieht der 770 einer alten Schreibmaschine ähnlicher denn einem Musikinstrument

Aussehen

Der Korg 770 sieht schnuckelig und absolut “retro” aus. Die 2 ½ Oktaven Tastatur ist sehr bescheiden gehalten, doch wiegen die qualitativ hervorragenden Potis das schon fast wieder auf. Es gibt Abbildungen der ersten PS-Prototypen (PS-3100 und PS-3300), die noch mit diesen Luxus-Drehknöpfen ausgestattet waren. Dann wechselte man bei Korg allerdings zu den in den folgenden Jahren verwendeten schwarzen Plastik-Versionen – jenen Potis, die vor allem durch die MS-Serie (bzw. dem SQ-10 Sequenzer) bekannt sein dürften. Spielhilfen gibt es beim 770 – wie schon angedeutet – praktisch keine. Wie beim 800DV ist hier links und rechts der Tastatur nur Holz anzutreffen. Sieht elegant aus, vermindert aber natürlich die musikalische Flexibilität. Einzig Portamento ist gegeben, wenn wir das mal als Spielhilfe betrachten wollen.

Die Anschlüsse sind auch sehr asketisch gehalten. CV / Gate sind zu jener Zeit leider noch nicht Standard bei Korg Produkten gewesen, und so muss man heute entsprechende Nachrüstungen selbst machen (bzw. machen lassen).

CV/Gate/Filter-IN Nachrüstung

Aufbau

Obwohl klein in der Größe, ist der Korg 770 klanglich ziemlich ergiebig. Zunächst gibt es einmal zwei unabhängige VCOs, die über einen Mixer stufenlos gemischt werden können.

Während VCO1 eigentlich analoger Standard ist, bietet VCO2 – neben dem klassischen Sägezahn – zwei Arten der Ringmodulation sowie drei (!) Noise-Quellen: Scale, Pink und White.

VCO1 geht bis 64 Fuß hinunter

 

VCO2 bietet experimentelle Klangmöglichkeiten

Der VCO-Modulator

ist nun quasi das Pendant zu den fehlenden Spielhilfen. Vibrato kann stufenlos hinzugemischt werden (mit oder ohne Delay), eine Auto Bend Funktion erlaubt Pitch-Effekte von unten oder von oben kommend – wieder mit Delay und in seiner Intensität stufenlos einstellbar.

VCO Modulator… für weitere experimentelle Nuancen

Der LFO ist übrigens nur durch einen Speed-Regler vertreten (Bedienpanel links oben). Eine Sinus-Welle ist alles was es gibt, und mehr als die Geschwindigkeit braucht man dann wohl nicht zu steuern.

Kultiger Power&Volume Schalter der frühen Korg-Synthesizer

Das Filter ist eine etwas eigenartige und gewöhnungsbedürftige Konstruktion. Im Grunde sind es zwei parallele Filter (LP und HP), die ausschließlich in ihrer Frequenz – nicht aber in ihrer Resonanz – beeinflusst werden können. Filter Eckfrequenz bedeutet hier “Traveler”, und die “Expand” Funktion entspricht dem Modulieren durch die (kleine) Hüllkurve. Dies kann übrigens positiv und negativ erfolgen, für jedes Filter separat einzustellen. Auch der LFO darf die Filter beglücken, allerdings nur mit einer Sinuswelle, und das nur im tatsächlichen “Low” Bereich. “Bright” stellt schließlich einen “Three Position High-Frequency Boost Selector” dar, was auch immer das nun sein mag… Der Klang wird hierdurch jedenfalls klarer und schärfer.

LPF und HPF

Die Hüllkurve sieht sehr ungewöhnlich aus, ist jedoch musikalisch gesehen gar nicht so schlecht. Mittels “Percussion” bzw. “Sustain” lässt sich die globale Ausklingzeit zunächst einmal sehr grundsätzlich festlegen. Verfeinerungen der Decay/Release Kombination – “Singing Level” genannt – sind mittels eines eigenen Faders möglich. Neben der genannten globalen Einstellung “kurz” (Perc.) bzw “lang” (Sust.) lässt sich die Wirkungsweise der Hüllkurve nochmals genauer festlegen, und die Zeiten können verkürzt (x0.5) oder verlängert (x10) werden bzw. gleich bleiben (x1), was quasi der Standard-Einstellung entspricht. Die Triggerung ist natürlich über das Keyboard möglich, aber auch via LFO und extern (allerdings mittels eines 5-poligen Steckers, was abseits jeder Norm ist).

Die Modulationsmöglichkeiten des Filters

Nun ja, und das war es dann auch schon.

Klang

Der Korg 770 ist erstaunlich vielseitig. Obwohl Filter und Hüllkurve keinesfalls “gewöhnlich” sind und auf den ersten Blick unvollständig erscheinen, ist die klangliche Flexibilität überraschend. Das parallele Einstellen der LP-HP Filterkombination erlaubt sehr weitreichende Nuancen, von völlig ausgedünntem bis massiv-bauchigem Klang. Die Hüllkurven packen sehr schön zu, und die Presetschalter (x0.5 z.B.) finde ich gelungen. Damit ist man beim Klangerstellen ziemlich schnell, und mit etwas Einarbeitung lassen sich langsam ansteigende Strings ebenso mühelos erstellen wie superkurze Electronic Blips. Ein wesentlicher Teil des angenehm frisch klingenen Audiomaterials eines Korg 770 ist dem Ringmodulator zuzuschreiben. Je nach Tuning der VCOs (VCO1 geht bis 64’ hinunter!) und je nach Wellenform (“Scale Noise” findet man ja nicht alle Tage…) ergeben sich hier beinahe unendliche Klangkombinationen, zumal entweder VCO1 den VCO2 modulieren kann oder umgekehrt (Typen Ring Mod 1 und 2). Natürlich wird es dann besonders interessant, wenn die VCOs wiederum durch den LFO oder AutoBend verändert werden.

Exzellente Hardware

Der herrliche Ringmodulator ist eine Besonderheit der frühen Korg-Synthesizer, besonders ausgeprägt beim Korg 700 (700S), 800DV bzw. eben beim hier vorgestellten 770. Später blieb vom Ring-Mod nicht mehr viel übrig, denn die PS-Serie musste auf dieses Modul zur Gänze verzichten (bekam statt dessen aber einen unglaublich flexiblen High-End LFO mit ähnlich klanglichen Möglichkeiten auf den Weg), und beim MS-20 blieb nur noch eine einfach anwählbare Ring-Mod Einstellung bei VCO2 übrig (was aber auch schon gut und extrem wichtig ist).

So gesehen eigenen sich die frühen Korgs eben ganz ausgezeichnet für neue, frische Klänge, für Klangexperimente, zum Soundforschen, zum Entdecken…

Korg 770 on YouTube

Fazit

Der Korg 770 wird am Gebrauchtmarkt immer wieder angeboten, leider inzwischen auch um die 800 Euro. Ein kleines Handicap ist die fehlende CV/Gate Verbindung, doch lässt sich dies nachrüsten (sollte nicht mehr als 150e ausmachen). Damit erhält man dann einen klanglichen Kraftzwerg, denn der Korg 770 ist erstaunlich flexibel. Ob sensible, angehauchte Leads oder Strings, ob grummelnde Bässe, ausgedünnte HPF-Sounds, fantastische Ring-Mod Klänge oder schlicht zackig-freche Electronic-Noises… der 770 ist ein Gerät für sich, weit ab jedes Korg MS-20, mit einem sehr eigenständigen Repertoire. Sollte im Studio ein 56 Zentimeter breiter Stellplatz für diesen Winzling noch vorhanden sein, dürfte sich die Investition eines Korg 770 demnach für den klanghungrigen und electronic-freudigen Musiker allemal lohnen…

Plus

  • Hervorragender Klang
  • Vielseitige Sounds möglich
  • unter anderem auch HPF und Ringmodulation

Minus

  • Kein CV/Gate

Preis

  • Gebraucht ca. 80 bis 900 Euro (Stand Dez. 2013)
Klangbeispiele
Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Dieses etwas merkwürde Korg Gerät war der erste Synthesizer auf dem ich mal alleine spielen durfte. Irgendwie habe ich aber die Übersicht verlohren, denn der auf einmal auftauchende Supersound kam aus dem Stringorchester das mit meinem Ellenbogen streifte…

  2. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Hallo Theo,
    schöner Bericht zum Korg 770
    Beim betrachten des Schaltplanes fällt auf:
    – der Ringmodulator ist gar keiner
    – es ist eine Sync der Osc.
    – der Freq. Teiler ist identisch mit dem Korg PS 3100

    BEACHTE !!
    auf dem Foto vom Traveller Filter wurden die Potikappen vertauscht !
    Normalerweise sind Sperren in den Potikappen eingebaut, sodaß die Potis nicht aneinander vorbeigeschoben werden können.

    Dieses "Ausbremsen" ist völlig sinnlos.

    Durch einfaches Umstecken der Köpfe gibt es kein "Ausbremsen" mehr, der Regelbereich ist erheblich größer, wie auch auf dem Foto zu erkennen.

    Hajo

    • Profilbild
      Pflosi  

      Dass das kein echter Ring Modulator sein kann, hab ich mir beim Lesen auch gedacht – schliesslich gibt es bei einem Ring Modulator bei 2 OSCs nur eine Möglichkeit: der Ring Mod produziert die Summe und Differenz der beiden Frequenzen… wenn einer der beiden OSCs den anderen wahlweise „modulieren“ kann, muss das tatsächlich entweder OSC Sync oder aber FM sein… danke für die Überprüfung durch den Schaltplan ;)

  3. Profilbild
    dr.a

    wer hat denn die letzten beiden tracks gebastelt. sehr süß wie ich finde. und die sounds extraklasse. seidigweich… hat echt nicht zu viel versprochen. mein ganz persönlicher vintage analog geschmack mitten ins herz getroffen das sonst den kleinen rolands 101, 202 gehört, von der ausrichtung her.

  4. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Ich hatte mal einen 770 als Leihgabe von einer benachbarten Band, bin aber nie richtig warm geworden damit. Die irritierende Kreativbremse der „Traveller-„Fader war dabei nur eine Sache…

  5. Profilbild
    wunderkorg

    schöne Review , das Biest ist noch immer ein Geheimtip und sauschwer zu kriegen, selbst mit Spendierhosen fast eineinhalb Jahre gebraucht und dabei nicht gescheut durch halb Germany zu tingeln.

    Bringt melodische perkussive Klänge , Leads und Midbässe hervor die ich selbst aus einem Odyssey oder ein Mini nicht rauskitzeln könnte. Geheimtip das Ding einfach mit 12″ Bit oder etwas betagteren Sampler samplen und polyphon nutzen und der Spass beginnt.

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