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Blue Box: Moog Sonic Six, Analog-Synthesizer (1972)

12. November 2021

Der Moog von Gene Zumchak

Moog Sonic Six, Analog-Synthesizer (1972)

Moog Sonic Six, Analog-Synthesizer (1972)

Der MOOG SONIC SIX ist einer der ungewöhnlichsten aller Moog Synthesizer. Dies verwundert auch nicht weiter, denn eigentlich hatte das Instrument ursprünglich mit Moog – wir sprechen hier also von Robert Moog – gar nichts zu tun. Es war stattdessen ein in Amerika lebender (und bei R.A. Moog tätiger) Ukrainer namens Gene Zumchak, der das Instrument um 1971 entwarf. Anders als der Minimoog war der von Zumchak vorgeschlagene Synthesizer keinesfalls “klassisch” aufgebaut, hatte ungewöhnlich flexible Modulationsmöglichkeiten und zugleich – in anderen Bereichen – eine teils stark eingeschränkte Klangarchitektur.

Bob Moog jedenfalls wollte davon nichts wissen (immerhin waren die Auftragsbücher rund um seine erfolgreichen Modularsysteme ausgelastet) und weil noch diverse persönliche Differenzen hinzukamen, verließ Zumchak in Folge die Firma. Das war allerdings nichts das “Aus” für Zumchaks Instrument, ganz im Gegenteil: Bill Waytena von muSonics fand Interesse daran und setzte das Konzept um. Der muSonics “Sonic V” (Sonic Five) wurde nun – wenngleich in äußerst bescheidenen Zahlen – hergestellt. Doch der richtige “Name” des Unternehmens fehlte, um den Synthesizer in Fachkreisen entsprechend bekanntzumachen. So traf es sich gut, dass Robert Moog inzwischen in finanzielle Schwierigkeiten geraten, und Waytena zu helfen bereit war. R.A. Moog wurde aufgekauft und der Sonic-Synthesizer in neuem Gewand (allerdings technisch praktisch identisch zur ersten Version) unter dem Namen “Moog” hergestellt.

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Gene Zumchak (Moog) Sonic Six

Nun standen die Zeichen der Zeit auch völlig anders und Robert Moog entwickelte ein geradezu positives Verhältnis zum Sonic Six. Er nahm das Instrument auf vielen seiner Lehr- und Informationstouren quer durch Amerika als ständigen Begleiter mit. Dennoch blieb der Moog Sonic Six – bis heute – ein eher unbeachtetes Kind der Moog-Familie. Unter “klassischen” Gesichtspunkten ist dies auch völlig zu verstehen. Aus musikalisch-experimenteller Sicht hingegen lässt sich dieser Umstand kaum nachvollziehen. Immerhin ist der Sonic Six eine echte Klangwaffe – deutlich gefährlicher als viele andere Moog-Synthesizer …

Design des Moog Sonic Six

Der im Klappdesign hergestellte Moog Sonic Six ist – einmal geöffnet – erstaunlich groß. Der obere Teil ist natürlich die Synthesizer-Einheit, während sich im unteren die Tastatur samt Controller-Sektion befindet. Die blaue Oberfläche des Panels ist dabei ebenso ungewöhnlich wie die Fader, die bei Moog generell selten anzutreffen sind. Ein eingebauter Lautsprecher sorgt für Unabhängigkeit des Instruments und im (wieder) geschlossenen Zustand ist der Sonic Six zugleich sein eigenes Case. Kompakt, transportfreundlich, autark – so könnte man das Instrument von praktischen Gesichtspunkten aus betrachten. Zugegeben, das Mausgrau des Plastikkoffers ist nicht unbedingt “hip” und wenn es z. B. bei der Tastatur einmal Reparaturbedarf gibt, ist das in sich geschlossene Design wiederum weniger von Vorteil.

Modulation-Abteilung des Sonic Six

Aufbau des Moog Sonic Six

Der Moog Sonic Six verfügt über zwei (sehr starke) VCOs, ein VCF, eine Hüllkurve (etwas wenig), einen VCA, zwei LFOs, Ringmodulator, Noise. An Spielhilfen stehen ein einfaches Pitchwheel und eine Portamento-Funktion zur Verfügung. Die vier Oktaven umfassende Tastatur ist durchschnittlich gut spielbar – die zusätzliche, halbe Oktave zum Minimoog ist hingegen sehr angenehm.

Besonderheiten des Moog Sonic Six

Es sind die untypischen Moog-Elemente, die den Sonic Six so verführerisch machen. Zunächst wären die zwei LFOs zu nennen. Sie bieten eine Vielzahl an Schwingungsformen, können gemeinsam durch eine (interne) Masterclock synchronisiert oder völlig freilaufend und damit unabhängig verwendet werden. Weiterhin lässt sich ihre Frequenz wiederum über die Hüllkurve steuern, was sehr organische Modulationsergebnisse zur Folge hat.

Die beiden LFOs mit kleinem Mixer darüber (nicht im Bild)

Als Modulationsziele stehen VCO 1, VCO 2, VCF und das Triggern der Envelope zur Verfügung. Mit letzter Funktion – und durch die Tatsache, dass hier zwei völlig eigenständige LFOs am Werk sind – lassen sich sehr experimentelle, polyrhythmische Klanggebilde schaffen (man stelle sich zwei völlig außer Rand und Band geratene Sequencer vor, die in beliebigem Tempo und mit willkürlichem Klangverlauf die Hüllkurven steuern – so in etwa klingt das). Über einen kleinen Mixer oberhalb der beiden LFOs kann man sogar stufenlos von einer Modulationsquelle zu anderen überblenden (oder bei Mittelposition beide LFOs gleichermaßen nutzen). Das ist nun schon sehr genial, wenn z. B. LFO 1 bei geringer Speed das VCF moduliert, ebenso wie LFO2 bei hoher Speed und einer unterschiedlichen, anderen Schwingungsform. So kann man mittels des kleinen Mixers bei einem bestimmten Modulationszustand (LFO 1) beginnen und langsam zu einem völlig anderen Modulationsergebnis (LFO 2) hin überblenden. Dieses Prinzip des zwischengeschalteten Mixers gibt es auch bei den Oszillatoren, die sich stufenlos von einer Schwingungsform (VCO 1) zur anderen hin (VCO 2) überblenden lassen. Noch eine Besonderheit ist die Stimmung der VCOs. Neben der “temperierten”, ausgewogenen Stimmung kann man über ein Poti beliebig kleinere Tonschritte einstellen, um so z. B. eine Vierteltonskala zu erzeugen. Ob sich dies nun musikalisch leicht einsetzen lässt, sei dahingestellt, doch die Möglichkeit an sich ist keinesfalls uninteressant.

Stimmungsmacher des Sonic Six (rechts)

Der VCO 2 lässt sich am Moog Sonic Six auf Wunsch von VCO 1 modulieren (Cross-Modulation) – ein weiterer Schritt zum experimentellen Vergnügen.

Die VCOs (mit PWM)

Die Wege der VCOs gehen übrigens in zwei Richtungen – und dies ist eine der schönsten Besonderheiten des Sonic Six. Einmal findet sich ihr Signal – ganz klassisch – im Hauptmixer (vor dem VCF) wieder, wo die Signale der VCOs, des RingMods, eines externen Signals sowie Noise stufenlos gemischt werden, bevor sie in die weitere Klangverarbeitung gelangen. Zweitens gibt es aber parallel dazu einen separaten Mixer, der das VCF umgeht (eine feste VCF-Bypass-Schaltung also). Hier kann das “rohe” Signal von VCO 1/2 bzw. des Ringmodulators nochmals – dem VCF nachgeschaltet – hinzugefügt werden.

Ringmodulator des Sonic Six

Dies führt zu einer enormen Klangfülle! Die rohe “Gewalt” des Sonic Six ist dabei wirklich erstaunlich. In puncto Aggressivität und “saurierhaftes” Verhalten ist es somit eines der beeindruckensten Instrumente der gesamten Synthesizer-Historie. Zwar klingt ein Minimoog runder, voller, ziemlich sicher auch ästhetischer, doch hat der Sonic Six genau jenes “unerwartete” und “unzähmbare” Element in sich, das ihn sehr besonders, unverwechselbar und musikalisch äußerst inspirierend macht.

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Separater (zweiter) Mixer mit den rohen Signalen

Schwachstellen des Moog Sonic Six

Die singuläre Hüllkurve des Moog Sonic Six ist im Grunde ein etwas unverständlicher Teil des Gesamtkonzepts. Wieso müssen die äußerst ergiebigen, experimentellen und zuweilen beinahe modularen Möglichkeiten diesem arg geschrumpften Modul gegenüber stehen? Die Hüllkurve kann nur in Attack und Decay geregelt werden – mit oder ohne zuschaltbarem (festen) Sustain. Das war’s dann auch – mehr gibt es für das ganze Instrument nicht. In der Praxis kann man damit aber zumindest einigermaßen gut leben – ich habe aus dem Sonic Six immer die unterschiedlichsten Klangverläufe ohne große Mühe hervorgebracht – von pikanten, perkussiven Szenarien bis hin zu soften, langsam ansteigenden Leadsounds. Natürlich teilen sich VCF und VCA die Hüllkurve und so ergeben sich dadurch klare klangliche Einschränkungen, dies ist nicht zu leugnen!

Der Sound des Moog Sonic Six

Ich liebe den Moog Sonic Six. Nicht nur, weil ich (fast) jeden Synthesizer sehr schätze (was leider auch wirklich der Fall ist), sondern weil er jenes unberechenbare, zutiefst animalische und eben unzähmbare Element in sich birgt, das vielleicht einen wesentlichen Teil des originären Musikgedankens überhaupt erst in sich trägt. In der Praxis der Naturinstrumente ist es ja auch nicht anders: Gitarrensaiten müssen in erster Linie ständig gestimmt werden, Holz wird bei Klavieren rissig und brüchig, Trommelfelle klingen an unterschiedlicher Schlagfläche völlig anders, Flöten erlauben kein unsauberes Abdecken der Grifflöcher – überall gilt es, das Instrument zu zähmen und sorgfältig damit umzugehen. Diese Grunderfahrung des Musikmachens kommt in der Elektronik nicht selten völlig in Vergessenheit. Bei analogen Synthesizern – allen voran bei den “Sauriern” – hat man damit aber wieder zur Genüge zu tun (wobei viele Künstler dies sicher nicht unbedingt als positiv werten würden). Der Moog Sonic Six gehört zu einer Handvoll Klangexoten, die durch ihre rohen Gewalt immer wieder für Überraschungen (in welcher Richtung auch immer) sorgen. Zum anderen Teil der Handvoll zählen – meiner Erfahrung nach – der Roland Jupiter-4, SH-5 und der Yamaha CS-40M.

ENV und VCF Sektion

Wer also “klassischen” Moog-Sound benötigt, ist beim Sonic Six nicht an der korrekten Adresse. Da wäre jeder Prodigy, Minimoog, Voyager etc. völlig ausreichend und wohl genau das, wonach man sucht. Wer sich jedoch in neues Terrain vorwagen möchte, wer grandiose RingMod-Klänge, schrägste Polyrhythmik, wüste (Ver-) Stimmungsorgien, härteste (VCF-Bypass-Mixer) Klänge inspirierend finden könnte, der sollte einen Sonic Six unbedingt auf die Wunschliste setzen.

Das gesamte Panel des Moog Sonic Six

Wer sich übrigens über den Verbleib von CV/Gate beim Sonic Six wundert: Diese Spannungen dürften (laut Schaltplan und Technikern) an der “Accessory”-Buchse anliegen. Mit einem entsprechenden Adapter kann man so die entsprechende Verbindung CV/Gate herstellen. Ich ging hier einen anderen Weg und ließ die Accessory-Buchse gleich ausbauen und durch eine Gate-In-Buchse ersetzen (OSC CV-IN ist schon als separater Anschluss beim Sonic Six vorhanden).

Weitere Anschlüsse am Sonic Six

Technischer Schwachpunkt des Instruments sind die Fader, die nicht von besonders herausragender Qualität und oft extrem wackelig/lose oder gar schon halb abgebrochen zu bedienen sind. Durch das spezielle Koffer-Design stehen die Chancen aber oft gar nicht so schlecht, einen noch sehr gut erhaltenen Sonic-Six zu bekommen. Er ist nicht häufig am Gebrauchtmarkt anzutreffen, doch wird dem aufmerksamen Beobachter – wiederum meine persönliche Erfahrung – früher oder später (fast) jedes Instrument der Wunschliste irgendwo einmal angeboten.

Gebrauchtmarkt 2021

Ein gut erhaltener Moog Sonic Six vom vertrauenswürdigen Vintage-Händler kostet heute leider über 3.000,- Euro. Hin und wieder findet man diesen selten gewordenen Analogsynthesizer auch auf einschlägigen Online-Gebrauchtmärkten. Versteigerungen enden dann bei knapp 2.000,- Euro.

Der Moog Sonic Six on YouTube

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Fazit

Großartiger, wilder Analogsound mit eigenem Klangcharakter. Leider ist die Verarbeitung des Moog Sonic Six nicht besonders hochwertig. Mit Pflege und viel Fürsorge wird er aber sich die nächsten Jahr noch viel Klangfreude bereiten.

Preis

  • Bei Versteigerungen ca. 2.000,- Euro
  • Bei Vintage-Händlern über 3.000,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Tyrell  RED 113

    Die irreführende und falsche Schlagzeile bezog sich auf einen anderen Moog-Artikel und wurde daher geändert. Danke für die Hinweise. Die Kommentare die sich darauf bezogen wurden soeben entfernt.

  2. Profilbild
    toneup  RED

    Danke für den umfangreichen Test und die sehr aussagekräftigen Klangbeispiele

  3. Profilbild
    PULSAR

    Hat Herr Bloderer den Sonic Six wirklich auf den Felsen geschleppt und dann das Alpenpanorama verwoben? Das ist ja der Gipfel! — Sehr schönes Foto; gefallen sehr!

  4. Profilbild
    PULSAR

    Meine Vermutung: das Böhm-Lab hat Anleihen vom Sonic Six — ich meine vor allem das Case.
    Ich habe ehemals in Bielefeld bei Musik Niemeyer mal auf einem Sonic Six herumgespielt. Der Sound hat mich nicht so gefesselt (…. es gab ja daneben den Mini Moog stehend …), aber die „Verpackung“ fand ich mega. Das Case hatte wirklich eine wunderschöne Aussttrahlung. Wenn man damit unter Musikern auftauchte, dachten alle, gleich kommt eine Gitarre zum Vorschein. Das Case fasziniert mich noch heute.

    Ein paar mehr Klangbeispiele, die die Aussage: „Großartiger, wilder Analogsound….“ bestätigen würden, hätte ich auch gerne gehört. Bitte, bitte …. Es ist noch Platz im Internet.

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