Blue Box: Roland SH-7, Vintage-Analogsynthesizer

28. Januar 2017

Besser als SH-5?

Der Roland-SH-Sound ist immer noch beliebt. Ob es alte Synthpop-Weisen von Eurythmics bis Human League sind oder Techno der 90er oder Clubtracks von heute, die SH-Maschinen sind klanglich offenbar auch messbar ein Erfolgsmodell über mehrere Dekaden. Der Roland SH-7 war die entwicklungstechnische Spitze der SH-Serie und der vorletzte Vertreter seiner Art. Schon in den 80ern kam nur noch der Roland SH-101 auf den Markt, während die bisherige Serie bereits in den End-70ern schon aus der Produktion genommen wurde, da die Welt nun Polyphonie und Speicherbarkeit wichtiger fand. Die Zeit der polyphonen Schlachtkreuzer brach an.

Geschichte und Lebenslauf

Der vierstimmige Jupiter 4 war fast gleichzeitig mit dem „fast monophonen“ SH-7 erschienen und stellte die älteren Synthesizer dadurch ins Schattenlicht. Die Synthesizer-Historie der Firma Roland begann mit dem SH-1000 im Jahr 1973. Roland ging aus dem Orgel- und Rhythmusgerätehersteller ACE hervor und wurde 1972 gegründet. Die Technik ist bis zum SH-7 weitgehend diskret aufgebaut und kann deshalb auch heute relativ einfach gewartet oder repariert werden. Inzwischen schreiben wir ein anderes Jahrtausend und Roland hat sogar die Bezeichnung SH wieder entdeckt – zweimal sogar. Die digitale Serie (SH-32, SH-201) hat jedoch sowohl klanglich als auch technisch nicht viel mit den Ur-Vintagern zu tun. Der Knackpunkt für Roland scheint hier eher die Anmutung und Bedienung zu sein. Die SH-Serie war einfach, stets übersichtlich beschriftet und lud zum direkten darauf-spielen ein. Kompliziert an ihnen war eigentlich nichts, und besonders der Roland SH-101, der Roland SH-09 und ideell der Roland SH-2 (wenn man ihn mal zu Gesicht bekam) erfreuten sich in der Techno-Welt der 80er und 90er einer sehr großen Beliebtheit.

Die Rolands sind heute relativ einfach zu MIDIfizieren und besitzen nicht selten bereits die dafür notwendigen analogen Steuereingänge. Die Kosten dafür liegen bei etwa 300-400 Euro. Der SH-101 hatte auch wegen seines Arpeggiators und Sequencers einen weiteren Schritt gemacht – der Roland SH-7 stammt aus der Zeit davor und deshalb eine kleine technische Rückblende:

Vorbildcharakter

Die Vorbilder der SH-Serie sind schnell ausgemacht: Ikutaro Kakehashi, Gründer der Firma Roland, schielte in den 70ern nach Amerika. Viele Funktionen erinnern an ARP Synthesizer. Das mag aus heutiger Sicht schwer fallen, da Rolands frühe Synthesizer heute eine große Fangemeinde haben und der Klang ebenfalls eigenständig ist, bis dahin waren sie aber ein unbeschriebenes Blatt: Man wollte Minimoog und Odyssey – nicht SH! Deshalb musste es auch ein wenig günstiger sein als die Amerikaner. Die Konzeption erinnert in einigen Punkten zumindest dem Odyssey – besonders auffällig wird das im Gesamtrückblick aller SH-Synthesizer.

Der Roland SH-5 und einige andere besitzen AR- und ADSR-Hüllkurven und Sample & Hold Schaltungen. Ringmodulation gibt es in den beiden Spitzenmodellen Roland  SH-5 und Roland  SH-7. Das Routing erfolgt mittels kleiner Schalter, welche sehr übersichtlich auf dem Gehäuse skizziert sind und wesentlich nachvollziehbareren Signalwegen folgten, als die etwas willkürlich-chaotisch anmutende Beschriftung eines Odyssey. Das war um Längen übersichtlicher und optisch sicherlich besser gelöst. Löst man sich von diesem besseren Bedienkonzept, so bleibt bei Roland SH-7 und Roland SH-5 insbesondere ein deutlicherer Eindruck des Vorbildes, als dies heute scheint. Die 70er waren übrigens jene Jahre, in denen Japan eher als Billig-Plagiatsland auffiel und langsam in Richtung Eigenständigkeit tendierte.

Technik des Roland SH-7

Die Liste der „Features“ des Roland SH-7 war nicht kurz und liest sich wie ein „best of-SH“: Zwei Oszillatoren mit harter Synchronisation bilden die Basis. Ein Oszillator bietet zudem ein Mischsystem an, welches erlaubt, Rechteckschwingungen aller Oktavlagen von 32“ bis 2“ stufenlos zu mischen. Das System ist vom Roland-SH3a bekannt und flexibler als ein simpler Suboszillator. Die Schaltung selbst wurde mit Frequenzteilern realisiert und ermöglicht eine einfache additive Mischung zum Andicken der Klanges oder für orgelartige Sounds im Schnellverfahren. Beide Oszillatoren können durch eine kleine einfache Hüllkurve moduliert werden oder durch eine Sample & Hold-Schaltung mit Zufallstönen aufwarten. Die Hüllkurve versteckt sich hinter dem Begriff Autobend und kann für beide Hüllkurven positiv oder negativ vorjustiert werden (steigend/fallend). Der Sync-Sound klingt etwas ungewöhnlich – er hebt sich damit deutlich von anderen Modellen ab. Er klingt ein wenig LoFi-mässig und hat eher einen perlenden Charakter. Das klassische Schneiden muss man sich eher erkämpfen und hat mit dem Wahnsinns-Sync der Odyssey-Synthesizer eher wenig zu tun. Interessant ist das trotzdem, falls man nicht den erwarteten Effekt sucht; Obertöne erzeugt er natürlich auch. Die Oszillatoren bieten beide voneinander unabhängige Pulsbreitenmodulation (PWM) und Justage an. Gegenüber dem Roland SH-5 musste der Roland SH-7 einen LFO einbüßen, weshalb eben dieser meist die Quelle für die PWM ist. Auch eine Hüllkurve kann die Pulsbreite modulieren, eine lange SH-Tradition. Die Oszillatoren haben jeweils die üblichen Schwingungsformen an Bord (Säge, Rechteck, Puls/PWM und Dreieck). Sie werden zusätzlich zu dem additiven Mix des ersten Oszillators verfügbar. Anders ausgedrückt ist der Roland SH-7 ein Zweioszillatoren-Synthesizer mit Spezial-Suboszillator-System.

LFO

Die Schwingungsformwahl ist klassisch gewählt und in Sinus-Betriebsart gibt es eine Fade-in Möglichkeit. Der Grund, warum man die anderen Schwingungsformen nicht einfaden kann, bleibt ein Geheimnis. Die Sample & Hold-Abteilung (S/H) ist vollwertig. Sie ist keine LFO-Schwingungsform-Option, sondern die Taktung und Quelle ist genauso wählbar wie die Glättung zwischen den Einzelwerten. Damit können schnell und einfach kleine Arpeggiator-artige Melodien realisiert oder schöne Synthpop-Treppenstufen-Modulationen auf das Filter gejagt werden. Während der LFO eher mäßig schnell ist (ca. 20-25 Hertz), erreicht die Clock-Taktung des S/H auch Audiogeschwindigkeiten (gut 100 Hz).

S/H? Was war das nochmal? Technisch schaut sich die Sample-Schaltung bei jeder Taktung an, was an dessen Eingang anliegt. Es merkt sich dann den genauen Pegel aus den aufschaltbaren Schwingungsformen Rauschen, Dreieck oder Sägezahn. Dies mündet bei Rauschen in getaktetem Zufall, bei Sägezahn in eine steigende Treppenspannung mit wählbarer Glättung und Treppenstufenlänge. Das S/H ist damit grundsätzlich nicht ganz offen, jedoch weit flexibler einsetzbar, als das meist bei aktuellen Synthesizern der der Fall ist. Die Funktionsweise ist schnell erklärt: Fragt man mittels Takt diese Schwingungsform ab, so erhält man bei Wahl „Random“ das berühmte Computer-Bleepsen als getaktetes Zufallssignal: eine zufällige Melodie mit gleichförmigen Längen. Bei Dreieck-Anwahl ergeben sich regelmäßig steigende und fallende Treppenstufen, beim Sägezahn-Modus ergibt dies eine Treppenstufen-Spannung, welche nach Erreichen des Maximalpunkts auf Null zurückspringt.

Alle Signale werden in einem zentralen Mischbereich zusammengeführt. Wie schon erwähnt, sind hier die additiven Oszillatorenteiler getrennt von VCO1 und 2 mischbar. Ebenso vorhanden sind Ringmodulation der beiden VCOs und Rauschen, welches sich auch auf rosa umschalten lässt (lautere Bassanteile). Die Ringmodulation kann übrigens auch ihr zweites Signal alternativ von einem externen Signal beziehen, anstatt vom zweiten Oszillator. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass der Roland SH-7 einen Hüllkurvenfolger hat, der die Lautstärkenschwankungen des externen Signals auf das Filter übertragen kann. Im Rhythmus eines Beats kann das Filter zuschnappen und sogar vorher ringmoduliert werden. Viele Synthesizer leiten leider ihre externen Eingänge nur durch das Filter. Daher ist der Roland SH-7 als eher überdurchschnittlich ausgestattet zu bewerten.

Technik II – Filter und Hüllkurven

Der Roland SH-7 hat als einziger SH-Synthesizer zwei komplette ADSR-Hüllkurven. Diese sind sehr schnell und schnappen gut zu. Die Einstellungen der kurzen Zeiten sind jedoch mit weit mehr Feingefühl zu justieren, als das beim Jupiter-4 der Fall ist. Beide Hüllkurven können über den LFO gestartet und damit für lange Selbstläufer-Klang-Orgien verwendet werden.

Das Filter ist ein 24 dB/Oktave mit Tiefpass-Charakteristik und Resonanzfähigkeit. Ein statisches Filter „entbasst“ bei Bedarf den Klang. Es handelt sich dabei um ein resonanzloses Hochpassfilter, das typisch für die Roland Synthesizer und eben das Vorbild ARP Odyssey ist. Das Tiefpassfilter dünnt ein wenig bei hohen Resonanzwerten aus – das ist zwar mathematisch und physikalisch korrekt, jedoch auch ein recht charakteristisches Merkmal. Der Klang ist neutraler als die amerikanischen Gegenspieler jener Zeit (Moog, ARP) und klingt im positiven Sinne „poppig-mittig“, was mit Sicherheit auch mit verantwortlich für den großen Erfolg der Serie war. Ein anderer Pluspunkt war schlicht der damalige günstigere Preis. Der Roland SH-7 ist wegen seiner nur kurzen Marktpräsenz eher selten geblieben und ist heute ein recht gesuchtes Instrument – mit ein wenig Geheimfaktor, welches nicht selten Höchstpreise auf dem Gebrauchtmarkt erreicht. Es gibt nun einmal viel mehr Leute, die zwar einen Jupiter-8 kennen und „auf Ebay schon für 7.000 Euro gesehen haben, aber dieser Schlag Leute kennt oftmals Synthesizer wie den Roland SH-7 nicht einmal.

Zwischen 2.500 Euro mit Glück oder um 2.800 Euro kostet derzeit ein gut erhaltenes Exemplar des Roland SH-7 auf dem Gebrauchtmarkt, und vermutlich wird die „SH-7-Aktie“ nicht mehr sinken, bis es ein Derivat gibt, was den Namen auch verdient. Die größte Stärke des Roland SH-7 ist neben den beiden schnellen und „vollständigen“ Hüllkurven (2x ADSR statt 1x AR und 1x ADSR) das flexible Routing für die Filtermodulation. LFO, S/H, externe Pedale und der Hüllkurvenfolger können das Filter modulieren. Somit kann ein pumpender Beat am Eingang das Filter rhythmisch öffnen oder schließen. Die Hüllkurve(n) können auch invers auf das Filter einwirken, und sogar Rauschen ist als Modulationsquelle erlaubt.

Der Clou ist die höchst offizielle Quelle VCO2 für das Ziel Filtereckfrequenz! Das ist die Frequenzmodulation des Filters mit dem Oszillator (kurz: Filter-FM)! Die Filter-FM ist eine wunderbare Quelle metallischer und experimenteller Klänge und in Zusammenhang mit den schnellen Hüllkurven auch für spannende Analog-Percussionklänge prima einzusetzen. Obwohl es 5 Regler und damit 5 Modulationsquellen gleichzeitig gibt, muss man sich mittels Schalter unterhalb der Regler bei manchen Quellen für eine entscheiden. Etwas schade ist, dass S/H und LFO nicht gleichzeitig möglich sind. Dennoch sind die Möglichkeiten allein durch diese wirklich hohe Flexibilität noch heute enorm für einen Synthesizer dieser Konzeptionsform. Übrigens ist auch optional, welche Hüllkurve die Lautstärke steuern soll. Es gibt auch einen Hold-Regler, der Drone-Sounds für Ambient sehr leicht macht. Auch hier heißt das Vorbild natürlich Odyssey.

Alles muss versteckt sein

Ziemlich unscheinbar an der linken Seite hat der SH-7 eine Option „Two Note“. Das Instrument ist nämlich duotimbral. Diese Funktion lässt pseudopolyphone Klänge zu, indem zwei gleichzeitig gespielte Tasten jeweils den beiden VCOs zugewiesen werden. Es ist selbstverständlich nur ein Filter vorhanden, jedoch können Ringmodulations-, Sync- und FM-Klänge mit dieser Methode äußerst musikalisch gespielt werden. Auf dem Odyssey ist dazu ein kleiner Technohit entstanden: Underworlds „Rez“ – die Älteren erinnern sich noch? Hier spielt ein Finger die Obertonstrukurmelodie, während der andere Ton einfach festgehalten wird und gelegentlich einen anderen Grundton hält. Diese zunächst als Einschränkung zu sehende „Möchtegern-Polyphonie“ entpuppt sich zum echten Geheimfeuer, wenn man es spielen kann und will. Es lohnt sich gerade heute, dies einzusetzen, da in einer MIDI-Welt solche Ideen bisher nicht umgesetzt wurden und dennoch Ausdrucksstärke und Klangvielfalt bedeuten.

Der Roland SH-7 ist nicht nur mit Trigger- und Steuerspa

nnungs-Eingängen ausgestattet, er verfügt auch über Ausgänge für analoge Synthesizer mit Gate und CV. Er bietet sich damit als eine Art Masterkeyboard für analoge und modulare Systeme an, die die Volt/Oktave-Steuerlogik verwenden. Diese ist heute sehr gängig, auch bei Doepfer oder Moog Voyager und anderen aktuellen Synthesizern. Die Triggerung bringt 10 Volt an den Ausgang und dürfte damit auch Tote und Semitote lebendig machen können. Etwas schwieriger könnte der SH-7 es mit neueren Sequencer-Typen haben, wenn er angesteuert werden soll. Diese bieten oftmals lediglich 5 Volt TTL-Pegel als Gate/Trigger an und müssen auf 10 Volt hochkonvertiert werden. Die Schaltung ist zwar sehr einfach und kann von jedem halbwegs begabten Techniker in wenigen Minuten zusammengebaut werden, jedoch ist sie zwingend nötig, damit der Herr irgendetwas tut. Das gilt allerdings auch für die alten ARP Synthesizer. Selbst hierbei hatte man wohl ein Vorbild. Übrigens ist es sehr leicht, aus dem SH-7 fette EBM-Sounds und Bässe zu erzeugen. Selbstverständlich kann er auch anders.

Spiel mit mir

Sehr erfreulich ist die Spielhilfen-Abteilung links in der Ecke neben der Tastatur: Der Bender kann für Filter, Tonhöhe und Lautstärke einzeln justiert werden, und sogar der LFO ist über den Bender für jede dieser Modulationsziele einstellbar. Das ist damals live sehr schnell und übersichtlich umregistrierbar gewesen und leider bei heutigen Synthesizern in dieser Form verschwunden oder in die Modulationsmatrix oder eine kleine Modulationstiefensektion in irgendein Menü verbannt worden. Dieses ist in der Eile oft nicht so schnell umzustellen wie hier im SH-7. Wie schon mehrfach erwähnt: Die SH-Synthesizer waren schlicht sehr musikalisch und intuitiv zu bedienen. Solche Details ziehen sich durch Rolands Analogsynthesizer-Serien, bis sie alles nur noch durch einen Bender mit einer Modulationshebelfunktion durch Druck nach hinten ersetzten (ab der Jupiter-Serie). Ab hier war die Ideologie auf Klangverkauf umgeschlagen und man verkaufte die Bedienelemente nun einzeln, um günstigere Preise zu erreichen.

Abgrenzungen zum Roland SH-5 und anderen SHs

Wer sich heute überlegt, einen SH-Synthesizer zu kaufen, wird vermutlich zwischen dem Roland SH-5 und dem Roland SH-7 mehr ins Grübeln kommen als über die deutlich kleiner dimensioniertien restlichen Familienmitglieder. Für den Roland SH-5 sprechen dabei das hervorragende Bandpassfilter, die verschiedenen Filtermodi des Hauptfilters und sein zweiter LFO. Für den Roland SH-7 sprechen die besseren Hüllkurven, die knackigeren Filter (24 dB/Oktave), die Duophonie und nicht zuletzt die Filter-FM nebst Modulationsvielfalt oder der Hüllkurvenfolger. Bei den Hüllkurven kommt durch den Wechsel von AR auf ADSR auch eine bessere Fähigkeit für Perkussion mit schnellen Decay-Einstellungen dazu, der die FM und das steilere Filter zuarbeiten. Die Optik würde bei vielen wohl eher für den SH-5 entscheiden lassen, zumal er in einem praktischen Vinyl-Case eingebaut ist und damit zumindest transportabler ist (aber auch sackschwer). Wer eher perkussive Sounds und mehr Experimente wagen will, der sucht sich sicher eher einen SH-7. Wer das will, muss in beiden Fällen Geduld bei der Suche haben. Dabei stehen die zu zahlenden Preise im guten Verhältnis zur Verfügbarkeit. Man muss sie wirklich haben wollen und lieben. Schließlich zahlt man auch für den SH-5 deutlich über 3.000,- Euro.

Wer nach ewigen Jahren Wartezeit tatsächlich einen Roland SH-7 findet, bekommt diesen schließlich „noch“ für unter 3.000,- Euro . Beide Geräte kann man als ultra robust und „rock-solid“ bezeichnen. Ich würde sogar wetten, dass sie den ein oder anderen Live-Auftritt noch heute gut bewältigen werden. Wer ganz sicher gehen will, tauscht irgendwann mal alle Kondensatoren und Trimmer im Inneren aus, dann kann er weitere 20 Jahre sicher überstehen. Wer keine Ringmodulation oder irgend einen Schnickschnack braucht, könnte sich den Roland SH-2 ansehen. Er hat immerhin als einziger „kleiner“ SH zwei Oszillatoren und klingt ziemlich fett, da er sogar zusätzlich einen Suboszillator hat und wirklich sehr kompakte Maße obendrein. Dummerweise ist auch er selten und wird durchaus mit 1.000,- Euro bewertet. Einen Roland SH-09 oder Roland SH-101 liegen inzwischen nur noch unwesentlich niedriger, jedoch würde ich sie und den Roland SH-2 auch nur sehr bedingt als Alternative zu den großen SH-Synthesizern sehen – und auch ihre Finanztendenz geht nach oben. Günstige Alternativen bietet Roland in Form der AIRA-Serie – aber Liebhaber der Vintage-Hardware sehen das sicher anders.

Viel eher können echte „Männer“ sich nach einem Roland System 100 umschauen, auch wenn es dieses ebenfalls in AIRA-Bauweise gibt. Klanglich und technisch ist das Original auf gleichem Niveau wie SH-5 und Roland SH-7, steigt aber auch stetig im Preis.

Dafür ist es semimodular und ein interessantes Bindeglied zwischen den oben genannten Alternativen. Für ein 100er System mit 101 und 102 Modul (was in etwa mit den Möglichkeiten von Roland SH-7 bzw. SH-5 nahe kommt) muss man heute auch ca. 3.000,- Euro einplanen. Das ist durchaus günstiger als ein Roland SH-7. Wer alle drei Alternativen kennt, wird sich meist eher zwischen den speziellen Features der drei Weggefährten entscheiden müssen. Das System 100 ist eigentlich weit weniger „modular“ als man das auf den ersten Blick annehmen könnte. Die Tastaturen sind heute oftmals ein wenig mitgenommen von allen Probanden. Wer sie gerne und oft genug spielt und reinigt, dürfte sie aber durchaus gut bespielen können. Wer MIDI einbaut, muss sich insbesondere beim Roland SH-7 darüber klar sein, dass er durch die monophone Ansteuerung die Duophonie aufgibt.

Die beiden VCOs lassen sich nämlich nicht getrennt per Steuerspannung ansteuern, wohl aber im Roland System 100, da dort die beiden Oszillatoren schlicht in verschiedenen Gehäusen sitzen. Die Ansteuerung der Spannungen müssten dann jedoch über zwei Tastaturen erfolgen, da die duophone Zuordnungselektronik nur im SH-7 zu finden ist. Das große Plus des SH-5 wäre mit Sicherheit das unbedingt manuell zu spielende statische, aber wundervoll klingende Bandpassfilter mit Resonanz (!). Durch die nicht ganz so konsequenze Modularität des Systems 100 könnte man wenigstens die LFOs modifizieren, sodass man sie von außen abgreifen und patchen kann. Alle SH-Synthesizer können desweiteren relativ einfach modifiziert werden, um schnellere LFOs zu erhalten. Besonders profitieren würde dabei der SH-5, da der Roland SH-7 und das System 100 generell über FM-Möglichkeiten verfügen und somit in der Klangklasse der schrägen, dreckigen und metallischen Sounds die Nase etwas weiter vorn haben. Die Praxis aller drei Synthesizer im Studio zeigt, dass das Routing und die Arbeit mit den Nichtmodularen (SH-5, SH-7) grundsätzlich schneller geht, da man nicht manuell patchen muss. Somit lautet meine Empfehlung wie folgt:

Einen Roland SH-7 besorgt man sich, wenn man gern schnell viele originelle Perkussions-Sounds, Leads und Drums bauen will und FM und andere Synthesemöglichkeiten weit ausschöpfen möchte. Besonders im Vorteil ist, wer seine Klaviatur gut und timingfest bespielen kann, da somit die Duophonie perfekt herausgekitzelt werden kann. Wer dem Schönklang frönen will, liegt mit dem SH-5 etwas besser, der mit seinen zwei LFOs und den Filtern sowie den flexiblen Mischmöglichkeiten für Blubberndes und Ambientes die Nase subjektiv leicht vorn hat. Das offenere und durch alte Human League Tracks bekannte System 100 ist gut für alle, die die ein Modularsystem planen oder betreiben und die Einzelkomponenten mit anderen Systemen verbinden will.

Live ist das System 100 eher nicht die beste Idee, da es zwar relativ kompakt ist, jedoch weder einen Bender, noch einen Oktavschalter für die Oszillatoren hat. Das ist zwar prima für FM-Sweeps, wenn man etwas mehr Zeit im Studio hat, jedoch nicht perfekt für den spontanen Schnelleinsatz. Man kann sich dafür jedoch einen externen Ringmodulator oder Filtermodule sparen, da man insgesamt an 2 VCOs, 2 Filter, 2 ADSR-Hüllkurven und Rauschen direkt aufbauen kann. Die beiden 12 dB/Oktave Filter klingen zusammen zwar nicht exakt nach Roland SH-7, jedoch haben sie auch den „rolandigen“ Sound, welcher in diesem Falle sicher im Vordergrund steht, schließlich gibt es heute flexiblere neue System wie das Cwejman System oder die mächtige Modulvielfalt von Doepfer. MIDI ist für alle Modelle vergleichsweise einfach zu installieren, sofern man die 10 Volt Gatespannung und die verlorene Duophonie mit ins Kalkül zieht.

Endspiel

Klanglich ist ein SH-Synthesizer immer noch sehr gut in den eigenen Sound zu integrieren. Eigentlich integriert er sich selbst oft schnell, weshalb ihn wohl auch einige einem „zu fetten“ oder zu typischen Moog Sound vorziehen. Der berühmte Klang „im Mix“ ist für Club und Album-Sound und Musik jeden mir bekannten Genres perfekt geeignet. Den Sound wird man mit Sicherheit irgendwo schon gehört haben, was wirklich hier sehr positiv gemeint ist, denn das hatte Gründe: Die SH-Serie und das System 100 klingen hervorragend und sind bei Modulationssounds auch heute noch ein gutes Argument „gegen“ Software. Falls ein Leser überhaupt in Kategorien wie Software gegen Hardware denken sollte: Es lohnt sich immer noch, den Unterschied zu prüfen, insbesondere bei Klängen mit schnellen Modulationen (FM). Diese sind in Software noch heute teilweise kritisch. Der andere Grund ist der pure Klang selbst. Wie aber schon erwähnt, soll es nicht um reine Lobbhudelei gehen, denn es gibt heute durchaus auch gute andere Synthesizer. Der Roland SH-7 ist direkt, einfach und auch intuitiv. Wer so etwas sucht, sucht sich die nächsten Jahre nicht umsonst danach einen Wolf.

Damit kein falscher Eindruck entsteht, möchte ich jedoch besonders für die, die den alten Roland Sound nicht gut kennen auch sagen, dass „die Amerikaner“ von Moog bis ARP jedoch einen kleinen Vorteil bei Breite und „Fettheit“ haben. Polyphonie in einem Minimoog wurde vielleicht auch deshalb nie wirklich angeboten. Bei der allgemeinen Präsenz, Mischbarkeit sowie der Studio-Nutzbarkeit dürfte ein SH-Synthesizer jedoch stets gut abschneiden. Sei es auch nur ein kleiner SH-09: Ich bekenne mich klar als Fan dieser Synthesizer-Serie und kann sie immer noch empfehlen.

Untertänigst, Ihr Moogulator – In Funktion als Roland-Fanboy ;)

Demos sind alle komplett mit der Hand eingespielt, um zu zeigen, wie die Sample & Hold Schaltung arbeitet. Musikalisch sind sie gewiss nicht wertvoll, jedoch um so mehr geeignet, die Klänge bzw. das Instrument zu bewerten.

Bildquelle

An dieser Stelle noch unser besonderer Dank an Xaver von Treyer für die Bereitstellung der tollen ROLAND SH-7 Bilder in diesem Artikel.

Und nun wieder ein paar YT-Empfehlungen:

Metallisch und krank – yo.. SH-7:

Und hier eher der klassische Roland-Sound:

Fazit

Der Roland SH-7 stellt gemeinsam mit dem Roland SH-5 die Krönung der einstigen SH-Kultserie da. Wer vielfältige Modulationsmöglichkeiten, zwei vollwertige Hüllkurven und ein kräftiges 24dB-Filter bevorzugt, wird sich eher für den Roland SH-7 entscheiden. Der SH-5 punktet hingegen mit dem flexibleren Filter, einem zweiten LFO und vor allem mit der coolen Optik.

Plus

  • hervorragender und vielseitiger Roland-SH-Sound
  • zwei vollwertige, schnelle Hüllkurven
  • knackige Hüllkurven
  • 24dB Filter
  • Duophonie
  • FM und Modulationsvielfalt

Minus

  • nur ein LFO
  • kein regelbares Bandpassfilter (wie SH-5)

Preis

  • Lt. Syntacheles, Stand Januar 2017, ca. 2.800 Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Piet66  RED

    Danke moogulator für den klasse Beitrag!
    Eine einfache und intuitive Bedienung, gepaart mit klanglicher Variabilität und einem tollen Grundsound, das sind die Garanten für Spiel f r e u d e.
    Ich finde, dass diese Gesichtspunkte bei der SH-Serie sehr gut umgesetzt sind. In diesem Sinne machen mir die kleineren Ausführungen SH-1 und SH-101 schon viel Spaß.

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    mdesign  

    danke für den kompetenten und ausführlichen bericht. trotz der vielen technik liest er sich spannend. so muss das sein!

    das eingangs erwähnte schattenlicht würde ich gerne mal in echt sehen… ;-)

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    iggy_pop  AHU

    Er ist anders als der SH-5, aber besser? Sie sind zu unterschiedlich, um vergleichbar zu sein.
    Wenn ich nur Geld für einen der beiden hätte, nähme ich den SH-5.
    In einer idealen Welt nehme ich selbstverständlich beide.

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    dilux  AHU

    wow, sind wir echt schon mit allen vintage-analogen durch, oder warum werden hier jetzt bereits blue box artikel „re-issued“?
    die sh-serie ist ohne frage für mich der blueprint für monophone analogies; hat überhaupt ein hersteller in den 70ern/80ern mehr monophone released als roland? sh-1000, sh-2000, sh-01, sh-02, sh-3, sh-3a, sh-5, sh-7, sh-09, promars, sh-101, tb-303, irgenwelche vergessen? und nicht einer dabei, den ich nicht haben möchte….

    • Profilbild
      Tyrell  RED

      Leider gibt es Artikel die im Archiv „verstauben“. So bald wir neue Bilder, Audiofiles und Videos haben, überarbeitehn wir auch den Text, korrigieren ein paar neue Erkentnisse (z.. aktuelle Gebrauchtmarktpreise) und stellen diese Artikel wieder nach oben. Die Erfahrung zeigt, dass sie dann innerhalb weniger Wochen mehr Zugriffe haben als zuvor während ihrer gesamten Laufzeit.

      • Profilbild
        AMAZONA Archiv

        Ich mag die re-issues. Natürlich suche ich im Archiv wenn ich Infos zu einem bestimmten Instrument haben will (und bekomme hier auch meist die besten Texte geboten, was ja auch mal gesagt werden muss).
        Aber dann und wann freue ich mich wenn ein „alter“ Artikel vorbeikommt den ich noch nicht kenne, oder den ich wieder verdrängt hatte. So was kann für mich sehr inspirierend sein …

  5. Profilbild
    costello  RED

    Lustig, dass just gerade Xaver von Treyers SH-7 bei ebay angeboten wird. Zum Festpreis von 2800,- Euro, was auch zufällig dem aktuellen Syntacheles-Preis entspricht. Soweit ich sehe, ist das Teil aber noch nicht verkauft. Wer durch den Artikel auf den Geschmack gekommen ist, hat noch bis zum 2. Februar Zeit. Solange läuft das Angebot noch ;-)

    • Profilbild
      Tyrell  RED

      Ich hatte ihn wegen der Auktion angeschrieben, weil ich seine Bilder so toll fand. Aus dem Grund findet man hier nun auch die selben Bilder.

  6. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Der Preis vom SH-7 von Roland von Xaver von Treyer.
    Wow! Na, bei dem Preis muss die alte Quietschkiste dann auch adelig sein…

    Hatte mal eine ganze Weile einen (SH-7 nicht Xaver) der hat mich nie richtig begeistern können. Vermisse ihn auch nach dem wirklich schön geschriebenen Test nicht.

  7. Profilbild
    Florian Anwander  RED

    Ein meines erachtens riesiger Schwachpunkt des SH-7 ist der fehlende Pegelausgleich beim Aufdrehen der Resonanz. Dadurch wird der Klang unglaublich dünn. Im Gegensatz dazu haben der SH-5 und das System 100 einen Resonanzausgleich der „mehr Stoff“ in das Filter hineinschickt – im Gegensatz zu allen anderen späteren Roland-Synths, die einfach den Eingangspegel im VCA erhöhten. Da hier das Filter leicht überfahren wird, klingen die resonierenden Klänge von SH-5 und System 100 so wunderbar knurrig.

    Aber ansonsten ist der SH-7 tatsächlich ein unglaublich flexibler Synthesizer. Und da er wohl meistens im Studio verwendet wurde (ich kann mich nicht erinnern, jemals in einem Konzert einen SH-7 gesehen zu haben), sind die heute verfügbaren Exemplare meist in einem sehr guten Zustand.

    Und noch ein PS in eigener Sache: mir wurde mein SH-7 bei einem Einbruch gestohlen. Er hatte die Seriennummer 670154; sollte der jemandem mal über den Weg laufen, würde ich mich über eine Nachricht freuen.

  8. Profilbild
    dirkfwalther

    Hallo zusammen

    ich bin glücklicher Besitzer eines (so nenne ich ihn liebevoll) Hasi-7 und habe eine Frage zur Midifizierung. Ich nutze wahlweise ein Doepfer Midi-to-CV Interface oder das CV/Gate des Akai Max 49 (mit externer Stromversorgung) Das klappt mit der Spannung auch gut, sprich, Tonhöhen sind richtig.
    ** Problem**: Die Release Time der Töne sind unendlich, d.h. es kommt nur ein Ton wenn ich rechts außen den Hold REgler hochschiebe. Der Ton hält so lange an, bis der nächste Ton gespielt wird. Das ist auch nicht reduzierbar, d.h. die Release Zeit ist nicht regelbar. Ich habe sämtliche Einstellungen getestet, und kriege das Problem nicht gelöst. Ideen? Oder altersbedingte Geräteeigenheit? Danke, DIrk

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