Blue Box: Roland System-100M, Modularsynthesizer

7. Juli 2012

Modularer Klassiker

Roland hat genau drei Modulsysteme gebaut, davon sind zwei wirklich modular. Das System 100 ist ein direkter Kollege der damals aktuellen SH-Serie und sollte nicht nur wegen seiner „nicht-so-ganz“ Modularität auch gesondert behandelt werden. Das Roland System 100m ist voll modular und deutlich kompakter gebaut. Entscheidend ist auch, die beiden Systeme 100 und 100m nicht zu verwechseln. Das „m“ deutet es bereits an, es ist modular(er).

Formales zum Roland System-100M

Zu erwerben gab es seinerzeit zwei verschiedene Größen von Cabinets. Es mag in Zeiten von reichhaltig sortierten 3-HE (=Höheneinheiten)-Systemen wie Doepfer und Co. schwieriger nachzuvollziehen sein, aber das Roland System 100m war durchaus das erschwinglichste und offen skalierbarere System im Vergleich zu dem, was 1978 aktuell angeboten wurde.

Der Modul-Synthesizer war ein Gerät, welches in erlesenen und teuren Studios oder in Universitäten zu finden war, und die Preise waren dem entsprechend ausgerichtet selten weniger als fünfstellig bepreist. So bot Roland ein Cabinet für drei und eines für fünf Module an. Diese Module sind stets exakt gleich breit. Sie entspricht etwa der doppelten Breite von 5-HE Modulen („Moog“-Größe). Die Cabinets selbst stellen eine Reihe Multiple-Verteiler bereit und erlauben auch die Aufnahme einiger 6,3mm Klinkenstecker für das ansonsten für 3,5mm Klinken ausgelegte System.

Außerdem hat Roland sich entschieden, die essentiellen Eingangsspannungen zentral zu verwalten und über den internen Bus bequem für alle Module bereit zu stellen. Die Eingänge für diese finden sich auf der linken Seite in Form von Klinkeneingängen und einer DIN-Buchse und beinhalten Gate, CV (Steuerspannung für die Tonhöhe; Control Voltage) sowie das Triggersignal. Beide voll modularen Systeme von Roland hatten gegenüber anderen Systemen einen weiteren bequemen Vorteil, nämlich vorverschaltete Signalwege. Auf diese Weise sind typische Verbindungen per Patchkabel bereits sinnvoll gesteckt und können durch Einstecken eines Steckers überbrückt werden.

Diese Tatsache hat sogar kundige Leute dazu verführt, dieses System als semi-modular zu bezeichnen. Dennoch ist das System nur bequemer zu benutzen und dennoch voll modular. Die Module sind tatsächlich wechselbar und nicht fest eingebaut. Ebenfalls betroffen von dieser Fehlinterpretation waren Synthesizer wie der ARP 2600, der die Begrifflichkeit der Halbmodularität bestenfalls über seine bereits fest verbauten Baugruppen verdient hätte. Sowohl bei ihm als auch beim System 100m ist jedoch sonst alles vollständig modular, weil alle Audio- und Signalwege frei gepatcht werden können.

Selbst in Fachpublikationen wird das so genannte Prepatching (Vorverdrahtung) offenbar als Nachteil in Form des Schmähbegriffs „semi-modular“ zuerkannt. Da dies zu oft passiert ist, sei hier erwähnt, dass dies schlicht falsch ist.

D-Set mit Keyboard 181

Technisches zum Roland System-100M

Grundsätzlich findet man beim 100m die Modulationswege im unteren Bereich, während die Audio-Wege im oberen Teil der Module Platz finden. Das Roland System 100m war für den „Einsteiger“ konzipiert. Dies war vor dem Hintergrund der aufgerufenen Preise zu den sonst üblichen Modul-Synthesizern nicht nur eine Frage des Wissens.

Dennoch reicht für viele ein Blick, um die Funktion der Module und deren Benutzung zu verstehen. Die Module werden auf der Rückseite über 9-polige DIN-Stecker mit dem Cabinet verbunden, genutzt werden nur 8 Pins. Sie liefern die benötigten 15 Volt-Spannungstrios
(+, – , Masse) sowie die Spannung für die LEDs und die vorne anliegenden Steuersignale.

Über die schon erwähnte weitere DIN-Buchse mit nur 6 Pins am vorderen Teil fehlt die LED-Spannung (5 Volt). Die Front-Buchse diente dem Anschluss des Steuerkeyboards und dessen Versorgung. Man benötigte offenbar keine LEDs.

Die Tastatur ist kompatibel mit dem System 700 mit gleicher Belegung. Roland bewies Flexibilität für verschiedene Geldbeutel. Es gab ein monophones einfaches Keyboard 180 mit 32 Tasten, ein monophones Keyboard 181 mit vier Oktaven sowie das etwas größere vier-oktavige und für vier Stimmen ausgelegte Keyboard 184, welches sogar einen Arpeggiator hatte.

Die Verteilmöglichkeiten für die vier Stimmen entsprechen denen des Jupiter 4. Der Arpeggiator hat die üblichen Spielmodi und die Random-Betriebsart, nicht aber den Oktav-Schalter, welche das gleiche Muster jeweils auf der höher liegenden Oktave wiederholt. Es ist zudem einer der ersten Arpeggiatoren, wenn nicht sogar der erste, in einem Synthesizer. Die Zuweisungsmodi sind Mono, Poly oder zwei Alternativen für Unisono (alle Stimmen werden gespielt). Auf der Rückseite befindet sich eine weitere DIN-Buchse, um alle CV/Gate/Trigger-Signale an ein weiteres Cabinet weiterzuleiten.

Rückseite des D-Sets / Foto von Rolf Wöhrmann

Die System 100M-Module und Zusammenstellungen

Während die meisten Käufer sich für eines der vorgegebenen Sets entschieden, konnte man sich auch individuell für eine Zusammenstellung entscheiden. An den heute bekannten Systemen sieht man jedoch, dass die Mehrheit der heutigen Cabinets anhand des Roland Schemas verteilt sind. Darunter gibt es vor allem das System D und E. Letzteres ist offensichtlich eine Vorbereitung auf Polyphonie, während heute die meisten Nutzer monophon arbeiten.

Verteilung der Modulzusammenstellung „Sets“

  • A 110,140, 117??/150?? (Letztes Modul im System ist nicht klar)
  • B 110,140,150 145
  • C 110,110,140 152
  • D 112,121,130,140,150
  • E 110,110,110,140,150

Die wirklich erhältlichen Module

  • 110 VCO + VCF + VCA Kombination
  • 112 Doppel-Oszillator
  • 121 Doppel-Filter
  • 130 Doppel-VCA (Verstärker)
  • 131 Vierfache Mischeinheit /Test-Oszillator
  • 132 Vierfacher Audio Mixer mit Invertierer & 2 Voltage Prozessor
  • 140 Doppel-ADSR-Hüllkurve + CV Steuerbarer LFO
  • 150 Sample and Hold, CV-LFO, Weißes/Rosa Rauschgenerator, Ringmodulator
  • 165 Doppel-Portamento (Slew Limiter)
  • 172 Delay, Phaser, LFO, Gate Delay,
  • 173 4x Signal Gate „elektronische Schalter“ + Multiple Patchbay
  • 174 Parametric EQ
  • 182 Sequencer, 8 Steps

Es gab eine kleine Menge geplanter Module, die den Status eines Prototypen jedoch nicht überschritten haben. Die sehr kompakte Bauweise der Module wies eine damals hohe Funktionsdichte auf. Manche mögen hierin bereits eine Art Verstoß gegen das strikte Modulkonzept gesehen haben. Man findet pro Modul oft mehr als eine Funktion und nicht selten eine doppelte Ausführung.

Die Grundlage für ein halbwegs kompaktes mehrstimmiges Roland System 100m ist primär das Modul 110 gewesen. Es enthält eine komplette Synthesizer-Stimme, allerdings ohne Hüllkurven. Diese müssen über das Modul 140 hinzugefügt werden. Dadurch ist auch ein LFO mit an Bord. So kann man innerhalb eines kleinen Dreier-Cabinets 190 bereits eine Stimme in kleinstmöglichem Raum aufbauen. Die großzügigeren Fünfer-Cabinets 190-J boten entsprechend Platz für das Modul 150, welches in den meisten Systemen zu finden ist. Mit diesem war das Niveau sogar noch oberhalb der Möglichkeiten eines SH-Spitzenmodells wie dem SH7, sofern das 110er Modul doppelt verbaut war. Es hätte sogar zwei LFOs vorzuweisen. Vom SH5 würde diese Kombination ein hervorragend klingendes manuelles Bandpass-Filter und ein Multimodefilter trennen.

Dafür wären beide Filter spannungssteuerbar, die das 100m anbieten kann. Es stimmt, es gibt kein Modul mit anderen Filtertypen als Tiefpass. Man müsste schon zu Phasenkehrungs-Tricks greifen, um andere Typen zu erhalten, jedoch ist das keine 100m-Eigenheit.

Doppelmodule vs. Kombi-Modul 110

Die Doppel-Versionen haben stets eine Zugabe gegenüber der kompakten Variante im Modul 110 zu bieten. Alle Doppelmodule haben in der Regel drei Modulations- und Audiowege verglichen mit den nur zwei Wegen im Kombi-Modul 110.

Filter Modul System-1ooM „121“

Die angebotenen Filter sind allesamt Tiefpassfilter mit 24 dB pro Oktave Flankensteilheit. Beim VCA hat man die Auswahl zwischen exponentiellem und linearem Verhalten, was die damit verarbeiteten Ergebnisse knackiger machen kann. Beim Filter ist das Roland-typische statische Hochpassfilter der entsprechende Zusatz, während beim Doppel-Oszillator harte und weiche Synchronisationsanschlüsse angeboten werden. Sie klingen deutlich überzeugender als die sehr spezielle Umsetzung der Synchronisation des SH7. Man kann es daher eher mit der des SH5 oder des System 100 vergleichen. Andere SH-Synthesizer besitzen keine Sync-Funktion.

VCO Modul System-1ooM „112“

Die Oszillatoren verfügen über einen klassischen Oktavschalter und einem Feinstimmungsknopf. Zur Auswahl stehen Sägezahn, Puls mit einstellbarer Pulsbreite sowie Dreieck. Die Pulsbreite ist über einen Eingang steuerbar. Das Signal wird an zwei Ausgangsbuchsen bereit gestellt. Die Unterschiede zum Kombimodul sind lediglich die Anzahl der Ausgangsbuchsen und die kombinierte manuelle Pulsbreiteneinstellung mit der Intensität der externen Modulation.

Funktional gibt es keine weiteren Einschränkungen. Die Weitergabe an das Filter ist bereits verschaltet. Diese kann jedoch aufgebrochen werden, sodass auch das Modul 110 wie drei eigenständige Module verwendet werden können. In der Praxis ist es oftmals eher eine Frage der Menge von Multiple-Steckplätzen als von fehlenden Funktionen, die die beiden Module unterscheiden. Den größten Nutzen hat die Sync-Möglichkeit der Doppelmodule, während das Filter einfach „nur doppelt“ ist und das statische Hochpassfilter leicht über andere Methoden kompensierbar ist.

Der Klang unterscheidet sich nicht. Es ist lediglich mehr Komfort beim Patchen. Das Layout und die Schaltbuchsen erweisen sich sehr oft als extrem gute Hilfe und sinnvoll durchdacht, um mit minimalem Steckaufwand ohne Patchbay oder Multiple zu arbeiten. Der Zusatz-Modulationseingang sowie die doppelten Ausgänge der Doppelmodule helfen bei Oszillator-FM und gleichzeitiger Modulation durch mehrere Quellen im Falle des Moduls 112.

VCA Modul System-1ooM „130“

Somit ist denen, die entscheiden können, durchaus empfohlen, das 110er Modul nicht sofort im Gedanken schlechter zu bewerten als die Doppel-Module. Es lassen sich mit nur zwei dieser Typen immerhin schon recht komplexe Modulationen erschaffen, wie etwa eine Oszillator- oder Filter-FM, die über das zweite 110er VCA sogar über eine Hüllkurve gesteuert werden kann und hat noch zwei Filter übrig, die mit Parallelabstand spacige oder sprachähnliche Sounds ermöglichen.

Vorausgesetzt, man hat zwei davon. Wer ein Roland System 100m mit den Doppelmodulen bekommen kann, hat hingegen den Vorteil des zackigeren VCAs oder des Oszillator-Syncs. Deshalb können Kombinationen mit einem 110, dem Doppel-VCA und dem Doppel-Oszillator am meisten „Synthese fürs Geld“ erreichen und erscheint als eine gute Wahl. Allerdings wird man ohnehin selten in den Genuss der großen Auswahl von Modulen kommen. Die Systeme wechseln immer seltener den Besitzer, und einzelne Module, geschweige denn leere Cabinets, bekommt man faktisch so gut wie gar nicht mehr.

ENV-Modul System-1ooM „140“

Die Hüllkurven in Modul 140 verhalten sich sehr musikalisch. Sie erlauben beeindruckend stimmige Perkussions- und Drum-Sounds. Die Attack-Phase ist maximal etwas weniger als 9 Sekunden lang, und der Release hält maximal 20 Sekunden lang an. Das macht die ADSR-Hüllkurven eher nicht zu epischen Ambient-Generatoren.

Ganz anders der LFO, er hat einen dreistufigen Bereichsschalter und prädestiniert sich besonders für eher langsame Modulationen. Er reicht nicht in den Audio-Frequenzbereich hinein, solange man keine Tricks anwendet. Dafür kann er mit einem Key-Trigger glänzen, ohne ein einziges Kabel stecken zu müssen und hat 5 Schwingungsformen zur Auswahl. Key-Trigger setzt den LFOs bei Tastendruck zurück, um stets eine gleichbleibende Modulation zu bewirken. Dies lässt sich auch als kleine Hüllkurve missbrauchen. An Bewegungsmustern bietet sich dafür der fallende sowie der steigende Sägezahn für eine Attack- bzw. eine Decay-Hüllkurve an.

Die „Zufallsschwingungsform“ wird über die Sample and Hold Schaltung hergestellt und befindet sich in Modul 150, nicht aber im Doppel-ADSR-LFO Modul. Hüllkurven gibt es in keinem anderen Modul, LFOs hingegen schon. Das „Killer-Feature“ des LFOs ist die Möglichkeit, ihn per Steuerspannungseingang beschleunigen zu können. Über die Möglichkeit, eine Spannung an seinen CV-Eingang anzulegen, erreicht der LFO beachtliche Audiogeschwindigkeiten. Auch eine Einschwingverzögerung ist vorhanden.

Ringmodulator, LFO und Rauschgenerator – „Modul 150“

Der LFO ist identisch mit dem in Modul 140. Dazu ist ein Ringmodulator und eine freie Sample and Hold Schaltung mit eigener Clock an Bord. Der Rauschgenerator stellt über 4 Ausgänge jeweils weißes sowie rosa Rauschen zur Verfügung. Der LFO und der Rauschgenerator können über einen Schalter ohne Kabel dem S/H zugeführt werden. Dies ist erneut eine angenehme Nebenerscheinung der Funktionsdichte und des Prepatchings. Wer es benötigt, kann ein externes Clock-Signal anlegen. Auch der Ringmodulator wird ohne Zuhilfenahme eines Kabel mit Rauschen und dem Signal aus dem LFO versorgt. Auch hier können auch andere Signale angelegt werden. Dieses Modul zeigt jedoch sehr gut, dass Roland an eine angenehme Bedienung gedacht hat. Dieses Modul ist insgesamt sehr ergiebig und sollte daher nicht fehlen.

Es gibt allerdings auch nur wenige Systeme, in dem es fehlt. Das ist der Fall bei individuell zusammengestellte Systemen oder den kleinen Dreier-Cabinets oder im „System C“ (siehe Liste oben).

Alles außer Filter – Die anderen Module

Während das Mischmodul nicht viel anders als ein 4-Kanal Mischpult und daher gut ersetzbar durch externe Pulte ist, machen nicht alle Module es leicht, sie zu ersetzen. Natürlich ist es stilvoller, wenn Hilfsmodule wie das Mischmodul in einem Cabinet steckt, es gibt aber durchaus auch klanglich oder funktional spannendere Module. Alle bis hier nicht genannten Moduleinschübe sind deutlich seltener anzutreffen (einschließlich des Mixers).

Interessante ist in jedem Falle das Delay. Es ist schon durch dessen spannungsgesteuerter Natur sehr begehrt, jedoch heute rar und daher heiß umkämpft. Es handelt sich um ein analoges Delay. Der LFO ist zwar nur ein einfacher Geselle mit nur einer festen Schwingungsform, aber das Modul enthält neben einem Gate-Delay zur Verzögerung von Trigger-Signalen noch einen Phaser, der ebenfalls analog und spannungsgesteuert ist. Der LFO ist, wie zu erwarten war, intern vorverkabelt. Außerdem bietet es einen phasengekehrte Variation seines Ausgangs an, um gezielt ohne Aufwand verschiedene exakt gegenphasige Standard-Effekte erzeugen zu können (180° Versatz).

Der Sequencer mit acht Steps ist etwas häufiger anzutreffen als das Delay. Der von dem Entwickler Ryk erst Ende 2009 entwickelten Bausatz eines alternativen Sequencers kann jedoch deutlich attraktiver komplexe Muster erzeugen. Er ist in der Lage, jeden der 8 Steps bis zu acht mal zu wiederholen oder das Timing zu steuern (Pausen oder Längen; pro Step einstellbar). Er ist über den Suchbegriff Ryk Sequencer und dem Zusatz M185 im Netz zu finden. Er ist jedoch nicht weniger selten, da es ihn nur als Bausatz und in geringer Stückzahl gab. Dadurch sind erheblich variationsreichere groovige Muster möglich als mit einem Standard-Sequencer. Den Roland Sequencer hingegen kann man relativ einfach durch heute aktuelle Sequencer wie dem Doepfer Dark Time oder MFB Urzwerk ersetzen. Der offiziell auf den Namen 180 hörende Sequencer ist mit einer abgespeckten Variante des System-100-Sequencers vom Typ 104 zu vergleichen und hat für diese Größe erstaunliche zwei getrennte „Kanäle“ zu bieten, die zusammen auch als 16 Step-Einfach-Sequencer arbeiten können.

Das Doppel-Portamento könnte man auch als Slew Limiter bezeichnen. Dieser Typ glättet ein Signal, üblicherweise das der Keyboard-Spannung und lässt den Nutzer die Geschwindigkeit dieser Glättung einstellen und sie auch generell abschalten, um in einem Live-Einsatz sich zwischen beiden Varianten entscheiden zu können.

Das Hilfsmodul 173 ist zur Hälfte Multiple, die andere stellt steuerbare Gates in vierfacher Ausfertigung mit Schalter zur Verfügung. Sie stellen die Gate-Signale auch invertiert bereit. Leider können sie nicht als Invertierer arbeiten. Das ist nicht ganz so schlimm, denn die Hüllkurven sind durchaus bereits mit einem invertieren Ausgang ausgerüstet.

Recht interessant könnte der parametrische Equalizer sein. Er hat vier Bänder mit den Frequenzbereichen 20 – 200 Hz, 100 Hz – 1kHz, 500 – 5 kHz sowie 2 – 20 kHz und hat auch Bandbreiten-Fader zu bieten. Der Klang ist durchaus geeignet für Sammler. Jedes Band kann 12 dB pro Oktave abschwächen oder absenken. Das macht es durchaus zu einem interessanten Objekt. Allerdings ist nichts davon per Spannungseingang steuerbar, was es noch heute ernsthaft spannend gemacht hätte. Es erfüllt seine Aufgabe eher statisch oder über manuelle Aktivität.

Das sicher spannendste Modul der „selteneren“ Auswahl dürfte das Delay sein und bleiben. Außerhalb von Rolands Herstellung gab es von dem Einzelkämpfer und Bastler Ryk auch ein dreifaches Filter auf Vactrol-Basis (Lichtwiderstand-Kopplung, diese Bauelemente sind für einen guten Klang aber nicht für all zu schnelle Reaktion bekannt). Wer danach suchen möchte, kann „Roland 100m 175 Triple Vactrol Filter“ bei der Suchmaschine des Herzens versuchen. Es gibt eine Flickr Sammlung und einige Blogs sowie einige Videos für beiden Module. Erhältlich sind sie jedoch ebenfalls schwer, weshalb dies nur der Vollständigkeit des Berichtes dienen soll.

Klang und Einordnung

Der Klang des Roland System 100m orientiert sich sehr nahe an der SH-Serie. Am einfachsten ist der typische Sound erklärt, indem man sich die SH-Synthesizer anhört. Einen Hauch steriler klingen die Ergebnisse schon, jedoch sind sie von vielen Synthpop/EBM-Acts und Künstlern wie Vince Clarke, diversen Mute Acts (Daniel Miller) bis Front 242 nahezu stereotypisch für den sehr beliebten Roland Sound historisch prominent vorgeführt worden.

Sicher klingt ein System 700 noch einmal deutlich runder und voluminöser oder auch wuchtiger im besten Sinne. Außerdem bietet das 100m leider keine Multimode Filter an. Diese kann man nur durch Phasenkehrung über zwei Filtermodule simulieren. Dennoch stellt es für die meisten Zwecke, insbesondere für nahezu alle Bereiche der Club- und weitgehend als Popmusik zu bezeichnenden Welt (Inklusive EBM, EM, IDM) noch immer einen hohen Maßstab an Verwendbarkeit und Einfachheit der Integration dar. Den Sound der Achtziger repräsentiert es sehr gut. Auch Aphex Twin hat es hin und wieder eingesetzt. Das Filter dünnt bei höheren Resonanzwerten durchaus merklich aus, jedoch handelt es sich eher um Pegelunterschiede als um fehlende „Breite“.

Heutige Roland System 100m leiden gelegentlich unter knirschenden oder krachenden Fadern, womöglich sogar mit springenden Einstellungen. Diese lassen sich reinigen oder austauschen. Generell sind sie aber von einer guten Qualität. Die Regelwege sind akzeptabel, jedoch sicher ein Kompromiss. Verglichen mit einem Euro-Rack-System ist der Platz jedoch vergleichsweise „riesig“. Verglichen mit anderen Roland Synthesizern ist das Filter runder und breiter als das des Jupiter 6, jedoch nicht ganz so voll wie ein System 100, welches in Funktionalität dem 100m hingegen unterlegen ist, da dort nicht einmal die LFOs abgegriffen werden können und es sicher eher als zweigeteilter „SH7 auf Raten“ zu sehen ist als als Modularsystem.

Der Grund für das Roland System 100 war schlicht, die in zwei Teilen budgetschonend in Etappen käuflich zu erwerbende Klanggewalt der größeren Roland Mono-Synthesizer seiner Zeit auch für weniger Betuchte anbieten zu können. Das Roland System 100m ist deutlich stabiler in allen Belangen als ein 100er. Es gibt klanglich noch heute wenig bis keine alternative Klanghardware, wenn man den holzig-schönen Grundklang der Rolands schätzt.

Wer nicht an die „Exoten“-Module herankommt, wird die meisten Funktionen mittels Euro-Modulen leicht nachstellen können. Lediglich das Delay muss über einen Moogerfooger oder andere heute erhältliche Retro-Delays substituiert werden. Allerdings sind beide Lösungen nicht besonders billig.

Preis und Anbindung an aktuelle Modularsysteme

Überhaupt ist ein Roland System 100m auch in der einfachsten Zusammenstellung bereits in Bereiche jenseits der 2500,- Euro Marke vorgedrungen. Meist muss man durchaus mit 2900,- bis 3.000,- Euro für ein gut erhaltenes 5er Cabinet rechnen. Es lässt sich leicht in ein heutiges Set integrieren, da es mit der normalen Volt-pro-Oktave Spannungcharakteristik versorgt werden kann.

Zum Triggern benötigt es knapp 9 Volt. Das Trigger-Signal kann meist einfach mit dem Gate verbunden werden und ist in 95% aller praktischen Fälle auch zur Auslösung der Hüllkurven und LFO-Keytrigger Funktion zu überreden. 5 Volt reichen in der Regel nicht aus, dafür benötigt man in dem Falle einen einfachen Aufholverstärker. So etwas kann ein einfacher Techniker ohne großen Aufwand herstellen, auch wenn er nicht auf Synthesizer spezialisiert sein sollte. Viele Sequencer können jedoch auch 10 Volt ausgeben. Selbst Silent Way von Expert Sleepers (MIDI über Audiointerface) hat Lösungen für 10 Volt-Ausgabe zu bieten.

Das Roland System-100M auf YouTube

Fazit

Das Roland System-100M ist klein und auch einfach gehalten. Dennoch hat es selbst heute seine Berechtigung nicht verloren und hat einfach einen extrem hohen Arbeitspferd-Faktor für sich zu verbuchen. Es dürfte unter den „Vintage“- Modul-Synthesizern auch einer der wenigen sein, die sich auch schon ab Werk für mehrstimmige Musik eignen. Die Ansteuerung über heutige polyphone Interfaces wie das MUC400/500 von TS (Standalone Gerät) , dem Vermona Modul qMI (3HE) oder das historische MPU101 von Roland mit vergleichbaren Funktionen ist ebenfalls möglich. Interessant ist auch die duophone Spielart, bei der lediglich die Oszillatoren in ausreichender Anzahl vorhanden sein müssen, um durch ein gemeinsames Filter geführt zu werden. Der musikalisch interessante Part hierbei ist das direkte Spielen eines Klanges im Vergleich zu zwei identischen Tönen, die per Sync, FM oder Ringmodulation aus den beiden gespielten Tasten eine gezielte neue Obertonstruktur intuitiv erschaffen lässt. So „spielt“ man einen Klang nicht nur rein melodisch. Das bekannteste Beispiel dieser Anwendung dürfte noch immer Underworlds Klassiker „Rez“ aus dem Jahre ’93 sein. Dieser Klang stammt zwar im Original aus dem ARP Odyssey, dennoch führt er vor, wie man solch einen Sound intuitiv „spielen“ kann. Mit einem einzigen Cabinet hat man alles, was man benötigt. Die Luxusversion eines guten Modular-Arbeitsplatzes ist mit 2 Cabinets hergestellt. Ein einziges kleines Cabinet kann eine Synthesizer-Stimme von der Komplexität eines Dark Energy oder eines SH101 erzeugen. Der Klang ist auf eine sehr angenehme Weise mittig und bis heute durchaus als Studiostandard zu bezeichnen. Es gibt so unendlich viele Produktionen mit diesem System, und das hat Gründe. Es war damals das, was heute strukturell ein Kraftzwerg oder eher noch ein mittelgroßes Doepfer System leistet. Wer ohnehin den Roland Sound nicht begehrt oder extrem schätzt, sollte wegen der Preise und notwendigen Geduld bei der Suche davon Abstand nehmen. Er ist direkter als die eher weichgespülte JX-Serie oder dem Jupiter-8. Es ist auch flexibler als die SH-Serie und das System 100. Ein Klassiker wird er ohne Frage bleiben. Wer wirklich „experimenteller“ arbeiten möchte, als anderen Rolands vorgeben, hat faktisch nur die Wahl zwischen dem 100m und dem System 700, welches in vergleichbarer Möglichkeit durchaus die Fünfstelligkeit erreichen kann. In dieser Hinsicht ist ein 100m „günstig“ zu haben. Selbst bei der Reparatur sollte das 100m ein fast unproblematischer Kandidat sein. Beim System 100 ist die Situation noch besser, da keine kompliziert zu besorgenden Teile verbaut wurden. Wer die Modularität nicht benötigt und Module grundsätzlich klassisch verkabeln würde, muss nicht unbedingt nach einem 100m Ausschau halten. Da wäre man mit der genannten SH/System 100-Serie bereits gut bedient.

Dieser Klang ist zeitlos und einfach ansprechend, und die klanglichen Eigenschaften beschränken es auch nicht unnötig auf bestimmte Musikrichtungen oder Klischees. Die Prepatch-Idee ist bis heute sehr intelligent umgesetzt, und das Arbeiten macht deshalb enorm viel Spaß. Es ist daher nicht verwunderlich, dass offensichtlich heute die meisten Systeme gehortet werden.

Plus

  • toller zeitloser Klang
  • Prepatching erleichtert die Arbeit und spart Kabel, genial!
  • durchdachtes Konzept
  • gut erweiterbar

Minus

  • kein Multimode-Filter

Preis

  • etwa 2900,- Euro für ein 5er Cabinet, Set E oder D
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    wolf gang

    Wie kommt der Autor darauf am Ende des Abschnitts „Formales“ darauf, dass die Verwendung eines Begriffs zur Kennzeichnung des Grads an Modularität in Fachpublikationen ein „Schmähbegriff“, ja ein „Nachteil“ sei? Und warum ist es „falsch“, den ARP2600 aufgrund seiner festgelegten Module und der Vorverkabelung als „semi-modular“ zu bezeichnen?

    Vielleicht sollte man sich zuerst darauf einigen, welche Kriterien man überhaupt zur Beurteilung des Begriffes „Modularität“ heranziehen möchte. Mir wird aus dem Artikel nicht wirklich klar, anhand welcher Kriterien der Autor urteilt, daher schlage ich für eine Diskussion die „Modulbestückung“ und die „Modulverkabelung“ vor. Damit liesse sich dieser Versuch einer Begriffsdefinition erstellen:

    Modulbestückung: unveränderbar vorgegeben
    Modulverkabelung: unveränderbar vorgegeben
    = nicht-modular
    Beispiel: Minimoog

    Modulbestückung: nicht vorgegeben, frei veränderbar
    Modulverkabelung: nicht vorgegeben, frei veränderbar
    = modular
    Beispiel: Moog Modulsystem

    Modulbestückung: unveränderbar vorgegeben
    Modulverkabelung: nicht vorgegeben, frei veränderbar
    = teil-modular oder semi-modular
    Beispiele: EMS VCS3/AKS, Korg MS-50

    Modulbestückung: unveränderbar vorgegeben
    Modulverkabelung: vorgegeben, aber veränderbar
    = bedingt teil-modular oder bedingt semi-modular
    Beispiele: ARP2600, Roland System 100 Model 101 und Model 102, Cwejman S1 MkII

    Vielleicht kann das ja als Ausgangspunkt einer Diskussion dienen.

    • Profilbild
      moogulator  RED

      Vielleicht möchte der Artikel dazu anregen, was der Begriff semimodular, Semiprofi oder auch Virtuell Analog in einem heutigen oder damals handelsüblichen Gehirn auslöst und aus welcher Ecke er kommt und was er heute bzw. seinerzeit bewirkt oder welche Schlussfolgerungen er damit zieht und ob sich dies geändert hat.

      Beispiel:
      Weshalb hat man so viele Menschen angetroffen, die Prepatching mit „nicht ganz modular“ assotiieren? Welche Dinge machen wirklich eine Aussage über Modularität? Selbstverständlich ist mein Fokus der, die Modularität nicht auf Teilmodularität herabzustufen, wenn ein Synthesizer Prepatching anbietet.

      Mir kam das oft genug vor, um dieses Vorurteil von dem Begriff semimodular abzukoppeln.

      Und noch dazu:
      War Semi seinerzeit vielleicht eine Idee der Werbeabteilung, um die begehrten Begriffe einer neuen Zielgruppe zuzuführen und ihr gar zu schmeicheln? Ist heute der Begriff noch immer positiv belegt und eher im Sinne von „fast-modular“ in den Köpfen oder mehr als „halb-modular“ im Sinne der Wortbedeutung?

  2. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Wenn die Queen Elizabeth II, Elizabeth Alexandra Mary aus dem Haus Windsor sich einen modularen Synthesizer ins Haus holt, wird das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein System 100m sein. Es gibt meines Wissens keinen nobleren, wohlerzogeneren, vornehmer zurückhaltenden, und trotzdem deutlicher artikulierenden modularen Synthesizer als den da. Ja, der Roland System 100m scheint wahrhaft majestätisch zu sein.
    Ausserdem träume ich von der Kiste seit 1981 …

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