Blue Box: Roland System 700, Modularsynthesizer (1976)

4. Juli 2020

Rolands großes Modularsystem von 1976

Das Roland System 700 wurde von 1976 bis 1982 gebaut

Wir haben für euch heute einen Klassiker aus unserem Archiv geholt und aufpoliert. Die Texte wurden  komplett überarbeitet und durch neue Texte von mir ergänzt. Hinzu kommen überarbeitete Bilder und neue Videos.

Mic Irmers umfangreicher Zweiteiler zum legendären Roland System 700. Im ersten Teil gibt Mic, alias Moogulator, einen Überblick zu diesem Modularsystem, zusammen mit einer geschichtlichen Einordnung. In Teil 2 (HIER KLICKEN) stellt er alle Module des modularen Synthesizers im Detail vor und geht auch auf Feinheiten des Systems ein.

Nun aber viel Spaß
Euer Tyrell

Geschichtliche Einordnung des Roland System 700

1973 baute Roland seinen ersten Seriensynthesizer, den SH-1000 und attackierte damit eine amerikanische Domäne, die fest in den Händen von Moog und ARP lag. In den Folgejahren schuf Roland mit der SH-Familie eine ganze Reihe preisgünstiger und gut klingender Synthesizer, die zwar nicht den Sound der Vorbilder erreichte, aber mit einem ganz eigenen Klangcharakter den heute berühmten Roland SH-Sound etablierten. (Wir empfehlen hierzu unser Special zu den Roland SH-Synthesizern.)

Modulare Synthesizer nach dem Vorbild von Moog oder ARP blieben aber weiterhin den Platzhirschen vorbehalten. Für den Zugang zu soviel musikalischer Freiheit musste man aber entweder ein erfolgreicher Musikproduzent sein oder Zugang zu einem der wenigen Systeme haben, die von Universitäten zu Lehrzwecken angeschafft wurden.

1975 startete Roland einen ersten Versuch, mit dem System 100 diese Domäne zu brechen. Allerdings war Rolands System 100 genau genommen nur in beschränktem Ausmaß modular (am besten HIER alles zum Roland System 100 lesen). Doch bereits ein Jahr später präsentierte Roland seinen ersten richtigen Modularsynthesizer, das System 700, um das es nun in unserem zweigeteilten Special gehen soll.

Die verschiedenen Basissysteme

Das Roland System 700 wurde in verschiedenen Basissystemen angeboten:

  • Main Unit (komplettes System)
  • Lab Unit Cabinet 1
  • Lab Unit Cabinet 2
  • Wings (Seitenflügel, die halb so breit waren wie die Main-Unit)

Dazu gab es einen sehr groß dimensionierter Sequencer, der die Breite der Main Unit hatte und natürlich eine Tastatur.

Angelehnt an die Moog Systeme hat man zwar einzelne individuelle Module in den beiden vinylbezogenen Cabinet-Typen erwerben können, doch in der Regel griffen die User damals zu den vorgefertigten Sets, die im Folgenden gleich näher erläutert werden.

Deshalb sind diese vorgefertigten Systeme in der Regel leicht zu unterscheiden und auch die Position und Anzahl der Module immer dieselben, was heute einen Preisvergleich deutlich vereinfacht – vorausgesetzt man findet eines der raren Sets. Beim späteren und kleineren Roland System 100m von 1979 gab es deutlich mehr Variationen.

Wer sich näher mit der Materie beschäftigt, wird feststellen, dass es viele ähnliche Module gibt, die sich aber nur in kleinen Details unterscheiden – z. B. in der Breite, um je nach Set mehr Platz zu schaffen für andere Module. So gibt es zum Beispiel 6 VCO-Typen sowie zwei Filter-Typen, die sich aber nur minimal unterscheiden. Hier nun die Auflistung der diversen Setups:

Lab Unit

Diese beiden Cabinets sind seltener anzutreffen als die größere Main Unit. Obwohl der Platz identisch ist, ist es anders bestückt.

Cabinet 1

  • 3x Oszillator
  • 1x Rauschgenerator (weiß, rosa) und Ringmodulator Kombimodul
  • 1x Tiefpass-Filter
  • 1x VCA
  • 1x Mixer für 3 Signale mit Ausgang für invertierte Signale (->Modulationsquellen mischen)
  • 1x LFO
  • 1x Sample & Hold
  • 1x Doppel-ADSR-Hüllkurve (es gibt nur diese Variante)
  • 1x Netzteil/Schalter

Cabinet 2

  • 2x Multimode-Filter (Tief-, Band-, Hochpass)
  • 3x VCA
  • 1x Gate-Delay (Verzögerung für Triggersignale – nicht in der Main Unit enthalten)
  • 2x Doppel-ADSR-Hüllkurve
  • 1x Multiple – Verteiler für 2x 5 Buchsen

Alle Module der Lab Units sind identisch mit denen der Main Unit bis auf das Gate Delay. Anders ist es bei der Anzahl der Module (mehr VCAs und Hüllkurven in der Lab Unit, dafür nur ein LFO). Allerdings ergeben nur beide Cabinets der Lab Unit ein vollwertiges System, da das einzige Netzteil für beide Einheiten nur in einem der beiden Rahmen untergebracht ist.

Die Main Unit enthält folgende Module

  • 3x Oszillator
  • 1x Rauschgenerator (weiß, rosa) und Ringmodulator Kombimodul
  • 1x Tiefpass Filter
  • 2x Multimode-Filter (Tief-, Band-, Hochpass)
  • 2x VCA
  • 2x Doppel-ADSR-Hüllkurve
  • 1x Mixer für 3 Signale mit Ausgang für invertierte Signale (-> Modulationsquellen mischen)
  • 2x LFO
  • 1x Sample & Hold
  • 1x Hauptmischbereich für das ganze System mit eingebautem Federhall, ausgelegt für 3 Kanäle
  • 1x Multiple – Verteiler für 2x 5 Buchsen
  • 1x Netzteil/Schalter
  • 1x Voltage Processor für CV/Gate
  • 1x Kopfhörer und Anschluss für externes Keyboard (6-Pol DIN-Buchse)
  • 1x Integrierer, Envelope-Follower und Verstärker zur Anpassung von Signalen

Main vs Lab

Wenn man die Main Unit mit den beiden Cabinets der Lab-Units vergleicht, so ist die Main Unit ausgewogener bestückt. Externe Signale lassen sich zum Beispiel mit dem Envelope-Follower und den Anpassungsmodulen effektiv bearbeiten, sofern man möchte, dass der Synthesizer auf den Pegel eines Audiosignals reagiert.

Ebenso ist es bei Verwendung der beiden Cabinets ratsam, ein eigenes Mischpult einzuplanen, denn dieses fehlt schlichtweg der Lab Unit Kombination. Die beiden LFOs der Lab-Unit stehen hingegen dem Überschuss von 2 VCAs in der Main Unit gegenüber, ebenso muss man in der Lab Unit auf das schöne  Multimode-Filter verzichten. Auf der anderen Seite  sind mehr Hüllkurven in der Lab Unit verbaut – tabellarisch sieht das folgendermaßen aus:

Vorteile in Zahlen

Lab vs Main

  • 1 | 2 LFO
  • 6 | 2 Hüllkurven
  • 3 | 2 Filter
  • 4 | 2 VCA
  • 0 | 1 Audio-Mixer mit Reverb
  • mehr Hilfsmodule zur Anpassung in der Main Unit

Auf Grund der Seltenheit des Systems erübrigt sich aber wahrscheinlich eine Wunschzusammenstellung, man wird nehmen müssen, was man angeboten bekommt. Die gemunkelte Anzahl der gebauten Main Units  soll angeblich nur 50 Stück betragen, wobei ich annehme, dass es mehr sind. Tatsächlich wurden aber auf jeden Fall mehr Main Units gebaut als Lab Units.

Eine vollständig funktionierende Main Unit ist aber bereits ein beeindruckendes Modularsystem. Es enthält alle wichtigen Bausteine und übertrifft in der Leistung die kleinen Systeme, die Moog angeboten hat (z. B. Moog Model 15 etc.). Dafür besitzt Rolands Main Unit des System 700 z. B. keine Festfilterbank, war aber auf der anderen Seite stimmstabiler.

Es gab aber noch einen weiteren, ganz entscheidenden Vorteil des Roland System 700 gegenüber seinen amerikanischen Wettbewerbern: Die bis jetzt genannten Cabinets haben eine Vorverdrahtung, die erst über eingesteckte Patchkabel unterbrochen wurden. Damit ist das System 700 auf der einen Seite voll modular, auf der anderen Seite spart man sich Kabel, wenn man die Standardverschaltung verwendet, was wiederum die Übersichtlichkeit erhöht. Am Ringmodulator sind zum Beispiel bereits alle Oszillatoren zugeführt.

Dasselbe bei der Schwingungsform-Auswahl der Oszillatoren. Trotzdem kann man alle auch gleichzeitig abgreifen. Die Filter und VCAs sind ebenfalls bereits sinnvoll „vorverdrahtet“.

Darüber hinaus sind Modulationseingänge am unteren Bereich zugängig, während Audiosignale den Modulen immer an den oberen Anschlüssen zugeführt werden. Dabei gibt es üblicherweise meist 3 Fader mit entsprechenden Signalen. Auch hier ist die Vorverdrahtung hilfreich und sinnvoll. Außerdem bleibt immer noch die Möglichkeit, den vorgegeben Signalfluss zu übergehen, denn die beiden Basis-Einheiten und die Main Unit sind mit Schaltbuchsen ausgestattet und somit in jeder Hinsicht vollständig offen modular. Das gilt sowohl für die Modulationswege als auch für die Signalwege zwischen den Audio-Modulen (VCO, VCF, VCA).

Das Mixing vor den Filtern wird grundsätzlich durch die Eingangsfader erledigt. Sollte man mehrere Mischer benötigen, um mehrere Signale zusammenzubringen, stehen entsprechende Signalmischer zur Verfügung. Diese sind nicht sehr zahlreich, weshalb es sich empfiehlt, mit den vorgegebenen und patchbaren Signalen von je drei Eingängen zu haushalten oder über Multiples die Signale zusammenzulegen und drei Gruppen bilden. Dies gilt jeweils für Modulationseingänge und Audiosignale getrennt.

So lässt ein Filter gleich fünf Eingänge frei, die beispielsweise für zwei VCOs und Rauschen oder Ringmodulation ausreichen. Beim VCA sind es drei. Für Modulationseingänge hat man vier Fader reserviert. Davon ist jedoch einer für die Tastatur-Spannung vorgesehen. Somit können ohne Pult schon komplexe Patches gebaut werden. Ein sehr großes System würde hingegen ein wenig mehr Disziplin erfordern, um alle Audiosignale einzuspeisen. Zumindest im herkömmlichen Sinne. Fünf Oszillatoren als Audio-Eingangsmaximum für Filter dürften für die meisten Anwendungen und auch das komplette System reichen. Den Rest wird man vorzugsweise für Frequenzmodulation zwischen Oszillatoren, Filter und anderen Modulen nutzen können. Außerdem spricht nichts dagegen, einen VCA zur Automation der FM zu verwenden. Unterm Strich ist die Anzahl der Eingänge der Module und damit das Gesamtkonzept sehr stimmig und der Spaßfaktor des Roland System 700 sehr hoch.

Einziges Manko: Das Tuning rastet leider nicht auf einem Nullpunkt ein. Solange man jedoch keinen Live-Einsatz mit dem System 700 plant, sollte die Zeit für das Tuning nicht zu sehr den „Flow“ des Klangbastelns und Musikmachens stören.

The Wings – Seitenflügel VCO-Bank

Dieser Flügel beinhaltet sechs Oszillatoren. Die obere Modulreihe ist damit vollständig gefüllt. Übrigens sind die oberen Module stets Audiomodule, während die unteren kleineren Module Modulationsquellen sind. Hier findet man:

  • 6x Oszillator wie im Hauptsystem, jedoch ohne Vorverdrahtung
  • 1x Doppelhüllkurve
  • 1x Multiple
  • 1x Signalmischer
  • 1x LFO
  • 1x Sample & Hold

Alle Module in den Wings sind ohne Vorverdrahtung (Prepatching) ausgeführt. Hier wird man deshalb immer mehr Kabel benötigen als im Hauptsystem (Main oder Lab Unit). Formell hatten diese Module eine Modellnummer mit einem anderen Kennbuchstaben. So sind VCOs mit den Kennbuchstaben D und E und Modulationsmodule mit Kennbuchstaben B ohne Prepatching. Technisch sind die Module intern identisch oder fast identisch.

The Wings – Seitenflügel VCF/VCA-Bank

Ähnlich wie die Oszillator-Bank besteht dieses Cabinet ebenfalls aus den nicht vorverdrahteten Modulvarianten der Multimodefilter und VCAs:

  • 2x Multimodefilter
  • 3x VCA

Im Modulationsbereich sind verbaut:

  • 2x Doppelhüllkurve
  • 1x Multiple
  • 1x Gate Delay

Allgemein gilt, der Einbauschacht der oberen Reihe ist immer höher als der der unteren Reihe. Deshalb befinden sich oben immer nur die Audio-Module und keine Hilfs- oder Modulationsmodule. Diese Systematik gilt für das gesamte System 700.

Hilfskabinets (Top-Wings)

Die beiden kleineren „Wings“, die in der Regel auf die großen Wings aufgesetzt wurden und somit die Bauhöhe des Sequencers haben, sind auf Effektmodule und weitere Hilfselement spezialisiert.

Das erste Top-Wing heißt schlicht in der Roland-Diktion

Phase Shifter / Audio Delay

Multiples mit 3x Vierer-Gruppen, die jeweils verkoppelt werden können

  • 4x Schalter
  • 1x Phase Shifter
  • 1x Audio Delay

Zu bedenken ist, dass diese Zusammenstellung nicht wie ein Delay im heute erwarteten Sinn arbeitet. Die Delay-Zeit ist sehr kurz und fast auch nur für Flanging-artige Effekte verwendbar, dafür sind diese spannungssteuerbar. Als „Echo“ würde es nicht funktionieren, denn hier geht es eher um ein- bis zweistellige Millisekunden. In den Sekundenbereich reicht es nicht einmal annähernd.

Im zweiten Hilfs-Cabinet befinden sich „Sonstige“ Module. Roland nennt diesen Bereich

Interface / Mixer

Er enthält:

  • 1x VCA
  • 1x Messgerät mit Envelope-Follower, Test-Signal-Generator integriert
  • 1x vierfach Filter/Resonator mit nicht modulierbaren aber variablen (Multimode)-Filtern mit Resonanz (beides regelbar) – auch als Ersatz für die Festfilterbank gedacht
  • 1x 9-Kanal Audio-Mischer.

Hier findet sich auch ein Signalmischer für beliebige Signale und eine Art Endbearbeitung. Das vierfache Resonanzfilter ist zwar nicht modulierbar, jedoch eindeutig ein Versuch, etwas anderes und Besseres den Festfilterbänken der US-Konkurrenz entgegenzustellen. Es handelt sich dabei eher um eine Art Resonatorbank, wie man sie aus dem Polymoog kennt. Vier Bandpassfilter mit Resonanz erlauben die Betonung vierer Frequenzbereiche durch die Resonanzen, aber auch der Begrenzung durch die Bandpassfunktion.

Kommen wir nun zu einem weiteren Highlight des System 700:

Der Roland System 700 Sequencer

Der Sequencer besitzt 12 Steps. Er hat drei Potireihen mit Timing-Reihe als Teiler für hohe Musikalität, da hier wirklich nicht ewig justiert werden muss, um eine Verdopplung oder Halbierung zu erreichen, oder abstrakt jede Zeit stufenlos einstellen zu müssen.

Jeder Step verfügt über einen Einzelausgang für Gate sowie auch Eingänge! Die Pulsbreite des Clockgebers ist justierbar. Alle Abspielfunktionen können per Steuersignal aktiviert werden. Auch die Reihenfolge (1, 1-2 und 1-3) kann eingestellt werden. Jede Spur hat ihre eigene Step-Position, da sie auch unabhängig laufen können.

All diese Funktionen bieten heute zwar auch preiswerte Hardware-Sequencer mit 16 Schritten, aber eine Besonderheit hat der System 700 Sequencer zusätzlich noch auf Lager:

Einzelstep-Ein- und Ausgänge. Eins von beidem fehlt vielen Sequencern auch heute noch. Dieses Feature ermöglicht in Kombination mit Reset komplexe Rhythmus-Strukturen oder Sprünge. Einen Sequential-Switch gibt es allerdings nicht, was in der Klasse schon hilfreich gewesen wäre.

Die Roland Tastatur zum System 700

Die fünfoktavige Tastatur verfügt über eine Glide-Funktion und einen Knopf als Bender ohne Mittenrastung. Das „Pitch Wheel“ ist ebenfalls nur als Knopf ausgeführt, der ohne Mittenrastung auskommen muss. Übrigens sind auch die Oszillatoren so konstruiert. Es gibt zwar Oktavschalter, aber das Fein-Tuning wird über zwei ineinanderliegende Potis realisiert. Dieses Doppelpoti ist heute eher schwer zu ersetzen. Ähnlich wie beim Oberheim SEM.

Ein paar Details und eine vorläufige Bewertung

Die Module selbst sind gut aufgeräumt. Es gibt viel Platz und die Lötstellen sehen deutlich sauberer aus als bei Moog. Es gibt wenige ICs, sondern vorrangig Transistoren und klassische Bauteile. Damit ist es einfach, alle Module zu reparieren und zu pflegen. Das einzige, was nicht einfach zu ersetzen ist, sind die klobigen Stecker auf der Rückseite, die die verschiedenen Cabinets verbinden und mit CV/Gate und Strom versorgen. Diese müssten kreativ durch „irgendetwas“ getauscht werden, falls diese fehlen oder defekt sind.

Die Main Unit hat am unteren Teil einen kleinen Schacht für Kabel und Anleitungsbücher. Diese praktischen Dinge findet man auch bei einigen SH-Synthesizern wie dem Roland SH-5.

Die Vorverkabelung der Module ist vorbildlich gelöst worden und unterstützt das schnelle Patchen von Sounds. Sicher wäre noch eine Patch-Matrix interessant gewesen, jedoch dient diese nicht gerade der Übersicht.

Das System 700 bietet trotz der Vorverdrahtung die größtmögliche Flexibilität. Standard-Sounds können sehr schnell mit fast oder gar keinem Kabel realisieren werden. Ungewöhnliche Patches sind aber genauso möglich.

In der Eurorack-Welt sollte das System 700 wirklich als Anschauungsunterricht genutzt werden. ARP praktizierte das Prinzip beim ARP 2600, Macbeth nutzte es für den M5.

Ebenfalls schön, dass Roland Fader für die Audiosignale nutzt, um Pegel und Modulationsintensitäten sind von Weitem zu erkennen. Deshalb glänzt auch die Hüllkurveneinstellung mit dieser Sofort-Übersicht. Zum System selbst: Roland führte sein eigenes Format für Module ein. Kompatibilität zu Wettbewerbern war damals ein No-go. Einige Jahre später führte Roland mit dem System 100m ein noch kleineres Format ein, was durchaus als Vorläufer zu Doepfers kleinen A-100 Modulen verstanden werden darf.

Der Sound des Roland System 700

Der Klang des System 700 ist über alle Roland Synthesizer erhaben. Man könnte es klanglich als den Prototypen für alle analogen Synthesizer von Roland bezeichnen. Das ist freilich ein sehr hoher Standard. Die Oszillatoren klingen rund und obertonreich, die Filter zeigen kaum Bassverlust bei höheren Resonanzwerten. Alle Eigenschaften, die man bei Roland Synthesizern liebt, sind hier vereint.

Schaltet man eine Frequenzmodulation oder einen Sync, so bekommt man nicht selten eine Luxusvariante dessen, was ein Promars oder Jupiter-6 produzieren würde. Man befindet sich also auch einem hohen Niveau. Die geringe Verkleinerung der Leiterbahnen und Baugruppen scheint dabei auch eine Rolle zu spielen. Das System 700 ist, wie man es kennt, ein einziger Sweet Spot, man muss nicht allzu lange kurbeln, um gut klingende Bereiche zu finden. Der Basisklang der besten Roland Synthesizer ist hier definitiv auf den Punkt gebracht. Außerdem werden Kinder der Siebziger und Achtziger die Klänge aus diversen Produktionen kennen.

Der Sound integriert sich sehr gut in jede Stilrichtung, auch solche, in denen nicht nur Elektronik eingesetzt wird.

Übrigens sind die Module durch ihre relative Einfachheit, ähnlich wie andere Systeme dieser Zeit, recht einfach zu verstehen. Die Baugruppen sind logisch aufgebaut und damit für Kompaktsynthesizer-Nutzer einfach nachzuvollziehen. Aber auch die Bauteile in den Modulen selbst sind keine Exoten. Es ist damit erstaunlich, dass sich ein Synthesizer aus dem Jahre 1976 sich deutlich einfacher reparieren lässt als einer der Neunziger. Das System 700 ist noch vor SSM und Curtis hergestellt worden, welche die Basis der meisten Synthesizer der Achtziger waren.

Wer nutzte das Roland System 700?

Das Roland System 700 hört man sehr oft in Produktionen von Mute Records. Daniel Miller hatte offenbar so ziemlich alle Acts bis weit in die Neunziger damit versorgen können – es stand im Mute-Studio und die Produzenten arbeiteten damit – Gareth Jones ist einer von ihnen.

Daniel Miller war immer der Mensch, der bei den Bands für Technik „warb“ (laut eigenen Aussagen). So finden sich die Sounds von Depeche Mode über Vince Clarke/Erasure und sehr stark die von Nitzer Ebb auf vielen Synthpop und EBM Alben wieder.

Human Leagues Dare Album (mit „Don’t you want me“) wurde durch den Produzenten Martin Rushent offenbar ebenfalls mit System 700 Sound bereichert.

Ein vorläufiges Fazit

Insgesamt sind die Module im Vergleich zu dem, was es für Euroracks heute gibt, sicher „konservativ“ zu nennen. Einen vergleichbaren Klang gibt es allerdings kaum in Eurorack-Größe.

Oben noch historisches Bildmaterial vom ehemaligen Synthesizerstudio Bonn. Das komplette System kostete damals 40.000 DM, was die Kosten mehrerer (4 bis 5) Kleinwagen wie dem damaligen VW Golf entsprach. Mit bestem Dank an Dirk Matten für die Erlaubnis, die Anzeige vom April 1978 und das weitere Foto hier verwenden zu dürfen.

Im zweiten Teil dieses Reports, finden sie eine genaue Betrachtung der einzelnen Module und eine Beschreibung der Unterschiede zwischen ähnlichen Modultypen.

Das Roland System 700 on YouTube


Plus

  • sehr guter Klang
  • durchdachtes Patch-Konzept / Prepatching - spart Kabel

Minus

  • selten

Preis

  • je nach Konfiguration, pro Cabinet ca. 7.000 bis 10.000 Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    Das einzige Vintage-System, das ich haben möchte: Es ist in sich geschlossen und man kommt nicht auf den Gedanken, ständig Module hinzukaufen zu wollen, die es auf dem freien Markt sowieso nicht gibt — es sei denn, man kauft gleich ein zweites System 700.

    Preis: Zuletzt sechsstellig in der VEMIA, also gut 150.000 Euro für den Käufer inklusive aller Gebühren und Provisionen. Auch wenn das nur ein einmaliger Ausreißer war, so dürfte jener die Preise bis zum Ende aller Tage gründlich ruiniert haben. Das sollte also auch unter der Rubrik „Minus“ stehen.

    Ich hätte vor gut zehn Jahren mal die Main Unit für 7.500 Euro kaufen sollen — leider hatte ich so viel Kohle damals nicht flüssig, und klanglich war für mich eine große Nähe zum SH-5 vorhanden, die zumindest gefühlt so groß war, daß ich nicht wirklich den doppelten Preis auf den Tisch des Herren legen wollte.

    Was, im Nachhinein betrachtet, überaus töricht war.

  2. Profilbild
    nativeVS  AHU

    Wahrscheinlich das in sich am best klingenste modular/semi-modular system; wenn Roland doch nur schaltende buchse verwaendet haette anstelle sachen komplett vorzugeben waere es auch noch heute gut vermarktbar.
    Fuer alle die den loetkolben schwingen koennen hatte Roginator vor einigen jahren mal PCB designs gemacht und Ben Marshall hatt dafuer wunderschoene MU panels im programm. Das ewige problem des ua726 muss man aber selbst loesen (gibt aber genug drop in boards mit ca3046 die eine sehr gute loesung darstellen koennen).

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    TobyB  RED

    Herrlich. Flood aka Node sollte noch erwähnt werden die DM Basslinie aus „Enjoy the Silence“ wurde mit einem System 700 gemacht. Richard Barbieri sollte man auch nicht unterschlagen, in seiner Solo Musik taucht das System 700 immer wieder auf.

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        TobyB  RED

        Ehrlichgesagt, ja ;-) der hat auch schon mal mit Apple Mainstage ein komplettes Konzert von Porcupine Tree gestemmt. Die dürften gerne noch mal ein Album veröffentlichen.

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          psv-ddv  AHU

          Etwas OT aber da warte ich auch drauf! Herr Wilsons Soloprojekte sind wirklich ganz nett aber nicht mit der Magie zu vergleichen die Porcupine Tree zu eigen war.

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      iggy_pop  AHU

      Auf der „Ultra“ sollen auch einige der instrumentalen Stücke komplett mit dem System 700 gemacht worden sein.

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        TobyB  RED

        Hallo Iggy,

        das komplette DM Ultra Set Up war in der Future Music April 1997 Ausgabe. Tim Simenon aka Bomb the Bass hat das zur Verfügung gestellt. Er hat Ultra ja auch produziert.

        ARP 2600 (x4)
        Clavia Nord Lead
        Korg PROPHECY
        Korg Trinity
        MIDI Moog (x2)
        Oberheim 4-Voice
        Oberheim Matrix 12
        Oberheim OB-8
        PPG Wave 2.3
        Roland JD-800 (x2)
        Roland JUNO-106
        Roland Jupiter-8
        Roland System-100m (x2)
        Roland System-700
        SCI Pro-One
        Waldorf Wave

        Die Liste geht noch weiter.

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          Hectorpascal

          Ich möchte nicht wissen welche Sounds alle mit dem Nord Lead 1 gemacht wurden und den alten Dingern zugesprochen werden. Irgendwie höre ich derzeit viele Alben aus dieser Zeit und ich bin baff wo der überall verwendet wurde. Chrystal Method, DM, NIN….. Heavily underrated.

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            TobyB  RED

            Also typischerweise hat man im Hause DM schon die Liveumsetzung im Kopf. Und da wird man auf Tonnen von EMU und Akai Samplern zurückgegriffen haben. Allerdings auf Grund der Drogenprobleme von Dave Gahan vezichtete die Band auf eine Ultra Tour. Da wird also Raum für Spekulation bleiben. Der Choir aus Enjoy the Silence wird ja auch immer gerne einem Moog Vocoder o.ä. zugesprochen, es war eine M1. Ich müsste noch mal auf den Karten gucken, welcher das war. NIN nimmt hier eine Sonderstellung ein, da Trent Reznor was die Systeme angeht, die alten Boliden mit auf Tour nimmt. Bei DM hingegen geht man den pragmatischen Weg, Apples mit Mainstage sieht hinter der Bühne keiner.

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    willemstrohm

    Jo, der Fokus auf Klangerzeuger x und der Kult darum, ist m.E. oftmals too much. Natürlich haben einige Synths gewisse Eigenheiten, sind unverkennbar…. aber 90 % der verehrten Alben hätten mit anderen, weniger spektakulär gehypten, Klangerzeugern, vermutlich genau so gut geklungen – wenn auch hier und da anders.

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      Hectorpascal

      Das mit den Eigenheiten oder auch Charakter kann man ich so unterschreiben. Wahrscheinlich könnte aktuell eine Bass Station 2 oder ein Roland System 1m das dicke Ding ganz schön in Verlegenheit bringen. Mitte bis Ende der Neunziger sind die Produzenten wohl ziemlich schnell auf den VA-Zug aufgesprungen, war ja auch sehr praktisch.

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      moogulator  RED

      nicht in diesem Fall – ich kannte ja alle Rolands außer dem 700 – weil man da ja auch eher schwer dran kommt – und habe mich bei DM und NEP immer gefragt – was haben die gemacht, damit das so gut klingt? Nunja, die Antwort war 700. Das System 100 auf System 1 oder 8 ist wirklich gut – aber da kommt es dann nicht ganz heran. Bin ja bekannt für Pro-System Kommentare – dazu gern auch den System 100 Plugout-Check hier in Amazona lesen und hören. Es klingt auch ein bisschen anders.

  5. Profilbild
    zeitlos  

    Was ist eigentlich mit dem versprochenen Test des Korg ARP 2600 ?!

    „Im Fall des KORG ARP 2600 FS wird uns demnächst Bernd Kistenmacher einen ausführlichen Test präsentieren, der dann aber weniger den Vergleich zum Original aufnimmt, sondern dessen Möglichkeiten und Musikalität auslotet.“
    (Zitat Amazona)
    Das ist nun auch schon wieder über ein viertel Jahr her. Oder kam der Tester Corona-bedingt nicht an die Kiste ran?

    • Profilbild
      Tyrell  RED 11

      Du hast die dir Antwort bereits gegeben :) – und inzwischen hat Bernd den Synth inzwischen, findet nur leider keine Zeit für einen Test. Wir haben aber keine Eile, da es so oder so vergriffe ist,
      vg
      Peter

    • Profilbild
      Bernd Kistenmacher  RED

      Der Tester kam Coronabedingt nicht an den Test ran. Ja der FS steht hier, nur musste ich ein paar andere Prioritäten setzen. Wie viele, denke ich. Ich hoffe Du kannst mir das nachsehen. Aber: versprochen ist versprochen und ich werde etwas über diese tollen Synthesizer schreiben. Wie könnte ich nicht ;-) Bitte noch etwas Geduld. Ich melde mich.

  6. Profilbild
    Kraut Control  

    Ich hatte auf der letzten Knobs&Wires die Ehre und das absolute Vergnügen, für ein Stündchen an einem kompletten System 700 rumschrauben zu dürfen. Der ganze Synth is wirklich ein einziger Sweetspot, anders kann ich es auch nicht beschreiben.

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