Buch: Patch & Tweak, Exploring Modular Synthesis

29. Dezember 2018

Sachbuch, Geschichtsbuch, Bildband

Kim Bjørn und Chris Meyer – Patch & Tweak

Zugegeben, ganz objektiv kann ich diesen Bericht nicht schreiben, denn ich gebe zu: Ich bin ein großer Fan. Bereits das erste Buch, Kim Bjørn – Push Turn Move war ein absoluter Spaß und wirklich eine richtige Freude und spätestens seitdem ich die Jungs zu Teilen auch persönlich kenne, kann ich sagen, dass die Freude nicht nur im Buch steckt. Während das erste Buch ganz bewusst eine Verschmelzung war aus Design, Idee und Funktionalität im Bereich elektronischer Musikinstrumente und hierbei vom Moog bis zur Ableton Push alles abdeckte, inklusive Klangsynthese, ist das neue Buch sehr viel zielgerichteter.

Ein schönes Pärchen

Patch & Tweak heißt das neue Buch von Kim Bjørn und, in diesem Fall dazugekommen, Chris Meyer. Der Untertitel: „Exploring Modular Synthesis“ zeigt diese erwähnte Ausrichtung an – Modular-Systeme. Dabei geht es dieses Mal nicht primär um das Design, sondern definitiv um die Funktionalität.

Patch & Tweak ist angetreten, um neben dem historischen Aspekt auch den funktionellen zu beleuchten, um Ideengeber zu sein, aber auch Ratgeber. Für Neueinsteiger. Aber auch für bereits erfahrene Kabelstecker und Poti-Dreher.

Dazu gibt es Interviews, über 30 an der Zahl. Mit Künstlern, wie auch mit Gesichtern hinter der Hardware.

Ich muss zugeben, nach dem ersten Buch lag bei mir die Messlatte recht weit oben und ich war gespannt, ob auch dieses Buch mich so fesseln würde.

Patch&Tweak

Einblicke in das Buch

Patch & Tweak – ein erster Blick

Unboxing-Gequatsche können wir uns hier sparen – oder? Ich finde das sowieso schrecklich. Es ist ein Buch. Selbes Format wie das erste, definitiv nicht weniger Seiten. Über 366, wer es genau wissen möchte.

Alles beginnt mit einem Vorwort von Suzanne Ciani, wie auch zwei kurzen Vorwörtern der Autoren, bevor es in die Einleitung geht. Vorher das Inhaltsverzeichnis. Eine Doppelseite voll Punkte. 366 Seiten wollen gefüllt sein und Unterpunkte gibt es reichlich.
Alleine der Introduction-Part füllt 26 Seiten, während es mit Systems&Setup, Audio Sources oder Audio Modifiers weitergeht. Es bleiben noch, wichtig, CV Sources & Modifiers, Notes & Triggers und in Kürze Appendix. Das füllt dann sogar über 366 Seiten.

Patch&Tweak

„Patch&Tweak“

Introduction

Wer denkt, er könnte hier schön Bilder gucken, der hat sich verdammt geschnitten. Das Buch geht direkt in die Vollen. Glaubst du nicht? Unterpunkt 1 unter dem Oberpunkt Introduction lautet: „Harmonics and Sound – Partials and overtones, harmonic mixtures und subharmonics“. Noch Fragen? Wohl keine, oder? Und tatsächlich geht es in dem Tempo weiter. Voltage Control, Building blocks of synthesis, patch symbols, das sind die folgenden Oberpunkte unter „Introduction“, jeweils unterteilt in verschiedene Unterpunkte. Dabei wird tatsächlich ganz von Anfang an, wenn auch im schnellen Tempo, erklärt, was ein Ton eigentlich, was Töne zusammen sind, was ist Voltage Control, was sind Patch-Kabel, was ist eine Schwingungsform und was ist eigentlich Synthese. Neben dem Hintergrundwissen gibt es reichlich Erklärungen, zum Beispiel „Patch-Symbol-Kunde“.

Patch&Tweak

Dedicated FM Modules

Systems & Setup

Weiter geht es mit Punkt 2: „Systems & Setup“. Wer kann folgen? 3U Eurorack, 4U Serge, 4U Buchla, MU/5U. Es folgt Software Modules mit einem Einblick in Schnittstellen und Software-Lösungen für Modular-Systeme für Computer oder auch Tablets.

Semi-Modular? Auch hierfür gibt es einen Unterpunkt mit Beispielen wie der Dreadbox Erebus oder dem Moog Model A. Klar ist der Korg MS-20 auch eines der Paradebeispiele für einen semi-modularen Synthesizer. Auch einer meiner Favoriten wird genannt, der o-Coast von MakeNoise.

Von semi-modular geht es zu vorkonfigurierten Systemen. Da fällt dem einen vielleicht das System von Doepfer ein? Das A-100 Basic Doepfer System, das schon in den 90ern zusammengestellt wurde. Aber nur ein Beispiel von vielen, die auf den folgenden Seiten zu finden sind und einer Sache kann man sich sicher sein, man wird das eine oder andere finden, was man selbst als Fachmann noch nicht gesehen hat.

Der Einstieg in den Eurorack-Bereich geschieht dann schleichend, beginnend mit einer der Grundfragen: Wo baue ich das eigentlich alles ein? Unterpunkt „Eurorack Cases“. TipTop? Erica Synths? Doepfer? Oder das mir durchs Reisen bekannte Roland SYR-E84? Das bekommt man praktisch im Rucksack hochkant auch ins Handgepäck. Wie groß? Wie breit? Was für Schrauben? Und wo kommt eigentlich der Strom her? Weiter geht es also mit dem Punkt Eurorack Power und zum Glück mal der Erklärung, welche Stromstärken eigentlich für Eurorack-Module notwendig sind. Was für Netzteile gibt es und was für Bus-Boards und Kabel. Sicher etwas, was für den interessierten Einsteiger auch erst einmal unverständlich ist – liegt es doch auch alles auf der Rückseite.

Weiter geht es mit Audio Connections. Damit sind nicht nur Klinkenstecker gemeint, sondern auch Pegel, Output Module wie auch Input Module. Wie genau bekomme ich eigentlich Signale in mein Modular – und wie wieder raus? Wie baue ich Effekt-Loops und recorde ich?

Audio erledigt, geht es mit MIDI weiter – same procedure. Wie was wo geht hier eigentlich? Wie geht MIDI to CV? Was brauche ich eigentlich? Pitch-CV oder doch eher mehr Trigger/Gates? Und wo ist der Unterschied und wofür brauche ich eigentlich was?

Patch&Tweak

Synchronization

Weiter geht es mit Modulen wie einem Make Noise STO, Instruo Ts-L, Doepfer Basis VCO oder einem Livewire Audio Frequency Generator. Der Kenner erkennt: Es geht um Voltage Controlled Oscillators. Danach folgt Tuning, Synchronisation mit Roland 512, Endorphin.es Furthrrrr oder einem Diexie II+ von Intellijel.

So geht die Erklärungsrunde fröhlich weiter über multiple Oszillatoren, komplexe Oszillatoren, komplexe Alternativen (geiler Unterpunkt), Phasenmodulation bis hin zu Noise-Quellen (mit Jupiter Storm von Hexinverter, Malekko Richter NoiseRing oder Sonic Positions Malaclypse). Abgefahren: Digital Wavetable Oscillators.

Ein sehr schöner Unterpunkt in meinen Augen ist der Punkt „Drums & Percussions“ mit einem Blick auf Mutant Hot Glue, 4Ms Spectral Multiband Resonator (da erinnere ich eine Anekdote mit Richie Hawtin, aber das würde den Rahmen sprengen…aber bunt!), natürlich die Tiptop Module BD808, SD808, Hats808, BD909, SD909, Hats909 und was es noch alles gab. Natürlich auch dabei die Mutant BD9, die Snare, Clap und HiHats, Erica Synths mit den Bass Drum, Snare und Tom-Modulen und dem Mixer.

Zuallererst aber wird überhaupt einmal der Signalfluss erklärt, die Entstehung einer analogen Kick, Snare und Co, bevor es dann von Percussion-Modulen zu analogen und digitalen Percussion-Synthesizern geht. Mutant Maschine wieder ganz präsent, sofort erkannte aber auch SSF entity Percussion Synthesizer. Schon mal das Noise Enginering Basimilus Iteritas Alter gesehen? Ich bisher nicht.

Wer nun denkt, das ist ja schon ganz schön viel…nun, das waren erst zwei von fünf großen Punkten.

Es folgt der Oberpunkt „Audio Modifiers“ und es geht erneut solide zur Sache. Der Punkt VCFs hat alleine 9 Unterpunkte (The basic VCF, slopes and poles, morphing and pinging, feedback, filter banks, dual filters, resonators and formant filters, spectral processors, filter design). Bäm. Das macht richtig Spaß, auch wenn es echt viel Wissen ist.

Es geht weiter mit Waveshapers, VCAs, LPGs, Mixers und Effects. Alle Punkte wiederum mit diversen Unterpunkten zu verschiedenen Themen, mit viel Wissen, vielen Beispielen, Signal-Fluss-Erklärungen und immer wieder viele Module. Wir wissen alle, das Modul-Angebot ist nahezu unendlich, aber überlegt man, dass in diesem Buch auf jeder Seite durchschnittlich bestimmt 4 Module abgebildet sind…ja hat man einmal angefangen ist wirklich keine Grenze gesetzt.

Patch&Tweak

Der Effect-Punkt ist für mich ein besonders interessanter, auch hier wieder viel Bekanntes, einiges Neues. Make Noise Erbe-Verb oder Echophon, Doepfer A-188-1 BBD, Intellijel Rainmaker, 4MS Dual Looping Delay oder mir bisher unbekannt Soundmaschines UF1microfx und Mordax Date GXN. Und das nur als Reverbs und Delays. Weiter geht es mit Vocodern, Faking Stereo, CV Processing.

Definitiv eher was für die Fortgeschrittene ist der Punkt „CV Sources & Modifiers“, in dem es dann um Envelope-Generatoren geht, um Slope Shapes, Re-Triggering, Multi Stages Envelopes and Segments und und und. Es hört nicht auf. Der Nerd-Kram in diesem Buch hört einfach nicht auf.

Wer sich seine Feiertage zerstören möchte und danach ganz viel Geld braucht aufgrund von neuen Ideen, der sollte in diesem Buch sehr genau lesen!

Weitere Punkte? LFOs, CV Recorders, Envelope & Pitch-Followers, Random Sources, Generative Patches, CV Modifiers, Multi-Function Modules. Und auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Das sind nur die Unter-Oberpunkte unter „CV Sources & Modifiers“, die jeweils auch 2 – 14 Unterpunkte wiederum haben und fast ¼ des Umfangs des Buches abdecken.

Notes & Triggers

Der letzte große Punkt lautet „Notes & Triggers“. Kein sanfter Abschluss, sondern der letzte Hammer, der einen noch einmal ordentlich fordert.

Dan Green startet mit einem Interview, Gründer der 4ms Company, über Time, Clocks und Building Blocks. Für mich aus persönlichen Gründen ein kleines Highlight, die eigentlich doch recht simple, dennoch interessante Erklärung zum LED-Ring des Sperical Wavetable Navigators.

Patch&Tweak

Es geht weiter über Rhythm Generators, Logic Functions und Sequencers. Traditional analog Sequencers werden nicht nur erläutert, sondern es gibt auch Tipps und Tricks, so wie für alle Punkte. Kleine Erläuterungen, teils mit kleinen Details und Ideen, damit ist das Buch bestückt.

Durch das gesamte Buch ziehen sich 38 Interviews. Bekannte oder unbekannte Gesichter. Erbauer oder Nutzer jeder Art. Hans Zimmer ist dabei, Bana Haffar (Co-Founder von MOTS),
Richard Devine mit einem sehr schönen und textlich langem Interview, Girts Ozolins (Founder of Ericy Synths), Andreas Zhukovsky (Founder of Endorphin.es), Gert Jalass (Lunar Experience / Moon Modular), Simone Fabbri – Gründer von Frap Tools. MakeNoise wird besucht und Dave Rossum darf auch ein wenig erzählen.

Als Gimmick gibt es im Anhang nicht nur ein Wortverzeichnis, sondern auch eine Historie über Modular-Synthesizer, beginnend in 1876 und laufend über 18 Seiten bis 2018. Letzter Punkt der Geschichtsreise?

„Kim Bjørn und Chris Meyer creates Patch&Tweak, the first contemporary and fully illustrated book on modular synthesis in decades. It was funded within 10 minutes on Kickstarter…“

Ein schöner Schlusssatz für ein schönes Buch.

Fazit

Ich dachte, ich wüsste viel. Schau ich mir jedoch dieses Buch an, habe ich das Gefühl, ich weiß gar nichts. Das ist in Ordnung, so geht es mir jedes Mal, wenn ich etwas suche und mich verliere zwischen Suchmaschinen und Foren, Threads, Sub-Foren. Patch&Tweak aber setzt einem diese Unwissenheit vor, fördert den Entdeckergeist, lehrt, unterhält und erklärt. Das Ganze ohne Sachbuch-Charakter. Es ist mehr eine Reise, ein logischer Aufbau, eine Entdecker-Tour mit Zwischenhalten „Kenne ich schon“ und „das wusste ich noch nicht“.

Eine absolute Schmöcker-Empfehlung, eine Empfehlung für jeden Interessierten, eine Empfehlung für jeden, der ein schönes Geschenk sucht …

Minus

  • leider nur in Englisch erhältlich

Preis

  • Ladenpreis: 64,20 Euro
Forum
  1. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    Noch ein Synthi-Sachbuch — warum nicht, wenn es hilft, bessere Musik zu machen und bessere Klänge zu entwickeln?
    .

  2. Profilbild
    Joghurt  AHU

    Schön ist gerade Weihnachten, da hab ich mir das Buch gleich gegönnt. Mal schauen, wie lange es von Dänemark bis zu mir braucht…

    Danke Bolle für den Buchtipp.

      • Profilbild
        rbtdlx  

        Genau dort (Schneidersladen) habe ich es vor ein paar Wochen bestellt. War nach 3 Tagen hier.

        Ich bin aber noch nicht wirklich weit gekommen. Lese es mehr so nebenbei. Liegt auf meinem Zeitschriftenstapel neben dem Klo. :-)

        Es gefällt mir aber sehr gut. Schön umfangreich und die Interviews finde ich klasse!
        Das Vorgänger-Buch hatte ich mal bei der Superbooth durchgeblättert, aber da war mir zu viel nicht-modulares drin. ;-)

  3. Profilbild
    Synthie-Fire  AHU

    Super Buch,
    macht echt Laune.
    Aber Achtung zum Buch kommen wahrscheinlich Folgekosten,weil man evtl. das ein oder andere Modul dann noch haben möchte ;-).
    Hätte mich gefreut wenn mehr 5U Module vorgestellt worden wären, auch wenn ich zusätzlich Eurorack-Freund bin.Aber klar es geht um die Mehrheit der Modularnutzer.Und es tut dem Lesespaß kein Abbruch.
    Verstehe jetzt nicht das es nur unter dem Punkt Minus „leider nur in Englisch zu erhalten“ angegeben und keine Pluspunkte hinterlegt wurden.

    Für mich ein Bestbuy-Buch so wie “ Push Turn Move“ auch.

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