Multimedia-Spektakel in Bochum
Am Sonntag, den 30.11.2025 war es endlich so weit: Kraftwerk startete seine Maschinen im Bochumer Ruhrcongress. Mit ihrem ausverkauften Konzert wussten die Elektronikpioniere das Publikum zu begeistern – mittendrin die AMAZONA-Redaktion.
Kraftwerk Multimedia Tour 2025
Es ist für unsere Leser kein Geheimnis, dass AMAZONA-Mitarbeiter Dirk Matten nicht nur eine langjährige Geschäftsbeziehung über sein Synthesizerstudio Bonn mit den beiden Kraftwerk-Gründern Ralf Hütter und Florian Schneider hegte, sondern auch eine intensive Freundschaft, die ihn bis heute mit dem letzten verbliebenen Gründungsmitglied Ralf Hütter verbindet. So erreichte mich im Sommer der Anruf von Dirk mit der Mitteilung, dass Kraftwerk ein Konzert in unserer Nachbarstadt Bochum spielt. Das wäre quasi für mich als Redaktionsleitung ein Pflichttermin. Wo der Mann Recht hat, hat er Recht. Kurze Zeit später schrieb Dirk, dass Bianca und ich auf der Gästeliste stehen.
Am Sonntag machten wir uns dann auf den kurzen Weg zum Ruhrcongress Bochum, nicht wissend, was uns da erwarten würde. Hat das mit der Gästeliste geklappt? Wo müssen wir uns melden?
Obwohl wir sehr früh aufgebrochen sind und bereits um kurz nach 18.00 an der Halle waren, standen dort bereits sehr lange Schlangen in alle Richtungen. Viele Besucher gehörten wie ich zur Generation „Die Mensch-Maschine“ und dürften Tracks „Das Model“ oder „Die Roboter“ live im Radio und Fernsehen erlebt haben. Andere Besucher schienen das 80. Lebensjahr schon hinter sich gelassen zu haben. Doch auch viele deutlich jüngere Leute als ich und Jugendliche im geschätzten Alter von 14 bis 15 Jahren konnten wir entdecken. Kraftwerk versteht es also nach wie vor, eine breite Masse an Menschen in die Konzerte zu ziehen, was angesichts des Einflusses, den das künstlerische Schaffen bis heute auf die Musik nachfolgender Generationen hatte und hat, nicht verwunderlich erscheint.
Unsere Karten lagen bereits an der Kasse in einem beschrifteten Umschlag bereit und nach einem Kaffee im Foyer des Ruhrcongress haben wir unsere erstklassigen Plätze auf der Tribüne eingenommen. Dirk hatte mich bereits darauf hingewiesen, dass Pünktlichkeit essentiell sei. Und so ging auf die Sekunde genau um 20.00 Uhr das Konzert los.
Glasklarer Sound
Was schon beim ersten Stück „Nummern“ auffällt, ist der glasklare Klang, den die PA produziert. Es dröhnt nicht, es klingt nicht schrill, alle Instrumente sind klar zu orten. Die Lautstärke bleibt das ganze Konzert über sehr gemäßigt, zu Beginn des Konzerts sogar geradezu gering. Bei den ersten drei bis vier Titeln könnte man meinen, dass der Tontechniker die Show mit angezogener Handbremse fährt. Das ändert sich danach zunehmend. Nun werden so langsam auch die Subwoofer aktiv und erst beim letzten Stück des Abends hat man den Eindruck von „Konzertlautstärke“. Das hat den positiven Nebeneffekt, dass es das sonst übliche „Ohrensausen“ nach dem Konzert nicht gibt.
Ob die gemäßigte Lautstärke bewusst gewählt wurde, kann ich selbstverständlich nicht sagen. Sie passt aber zum Gesamtkonzept „Multimedia“, denn die volle Konzertlautstärke hätte garantiert abgelenkt und wäre in diesem Rahmen störend gewesen.
Vom Musiker zur Kunstfigur
Noch von den Fernsehauftritten aus der Zeit von „Die Mensch-Maschine“ ist mir das Auftreten der Band in Erinnerung geblieben: der Musiker steht im Hintergrund, die Musik und die Präsentation der Musik durch multimediale Elemente im Vordergrund. So ist es auch auf der aktuellen Kraftwerk Multimedia Tour: Die vier Band-Mitglieder stehen an ihren „Spieltischen“. Es gibt kaum Bewegung. Man muss sehr genau hinschauen, um zu sehen, dass sie mit ihrem Equipment agieren. Die Anzüge, die sie tragen, sind mit LED-Strips versehen, die mit der Licht- und Video-Installation synchronisiert sind. Auch die Spieltische und das Podest, auf dem die Musiker stehen, sind mit LED-Strips und Displays versehen.
Die Musiker stehen vor einer riesigen Leinwand, die Bühne selbst ist die meiste Zeit über sehr dunkel. Es gibt kaum Licht für die Band, sodass die Gesichter über weite Strecken im Dunkeln bleiben. Nur gelegentlich schimmern sie mal etwas durch. Auf den Konzertfotos, die ich mit meinem iPhone 16 Pro Max gemacht habe, sieht es aufgrund dessen spezieller Kamera deutlich heller aus, als es eigentlich war.
Auf diese Weise verschmelzen die Kraftwerk-Mitglieder mit der Multimedia-Installation, werden ein Teil von ihr. Sie sind selbst Kunstfiguren einer Multimedia-Installation aus Musik, Licht und Video. Keine Rockstar-Posen, keine Interaktion mit dem Publikum, niemand steht im Vordergrund, auch oder insbesondere Ralf Hütter nicht. Bei Kraftwerk benötigt man keine Laserharp und hektisches Geschraube an den Reglern hochhaushoher Modularsynthesizer, um das Publikum in den Bann zu ziehen.
Die Setlist umfasst alle bekannten Tracks aus der langen Geschichte der Band:
- Nummern / Computerwelt / Computerwelt 2
- Heimcomputer / It’s More Fun to Compute
- Spacelab
- Ätherwellen
- Tango
- Die Mensch-Machine
- Electric Café
- Autobahn
- Computerliebe
- Das Model
- Neonlicht
- Metropolis
- Merry Christmas Mr. Lawrence (Ryūichi Sakamoto)
- Geigerzähler
- Radioaktivität
- Vitamin
- Tour de France / Tour de France Étape 3 / Chrono / Tour de France Étape 2
- La Forme
- Trans-Europa Express / Metall auf Metall
- Planet der Visionen
- Boing Boom Tschak / Techno Pop / Musique Non Stop
- Zugabe: Die Roboter
Vor der Hommage an Ryūichi Sakamoto mit einer Version dessen Filmmusik „Merry Christmas Mr. Lawrende“ gibt es eine kurze Ansprache aus zwei bis drei Sätzen von Ralf Hütter, den mit Ryūichi Sakamoto eine langjährige Freundschaft verband. Es ist einer der wenigen Songs, bei denen die Musiker länger angeleuchtet sind.
Modern statt Vintage
Die Band-Mitglieder, die sich weniger als Musiker, sondern als Audio- und Video-Operator sehen, arbeiten längst mit modernem Equipment. Lange wurde spekuliert, was sich hinter den Spieltischen von Kraftwerk verbirgt? Die Antwort gab es erstmals 2020, als ein in einem günstigen Winkel gedrehtes inoffizielles Video einen Blick auf das gewährte, was der Zuschauer normalerweise nicht sieht und offenbar auch nicht sehen soll, denn im Gesamtkontext des Konzerts ist das Equipment unwichtig.
Dennoch sei verraten, dass all die bekannten Sounds, die Musikgeschichte geschrieben haben und von vielen Produzenten in vielfältiger Ausprägung genutzt wurden, allesamt digital erzeugt werden. Das Equipment besteht aus einfachen MIDI-Controllern, diversen Computer-Displays, iPads. 2020 waren außerdem ein Creamware Minimax als Klangerzeuger, eine Native Instruments Maschine, ein iPad mit Lemur App, ein Keith McMillen QuNeo MIDI Controller, ein Novation Zero SL MK1 dabei. Auf den Displays sind teilweise die Visuals zu sehen, die von Video Operator Georg Bongartz gesteuert werden. Als Vocoder kommt nicht etwa ein Hardware Vocoder wie früher zum Einsatz, sondern ein Plug-in. Auf der Tour 2020 war es ein Virsyn Matrix Vocoder Plug-in, das es sogar für iPads gibt.
Während nun dem Vintage- und Gearporn-Fan auf AMAZONA das Herz blutet angesichts des modernen und vergleichsweise preisgünstigen Equipments, das von der Band live genutzt wird, die wie keine andere zuvor mit analogen Synthesizern in Verbindung gebracht wird, juckt das den Kraftwerk-Kenner überhaupt nicht. Denn hier geht es, wie zuvor schon gesagt, nicht um Musiker, nicht um Equipment – es geht um das Gesamtkunstwerk „Die Mensch-Maschine“ in ihrer Reinform.
Hier geht es zum Synth Anatomy-Artikel und den Bildern von 2020: https://synthanatomy.com/2020/05/video-reveals-kraftwerk-live-setup-on-the-3d-catalog-tour.html
Videos
Der einzige Punkt mit Retro-Effekt sind die Videos, die über die riesige Leinwand flimmern und deren Machart. Hier schimmern die 80er durch. Das ist keinesfalls negativ gemeint, hier geht es nicht um die Qualität, denn natürlich gibt es keine durchweg pixeligen Computergrafiken, sondern um die Machart der Videos, die typisch für die damalige Zeit ist. Erneut wurde nichts dem Zufall überlassen, alles ist präzise auf die Musik abgestimmt und die „Mensch-Maschine“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Videos:
Mal sind es 3D-Objekte als Gitternetz, mal einfache 3D-Renderings, mal ein pixeliges Raumschiff, das um die Erde kreist und schließlich vor dem stilisierten Ruhrcongress Bochum landet – und manchmal sind es einfach schnelle Fragmente, die über die Leinwand flimmern, mit der die vier Akteure aufgrund der perfekt daran angepassten Anzüge verschmelzen.
Ein gelungener Abend
Nach dem ikonischen „Boing Boom Tschak“-Medley treten die Musiker einzeln nach vorne, zuletzt Ralf Hütter. Das Publikum ist erstmalig richtig laut wie bei einem Rockkonzert und man könnte einen Moment lang meinen, es wäre nicht der Ruhrcongress, in dem man sich befindet, sondern das benachbarte Stadion des VFL Bochum. Und nun, zum ersten Mal am Abend, sieht man die Gesichter der einzelnen Musiker.
War das dann doch ein verschmitztes Lächeln auf dem Gesicht Ralf Hütters oder Einbildung? Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen. Nach dem tosenden Applaus kommen die vier Kraftwerker noch einmal für eine Zugabe auf die Bühne zurück. Hier schließt sich der Kreis mit „Die Roboter“. Über die Rückwand flimmern die bekannten Abbildungen des Albums „Die Mensch-Maschine“ von 1978. Zurück bleibt ein begeistertes Publikum.















































Bei mir wird es dieses Jahr, besser gesagt exakt in 3 Wochen, auch das erste Mal. Ich hoffe es kommt nichts dazwischen und freue mich wie eine Katze im Fischcontainer darauf.
@Filterpad wow!
viel Spaß!
ich war letztes Jahr in Wien zum 4. Mal bei kraftwerk!
immer wieder eine Freude!
die Projektionen sind extrem beeindruckend!
😃🤘
@Numitron 💪👌🔥
Ich werde am 14. Dezember in Düsseldorf sein, freue mich schon.
@Dirk Matten ausgezeichnet!
hoffentlich auch Backstage!
🤘
@Numitron Vorher beim Kaffee
@Dirk Matten geht auch!
it’s more fun to Drink Coffee😎
Es war durchaus beeindruckend in Bochum, ja. Und dennoch war es wieder nur Nachlassverwaltung. Nichts neues, nichts innovatives – auch eine große LED-Wand ist inzwischen Schnee von gestern. Da geht sogar beim ESC mehr, sorry.
Aber hey, genau deshalb war ich doch da: Ich wollte Kraftwerk so hören und sehen, wie ich sie aus dem „Katalog“ kenne und schätze. Genau das haben sie gemacht. Punkt. Keine „Best of“-Show, keine Kunstinszenierung, keine Tanzveranstaltung.
Der Sound – ich stand etwa in Reihe fünf – war perfekt. Wären die Subbässe von Anfang an zu hören bzw. zu spüren gewesen, wäre ich wahrscheinlich nach einer halben Stunde direkt zu meinem Hausarzt gefahren.
A propos ESC: Die „Strophen-Menschen-Vocals“ kamen allesamt live von Ralf Hütter, soweit ich das mittels „Lippenlesen“ beurteilen konnte.
Tipp: Für Düsseldorf gibt’s noch Karten, nichts wie hin ;)
@heimannrudolf in Wien beim Schloss Schönbrunn war es schon sehr beeindruckend mit den Projektionen.
aber nur Led ist halt nicht so toll.
aber sie haben tolle Locations mittlerweile.
vor 20 Jahren zumindest in Wien in einer dunklen Konzerthalle (berüchtigt für den Sound..)
ab 2016 circa immer besonders schöne Locations
und dann auch wieder mehr Besucher.
vor 20 Jahren eher ein Nerdpublikum und sehr wenige.
später oft ausverkauft.
@Numitron Ich muss auch mal wieder nach Wien. War bisher nur beruflich dort. Das Hotel war der Kracher. Dafür habe ich sonst fast nichts von der Stadt gesehen. Die Turmspitze des Stephansdoms war alles. Schönbrunn, Rosengarten, Dom will ich unbedingt alles mal sehen. Vielleicht mache ich mit meiner Frau mal eine Drei-Tages-Tour im Frühling.
@Mac Abre Kigali ist viel interessanter … aber sowas, lieber Mac Abre, spielt hier absolut keine Rolle und interessiert angesichts des Themas sicher niemanden … !
Herzlichen Dank an Markus für den interessante Bericht über das beeindruckende Konzert … und sehr viele Bilder über die Jungs dort und die Projektionswand!
Es war mir bisher noch nicht vergönnt, zu einem Kraftwerk-Konzert zu kommen – aber im nächsten Leben mache ich ohnehin vieles ganz ganz anders !
@Nvelope warum nicht?
die spielen eh sehr viel..
@Numitron Sorry – aber Mac Abre’s mehr als 5 Zeilen über Wien hörten sich fast so an, als arbeite er für die dortigen Tourismusämter . . . und ich vermisste aber auch jeglichen – auch vielleicht nur winzig kleinen – Hinweis auf Kraftwerk darin oder Bezug zum Thema dieser Seiten …
Deswegen habe ich ihm in meiner Antwort kurz MEINEN favorisierten Ort auf dieser Welt gegenübergestellt (verzichtete aber hier auf eine Stellungnahme zu meiner Motivation dafür u/o Favoriten dort) … klar: ohne Chance, dass Kraftwerk dort einmal auftreten werden (wenngleich dies eine interessante Idee sein könnte …!).
@Nvelope OK! 👍
kann sein.
Text only kommt nicht alles mit.
😃
@Mac Abre gute Idee!
unbedingt zur Klangfarbe wenn es geht!
Österreichs größtes Musikhaus bekannt aus Bad Gear. 😃
kannst dich ja gerne melden, wenn du magst.
kann zwar momentan nur wenig gehen, aber hoffentlich im Frühling wieder mehr.
Ich bin Fan seit den frühen 80ern, und sehe sie in München ENDLICH zum ersten Mal.
Eine große Lücke in meinem Konzertpotfolio wird endlich geschlossen. 😀
(Karl Bartos’ „Das Cabinet des Dr. Caligari“ vor einem Jahr war zwar ganz anders, aber übrigens auch sehr cool!!) 🤓