Beispielhafte Anwendungen

In Folgenden möchte ich einige Anwendungen vorstellen. Ich greife dabei auf einige meiner eigenen Module zurück, da ich diese nunmal am Besten kenne. Es gibt/gab aber – wie schon erwähnt – hunderte von User-Interfaces zum freien Download.

Natürlich beschreibe ich hier eher komplexere Interfaces, die allgemein zur MIDI-Daten Manipulation geeignet sind. Interfaces bei denen der MIDI-Output direkt eine Funktion in der Anwendung kontrolliert – wie bei dem Synth1 Interface – wären hier zu einfach und würden die Möglichkeiten des Lemurs nicht zeigen.

Meine Interfaces füllen meist nicht den ganzen Bildschirm, damit ich verschiedene davon miteinander kombinieren kann – ähnlich wie in einem Modularsystem. Dabei gibt es meist ½ Bildschirm quer und ¼ des Bildschirms. Die Name der Interfaces enden (fast) immer auf “…mat”. Zum einen ist mein Username im Forum “mat” (von Matthias, meinem eigentlichen Namen) und außerdem ist es eine schöne deutsche Endung, die meistens auf eine Maschine hindeutet.

Bild “Modumat”: Mit dem “Modumat” kann man Stepmodulation von Control Change vornehmen (auf halber Bildschirmgröße, damit kombinierbar mit anderen Kontrollen). Die einzelnen Werte werden auf den 16 Slidern eingegeben. Diese werden aber über das Range-Objekt am rechten Rand in ihrem Output bestimmt. Bei diesem Screenshot geht die Variation also nur von 30 bis 92 (anstatt von 0-127 bei voll aufgerissenem Range). Dies hat u.a. den Vorteil, dass man eine Variation ein- und ausblenden kann, die relativen Unterschiede der Steps aber erhalten bleiben. Auch möchte man ja nicht immer eine Variation über den gesamten Wertebereich, sondern nur in einem bestimmten Bereich. Bei kleinen Variationen ergibt sich außerdem, dass durch Nutzung des Ranges der Faderweg (0-1) voll nutzbar bleibt, was die Dateneingabe vereinfacht. (Das Range-Objekt ist im Touchbereich super wichtig, es entspricht ja auch der Pinch-Geste – es gibt m.M.n. kein Hardware Pendant.) Der obere Querbalken stellt ein, welche Teile der 16 Fader geloopt werden (hier Fader 3-9). Die unteren Kästchen geben den Grid wieder (hier 32tel). Mit den Switches unter den Slidern können einzelne Steps auf Zufall gestellt werden – sie verändern ihre Größe dann nach jedem Triggern automatisch. Wichtig: Da der Output der Steps immer durch den Range geht, hat man auch hier mehr Kontrolle über den Zufall – denn zufällige Variationen zwischen 0 und 127 sind meist nicht sehr musikalisch. Links oben kann man mittels drop-down menu den Midikanal und die Controller Number wählen. Der obere Schalter links schaltet das Modul an. Darunter ist der aktuelle Output als Zahl zu lesen (hier 67). Darunter ist ein Schalter um statt Stepmodulation in eine fließende Interpolation überzugehen. Ganz unten links ist mein Preset-Container, der es erlaubt 8 Presets zu speichern und abzurufen (natürlich während des Playbacks). Darüber befindet sich ein Signaloscope, dass den Wertebereich über die Zeit anzeigt – eigentlich unnötig, aber fancy ;)

Bild “Macromat”: 8 Control Change Parameter können auf kleinem Raum (¼ des Bildschirms) kontrolliert werden. Der enge Abstand zwischen den Drehreglern ist Dank dem im Text beschriebenen Capture-Feature kein Problem. Über “Setup” kommt ein Container ins Bild (hier nicht gezeigt), mit dem sich die MIDI-Zuordnung ändern lässt. Die aktuelle MIDI-Zuordnung wird mittels Monitor im Inneren der Drehregler angezeigt ({Kanal, Controller Number}). Die Werte können über Variablen gespeichert werden. Hierzu roten Knopf drücken, damit die 10 Slots rot werden und dann auf Druck des einzelnen Slots die aktuellen Werte dort speichern. Beim Umschalten von Presets kann über den Drehregler unten rechts eine Überblendzeit eingegeben werden, in der die Werte langsam zum neuen Ziel fahren statt zu springen – gut um z.B. Knackser bei Effekten zu vermeiden. Hinweis: Da die MIDI-Zuordnung bei diesem Modul dynamisch geschieht und nicht fest den Kontrollelementen zugeordnet ist, gibt es kein MIDI-Feedback – Änderungen von Extern werden hier also nicht widergespiegelt.

Bild “Scalomat19”: Hierbei handelt es sich um eine Klaviatur, welche die Anzahl der Pads innerhalb einer Zeile, der Anzahl der Töne innerhalb einer Tonleiter pro Oktave anpasst. Hier im Bild sind es 6 Töne (etwas ungewöhnlich, muss ich zugeben). Bei einer harmonischen Molltonleiter wären es 7, bei einer Pentatonic 5, bei Chromatic dann 12. Die übereinander liegenden Reihen, die sich im Umfang auch anpassen lassen, sind die Oktaven. Vorteil: Man trifft bei einmal gewählter Tonleiter nie den “falschen” Ton. Und man spielt ganz andere Tonabfolgen… Die Keynote und die Tonart können unabhängig voneinander festgelegt werden (drop down menu), Custom ermöglicht das freie Setzen einer Tonleiter auf einer Klaviatur, Die Halbtonschritte werden in einem Monitor angezeigt. Unten lässt sich zwischen normaler Eingabe, switch (Noten an- und aus- schalten) und Sustain (verzögerte Note-off Message, angezeigt durch langsam abklingende Padfarben, realisiert durch die ADSR Hüllkurve der Pads), was gerade im Ambientbereich zu schönen Soundcollagen inspiriert. Über die Zeit habe ich dem Modul noch ein paar zuschaltbare Funktionen gegeben, die bei Bedarf erscheinen. Rechts sieht man z.B. Chords, die man speichern und über Pads wieder abrufen kann.  

Das große Manko ist aber die Keyvelocity: Der Lemur registriert ja nicht, wie stark ich die Pads gedrückt habe. Es fehlt also nicht nur haptisches Feedback für den Nutzer, sondern auch schlicht eine Information. Und die Anschlagsdynamik ist ein äußerst ausdruckstarkes und direktes Mittel… Hier muss die Keyvelocity mit einem Slider auf der linken Seite gesetzt werden, was ein viel bewussterer und nicht so dynamischer  Der Slider kann auch ein Range werden, der eine zufällige Keyvelocity zwischen beiden Enden setzt, was ein wenig mehr Variation rein bringt, aber natürlich eine Anschlagsdynamik nicht ersetzt kann.

Bild “Sequencomat”: Ich habe auch eine ganze Reihe von Sequencern für den Lemur unter der Bezeichnung “Sequencomat” gemacht. Diese habe ich aber unter max/msp programmiert, da zur Hauptentstehungszeit (2009-2010) dies auf dem Lemur alleine noch nicht so möglich war. Heute sind tighte Sequencer möglich, wie oben beschrieben, wobei ab einer gewissen Komplexität ich auch heute noch eher eine andere Software nehmen und den Lemur zur reinen Anzeige und Eingabe “degradieren” würde. Das ist nunmal seine Hauptaufgabe. Die Verbindung zu max geht über OSC und echt problemlos, die maxpatch sendet dann das MIDI. Man muss max auch nicht kaufen, sondern die freie Demoversion funktioniert auch als Runtime.

Wer sich für Details des Sequencers interessiert findet hier eine ausführliche Beschreibung mit vielen Screenshots: http://www.tonvibration.de/SequencomatV3.html

Ein Video das einige Funktionen des Sequencomat V3 zeigt, wie z.B. Program Change on Step, ist unten angehängt. Es zeigt aber auch sehr schön das MIDI-Feedback bei Program Change auf der Synth1 Oberfläche:

https://youtu.be/o3IPlR81bXk

Weitere Videos findet Ihr allgemein auf meinem Youtube-Kanal (https://www.youtube.com/user/tonvibration) oder speziell in der unten angehängten Playlist, in der ich einige Module vorstelle. Die Videos sind aber alle schon etwas älter. In den letzten Jahren habe ich da nicht mehr so viel gemacht. Viele sind noch auf dem Hardware-Lemur, die Module funktionieren aber genauso in der App:

https://www.youtube.com/playlist?list=PLwm9KYdUfyUVg3lbJoYcQLBIwVSoMhytZ

Es gibt/gab wie schon gesagt 100 von fertigen User Interfaces für den Lemur. Viele davon auch sehr gut dokumentiert und mit Videos. Leider hat die Firma Liine just in den letzten Tagen (13. April 2019) damit begonnen den User-Content zu löschen bzw. unzugänglich zu machen. Ob noch was da ist, könnt Ihr hier überprüfen:

https://forum.liine.net/en/community/user-library/

Forum
  1. Profilbild
    Markus Schroeder  RED

    Wow, super Artikel, congrats und Danke!
    Ich hab immer gesagt Liine Lemur ist _der_ Grund sich ein iPad zu kaufen, aber wie Du sagt, Liine haben anscheinend kein interesse mehr daran oder was auch immer.

    Sehr, sehr schade.

    • Profilbild
      tonvibration  

      Ja Danke und gern geschehen. Der Artikel war mir eine Herzensangelegenheit. Nur schade, dass er jetzt unter diesen Umständen veröffentlicht werden muss…
      Das iPad hat bei Musiksachen schon Vorteile – z.B. wegen der großen Anzahl an Musik Apps allgemein oder dem günstigen aber gut funktionierenden MIDI Adapter. Bei Neuanschaffung tut es aber auch ein Android Tablet, das nunmal viel günstiger ist.

  2. Profilbild
    lsf3og

    Wirklich ein sehr informativer Artikel. Habe gleich Lust bekommen, die App zu laden, werde aber lieber die Finger davon lassen.
    Ich habe gerade geguckt, was man bei Archive.org noch in Bezug auf das größtenteils abgeschaltete Forum findet. Dort gibt es einen Snapshot vom Januar, der genutzt werden kann, um die Library zu durchsuschen. Damit lassen sich auch die entsprechenden Downloadlinks finden, die auch noch funktionieren.
    Hier die Adresse des Snapshots: http://web.....r-library/

    • Profilbild
      tonvibration  

      Der Snapshot ist super! Danke für den Tipp. Dadurch sieht man nämlich auch wieder die Bilder zu den User Interfaces – was eine große Hilfe bei der Fülle an Interfaces ist.
      Leider hat Liine ja just an diesem Wochenende (13.-14.4.19) angefangen die Homepage zu löschen: Zunächst natürlich alles unter Company (damit die User schnell vergessen, wer es war?), aber auch den Premium Content (extra vorgestellte Module von hoher Qualität) und eben Bilder und Suchfunktionen (tags wurden wohl gelöscht) in der User Library. Die Module selbst sind aber noch da.
      Den Gedanken, sich so eine App besser nicht mehr zuzulegen, kann ich gut verstehen. Auf der anderen Seite, dann nicht traurig sein, wenn es die plötzlich nicht mehr gibt und auf absehbare Zeit nichts Vergleichbares kommt. Ist ne doofe Situation….

      • Profilbild
        ALFD

        Also ich habe mir leider letzte Woche die LemurApp fürs iPad gekauft, nur um jetzt festzustellen, das die App wohl am Ende ist. Dabei habe ich mir das iPad (günstig gebraucht) in erster Linie für diesen Zweck zugelegt. Da bin ich echt grad etwas verärgert jetzt…. Schade , wollte eigentlich mit Lemur richtig loslegen, aber nun habe ich da keinen richtigen Bock mehr drauf mich da einzuarbeiten, obwohl der Bericht toll geschrieben ist und voll Lust auf den Lemur macht. Alternativen gibt es ja nicht so wirklich, also bleibt zu hoffen, das die LemurApp vielleicht doch noch am Leben erhalten wird….

        • Profilbild
          Soundreverend  

          Also ich meine ja Du kannst die App wieder „zurückgeben“, das geht irgendwo im App Store, habe ich schon einmal gemacht bei einer teuren App mit der ich wirklich unzufrieden war und es war kein Problem. Geld wird zurück-überwiesen und gut ist…

        • Profilbild
          tonvibration  

          Rückgabe wäre eine Möglichkeit….oder…da Du das iPad und die App eh schon hast… Du sicherst Dir jetzt(!) alles Notwendige.
          Das Manual bietet einen guten Einstieg, auch zum Scripting. Zur Einrichtung gibt es auch noch jede Menge Videos und Tutorials auf YouTube. In dem neuen Forum habe ich auch ne Liste mit Links zu Modulen gemacht.

          Dass man als Neukunde da verärgert ist, ist klar. Als jemand der viel Zeit investiert hat, wie ich, ist es auch nicht besser… Aber Assi-Verhalten von Liine hin oder her, morgen ist es vielleicht weg. Auf Dauer. Da bin ich eher froh, dass ich es auf vielen Geräten habe.

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.