Vergleich von Lemur mit TouchOSC

Moment mal, werden jetzt einige sagen, da gibt es doch noch TouchOSC (https://hexler.net/software/touchosc) Ist das nicht das Gleiche?

Nein. Ich habe den größten Respekt vor der Leistung von Hexler, der TouchOSC im Alleingang auf die Bühne gestellt hat, noch bevor es der Lemur auf iOS oder Android geschafft hatte. Das Programm ist auch wirklich gut und kostet nur einen Bruchteil des Lemurs. Und ja, es gibt auch Fader und Knobs und Pads und XY/Pads usw… Aber es ist als würde man Lego DUPLO mit Lego TECHNIK vergleichen. Ja, beides Lego. Mit beiden lässt sich was bauen. Nur mit TECHNIK kann man halt viel mehr in die Details gehen… Bei TouchOSC fehlen viele wichtige Kontrollobjekte, z.B. das Range-objekt – eine Art zweiseitiger Fader mit dessen Enden ich z.B. einstellen kann, ob der benachbarte Fader nun von 0-127 geht oder eben nur von 34-76. Sowas dynamisch einstellen zu können ist ab einer gewissen Komplexität der Interfaces einfach wichtig. Überhaupt – Interaktionen kann man mit TouchOSC nicht programmieren: Bei vielen meiner Interfaces “fliegen” Container für z.B. das Setup nur dann rein, wenn ich sie brauche, ansonsten verschwinden sie auf Knopfdruck, das geht mit TouchOSC nicht. Physics gibt es bei TouchOSC auch nicht und auch nicht das von mir weiter oben beschriebene “Capture”-Feature, was den Touchscreen in gewisser Weise erst intuitiv nutzbar macht, da ich eben nicht mehr aufpassen muss, vom Kontrollobjekt abzurutschen. Und auch in der Interaktion mit anderer Software gibt es Nachteile, da TouchOSC leider keine Vektoren (für z.B. MultiSlider) bildet und somit jeder Slider einzeln adressiert werden muss. Bei 1024 Values die z.B. mein Sequencomat (oder ähnlich komplexe Software) in Bruchteilen von Sekunden via OSC zwischen Lemur und max/msp hin- und her-schickt führt sowas Schlicht zum Crash.

Für einen Lemur-User ist TouchOSC also keine Alternative. Für einen Neuling aber schon. Gerade wenn man nur direkte Midi-CC Interfaces bauen will, wo jedem Objekt direkt ein Kontroller zugeordnet ist, der dann per Midimapping einen Softwaresynth steuert. Mein Synth1-Interface könnte ich also fast mit TouchOSC nachbauen (bis auf die drop-down-menu Objekte die es bei TouchOSC auch nicht gibt). Aber keine Klaviaturen, abgefahrene Modulatoren, Sequencer usw.

Weitere Tipps und Erfahrungen

  • Der Hardware-Lemur ist leider ein Stück obsolete Technik und nur noch für Museen interessant (oder als Altmetall). Ich konnte meinen unter Windows 10 nicht mehr zum Laufen bringen – das Gerät wird einfach nicht erkannt. Unter Windows 7 ging es noch. Sollte man also ein bestehendes System mit funktionierendem Lemur haben, bitte pflegen und Vorsicht mit Updates. Für Neulinge ist vom Kauf aber abzuraten. Außerdem ist die Auflösung geringer, was die Kompatibilität mit den meisten User-Interfaces schwierig macht, da diese meist fürs iPad konfiguriert sind und die resistive Technik ist veraltet. Die Hardware ist ansonsten robust und übersteht wahrscheinlich einen Krieg, hilft aber nix, wenn sie Dank mangelnder Updates nicht mehr mit anderen kommunizieren kann.
  • Die iPad-App (am Besten mit einem Mac für den Editor) ist wohl die stabilste Variante. Wer ein iPad besitzt, sollte diese Variante wählen. Ich habe übrigens ein sehr altes  iPad2 auf dem ich die letzten Jahre auch keine iOS Updates gemacht habe (da zu wenig Speicher) – die App läuft aber Bestens, auch in Ihrer aktuellen Version.
  • Die Android-App läuft auch ohne Probleme. Wer also über ein solches Tablet verfügt, ist hiermit auch gut bedient. Die Auflösung der Lemuroberfläche lässt sich bei seltenen Formaten (Widescreen) anpassen.
  • Man kann übrigens mehrere Lemuren – egal welcher Ausprägung – locker auch parallel laufen lassen. Dann am Besten verschiedene MIDI-Ports wählen, um das MIDI-Protokoll aufgrund der Masse der Daten nicht zum Absturz zu bringen.
  • Der Editor ist auf Windows zwar immer noch nicht 100% absturzsicher – aber viel stabiler als die ursprüngliche Jazzmutant Software unter Windows. Lernt man sicherheitshalber alle 20 Minuten seine Arbeit mal zu speichern, ist das Frustpotential also nicht so hoch.
  • Als ideale Größe haben sich die knapp 10 Zoll des iPads erwiesen. Auf kleineren Bildschirmen kommt wegen “Multitouch on a stamp” kein wirkliches Spielgefühl auf. Größere Bildschirme (z.B. Samsung Galaxy View, 18 Zoll) sehen beeindruckend aus, sind auf Dauer aber unpraktisch und führen zu Steifheit im Handgelenk, da dieses nicht wie bei 10 Zöllern am Rand abgelegt werden kann, sondern stets in der Luft gehalten werden muss, damit man nicht zufällig Kontrollen berührt.
  • Sollte jemand sich die App gerade noch herunter geladen haben, nun aber das Handbuch oder die notwendige Software für Mac oder PC vermissen, so kann er mir eine PM schreiben… ich konnte gestern Nacht da noch einiges sichern…

Ein kurzes Schlusswort

Wie der Lemur so unbeachtet und leise vor die Hunde geht ist eine Schande. Klar, rechnet man es mal nach, wird deutlich, dass das Geschäft schwierig ist. Im Bereich der Hardware Stepsequencer haben wir das ja auch mehrfach erlebt, dass kleine Firmen gute Produkte rausbringen, sich aber nur kurz – und wahrscheinlich verlustreich – am Markt halt können. Der Musikgeräte Markt ist nunmal eine Nische. Das trifft auch auf Softwarelösungen zu. 25 Euro waren wahrscheinlich für den Lemur einfach zu wenig, um dauerhaft am Leben zu bleiben und sich weiterzuentwickeln. Da müssen auch wir Nutzer uns an die Nase greifen, wenn wir uns das nächste mal wieder über die Preise beschweren.

Die Art wie die Firma Liine aber im Moment hinterrücks ihre User verrät, den Content, den wir entwickelt haben, löscht und auch die Arbeit, die wir in die Foren-Dokumentation gelegt haben vernichtet, ohne sich auch nur mit einem Wort zu melden, ist eine Unverschämtheit. An der Firma Liine waren auch einige bekannte Größen aus der Elektroszene beteiligt. Ich kenne die Namen, will sie hier aber nicht nennen. Wir Lemur User werden das aber sicher nicht vergessen.

Nun – vielleicht macht Liine ja nur ein umfangreiches Update und in paar Wochen ist alles wieder ok. Hach, ich wünschte ich wäre noch so naiv und könnte das glauben, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Fazit
Der Lemur ist als Framework zur Touchscreen-Controller-Erstellung gut durchdacht und möglichen Konkurrenzprodukten weit voraus. Man kann sowohl in recht kurzer Zeit Interfaces erstellen, die direkt via MIDI Plugins kontrollieren, aber auch programmiertechnisch in die Tiefe gehen und komplett neue Konzepte erschaffen. Auch auf eine große User-Library kann zurückgegriffen werden.
Als alleiniger Kontroller ist der Lemur wegen mangelndem haptischen Feedback nicht unbedingt empfehlenswert - als Ergänzung im Reigen mit anderen Kontrollern sollte er aber eigentlich Pflicht sein und es wundert den Autor, warum nicht noch mehr Leute dieses Tool verwenden.
Die Firma Liine, die derzeit den Lemur hostet, ist leider unzuverlässig (oder tot?), weswegen man nur eingeschränkt bis gar nicht mit support rechnen sollte. User-Foren mögen da helfen (http://lemur.boards.net/). Wer aber in die Tiefen der Programmierung vordringt, sollte bedenken, dass ihn das vom Musik machen weiter weg bringt - auch wenn neue Werkzeuge zu neuen kreativen Ergebnissen führen.

Eine Bewertung für das Produkt möchte der Autor nicht abgeben. Auf der einen Seite ist es klar ein “best buy” - denn für 25 Euro bekommt man das, wofür Daft Punk und Co vor 10 Jahren noch das 100fache zahlen mussten, außerdem ist es nunmal der komplexeste Touchscreen-Kontroller überhaupt. Auf der anderen Seite ist der mangelnde Support und das Wegducken der Firma Liine einfach so unverschämt, dass es hierfür keinen einzigen Punkt geben kann. Aber es bleibt dabei: Derzeit ist vielleicht die letzte Chance sich dieses herausstechende Baukastensystem zu sichern - wer da bei 25 Euro zuckt, kann es ja gern bleiben lassen.

Plus

  • Komplexester Touch-Interface Programmer überhaupt
  • Interfaces, deren Elemente direkt über MIDI Anwendungen kontrollieren, sind leicht und schnell zu bauen
  • Komplexe Interfaces (mit wenn-dann Beziehungen) wie Klaviaturen, Modulatoren und Sequencer sind auch möglich, brauchen aber Geduld und Einarbeitungszeit
  • Riesige User Library mit hunderten Interfaces (seit einigen Tagen aber nur noch eingeschränkt erreichbar)
  • “Physics” die physikalische Eigenschaften der Kontrollelemente simulieren
  • “Capture” das eine rare-look Bedienung möglich macht, da die Kontrolle auf dem Element bleibt, selbst wenn der Finger darüber hinaus geht.
  • Trotz Tod der Firma existiert die Community weiter

Minus

  • Firma ist (schein) tot, offizieller Support und offizielles Forum ebenfalls
  • Komplexe Programmierung hält vom Musik machen ab
  • Nicht Plug n Play
  • Dokumentation ist lückenhaft
Forum
  1. Profilbild
    Markus Schroeder  RED

    Wow, super Artikel, congrats und Danke!
    Ich hab immer gesagt Liine Lemur ist _der_ Grund sich ein iPad zu kaufen, aber wie Du sagt, Liine haben anscheinend kein interesse mehr daran oder was auch immer.

    Sehr, sehr schade.

    • Profilbild
      tonvibration  

      Ja Danke und gern geschehen. Der Artikel war mir eine Herzensangelegenheit. Nur schade, dass er jetzt unter diesen Umständen veröffentlicht werden muss…
      Das iPad hat bei Musiksachen schon Vorteile – z.B. wegen der großen Anzahl an Musik Apps allgemein oder dem günstigen aber gut funktionierenden MIDI Adapter. Bei Neuanschaffung tut es aber auch ein Android Tablet, das nunmal viel günstiger ist.

  2. Profilbild
    lsf3og

    Wirklich ein sehr informativer Artikel. Habe gleich Lust bekommen, die App zu laden, werde aber lieber die Finger davon lassen.
    Ich habe gerade geguckt, was man bei Archive.org noch in Bezug auf das größtenteils abgeschaltete Forum findet. Dort gibt es einen Snapshot vom Januar, der genutzt werden kann, um die Library zu durchsuschen. Damit lassen sich auch die entsprechenden Downloadlinks finden, die auch noch funktionieren.
    Hier die Adresse des Snapshots: http://web.....r-library/

    • Profilbild
      tonvibration  

      Der Snapshot ist super! Danke für den Tipp. Dadurch sieht man nämlich auch wieder die Bilder zu den User Interfaces – was eine große Hilfe bei der Fülle an Interfaces ist.
      Leider hat Liine ja just an diesem Wochenende (13.-14.4.19) angefangen die Homepage zu löschen: Zunächst natürlich alles unter Company (damit die User schnell vergessen, wer es war?), aber auch den Premium Content (extra vorgestellte Module von hoher Qualität) und eben Bilder und Suchfunktionen (tags wurden wohl gelöscht) in der User Library. Die Module selbst sind aber noch da.
      Den Gedanken, sich so eine App besser nicht mehr zuzulegen, kann ich gut verstehen. Auf der anderen Seite, dann nicht traurig sein, wenn es die plötzlich nicht mehr gibt und auf absehbare Zeit nichts Vergleichbares kommt. Ist ne doofe Situation….

      • Profilbild
        ALFD

        Also ich habe mir leider letzte Woche die LemurApp fürs iPad gekauft, nur um jetzt festzustellen, das die App wohl am Ende ist. Dabei habe ich mir das iPad (günstig gebraucht) in erster Linie für diesen Zweck zugelegt. Da bin ich echt grad etwas verärgert jetzt…. Schade , wollte eigentlich mit Lemur richtig loslegen, aber nun habe ich da keinen richtigen Bock mehr drauf mich da einzuarbeiten, obwohl der Bericht toll geschrieben ist und voll Lust auf den Lemur macht. Alternativen gibt es ja nicht so wirklich, also bleibt zu hoffen, das die LemurApp vielleicht doch noch am Leben erhalten wird….

        • Profilbild
          Soundreverend  

          Also ich meine ja Du kannst die App wieder „zurückgeben“, das geht irgendwo im App Store, habe ich schon einmal gemacht bei einer teuren App mit der ich wirklich unzufrieden war und es war kein Problem. Geld wird zurück-überwiesen und gut ist…

        • Profilbild
          tonvibration  

          Rückgabe wäre eine Möglichkeit….oder…da Du das iPad und die App eh schon hast… Du sicherst Dir jetzt(!) alles Notwendige.
          Das Manual bietet einen guten Einstieg, auch zum Scripting. Zur Einrichtung gibt es auch noch jede Menge Videos und Tutorials auf YouTube. In dem neuen Forum habe ich auch ne Liste mit Links zu Modulen gemacht.

          Dass man als Neukunde da verärgert ist, ist klar. Als jemand der viel Zeit investiert hat, wie ich, ist es auch nicht besser… Aber Assi-Verhalten von Liine hin oder her, morgen ist es vielleicht weg. Auf Dauer. Da bin ich eher froh, dass ich es auf vielen Geräten habe.

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