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Musikstudio Tipp: Encoder im relativen Modus betreiben

18. Dezember 2022

Das Folgende ist im Wesentlichen ein Tipp. Ob und wie der umsetzbar ist, hängt von der benutzten Technik ab. Die gezeigten Einstellungen sind Beispiele von speziellen Produkten.

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Es geht um Encoder, also jene seltsame Art von Drehreglern ohne Skala, ohne Markierung und ohne Anschläge links und rechts. „Endlos“, wie gerne formuliert wird. Regler dieser Art finden sich häufig auf Masterkeyboards und MIDI-Controllern. Die typische Verwendung ist das Regeln von Plugin-Einstellungen innerhalb der DAW.

Eins ist dabei nicht unbedingt offensichtlich: Man hat bei Encodern die Wahl zwischen zwei Betriebsarten, absolut und relativ. Das Umstellen des Modus kann die Verwendung deutlich angenehmer machen, sofern die Software damit zurecht kommt. Voreingestellt ist nämlich meistens, der größeren Kompatibilität wegen, der absolute Modus. In dem ergibt aber die Endlos-Konstruktion nicht viel Sinn, sie weckt eher Sehnsucht nach einem klassischen Regler im Poti-Stil. Mancher hat in den nackig wirkenden Knöpfen schon eine reine Sparmaßnahme vermutet.

Was ist der Unterschied? Im absoluten Modus sendet der Regler über MIDI seine aktuelle Position. Wählt man also z.B. eine Spur mit einem Plugin, bei dem der gesteuerte Wert auf 80% steht, und dreht dann die Position des Reglers von 20% auf 21%, dann springt der Wert im Plugin von 80% auf 21%. Jede Regelung bedeutet, den eingestellten Wert im Plugin wegzuwerfen und durch die Position des Reglers zu ersetzen. Nach dem ersten Eingriff sind Wert und Regler im Einklang, die Steuerung ist nun sanft möglich, allerdings zunächst nur für diesen einen Wert. Das Gleiche wiederholt sich bei jedem Paar von Regler und Wert, und nach dem Wechsel zu einer anderen Spur beginnt der Zirkus von vorn, weil die Stellungen der Encoder nun wieder nicht zu den aktuellen Einstellungen des Plugins passen.

Im relativen Modus sendet der Regler nur seine Änderungen und setzt deshalb immer dort an, wo der Wert gerade steht.

In der Regel dürften beide Seiten der Kommunikation, Sender und Empfänger, Controller und Software, auf den absoluten Modus voreingestellt sein, d.h. zur Arbeit im relativen Modus sind beide umzustellen. Auf der Controller-Seite sollte das, sofern es sich tatsächlich um Encoder handelt, immer möglich und auch relativ einfach sein. Als Beispiel hier ein Akai MPD218, ein Controller mit Encodern und Pads. Das Setup erfolgt dort per Software, die gesuchte relative Einstellung firmiert unter „INC/DEC 2“.

Problematischer ist die Empfängerseite, denn da müssen erstens die Voraussetzungen gegeben sein. Mancher wird den relativen Modus schlichtweg nicht verwenden können. Zweitens kann auch die Einrichtung etwas fummelig sein. Denn klar ist: So etwas wie einen Hauptschalter kann es auf der Software-Seite nicht geben. Es können ja mehrere Controller mit unterschiedlichen Eigenschaften angeschlossen sein, und selbst ein einzelnes Gerät kann gleichzeitig endlose Drehregler und anschlagende Fader mitbringen. Die Software muss die Arbeitsweise jedes einzelnen Reglers kennen.

Die Frage ist: welche Software? Denkbar sind zwei, das Plugin und die DAW.

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Die Lage bei den Plugins habe ich anhand einer Stichprobe sondiert. Wenn die nicht sehr unglücklich war, sind umfassende MIDI-Einstellungen, die den Modus der Regelung einschließen, eher die Ausnahme. Hier als Beispiel ein u-he Hive 2 mit dem Modus „Encoder127“, der zum Akai kompatibel ist:

Aber, wie gesagt, die große Mehrzahl der Plugins hat die erforderlichen Einstellungen nicht.

Im Übrigen ist fraglich, ob man das Problem überhaupt auf der Plugin-Ebene angehen will. Solange im Projekt noch Plugins sind, die nur absolute Daten verarbeiten, würde das am Controller zwei verschiedene Programme und ständiges Wechseln erfordern. Vielversprechender ist, die relativen Daten schon durch die DAW verarbeiten zu lassen. Damit sind erstens alle Plugins in die relative Regelung eingeschlossen, zweitens können Programmwechsel am Controller entfallen, drittens muss nicht jedem Plugin aufs Neue erklärt werden, wie die einzelnen Regler funktionieren.

Leider ist auch auf der DAW-Ebene die Situation wieder, dass manche Produkte entsprechende Funktionen bieten und andere nicht.

Der Rest dieser Story zeigt am Beispiel von Cubase, wie die Mechanismen einer DAW aussehen können. Dabei geht es nur um eine grobe Übersicht, fürs Konkrete sei auf das Handbuch verwiesen.

Der erste Schritt besteht darin, den Controller in Cubase als MIDI Remote zu erfassen. Daran hängen auch andere Funktionen als das Umstellen des Encoder-Modus, deshalb ist das vielleicht längst passiert.

Entscheidend ist, dass hier für die einzelnen Elemente Eigenschaften angegeben werden können, unter anderem der Modus bei Drehreglern. Es gibt drei relative Modi, für das Akai ist „Relative Twos Complement“ der passende.

Damit steht schon mal die Kommunikation zwischen Controller und DAW. Die relativen Werte der Encoder werden nun korrekt verarbeitet und sind über die virtuellen Vertreter der Encoder verfügbar. Allerdings hängen diese zunächst in der Luft, sie müssen noch den Einstellungen in den Plugins zugewiesen werden.

Dafür gibt es zwei Möglichkeiten. Zum einen lassen sich ganz konkrete Einstellungen in ganz konkreten Plugins direkt mit einem Encoder verdrahten. Das geht innerhalb des Plugins über das Kontextmenü der zu steuernden Einstellung.

Leider wird die Funktion von vielen Plugins nicht angeboten. Ist sie vorhanden, dann führt sie zum Zuweisungsassistenten, wo man nur noch am gewünschten Regler drehen und auf „Anwenden“ klicken muss.

Zum anderen, und das funktioniert mit jedem Plugin, ist eine Steuerung des Plugins in der ausgewählten Spur über die Quick Controls möglich. Die Quick Controls sind in Cubase ein allgemeines Werkzeug, das nicht nur im Zusammenhang mit MIDI Remote eine Bedeutung hat. Es handelt sich um acht ausgewählte Einstellungen, die für jede Spur vom Anwender festgelegt werden können. Ein Encoder kann einem Quick Control zugewiesen werden. Das ist dauerhaft und projektübergreifend, im Gegensatz zur direkten Verdrahtung mit einer Plugin-Einstellung, die natürlich immer nur für das Projekt gilt. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Encoder hier keine festen Einstellungen steuern, sondern ihre Rolle mit der Wahl der Spur wechseln.

Diese Variante nützt natürlich umso mehr, je intensiver die Quick Controls in die Produktion einbezogen werden, eventuell muss man sich da ein bisschen umstellen.

Auch Funktionen der DAW selbst können auf diesen zwei Wegen im relativen Modus gesteuert werden, speziell die zu einer Spur gehörigen wie Lautstärke, Parameter im Channel Strip oder der Pegel von Send-Slots.

 

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Fazit
Unter günstigen Voraussetzungen und mit etwas Aufwand lassen sich Encoder so betreiben, wie es eigentlich gedacht ist.
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Forum
  1. Profilbild
    cosmolab

    > Es geht um Encoder, also jene seltsame Art von Drehreglern ohne Skala, ohne Markierung und ohne Anschläge links und rechts. „Endlos“, wie gerne formuliert wird. ..

    …Du meinst hier also Endlos – Encoder, im Gegensatz zu Poti-Encodern, die genauso einen Drehbereich haben wie ein normales Potentiometer.
    Nun, wenn das so ist…

    > Eins ist dabei nicht unbedingt offensichtlich:
    > Man hat bei Encodern die Wahl zwischen zwei Betriebsarten, absolut und relativ.

    …dann wäre ich mir bei Endlos- Encodern nicht so sicher. ;-)
    DAS gilt nämlich nach meiner Erfahrung für Endlos- Encoder genau NICHT. Und zwar schlicht deswegen, weil sie ja eben gar keine absolute Stellung haben, sie KÖNNEN also nicht „auf 21% stehen“ wie im genannten Beispiel. Also werden die idR. immer relativ vom gerade eingestellten Wert weiter nach oben oder unten drehen – OHNE Sprünge.

    Das o.g. Problem tritt dagegen mit Nicht-Endlosencodern auf (die m.W. viel billiger sind und daher öfter verbaut werden). Denn die haben eine Absolut – Stellung, und dann schlägt das beschriebene Problem in der Tat voll zu.

    • Profilbild
      RE.S

      Das ist interessant. Du hast deine (endlosen) Encoder nicht umgestellt, und trotzdem regeln sie relativ? Kein Sprung beim allerersten Regeln? Evtl. eine automatische Anpassung? Ich musste umstellen, und das kannst du mir auch glauben, ich denke mir das nicht aus. Ich habe mit beiden Modi experimentiert. Und klar kann ein endloser Encoder eine absolute Position senden, sie hat nur eben keine direkte physische Entsprechung, sondern wird aus der Bewegung abgeleitet. Nach links bleibt sie bei 0 stehen, egal wie weit man noch dreht. Sobald wieder nach rechts gedreht wird, geht es sofort von 0 wieder nach oben. Am rechten Anschlag analog. So verhält sich jedenfalls mein Controller im absoluten Modus, und dieses Verhalten ergibt auch ziemlich viel Sinn. Man merkt fast keinen Unterschied zur relativen Regelung außer dem Sprung zu Beginn.

      Dass fast alle Encoder (die endlosen) einen absoluten Modus haben, war natürlich eine Vermutung, was sonst, allerdings eine sehr plausible. Encoder, die nur den relativen Modus haben, könnten nämlich mit dem Teil der Software, der keine relativen Daten verarbeitet, überhaupt nicht verwendet werden. Dass so etwas im größeren Stil verkauft wird, glaube ich nicht, solange man mich nicht eines Besseren belehrt, es würde Beschwerden hageln. Vorstellen kann ich mir das nur für Controller, die auf eine bestimmte DAW zugeschnitten sind.

    • Profilbild
      WOK

      „Poti-Encoder“ gibt es nicht. Es gibt Potis (analog, mit Anschlag) und Encoder (Endlos-Drehregler, die digital die Drehrichtung und -geschwindigkeit an die Hardware übermitteln).
      Es gibt aber durchaus Hardware-Controller, welche intern für die Endlos-Encoder eine imaginäre absolute Position errechnen, speichern und über MIDI ausgeben. Nämlich genau für den Zweck, auch ohne passende Software über MIDI GEräte ansteuern zu können. Das führt die Idee eines Encoders natürlich ad absurdum. Meistens kann man die aber auch umstellen, so dass wieder die Increment und Decrement „Impuls-„Daten als MIDI-CCs ausgegeben werden.

  2. Profilbild
    moinho AHU

    Servus RE.S, servus cosmolab,

    schönes Thema, und klassisches Problem (aus der Serie „ich mach‘ mit MIDI mal Sachen, für das es ursprünglich nicht primär gedacht war ;).

    Richtig lustig wird das Thema eigentlich dann, wenn man es noch mit einer Zweiwege-Kommunikation kombiniert, d.h. daß der Controller auch weiß, wo denn der Zielparameter steht. Und doch, es gibt Endlosencoder, die Absolutwerte schicken, gerne die, die auch einen optischen Indikator (LED-Kranz oder so) haben, damit die auch mit Zielen können (sagen wir mal, nem alten Six-Track), die relativ nicht verstehen.

    Ich hatte seinerzeit viel Spaß mit einer Combo aus Abletons Live und Behringers BCR2000. Live hat die schöne Angewohnheit, daß man im Host alle Sachen mit Controllern belegen kann, die das Plugin nach außen führt, und das ist meist ne Menge. Und da sowohl Live als auch BCR2000 recht flexibel in den Einstellungen waren (sind?), war es möglich, ein Projekt zu laden, der BCR2000 zeigt mit seinen LED-Kränzen die richtigen Werte an, und es gibt nie Sprünge.
    Das Gleiche gilt dann für Plugins, die Zwei-Wege-Kommunikation machen, oder die zumindest relative Daten akzeptieren (das einzige damals, das Parameter nicht nach außen führte, war Möbius, aber das konnte gut mit relativen Controllern).

    Cubase ist dafür meiner Erfahrung nach nicht besonders gut, mit Live kann man dafür gut live-(sic!)-taugliche Sachen machen

  3. Profilbild
    BouncyHunter

    Das schöne Thema „Drehmomente“. Zu erwähnen ist noch,dass immer mehr APPs auf dem Pad sich mit HardwareControllern verknüpfen lassen.Was auch sehr sinnvoll ist,bei z.B. Moog M15 verrutschen die Wurstfinger oft mehr als gewollt.

  4. Profilbild
    RE.S

    Nachtrag: Ich habe noch etwas recherchiert und einen Blick in verschiedene Manuals geworfen. Alles Geräte mit Endlosdrehreglern. Ergebnis wie folgt:

    Akai MPD: Modus absolut/relativ umschaltbar
    Arturia KeyLab Essential: Modus absolut/relativ umschaltbar
    Faderfox EC4: Modus absolut/relativ umschaltbar
    Novation Impulse: Automatische Aktivierung des HUI-Protokolls, sobald mit einer kompatiblen DAW verbunden. Ich vermute, das schließt eine relative Regelung ein.

    Ein Gerät, das ab Werk fest in einem der relativen Modi arbeitet, ist mir nicht untergekommen, allerdings habe ich auf die Schnelle auch nur diese vier Handbücher gefunden.

    Es ist ein Irrtum, dass Endlosdrehregler zwangsläufig relativ wirken, weil sie so etwas wie eine absolute Position ja gar nicht haben können. Das können sie wohl, zu erkennen daran, dass sie beim Wechsel auf ein anderes Ziel mit dem Wert dort ansetzen, wo der Wert des vorherigen Ziels stand.

  5. Profilbild
    nokul

    Regler oder Encoder, entscheidend ist, was die Software draus macht.
    Den Korg Electribe 2 z.B. kann man so einstellen, dass auch die „Nicht-Endlos-Regler“ nach einem Pattern- oder Trackwechsel keine Parametersprünge beim Drehen erzeugen, sondern den neuen verfügbaren Wertebereich stauchen oder dehnen. Sorgt für sehr entspanntes Spielen.
    Ich kenne kein anderes Gerät, das das kann, aber das muss ja nichts heißen. Würde mich interessieren, welche das können.

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