Popcorn – in Memoriam Gershon Kingsley (28.10.1922 – 10.12.2019)
Vorab: in dieser kurzen Leserstory geht es weder um eine detaillierte Analyse des Songs (das überlasse ich gerne den Profis hier) noch um Technisches rund um den Synthesizer als unser liebstes Spielzeug. Zum schnellen Einstieg & Genuß gleich mal der YouTube-link zur 1972’er „Hot Butter“ Version, so wie ich das Stück in Erinnerung habe:
Es geht vor allem um die positiven Emotionen, die dieses auf den ersten Blick ebenso einfache wie geniale Musikstück selbst heute noch in mir auslöst und de facto mit eines der Saatkörner für meine Leidenschaft für elektronische Musik und Synthesizer ist. Begeben wir uns also auf eine kleine Zeitreise zurück ins letzte Jahrtausend, so um die 1972, um genauer zu sein. Olympische Spiele in Sapporo / Japan und München / Deutschland. Wie durch ein Wunder schafft es dieses Stück in die deutsche & bayerische Radiolandschaft – vielleicht auch deshalb, weil Gershon Kingsley in Deutschland geboren ist (Details zu seiner Biographie s. Wiki Gershon Kingsley – Wikipedia). Im zarten Alter von gerade einmal 4 Jahren höre ich das Instrumental im Küchenradio und bei Papa im Auto – und bin schon damals als kleiner Stöpsel fasziniert. Interessanterweise weniger vom poppigen und namensgebenden Leitmotiv, sondern von der Passage mit dem getragenen, weichen lead und dem Streicherambiente. All diese Sounds haben sich bei mir für immer ins musikalische Gedächtnis eingebrannt.
Nun bietet YouTube natürlich gleich mal noch weitere Varianten an, unter anderem die Originalversion von 1969 – Rückblende: space race, gekrönt von der Mondlandung Weihnachten `69 (tut mir bitte alle den Gefallen und fangt hier keine dieser aktuellen Diskussionen über irgendwelche Verschwörungstheorien an – ich brauch‘ gerade an dieser Stelle wirklich keinerlei dieser für mich negativen Energie!). Während sich alle Welt um die Fernseher versammelt, hatte ich da noch ziemlich mit mir selbst zu kämpfen (hoffentlich hab‘ ich geschlafen und Mama & Papa nicht den entscheidendsten „That’s one small step for a man, one giant leap for mankind“ Moment vers… aut) 😉. Neugierig geworden, höre ich mir diese 69’er Popcorn Version im Jahr 2024 überhaupt das erste Mal an – also 55 Jahre später (wie passend zum Moog System 55; gemäß einem Video könnte das evtl. sogar zum Einsatz gekommen sein) – und bin einfach nur noch überwältigt. Schon das Intro kommt a bisserl anders und mit leichten, schönen Variationen beim Leitmotiv daher. Letzteres anfangs noch mit dem markanten, namensgeben Popcorn pluck-sound. Ab 1:20 dann aber wie eine Offenbarung, die mir einen Endorphinschub verpaßt wie die 5 Raketenantriebe der Saturn V: das Filter wird geöffnet, der Sound wird brillanter und schärfer, und `Mighty Moog´ fügt mit seinem VCO-Mixer und dem allseits bekannten Filter genau die richtige Würze, sprich dezente Verzerrung dazu. Zuletzt noch fein abgeschmeckt mit einer Prise perlender tapped- und feedback delays – Gänsehaut & Emotionen pur! Ich hab‘ mich schön öfters gefragt, ob hier nicht auch eine verzerrte E-Gitarre gut passen könnte – jetzt hab‘ ich eine Antwort und die Bestätigung meiner musikalischen Gedanken.
Dazu zwei links, zuerst mit Fokus auf den Song:
Sehr amüsantes Zeitdokument der Mitschnitt aus einer der 70er typischen Fernseh-Musiksendungen (allein schon das bombastisch orchestrale Intro zum Start der Show 😂):
… und die junge Dame kurz ab 0:45 (und nochmal ab 1:10 und 2:00) sowie die Black Lady (ab 1:55) haben von meinem Eindruck her mit am besten den vibe des Songs erfaßt, mit „eyes & mind wide open“ 😊. Sowohl coool & hot; ich liebe es, wenn sich Leute voll der Musik öffnen, aus sich `rausgehen und ihren Gefühlen in dazu passenden tanzenden Bewegungen freien Lauf lassen.
Daneben gibt’s noch einige Cover-Versionen. Hier nur ein paar Beispiele, YT bietet Euch bei Interesse ja sowieso gleich eine Auswahl an.
„Technisch stilecht“ mit dem Moog One Schlachtschiff:
Coole Version mit einem größtenteils DIY-Modularsynthesizer:
Eine absolute Perle ist für mich das remake von Enzo Margaglio, das sehr nah an der 72’er „Hot Butter“ Version sowohl deren Vibe wiedergibt, ihr gleichzeitig aber einen enormen Energie- und Endorphin-Schub verpaßt und im wahrsten Sinne des Worts in die heutige Zeit „boostet“:
Geschmack ist individuell; und jeder hat sein prägendes Aha-Erlebnis. „Popcorn“ darf aber (neben anderen) mit Sicherheit als avantgardistischer Wegbereiter für die gesamte elektronisch geprägte (Pop-) Musik gezählt werden, mit ihren zahlreichen heutigen Variationen.
Für mich als „Techniker“ ist es ein sehr schönes Beispiel, wie Künstler kreativ mit technischen Geräten umgehen und daraus Kunstwerke erschaffen, die emotional ansprechen. Mit Blick auf das `Wiederauferstehen´ sowohl der damaligen „Analog“- wie auch ersten „Digital“-Synthesizer (beides in Anführungszeichen, da technisch zutreffend, aber leider mit fast schon Glaubenskriegen verbunden – obwohl doch rein die musikalischen Emotionen & Wirkungen beim Hören zählen sollten) finde ich die generationen-übergreifende, gemeinsame Leidenschaft schön. Musik hat all die Pioniere der ersten Synthesizer geistig jung gehalten, und heutige junge Musiker entdecken die alten Schätze mit Neugier wieder, respektieren somit die Werke der vorherigen Generationen und treiben sie mit ihren neuen Ideen weiter.
Was kann es Schöneres geben?
Synthige Grüße von der frischen Isar an Euch alle!



Danke für die schöne emotionale Geschichte. Mir geht es bei diesen Titel ähnlich.
Die Version von 1969 mit den Gitarren kannte ich noch nicht.
@DJ Ronny Servus Ronny,
gerne; und Merci für das nette feedback 😀!
Die 69’er Version ist ebenfalls mit dem Synthesizer gespielt.
Beim (fiktiven) Vergleich mit den Gitarren ging’s mir in meiner Vorstellung mehr darum, wie es sich anhören würde, wenn das eher weiche Leitmotiv (ich würde den Sound und entsprechenden Patch am Synthesizer eher mit „chicken-talk“ benennen 😉– bei mir in der Umgebung haben wir einige Felder mit freilaufenden, fröhlich gackernden Hühnern; daher die Assoziation) zur Steigerung in einen etwas schärferen Klang übergeht. Im Extremfall also das hart einsetzende und ebenso abrupt gestoppte, aggressive Heavy-Metal E-Gitarrenbrett.
… und Gershon hat für mein Empfinden hier wirklich sehr schön gezeigt, was sich mit dem damals neuen Instrument Synthesizer denn alles Kreatives anstellen läßt und nicht einfach immer nur „brav“ klingen kann / muß.
Es gab ja sogar deutsche Versionen.
Ich persönlich mag die Interpretation der Muppets am liebsten.