Nachruf: Supertramp-Gründer Rick Davies ist tot
Das Mundharmonika-Intro zu Supertramps emblematischen Song School erzeugt Gänsehaut. Allenfalls Ennio Morricones Harp-Klänge bei Spiel mir das Lied von Tod besitzen eine ähnlich dichte Atmosphäre. Die Mundharmonika ist für immer verstummt. Der Supertramp-Gründer Rick Davies ist tot. Zehn Jahre lang kämpfte er gegen seine Krebserkrankung. Am Sonntag, dem 7. September, ist er mit 81 Jahren auf Long Island gestorben.
Musik gegen die Bevormundung durch Erwachsene
Rick war das Mastermind bei Supertramp, eine Band, die wie keine zweite den Gefühlen von Teenagern in den siebziger Jahren Ausdruck verliehen hat. Die gegen Bevormundung (School), Spott (Dreamer) und Zynismus (Bloody well right, Logical Song) der Erwachsenenwelt kämpfen müssen. Melodien wie bei den Beatles, Texte, die unmittelbar ins Herz gehen. Dabei muss man zugeben: Die Musik von Supertramp wurde genauso bedingungslos von den Fans geliebt, wie von den Gegnern verachtet. Denn jugendlichen Protest verpackten die Sex Pistols oder The Clash damals wesentlich unverblümter.
Rick Davies Signature Sound: Das Wurlitzer 200A
Das konnte Rick Davies nicht anfechten. Er war ein großartiger Songwriter, fest verwurzelt in der Blues – und Jazztradition, die seine Musik erdete und die Songs der Band spannend machte. Rick war nicht nur ein versierter Mundharmonikaspieler, sondern vor allem ein begnadeter Poppianist auf dem Flügel und dem Wurlitzer E-Piano. Für viele ist es schlicht „das Supertramp-Piano“.
Der Ton des Wurlitzer 200A ist nicht so glockig wie der des Fender Rhodes. Er klingt mittiger und bissiger. Davies zähmte den knurrigen Wurlitzer-Sound durch EQ, reichlich Kompression und verlieh ihm zusätzlich Tiefe durch den Boss CE-1 Chorus. Nur nebenbei bemerkt: Auf mich machte dieser Sound und das begnadete Spiel von Rick Davies so großen Eindruck, dass ich mir damals ein Wurlitzer als E-Piano kaufte. Und eben kein Rhodes.
Rick Davies: Der Mann hinter dem Klavier
Trotz seiner großen Talente: Rick agierte bei Supertramp zumeist nur aus der zweiten Reihe. Er war der Mann hinter dem Klavier. Vorne im Scheinwerferlicht stand ein anderer. Der Sänger Roger Hodgson, dessen hohe Falsettstimme die Fans immer mit Supertramp assoziiert haben. Roger kassierte den Löwenanteil der Aufmerksamkeit und des Applaus. Der oben erwähnte Song School vom Album Crime of the Century allerdings war eine Gemeinschaftsproduktion beider Musiker. Später sollten sie sich teilweise gewaltig in den Haaren liegen. Aber genau dieser Antagonismus macht den Charme der Band aus. Ein bisschen wie bei Lennon/McCartney.
Rick Davies: Aus einfachen Verhältnissen, von einem Millionär umworben
Rick Davies wurde 1944 im südenglischen Swindon geboren. Er stammte aus einfachen Verhältnissen. Der Vater war Seemann, die Mutter Friseurin. Bereits mit 12 trommelte er in einer Band. Er war gerade 19 Jahre alt, da starb sein Vater. Ricks musikalische Heimat sind der Jazz, Soul und R&B. Das unterscheidet ihn von Roger Hodgson, der – sechs Jahre jünger als Rick – auf die Musik der Beatles stand, auf The Kinks, The Who und Traffic.
Die Anfänge von Supertramp klingen wie ein Märchen. Im Jahr 1969 wird Rick Davies nach einem Konzert mit seiner damaligen Band The Joint von einem Fan angesprochen. Der Multimillionär Mill Stanley August Miesegaes sagt Rick auf den Kopf zu: Du klingst phantastisch, aber die Band ist nicht auf deinem Niveau. Hätte er nicht Lust sich eine Idealbesetzung zusammenzustellen? Rick ließ sich nicht zweimal bitten und gab eine Anzeige im Melody Maker auf. Damals meldete sich auch Roger Hodgson. Der ihn später in der Popularität weit überflügeln sollte. Man soll immer vorsichtig sein, mit dem was man sich wünscht.
Crime of the Century bringt den Durchbruch
Doch zunächst war von Hitalben keine Spur. Die beiden ersten Supertrampalben lagen wie Blei in den Regalen, der enttäuschte Mäzen zog sich zurück. Davies und Hodgson nahmen noch einen weiteren Anlauf, holten neue Leute in die Band: den Schlagzeuger Bob Siebenberg, den Saxophonisten John Helliwell und den Bassisten Dougie Thomson.
Mit dem Album Crime of the Century kam endlich der lang ersehnte Durchbruch. Die Band hatte ihren Sound gefunden: Reiche Harmonik, Melodien, die nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen, eine opulente Produktion. Auch live klangen Supertramp wie eine gigantische Hifi-Anlage. Die hämmernden Stakkato-Akkorden auf dem Wurlitzer E-Piano 200A bei Dreamer wurden zum Markenzeichen. Roger Hodgsons hoher Falsett kontrastierte wunderbar mit der tieferen, erdigeren Bluesstimme von Rick. Was die beiden immer wieder wirkungsvoll in ihren Songs für Frage- und Antwortspiele einsetzten.
Breakfast in America – Supertramps Meisterwerk
Auf Crime of the Century folgte der solide Nachfolger Crisis? What Crisis?. Das Album Even in the quietest moments brachte mit Give a little bit einen weiteren Hit. Und die 11-minütige Fools Overture, bei der die Band einen Oberheim-Synthesizer einsetzte, avancierte zu einem Lieblingssong der Fans. 1979 lieferten Supertramp mit Breakfast in America ihr Meisterwerk ab. Von der genialen Covergestaltung über den makellosen Sound bis zu den geschliffenen Kompositionen stimmte dieses Mal alles.
Das Album lieferte mit The Logical Song, Take the long way home, Goodbye Stranger und dem Titelsong Breakfast in America vier internationale Tophits. Es war aber auch nicht zu übersehen, dass drei Hits aus der Feder von Hodgson stammten, und lediglich einer – Goodbye stranger – von Rick Davies. Zwar hatten sich beide schon früh auf eine 50/50-Quote beim Songwriting geeinigt. Aber so etwas nagt schon am Selbstbewusstsein.
Von der Kritik gefeiert und Nummer 1 in den Charts
Rick ging das Schreiben nicht so leicht von der Hand wie Roger, der meist auf einer ganzen Kiste unveröffentlichter Songs saß. Doch der Erfolg übertünchte zunächst alle Animositäten. Die Fans liebten das Album, Supertramp wurden zu einer der populärsten Bands überhaupt und füllten weltweit die Konzertsäle. Sogar die Kritiken waren gut. Selbst der Rolling Stone, der bei Prog- und Artrock meist die Nase rümpfte, sprach von einem “lehrbuchhaft perfektem Album des post-Beatles-Ära“, das die „bestmögliche Balance zwischen quasi-symphonischer Klassik und Rock & Roll findet“ Andere Kritiker lobten die „straff geschriebenen, eingängigen, gut konstruierten Popsongs“.
Rick Davies meinte später in der Rückschau, dass dies die beste Zeit mit der Band gewesen sei. „Ganz klar der Erfolg mit Breakfast in America in den USA. Da wurden wir in kürzester Zeit immer größer und größer, plötzlich waren wir sogar Nummer eins der Charts! Eine tiefe Genugtuung. Und endlich mussten wir nicht mehr in miesen Hotels übernachten.“
Ein ungleiches Paar: Rick Davies und Roger Hodgson
Das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die beiden Songschreiber Davies und Hodgson immer weniger zu sagen hatten. Hodgson hatte einen Faible für die Sinnsuche im Leben mit teils religiösen Untertönen (Lord is it Mine). Damit konnte wiederum Davies nichts anfangen. Seiner Meinung nach war Glauben etwas sehr Privates. Also nichts, was man unbedingt auf eine Platte bringen und der ganzen Welt mitteilen musste.
Auf der großen Welttournee zu Breakfast in America wurde Ende 1979 im Pavillon de Paris das Doppellive-Album „Paris“ mitgeschnitten. Der vorletzte Akt. Das letzte gemeinsame Album von 1982 trägt den bezeichnenden Titel Famous last words. Der Hit It’s raining again klang wie ein lauwarmer Aufguss früherer Supertramp-Erfolge.
Mäßiger Erfolg nach der Trennung
Folgerichtig verließ Roger Hodgson 1983 die Band und versuchte eine Solo-Karriere. Rick durfte den Namen Supertramp behalten und veröffentlichte Brother where you bound. Mit dem über 16 Minuten dauernden Titelstück setzte er fast trotzig einen Kontrapunkt zu Hodgsons Dreiminutenhits. Damit übertraf Rick sogar noch seine Miniopern aus der Supertrampzeit.
Überwältigender Erfolg war beiden nicht beschieden. Wenn sie sich zuweilen auch gewaltig auf die Nerven gegangen waren, hatten sie eines wohl unterschätzt. Wie sehr beide aufeinander angewiesen waren und sich ergänzt hatten. Vor allem aus der Spannung der beiden Protagonisten hatte Supertramp letztlich seine Faszination bezogen. Ohne die Tiefgründigkeit von Davies, seine bisweilen sarkastischen Texte (Bloody well right) und seine Zitate aus Jazz und Blues wären Supertramp unweigerlich in Seichtigkeit und Belanglosigkeit abgedriftet. Und ohne die catchy Hooks von Hodgson hätte die Band nie Starruhm erlangt.
Goodbye stranger, it’s been nice
Rick zog sich nach Long Island zurück. Dort hatte er auch seine letzten Auftritte mit der Band Ricky and the Rockets. Da konnte er seinem geliebten Blues huldigen und auch hin und wieder einen Supertramp-Song einstreuen. Allerdings nur die aus eigener Feder. 2015 war eine Reunion-Tournee geplant. Zu der sollte es wegen Rick Davies Erkrankung nicht mehr kommen. Was uns bleibt, sind die wunderbaren Supertramp-Alben und die großartigen Songs aus der Feder von Rick Davies und Roger Hodgson. Von Davies sagen nicht wenige, dass er zwar nicht der Hitlieferant der Band war, aber vielleicht der bessere Songwriter und ganz sicher die Seele von Supertramp.
Die Supertramp-Website hat Rick mit einer Zeile aus einem seiner bekanntesten Songs verabschiedet: „Goodbye stranger, it’s been nice / Hope you find your paradise“
Für mich war Rick Davies eine ganz große Inspiration. R.I.P Rick!








































R.I.P. schade, dass wir nicht die guten Menschen und Dinge einfach bei uns behalten können…
@CDRowell Es geht nichts wirklich verloren, im Herzen ist alles beisammen ;-)
Aus irgend welchen Gründen geht mir der »Logical Song« seit Wochen nicht aus dem Kopf. Und das, obwohl ich gar kein großer Fan von Supertramp bin. Aber irgendwie … die Melodie, der Text und dann die charismatische Stimme vom Hodgson, das ist schon echt geil. Seit ein paar Jahren merke ich mehr und mehr, was wir in den 70ern und 80ern für absolut geile Bands hatten. Ich will nicht schon wieder auf den aktuellen Charts herum reiten. Auf der anderen Seite, auch was so von Spotify geboten wird (er hat das böse S-Wort gesagt!!!) … nee, da war schon sehr viel echt obergeil damals.
Deswegen: Danke für die Musik! Und gute Reise. Wir sehen uns.
@Flowwater Hatte halt noch Melodie und Gefühl, Songs der 70er und 80er. 90er kann man diesbezüglich im elektronischen Bereich nahezu vergessen, speziell vieles im Eurodance: DJ Bobo, Mr President, E-Rotic, Sin with Sebastian, Dolls United und der ganze Quatsch. Da ging es musikalisch überwiegend nur um Party, Party, Party. Im Trance war es in den End90er, Anfang Nuller etwas besser (Scooters Logical Song haha) Heute ist vieles Käse: Ava Max oder Gaga ist alles nix und hat null Melodie oder Gefühl. Ava Max macht viel Coversongs weil denen nichts mehr einfällt. Teenager verlernen heutzutage, was gute Musik ist und fallen auf die 3 Großkonzerne des Business rein. Eigentlich schade, aber man kann nicht wirklich etwas dagegen tun. Die Millennium-Jugend sollte sich wieder eher auf Leute wie Beatles, Collins, Houston oder Jennifer Rush beziehen, musikalisch betrachtet. Musik für die Ewigkeit und dies wird man in 100 Jahren garantiert noch hören.
@Filterpad Du fasst da so ziemlich genau meine Eindrücke zusammen. 🙂
Wobei die »Millenials« ja auch immer mal die Musik der 70er und 80er wiederentdecken. Ich kann mich noch daran erinnern, als »Running up the Hills« von Kate Bush (mein Gott, was hat die für geile Musik gemacht) in der Serie »Stranger Things« verwendet wurde. Und dort auch nicht einfach nur als Hintergrund-Gedudel, sonder ganz elementar in die Story der Serie eingebunden. Als ich die Szene gesehen habe – ich glaube, es ist in der 4. Staffel – ey, kein Witz, ich hatte eine stramme Gänsehaut am ganze Körper. Das passiert mir nicht so oft (wobei ich auch ein Fan der Darstellerin Natalie Dyer [Nancy] bin, die in der Szene eine elementare Rolle spielt). Na jedenfalls: Die Folge wurde ausgestrahlt und *ZACK* … schon war die Nummer wieder in den Charts (es ist aber auch wirklich sahnemäßig geil in der Serie inszeniert). Und so etwas passiert, glaube ich, öfters mal.
Auch für mich war er ein großer Held der weißen und schwarzen Tasten. Und hat mich motiviert, zu üben, üben und nochmals zu üben.
Thank you for the music.
Mal ernsthaft: Wie wird man Fan vom Nachruf verstorbener Menschen?!
Was soll ich sagen, Supertramp waren immer Teil meines musikalischen Lebens gewesen. Crime of the Century z.B, landet immer noch regelmäßig im CD-Player. Es wurde mir noch nie langweilig geniale Songs wie Fools Overture, Rudy oder Child of Vision über die ganzen Jahre immer wieder zu hören. Ich durfte Supertramp auf der Breakfast in America Tour zwei Mal in der Frankfurter Festhalle live erleben. Diese Tour war so erfolgreich das man sogar ein Zusatzkonzert in Frankfurt gab. So etwas vergisst man nie mehr. Danke Rick Davies!
Crime of the century hörte ich lange Zeit immer wieder. Crisis gefiel mir auch noch. Dann aber die nächsten waren nicht mehr meins. Aber Davis‘ Spiel auf dem Wurli hatte schin was.i
Tja…nach und nach verlassen uns die Helden der Jugend :-/ Das waren zuletzt Musiker wie Bowie, jeff Beck. Das ist sehr bitter. zumal wo sind richtig interessante neu Perlen? die sehe ich nicht. Und kommt mir nicht mit Taylor Swift. Was ist das für ein Vater der seine Tochter Taylor nennt? Taylor bricht Rekorde aber ihre Musik ist so flach wie Friesland.
OK! Nörgeln und Bitterkeit ist aber auch keine Lösung. Habe ja noch immer die Supertramp Platten :-)