Mr. Hit-Machine

Desmond Child at Lincoln Center’s „American Songbook“(2019), (Quelle: Peter Matthews from New York City, United States, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons)
Desmond Child – na, klingelt es? Kaum ein Name steht so sehr für die Kunst des professionellen Songwritings wie das Pseudonym von John Charles Barrett. Aus dem Hintergrund hat dieser Mann über Jahrzehnte hinweg die internationale Pop- und Rockmusik geprägt. Genreübergreifend und allgegenwärtig erklingen sie nach wie vor in den Ohren aller Generationen.
Inhaltsverzeichnis
Die besonderen Melodien eines Ausnahmetalents
Desmond Child ist einer der erfolgreichsten Songwriter aller Zeiten, dennoch kennen nur wenige seinen Namen. Selbst wenn man schon einmal von ihm gehört hat, wissen die meisten von uns viel zu wenig über ihn. Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass er zu einer der bedeutendsten Personen des Musikbusiness der 1980er- und 1990er-Jahre wurde, lohnt sich ein genauer Blick auf seine Geschichte. Dieser reicht von seinen musikalischen Wurzeln über seine Entwicklung als Künstler bis hin zu seinen größten Erfolgen und seiner besonderen Arbeitsweise, die ihn zu einem der erfolgreichsten Songwriter der Musikgeschichte gemacht hat.
Geboren wurde der Mann, den wir heute als Desmond Child kennen, am 28. Oktober 1953 als John Charles Barrett in Gainesville, Florida. Musik spielte in seinem Elternhaus eine Hauptrolle. Seine Mutter Elena Casals war selbst als Songwriterin tätig und führte ihren Sohn früh an die musikalischen Klänge ihrer lateinamerikanischen Wurzeln heran. In Kombination mit den Einflüssen der amerikanischen Pop- und Rockmusik der damaligen Zeit entwickelte Desmond früh ein feines Gespür für Harmonien und Melodien.
Die Melodien sind es letztlich auch, die seine Songs so besonders machen und sie über alle Genregrenzen hinweg erfolgreich werden lassen. Sie gehen ins Ohr. Sie stehen für sich allein.
Auch die Mischung unterschiedlicher musikalischer Einflüsse machte Desmond Child zu einem Songwriter und Produzenten, der sich nie auf festgelegte Bahnen beschränkte und immer wieder neue Sounds ins Rampenlicht rückte. Wenn ein Begriff seine besondere Arbeitsweise prägt, dann ist es Empathie. Von Beginn an ging es ihm darum, die Künstler zu verstehen, ihre Emotionen und ihren Charakter zu erfassen und all dies in musikalische Werke zu übersetzen. Vermutlich liegt genau darin das Geheimnis seiner Songs.

Seine Leidenschaft gehört der Musik: Desmond Child mit Lena Hall (Quelle: Peter Matthews from New York City, United States, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons)
Seine erste Band gründete Desmond Child bereits als Jugendlicher nach seinem Umzug nach Miami. Dort begann er ein Studium am Miami Dade College und setzte dieses später an der New York University fort. The Big Apple war letztlich auch der Ort, an dem aus John Charles Barrett Desmond Child wurde. Die besondere Musikszene New Yorks, in der Pop, Rock, Disco, Avantgarde und Latin gleichberechtigt nebeneinander existierten, passte perfekt zu dem musikalischen Verständnis, das er bereits in Kindertagen entwickelt hatte.
Zu den ersten Bands, die Child gründete, gehörte Mitte der 1970er-Jahre Desmond Child & Rouge. Gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Maria und anderen Musikern veröffentlichte er zwei Alben bei Capitol Records. Am bekanntesten wurde ihr Song „Our Love Is Insane“, der große kommerzielle Durchbruch blieb jedoch aus. Child sah dies nie als Niederlage. Seine Stärke liegt im Schreiben von Songs für andere Künstler.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
I Was Made for Loving You
Ende der 1970er-Jahre lernte Desmond Child im Rahmen eines Gigs mit Desmond Child & Rouge Paul Stanley kennen. In einem Interview erzählte Desmond, dass Paul ein Auge auf Desmonds damalige Freundin und Bandmitglied Maria Vidal geworfen hatte. Da die Beziehung ohnehin bereits in der Auflösung begriffen gewesen sei, habe Desmond sich an den Ambitionen des KISS-Gitarristen nicht gestört.
Paul war jedoch nicht nur von Maria, sondern auch vom Sound von Desmonds Band begeistert. So kam es, dass sie gemeinsam den Song „I Was Made for Lovin’ You“ schrieben. Dieser 1979 veröffentlichte Track sollte KISS zur Legende machen.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Eine Single, mit der Desmond Child Geschichte schrieb: Livin‘ on a Prayer Bon Jovi (Quelle: Mercury Records, Public domain, via Wikimedia Commons)
Das Besondere dieses Titels war die Kombination von Rockgitarren mit R&B-lastigen Diskobeats. Für viele KISS-Fans war der Song daher ein diskotauglicher Frevel. Doch genau diese Mischung aus Four-on-the-Floor-Beats, die Desmond Childs Prototypen des E-mu Systems Drumlator geschuldet waren, und den rockigen Gitarren legte den Grundstein für eine neue musikalische Ära.
Schnell wurde Desmond Child zu einem gefragten Mann, der neben seinen herausragenden Melodien ein außergewöhnliches Gespür für den Zeitgeist und den Charakter unterschiedlicher Stile bewies.
Die Arbeitsweise und der Stil von Desmond Child
Eben diese Arbeitsweise unterscheidet Desmond Child deutlich von vielen anderen Songwritern. Stets selbst im Hintergrund, rückt der Songwriter und Produzent immer den jeweiligen Künstler mit all seinen emotionalen Facetten und seinem individuellen Charakter in den Fokus. Räumliche Nähe, Intimität und gemeinsam verbrachte Zeit spielen dabei eine zentrale Rolle. Dies steht im deutlichen Gegensatz zum heute weit verbreiteten Remote-Songwriting.
Die Songs, die aus den intimen Momenten mit den Künstlern entstehen, folgen in der Regel einer deutlich ausgearbeiteten Dramaturgie. Strophe und Pre-Chorus leiten auf den Refrain als emotionalen Höhepunkt hin. Gleichzeitig achtet er darauf, dass Hooks und Melodien sofort zugänglich sind, ohne banal zu wirken. Insider berichten, dass Desmond Child häufig schon während des Schreibprozesses die Live-Situation eines Songs vorwegnimmt und diese in der Gesamtkomposition berücksichtigt.
Child selbst betrachtet Musik nicht als kurzfristiges Produkt, sondern als emotionales Kommunikationsmittel. Mit leuchtenden Augen erzählte er in einem Interview von der Erkenntnis, dass die emotionale Verbindung, die er in der Zusammenarbeit mit Joe Perry und Steven Tyler empfand, für die Ewigkeit in den Songs festgehalten sei, die sie gemeinsam schrieben. Auch die Themen seiner Songs bleiben über die Zeit hinweg aktuell: Liebe, Selbstbehauptung, Zweifel und Hoffnung.
Aerosmith, Bon Jovi und die großen Erfolge der 1980er-Jahre
Als großer Aerosmith-Fan haben mich die Songs von Desmond Child natürlich extrem geprägt. Schon in den 1980er-Jahren begann die beispiellose Erfolgsphase seiner Songs. In einer Zeit, in der die Band kommerziell eigentlich bereits abgeschrieben schien, entstanden Titel wie „Crazy“, „Dude (Looks Like a Lady)“, „Angel“ und „What It Takes“.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Diese Songs brachten die Band zurück in die Charts und vor allem in die Herzen der Fans. Perfekt ausbalanciert auf dem schmalen Grat zwischen Massentauglichkeit und echter Emotion sowie Persönlichkeit liegt genau darin die Stärke des Sounds, den Desmond Child gemeinsam mit seinen musikalischen Partnern entwickelte.
Besonders prägend war seine Zusammenarbeit mit Bon Jovi. Gemeinsam mit Jon Bon Jovi und Richie Sambora schrieb Child einige der bekanntesten Rock-Hymnen der Dekade und verhalf der Band zu ihrem großen Durchbruch. Die Liste der Songs, die Bon Jovi in Zusammenarbeit mit Desmond Child veröffentlichte, ist lang. Es gibt kaum einen bekannten Titel der Band, an dem der zurückhaltende Songwriter und Produzent nicht beteiligt war.
Songs wie „You Give Love a Bad Name“, „Livin’ on a Prayer“ und „Bad Medicine“ schnellten weltweit an die Spitze der Charts. Sie sind bis heute der Inbegriff der damaligen Musikkultur, beweisen zugleich eine zeitlose Anziehungskraft und werden vermutlich auch genau in diesem Moment irgendwo auf der Welt gespielt.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
KISS, Tokio Hotel und Ricky Martin: Hits am laufenden Band
Egal, ob KISS, Alice Cooper, Meat Loaf, die Scorpions, Weezer, Steve Vai oder The Rasmus: Desmond hatte bei all diesen Projekten seine Finger im Spiel. Auch ein Entweder-oder gab es nicht, wenn es um Bands wie Dream Theater oder Tokio Hotel ging. Kollaborationen mit Selena Gomez, INXS, Bonnie Tyler, Kelly Clarkson, Barbra Streisand und Shakira beweisen seine große stilistische Bandbreite.
Desmond Child erweiterte seinen Horizont sowohl hinsichtlich seiner Betätigungsfelder als auch in Bezug auf die Genres, in denen er aktiv wurde, kontinuierlich. Seine Arbeit beschränkte sich dabei längst nicht nur auf das klassische Songwriting. Immer wieder übernahm er auch die konzeptionelle Beratung sowie die dramaturgische Entwicklung ganzer Alben. Die Liste der Künstler, mit denen er extrem erfolgreiche Songs schrieb, ist schier unendlich und ich freue mich in den Kommentaren auf euren ganz persönlichen Favoriten.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Ein besonders markantes Beispiel für seine Flexibilität ist die Zusammenarbeit mit Ricky Martin. Der Song „Livin’ la Vida Loca“, an dessen Entstehung Child maßgeblich beteiligt war, wurde 1999 zu einem weltweit gefeierten Hit und löste einen regelrechten Latin-Pop-Boom aus. Die Kombination aus spanisch geprägten Rhythmen und angloamerikanischer Poparchitektur ist ein gutes Beispiel für die Fähigkeit von Desmond Child, kulturelle Einflüsse zu einem stimmigen Gesamtbild zu verbinden.

Der erste Titel des Best of-Albums von Ricky Martin ist selbstverständlich der Song „Living La Vida Loca“ aus der Feder von Desmond Child. (Quelle: Eva Rinaldi from Sydney, Australia, CC BY-SA 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0>, via Wikimedia Commons)
Wenngleich Desmond Child seinen Fokus früh auf das Schreiben von Songs für andere richtete, realisierte er auch später eigene Projekte. Darunter befinden sich Live-Alben, auf denen er seine bekanntesten Songs selbst interpretiert. Darüber hinaus engagierte er sich verstärkt im Musiktheater und wirkte an Musicalproduktionen mit.
Haltung und Vermächtnis
Auch jenseits der klassischen Pop- und Rockproduktion blieb er aktiv: Er arbeitet an Musicalprojekten, veröffentlicht eigene Aufnahmen und reflektiert sein Werk zunehmend selbst. Dabei tritt er nicht als nostalgisch Zurückblickender auf, sondern als jemand, der Musik als lebendigen Prozess versteht.
Obwohl nahezu alle Songs, an deren Entstehung Desmond Child beteiligt war, zu Hits wurden, war das Ziel seiner Arbeit nicht die Erzielung des größtmöglichen finanziellen Gewinns. Ihm ging es stets um die Erschaffung authentischer, emotionaler und ehrlicher Werke, die das Beste aus dem jeweiligen Künstler widerspiegeln. Darüber hinaus veränderten seine mutige Kombination unterschiedlicher Stile sowie der dramaturgische Aufbau der Songs, die aus seiner Feder stammten, die Musiklandschaft nachhaltig.
Bon Jovi kam mit den Songs, die in Zusammenarbeit mit Desmond Child entstanden, groß heraus, gewann 1988 den American Music Award und wurde 1994 mit dem World Music Award als beste Rockband ausgezeichnet. Desmond Child hingegen blieb lange ohne nennenswerte Auszeichnungen. Die Grammy Awards, die Aerosmith für Songs wie „Crazy“ erhielt, bezogen sich auf die Kategorie „Best Rock Performance By a Duo or Group With Vocal“.

Jon Bon Jovi wären ohne Desmond Child heute sicher nicht das, was sie sind. (Quelle: Mercury Records, Public domain, via Wikimedia Commons)
Erst „Livin’ la Vida Loca“ brachte Desmond Child die ersten Preise und Grammy-Nominierungen ein. Zur selben Zeit, im Jahr 2000, erhielt der Songwriter den NARAS Florida Chapter Heroes Award und wurde für einen Latin Grammy Award nominiert. 2004 folgte auf den Gewinn des Latin Grammy Awards noch der TAXI Lifetime Achievement Award, bevor Desmond Child im Jahr 2008 in die Songwriters Hall of Fame aufgenommen wurde.
2023 erschien nach langer Vorarbeit die Autobiografie „LIVIN’ ON A PRAYER: BIG SONGS BIG LIFE“ des sympathischen Songwriters, der nach eigenen Angaben an etwa 1.200 Songs beteiligt war und mehr als 80 Titel mitverantwortete, die eine Platzierung in den Top 40 der US-Charts erreichten.






























Ja, ist es mit den Menschen, die jeder unerkannt neben sich hat.
Musik ist ein geniales Medium für die menschliche Kommunikation.
Danke für den Artikel!
Mir sagt der nichts! Aber es zeigt wieder eindrucksvoll, dass die ganzen Schreiberlinge eher unauffällig agieren und die Stars die Bühne rocken. Gut, mit dem Rockkeks „I was made for…“ kann ich persönlich wenig anfangen, aber bei Bon Jovi, Bonnie Tylor, Ricky M. oder Streisand sieht das ganze schon anders aus. Aber die Kaulitz klumschen Brüder? Scheint wohl kein Druckfehler zu sein! Wie kam das zustande? Vermutlich Vitamin B durch ihren bzw. eines ihrer Manager. Was es nicht alles gibt! Hat Hr. Barrett auch ne Nummer für mich? I was made for Filterpad… oder so?
Wie kann man denn im, so wie man sagt, Vorfeld Hits schreiben oder planen?
Composition+lyrics Folge: wird garantiert oberhammer? Wieder mal alles geil und perfect?
Ist es nicht eher so der Künstler? oder mehr eben noch das Publicum oder der treue Fan
der regelmäßig Radio hört und es auf dem Konto klingeln läßt. Wird alles am Leben gehalten nur durch Treue und Vertrauen und Hingabe, also Fan und der Wert geschätzt wird.
Ich möchte damit meinen, das Hits doch nicht vorhersehbar sind oder calculiert.
Corrigiert mich bitte, wenn ich total falsch liege. Ist auch nur meine unbedeutende Meinung.
Allen eine gute Nacht🙂
der ‚sympathische songwriter‘ ‚versteht musik als lebendigen prozess‘, ‚das ziel seiner arbeit ist nicht die erzielung größtmöglichen gewinns‘, sondern ‚die erschaffung ehrlicher werke‘. ich habe es schon immer geahnt – genau so funktioniert das US-amerikanische musik-biz. ich hoffe, die autorin hat diesen helden mal selbst befragt und nicht nur einschlägige PR verarbeitet.
Die Komposition alleine kann keinen Hit machen. Angenommen er hätte Livin on a Prayer mir gegeben, hätte es erstens stilistisch ein komplett anderes Ergebnis ergeben, ausserdem wäre es mit relativ großer Sicherheit ein Flop geworden. Aber die Komposition ist eine entscheidende Komponente. Soll ich jetzt noch anmerken, dass eine meiner Kompositionen für Bon Jovi bestimmt kein Erfolg geworden wäre…?
Ich bin ziemlich sicher, dass ich den Namen Desmond Child schon aus Zeiten kenne, in denen es noch Tonträger mit Liner Notes gab. Fand ich schon als Jugendlicher interessant, die zu lesen , und wer da so auf welchen Songs gespielt hat, oder wer die produziert, gemixt und gemastered hat (was auch immer sich hinter diesen Begriffen verbarg, wusste ich ja nicht wirklich…), und da traf man ja hin und wieder auf immer dieselben Namen.