E-Gitarre Test: Harley Benton JA-60 VW

16. August 2020

Sehr viel Gitarre für wenig Geld

Es gibt Gitarrenmodelle, die haben es einfach schwer auf dem Markt. Als Fender die „Jazzmaster“ im Jahre 1958 vorstellte, hatte die Firma hohe Erwartungen – die Gitarre sollte ein weiteres Topmodell werden und sich in die Erfolgsgeschichte der Strato- und Telecaster einreihen. Trotz massivem Marketing blieben die Verkaufszahlen jedoch weit hinter den Erwartungen zurück. Dem 1962 eingeführten Nachfolgemodell „Jaguar“ ging es ähnlich. Ursprünglich für den geneigten Jazzmusiker hergestellt, scheiterte das Projekt zum einen an der zu futuristischen Bauweise, zum anderen griffen die Jazzer doch lieber zu den Instrumenten des Konkurrenzunternehmens Gibson und die Fender-Player blieben bei ihren Strats und Teles. Einzig die Surf- und Rock ’n“ Roll-Szene konnte dem Instrument was abgewinnen – das konnte aber wiederum nicht verhindern, dass sowohl die „Jazzmaster“ als auch die „Jaguar“ ein Flop wurden und die Produktion im Jahre 1975 („Jaguar“) bzw. 1982 („Jazzmaster“) endgültig eingestellt wurde. Im Zuge des Grunge- und Alternative-Rock-Booms Anfang der 90er Jahre gewannen beide Gitarrenmodelle wieder an Popularität, so dass Fender sie seitdem wieder regulär im Programm hat.

Warum schreibe ich das alles? Was hat denn Fender mit der mir vorliegenden Testgitarre zu tun? Die ist doch von Harley Benton, oder? Ja … stimmt, es ist die Harley Benton JA-60 VW, die sich aber nun mal an den Originalen des großen F orientiert – und das macht sie (Achtung SPOILER!!!) ganz ausgezeichnet. Dabei gehe ich jetzt noch nicht mal näher auf das – bei nahezu allen Harley Benton Instrumenten zutreffende – unfassbare Preis-Leistungs-Verhältnis ein. Die Harley Benton JA-60 VW könnte auch, das kann ich schon nach kurzem Anspielen sagen, ein Vielfaches vom UVP kosten und es gäbe keinen Grund zum Meckern. Wieder mal stellt sich die Frage, wie machen die das bloß? Aber schön der Reihe nach:

Harley Benton JA-60 VW – Facts + Features

Ich muss zugeben … beim Öffnen des Kartons dachte ich zunächst „och nee … SO eine Klampfe diesmal … die hat doch der Cobain gespielt. Nichts gegen Kurt Cobain und seine Band Nirvana – aber mit den Jazzmaster bzw. Jaguar Modellen konnte ich nie was anfangen. Bis jetzt muss ich sagen! Der Korpus mit der ureigenen futuristischen Bauform besteht bei der Harley Benton JA-60 VW aus Linde und ist in der Farbe „Vintage White“ lackiert – dafür steht in der Produktbezeichnung die Abkürzung VW.

Harley Benton JA-60 VW

Die Vorderseite der Harley Benton JA-60 VW

In derselben Farbe ist auch die Vorderseite der Kopfplatte („Matching Headstock“) sowie das Binding, welches das Griffbrett einfasst, lackiert. Diese Lackarbeiten sind beim vorliegenden Modell zu 100 % absolut perfekt ausgeführt! Ich betone es deshalb, weil das leider oft nicht der Fall ist – und immer häufiger auch bei Instrumenten vorkommt, die das 30-Fache vom Testmodell kosten.

Harley Benton JA-60 VW

Matching Headstock

Ahornhals mit Pau Ferro Griffbrett

Der geschraubte Hals des Instruments ist aus kanadischem Ahorn gefertigt und hat ein Griffbrett aus Pau Ferro, in das Blockeinlagen aus Perlmutt-Imitat sowie 21 Medium-Jumbo-Bünde eingelassen sind. Auch hierbei wurde mit höchster Sorgfalt und Präzision gearbeitet. Die Mensur beträgt wie bei einer Stratocaster 648 mm – die Sattelbreite ist mit 42 mm ebenso Strat-like. Das Halsprofil wird vom Hersteller mit „C“ angegeben – somit ist der Hals nicht zu dünn, liegt aber dennoch sehr gut in der Hand und lässt sich bis in die höchsten Lagen komfortabel bespielen. Zur guten Bespielbarkeit trägt auch die seidenmatte Lackierung der Halsrückseite bei – da klebt nichts und man fühlt sich schnell zu Hause auf dem Instrument.

Harley Benton JA-60 VW

Ahornhals mit Pau Ferro Griffbrett und „Vintage White“-Binding

Chrome Hardware und Roswell Alnico-5 P90 Pickups

Die Hardware der Harley Benton JA-60 VW besteht aus Chrom. Dazu zählen die Kluson-Style Stimmmechaniken, Gurtpins, Ausgangsbuchse, Toggle-Switch, Schrauben und auch die Tune-o-matic-Style Brücke mit der Stop-Tailpiece Saitenhalterung.

Auf dem 3-schichtigen „Tortoise“-Schlagbrett sind die Pickups sowie alle weiteren Schalter und Regler angebracht. Die Pickup-Abdeckungen und Potikappen sowie der Kopf des Toggleswitches sind ebenfalls in der Farbe „Vintage White“ gehalten und passen so perfekt zum Retro-Flair des Instruments. Bei den beiden Pickups handelt es sich um zwei Vintage-Style Alnico-5 P90 Singlecoils der Firma Roswell. Den Pickups von Roswell eilt ein guter Ruf voraus – nicht umsonst werden nahezu alle Instrumente von Harley Benton mit ihnen ausgestattet. P90-Tonabnehmer sind gewissermaßen das „Bindeglied“ zwischen Singlecoils und Humbuckern: Der Klang von P90-Tonabnehmern ist etwas höhenreicher als der eines Humbuckers und gleichzeitig voller und „wärmer“ als der von Singlccoils des Fender-Typs. Geschaltet und geregelt werden die Pickups mit einem 3-fachen Toggleswitch sowie einem Volume- und Tone-Regler.

Harley Benton JA-60 VW

Roswell Alnico-5 P90 Single Coils

Die Harley Benton JA-60 VW in der Praxis

Unverstärkt entfaltet die Harley Benton JA-60 VW bei Akkorden einen ausgewogen voluminösen Sound mit gutem Sustain – einzelne Töne klingen drahtig mit einer holzig-perkussiven Note – sehr schön!

Dieser positive Eindruck setzt sich fort, wenn man das Instrument an einen Verstärker anschließt. Im Clean-Kanal meines Brunetti Mercury Topteils liefert der Bridge-Pickup perlige Sounds, die durchaus an einen Humbucker erinnern, jedoch die typische Singlecoil-Charakteristik nicht vermissen lassen. Der Klang ist im Gegensatz zu einem herkömmlichen (Strat-) Singlecoil einfach präsenter und nicht so spitz in den Höhen. Aktiviert man beide Pickups, hört man dann schnell, wessen Kindes die beiden sind – der P90-Singlecoil-Charakter kommt klar zum Vorschein. Der Klang erinnert mit seinem „Twang“ und einer gewissen „Kehligkeit“ an die Zwischenpositionen einer Stratocaster – klingt aber auch hier wieder voluminöser mit einem leichten Humbucker-Einschlag. In der Halsposition nimmt der „Twang“ ab und der P90 klingt, ähnlich wie in der Bridge-Position, wie ein guter Singlecoil mit leichtem Humbucker-Flair – vor allem im Mittenbereich. Schon jetzt kann man sagen, dass die Roswell P90-Pickups sehr gut aufeinander abgestimmt sind und in jeder der drei Positionen einen charakterstarken Sound liefern.

Im Distortion-Betrieb setzt sich diese Eigenschaft fort und verblüfft, denn die Harley Benton JA-60 VW rockt – und wie! Man möchte gar nicht mehr aufhören AC/DC Riffs oder ähnliches zu spielen. Der Bridge-Pickup liefert transparente Akkorde und hat genug Druck, um abgedämpften Single-Notes Gehör zu verschaffen. Rockig- bluesiges Solospiel geht einem leicht von der Hand und wird in puncto Sustain durch den leichten „Humbucker-Touch“ unterstützt. In der Mittelposition verstärkt sich der bereits bei den cleanen Sounds festgestellte, Stratocaster-artige Charakter: mit ordentlich „Twang“ tönen die beiden P90 um die Wette und man vergisst für einen kurzen Moment, dass man KEINE Strat in der Hand hat. Dies setzt sich fort, wenn man den P90 am Hals aktiviert – kultivierter Singlecoil-Sound mit guter Auflösung und mehr Dampf.

Natürlich gibt es, wie bei nahezu allen Singlecoil-Pickups, einen Wermutstropfen: das Nebengeräuschverhalten, vor allem bei verzerrten Sounds. Die beiden Roswell P90-Tonabnehmer bilden hier keine Ausnahme, entwickeln aber keine übermäßigen Störgeräusche.

 

 

Fazit

Und wieder eine Gitarre aus dem Hause Harley Benton, die den renommierten Herstellern den Angstschweiß auf die Stirn treiben sollte. Die Bauart mag nicht jedermanns Sache sein – aber bei dieser Verarbeitungs- und Klangqualität kann ich nur eine klare Kaufempfehlung geben.

Plus

  • Verarbeitung
  • Bespielbarkeit
  • Sounds
  • Preis

Preis

  • 155,- Euro
Klangbeispiele
Forum
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    AMAZONA Archiv

    Ergießt sich über den Teppich wie eine Portion Ragout Fin nach ungewollter Magenentleerung. Aber – mit den P90ern klingt das Dingen nicht unsexy. Gibt den Dreck, den es braucht; gerade clean, im positven Sinne, kantig. Für den Preis ein Hammer.

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      index  AHU

      …da fang ich tatsächlich an zu überlegen….mir gefällt sie auch clean und distorted ist sie wirklich alles andere als dünn..

  2. Profilbild
    Codeman1965  

    Ich habe seit ’ner Weile die ältere Schwester, die SB Vintage.
    Die hat Wilkinson-P90s verbaut (keine Ahnung, ob die aus der selben Maschine kommen), die klingen schon ziemlich genau wie die Roswells.
    Ist ein wirklich guter Allrounder, und mit Distortion macht sie richtig Spass.
    Gute Verarbeitung, gute Bespielbarkeit, bin ich durchaus glücklich mit…

    Leider setzt Harley Benton hier die liebgewonnene Tradition fort und liefert wieder das wahrscheinlich hässlichste Pickguard-Design in der Geschichte des Gitarrenbaus ab!

    Aber vielleicht wird das ja mal so etwas wie ein Wasserzeichen für diese Marke… :-)

    Egal, sehr gute Gitarre, die bei mir z.Z. leider der (hier gewonnenen!) Fusion-II HH EB Ocean Turquoise den Vortritt lassen muss.
    Aber ihre Zeit wird wieder kommen. Sie kann so schön dreckig…

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      THEBIGBASS  

      wegen pickguard und design: es ist eine kleine sache, das pickguard abzuschrauben, mit der (acry-) farbe deiner wahl zu streiche / sprayen und du hast das coolste desing mit der günstigsten gitarre ever.

  3. Profilbild
    camarillo  

    Ein paar kleine Anmerkungen:

    Eine „Harley Benton JA-60 VW“ gibt es nicht. Das getestete Modell ist eine „JA-60 OW“. Das „VW“ steht entsprechend nicht für Vintage White, sondern das „OW“ für Olympic White. Das ist bei meinem Modell allerdings nicht sehr weiß – eher creme/vanille. Mag ich aber ;-)

    Unsicher bin ich mir, ob die Gitarre denn tatsächlich P90s verbaut hat, auch wenn Thomann das immer noch so schreibt. Sie sehen aber eher nach Roswell JM-ADWH Jazzmaster PUs [1] aus.

    Aber eigentlich auch egal: Die Gitarre klingt ja wie sie klingt, unabhängig vom Namen der PUs ;-)

    (In der von Bonedo [2] getesteten älteren Variante waren noch andere Roswell PUs verbaut, die deutlich schlanker waren, also eher nach P90 aussahen. Im Text wurden sie dann allerdings auch als JM-ADWH bezeichnet.)

    [1] https://www.roswellpickups.com/pickup/pro_view.php?idx=M26101
    [2] https://www.bonedo.de/artikel/einzelansicht/harley-benton-hb-ja-60-ow-test.html

    • Profilbild
      Thorsten Praest  RED

      Auf dem Karton stand „Harley Benton JA-60 VW“ – und es gibt ja Harley Benton Instrumente in „VW“, z.B. die Harley Benton ST-62 VW Vintage Series Strat etc.. Ausserdem ist „Olympic White“ in der Regel viel weisser – da muss man nur mal nach Modellen googeln.
      Aber egal…vielleicht war es nur der falsche Stempel auf‘m Karton;-)
      Wenn es keine P90 waren, klangen sie jedenfalls verdammt P90ig.
      Auf jeden Fall ein sehr gutes Instrument:-)

      PEACE

      • Profilbild
        camarillo  

        „VW“ würde auf jeden Fall deutlich besser passen – weiß ist das Weiß nicht ansatzweise. Versuch aber mal eine JA-60 VW zu bestellen, auch euer Hersteller-Link führt zur „OW“ ;-)
        Aber das ist ja auch alles Kleinkram, den ich geschrieben habe: Das ist wirklich ein sehr gutes Instrument und der Test stellt das gut dar.
        Sonnige Grüße :-)

    • Profilbild
      lambik  

      Bei den Pickups hatte ich auch gestutzt. Sind auch meiner Meinung nach keine P90s, sondern Jazzmaster-PU-Kopien.

      Aber wie schon gesagt: Hauptsache, das Teil klingt.

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