Ennio Morricone: Sein Leben, seine Musik seine größten Erfolge

15. August 2020

Der Meister der Filmmusik-Melodien

Ennio Morricone in seinem Element (©Shutterstock)

Vorwort der Redaktion:

Am 6. Juli 2020 verstarb der einzigartige Ennio Morricone, der für viele Komponisten weltweit, ein großes Vorbild war und vor allem auch durch seine Musik auch zum Erfolg zahlreicher Filme beigetragen hat. Auch Hans Zimmer nennt den Schöpfer unzähliger Melodien, die wir alle in den Ihren haben, als sein großes Vorbild. Wir haben Markus Galla gebeten, eine ausführliches Special zu diesem Ausnahmekünstler zu verfassen.

Wir wünschen schöne Erinnerungen beim Lesen und Hören,

Euer Peter Grandl

Ennio Morricone – vom Musiker zum Filmkomponisten

Bei Filmmusik denkt man an Orchester und damit an John Williams und E.T., Star Wars oder Indiana Jones. Man denkt an Hans Zimmer und Fluch der Karibik, Gladiator, Last Samurai. Man denkt bei Filmmusik aber auch an Synthesizer und beispielsweise Vangelis und Blade Runner. Große Filmmusik-Fans denken jedoch auch an Ennio Morricone und die Spaghetti Western mit Clint Eastwood in der Hauptrolle. Ennio Morricone ist kürzlich im stolzen Alter von 91 Jahren verstorben und es wird Zeit, sein Leben und Schaffen einmal etwas näher zu beleuchten. Es wäre nämlich falsch, ihn auf seine Zusammenarbeit mit Sergio Leone, dem Meister des Western Genre zu reduzieren. Ennio Morricone war ein Visionär und ein Vorläufer für all die, die nach ihm kamen.

Biografie

Über Morricone zu sprechen bedeutet, mehr auf seine Musik als auf biografische Daten zu schauen. Letztere sind nämlich schwer zu finden, da Morricone kein Mensch der großen Bühne und Öffentlichkeit war. Er galt als medienscheu und hielt sein Privatleben unter Verschluss. Gleiches galt auch für die Noten zu seinen Werken, die er nur ungern herausrückte. Es wird erzählt, dass Morricone diese stets nach Aufnahmen und Konzerten wieder einsammelte und persönlich verwahrte. So sind die Eckdaten zu seinem Leben auch schnell erzählt:

Geboren wurde Morricone am 10. November 1928 in Rom. Sein Vater Mario war Musiker und spielte Trompete in vielen verschiedenen Genres – dies sollte eine besondere Wirkung auf seinen Sohn Ennio haben, der sich später nie auf ein Genre einschränken lassen wollte. Ennio wuchs mit vier Geschwistern auf und konnte sich schon früh für Musik begeistern. Es wird erzählt, dass er schon mit sechs Jahren mit kleineren Kompositionen begann. Schon mit 10 Jahren begann er ein Trompetenstudium am Konservatorium (Conservatorio Santa Cecilia in Rom). Das Trompetenstudium schloss er bereits 1946 mit dem Diplom ab. Es folgten zwei weitere Diplome in Orchestrierung (1952) und schließlich auch in Komposition (1954). Als Trompeter spielt er hauptsächlich Jazz, kann sich aber auch für andere musikalische Genres begeistern. So wurde er zügig in Musikerkreisen bekannt und bekam erste Studiojobs. In den 1950er Jahren führt ihn der Weg zum Schallplattenlabel RCA Italiana.

Der verdiente Oscar für sein Lebenswerk 2016 (c by Shutterstock)

RCA Italiana

Ennio Morricone begann seine Tätigkeit als Arrangeur für RCA Italiana in den 1950er Jahren und war an unzähligen Produktionen italienischer Stars beteiligt. Zu dieser Zeit war er bereits verheiratet (1956, mit seiner Frau Maria) und sein erster Sohn wurde im gleichen Jahr geboren. Für Morricone war diese Anstellung in erster Linie eine Notwendigkeit, um Geld zu verdienen und ein regelmäßiges Einkommen zu besitzen, denn schon damals war es schwer, ausschließlich als Musiker und Komponist seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aus diesem Grund ist er selbst bei RCA Italiana vorstellig geworden und hat den damaligen Artist Relation-Direktor Vincenzo Micocci um einen Job gebeten. RCA Italiana war der italienische Ableger von RCA Records (heute Teil der Sony Music Entertainment). In den ersten Jahren verlegte RCA Italiana hauptsächlich Importe der US-amerikanischen Muttergesellschaft. Da RCA Italiana zu diesem Zeitpunkt jedoch expandierte und mit eigenen Produktionen aus dem Schatten der Muttergesellschaft heraustreten wollte, kam dieses Angebot einer Zusammenarbeit beiden mehr als gelegen. In der damaligen Zeit lag die Produktion anders als heute komplett bei den Plattenfirmen. Die Labels unterhielten eigene Studios, Orchester, Komponisten und Arrangeure. Gemeinsam mit Luis Bacalov war Ennio Morricone nun für die Arrangements der Produktionen verantwortlich.

Ennio Morricone: Seine ersten Erfolge

In dieser Zeit arbeitete er mit zahlreichen Stars der italienischen Unterhaltungsmusik zusammen, darunter Gianni Morandi, Gino Paoli und Miranda Martino. Einen Einstieg in die internationalen Charts gelang mit „Ogni volta“ („Every Time“), geschrieben von Carlo Rossi und Roberto Ferrante und aufgenommen von keinem geringeren als den kanadischen Sänger Paul Anka, der neben seiner eigenen Karriere an unzähligen Hits anderer Künstler beteiligt war (zum Beispiel „My Way“ von Frank Sinatra). Der Titel wurde 1964 veröffentlicht und von Paul Anka renommierten Festival di Sanremo gesungen. Allein in Italien verkaufte sich die Single in kurzer Zeit mehr als eine Million Mal und erhielt Gold-Status. Dies war die erste italienische Single in Italien, der das gelang, und das Arrangement kam von Ennio Morricone.

Einen weiteren großen Erfolg als Komponist und Arrangeur für RCA Italiana feierte Ennio Morricone mit dem Song „Se telefonando“ für die italienische Sängerin Mina, die Mitte der 1960er Jahre bereits ein Star war. Der Song sollte der Titel für eine italienische Fernseh-Show werden und ohne zu wissen, wer diesen Song am Ende singen würde, stimmte Morricone zu. Umso mehr war er von Mina beeindruckt, als er ihr den Song zum ersten Mal am Piano vorspielte und sie ihn vom Blatt sang. In „Ennio Morricone: In his own words“ bestätigt Morricone die Legende, dass ihm die Melodie eingefallen sei, während er mit seiner Frau Maria am Postamt in der Schlange wartete, um eine Rechnung zu bezahlen. Schon bei diesem Titel wird die große Raffinesse deutlich, mit der Ennio Morricone komponiert. Das Thema des Refrains besteht aus lediglich drei Tönen und der Tonfolge g, fis und d, die Morricone durch geschickte rhythmische Verschiebung im 2/4-Takt für den Hörer interessant wirken lässt. Durch Sequenzierung entsteht dann mit gleichem Rhythmus die Melodie des Refrains. Das folgende Notenbeispiel zeigt die Vorgehensweise. Die Betonungszeichen (>) zeigen die Wirkungsweise der rhythmischen Verschiebung: Jeder der drei Töne steht mal auf der betonten Zählzeit 1.

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Das kurze Notenbeispiel zur Gesangsmelodie von „Se telefonando“ zeigt, wie geschickt Morricone mit Rhythmik spielt, um auch wenige Töne interessant wirken zu lassen.

Dieses geschickte Spiel mit wenigen Tönen und Rhythmus wird auch in den bekanntesten Filmmusikthemen Morricones später eine Rolle spielen.

Vom Zauberlehrling zum Meister

In „Ennio Morricone: In his own words“ erzählt Morricone davon, dass er stets bei den Aufnahme-Sessions anwesend war und sogar Korrekturen sofort durchgeführt hat, falls notwendig. Während dieser Zeit hat Morricone mit vielen Dirigenten zusammengearbeitet und viel von ihnen gelernt. Dieser Lernprozess war es auch, der ihn zur Filmmusik führte. Über die Jahre hat Ennio Morricone für verschiedene Filmkomponisten als Assistent gearbeitet und war somit mit der Arbeitsweise vertraut. Dass Filmkomponisten von einem Team von anderen Komponisten und Arrangeuren unterstützt werden, ist auch heute gängig. Bekanntestes Beispiel ist Hans Zimmer. So stammen die beiden berühmtesten Werke aus Fluch der Karibik („He’s a pirate“ und „Black Pearl“) nicht von Zimmer, sondern von seinem Assistenten Klaus Badelt. 1955 begann Morricone seine Assistentenrolle, die darin bestand, die Mockups der Filmkomponisten zu orchestrieren und auszuarbeiten. Auch Kompositionen, die dann später unter dem Namen eines Filmkomponisten erschienen sind, gehörten zu seinem Aufgabenbereich. Auch als Session-Musiker (Trompeter) war Morricone an Filmmusik-Recordings beteiligt. So beschreibt Morricone es als wenig aufregend, als der erste Filmproduzent an ihn heran trat, um die Musik für einen kompletten Film federführend und unter seinem eigenen Namen zu komponieren. Dieser Film war „Il federale“ (Der Faschist) von Luciano Salce (1961). Für Ennio Morricone allerdings war dies nur eine weitere Aufgabe, ein weiteres Arbeitsfeld, das anlag und eben erledigt werden musste. Eine konkrete Absicht Filmkomponist zu werden, hatte er laut eigener Aussage zu diesem Zeitpunkt nicht. Ganz im Gegenteil: Seine Arbeit als kommerzieller Arrangeur, Komponist und Session-Musiker wurde von Ennio Morricone streng geheim gehalten, da kommerzielle Arbeiten am Konservatorium, dem er sich immer noch verbunden fühlte, als verrucht galten. Nichtsdestotrotz musste er Geld für seine Familie verdienen und die Kunst hinten anstellen.

Auf Welttournee mit Orchester 2014 (c Shutterstock)

Der erste Filmmusikauftrag

Während der Recording Sessions machte sich Morricone oft Gedanken dazu, wie er die Bilder, die während der Aufnahme im Studio gezeigt wurden, vertonen würde. Seine erste Begegnung mit Luciano Salce führte Morricone zum Fernsehen, für das er als Komponist einige Zeit tätig war. Vor „Il federale“ gab es zwei weitere Versuche Salces, Ennio Morricone als Filmkomponist unterzubringen, die aber scheiterten, weil die Verantwortlichen lieber einen Komponisten mit einem höheren Bekanntheitsgrad wollten. Erst mit „Il federale“ konnte sich Luciano Salce durchsetzen, so dass Morricone schließlich den Zuschlag bekam. Der Film spielt in Italien im Jahr 1944 und beschreibt den Faschisten Arcovazzi, der die Aufgabe bekommt, einen antifaschistischen Professor nach Rom zu bringen. Eine Aufgabe, die im mittlerweile geteilten Italien gar nicht so einfach ist, denn die Faschisten sind auf dem Rückzug und antifaschistische Gruppierungen und Alliierte erschießen jeden Anhänger des Faschismus auf der Stelle. Es beginnt eine abenteuerliche Reise, die vor allem von Fehlschlägen gekennzeichnet ist. Die Geschichte ist eher lustig als ernst und somit war für Morricone klar, dass er das in die Musik einfließen lassen muss.

Das Titelstück „Titoli“ macht das sehr deutlich: Eine Snare Drum spielt einen Marschrhythmus, während dazu eine Tuba zunächst eine kleine Figur spielt. Bis dahin wirkt alles noch unauffällig. Dann setzen schließlich die anderen marschtypischen Holz- und Blechblasinstrumente ein. Es wird zunehmend dissonant. Die Tuba spielt eine rhythmische Figur in einer anderen Tonart als die anderen Instrumente und setzt somit eine Art dissonantem Kontrapunkt. Während die Flöten weiterhin eine typische Marschthematik spielen, ist von anderen Holzblasinstrumenten eine hohe Dissonanz im Abstand einer kleinen Sekunde zu hören, die den Marsch zu stören scheint. Die beiden Dissonanzen im unteren und oberen Frequenzspektrum lassen das Stück grotesk und komisch erscheinen und sind somit perfekt auf den Filmcharakter des Faschisten Arcovazzi zugeschnitten, der am Ende ausgerechnet von seinem „Gefangenen“ gerettet wird.

 

Mit Trompete und Mundharmonika zum Weltruhm

Auch nach ersten Gehversuchen in der Filmwelt dachte Ennio Morricone noch nicht ernsthaft über eine Karriere im Filmgeschäft nach. Seinen Grundgedanken, sein musikalisches Schaffen auf möglichst viele Standbeine zu stellen, verfolgte er weiterhin akribisch. Doch ein Anruf sollte alles verändern: Sergio Leone meldete sich 1963, weil er einen Filmmusikkomponisten für einen Film mit dem Arbeitstitel „Il magnifico straniero“ mit dem damals noch unbekannten Clint Eastwood als Hauptdarsteller benötige. Bei einem ersten Treffen stellten Morricone und Leone fest, dass sie sich aus der Schulzeit kannten, die gleiche Schulbank drückten und nun, fast dreißig Jahre später, per Zufall wieder aufeinander trafen.

Leone war zu dieser Zeit ein großer Fan des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa, der gerade Erfolge mit seinem Film Yojimbo (1961) feierte. Dieser aus heutiger Sicht absurd anmutende Film, in dem es um einen herrenlosen Samurai geht, der zwei Banden gegeneinander ausspielt, diente Leone schließlich als Vorlage für den Italowestern. Ausschnitte aus Yojimbo finden sich auf Youtube und zeigen die Kuriosität und Aggressivität des Films, die Leone für seine Western aufgegriffen hat. Das finale Duell in „Eine Handvoll Dollar“ wirkt wie eine in den Wilden Westen transferierte Kopie der Duell-Szene aus Yojimbo. Genau dieses Kuriose, Ironische und Aggressive des Originals ist es, das Morricone beim ersten Ansehen auffiel und von ihm für „Eine Handvoll Dollar“ schließlich in Musik gegossen wurde.

Ennio Morricone im Studio (© by Shutterstock)

Stereotyper könnte Leones finales Duell auch nicht sein: Während die Fieslinge neben einem an einem Seil aufgehängten alten Mann stehen und im Begriff sind, diesen zu foltern, erschüttern einige Explosionen hinter den umstehenden Häusern die Szenerie. Aus dem aufgewirbelten Staub erscheint der Held. Streicher spielen einen Mollakkord mit einem einfachen Rhythmus, über den dann eine typisch mexikanisch klingende Trompete spielt. Alles klingt wie aus weiter ferne und die Windgeräusche überwiegen. Die Dynamik der Musik nimmt zu, ein Chor setzt ein, dann eine Marschtrommel. Die Musik endet und der Dialog zwischen den Kontrahenten beginnt.

Der von Clint Eastwood verkörperte Held der Geschichte wird mehrfach mit einem Gewehr vom Filmbösewicht angeschossen, steht jedoch immer wieder auf und kommt unaufhörlich näher und näher. All das bleibt frei von jeglicher musikalischer Begleitung. Erst als der Held das Geheimnis seiner „Unsterblichkeit“ lüftet, eine Metallplatte unter seinem Poncho, setzt wieder Musik ein, die die Dramatik der Szenerie sparsam unterstreicht. Ein hoher und leicht verstimmt klingender Ton steigert die Spannung ins Unerträgliche. Der Effekt kommt vor allem dadurch zustande, dass durch den Einsatz mehrerer Instrumente eine Art Modulation entsteht, die den Ton nicht statisch, sondern lebendig wirken lässt. Der Klang reißt erst wieder ab, als der Held die ersten Schüsse aus seinem Revolver abfeuert.

Vom Wiegenlied zum Main Title

Fast wäre es zu einer Vertonung dieser Szene durch Morricone gar nicht gekommen, denn dieser hat als vorübergehenden „Temp Track“ das bekannte Stück „Degello“ von Dmitri Tiomkin genutzt und sich so sehr in dieses Stück verliebt, dass er es auch in der finalen Fassung nutzen wollte. Dass es zwischen „Degüello“ und der finalen Szenenmusik von Morricone schließlich gewisse Ähnlichkeiten gibt, ist dem Kompromiss geschuldet, den Leone und Morricone eingehen mussten, um ihre gerade frische Zusammenarbeit nicht sofort wieder zu gefährden. Dass schließlich das endgültige Stück keine Neukomposition war, sondern ein umarrangiertes Wiegenlied, das Morricone einige Jahre zuvor für einen anderen Zweck komponiert hatte. Die Melodie wurde von der Trompete im mexikanisch-militärischen Stil gespielt, mit vielen Melismen versehen und somit dem gewünschten Klang von „Degüello“ angepasst. Genau dieses ursprüngliche Wiegenlied wurde zum Hauptthema von „Eine Handvoll Dollars“ und ein großer Erfolg für Ennio Morricone, der allerdings bis zu seinem Tod das Stück als seine schlechteste Filmmusik bezeichnete.

Die Vorlage, das Stück „Degüello“, ist hier zu hören:

Als kleine Anekdote am Rande sei die Duellszene aus dem Film „Zurück in die Zukunft 3“ erwähnt, in der Marty McFly, der gerade zurück in den Wilden Westen gereist ist, um dort Doc Brown zu suchen, als Clint Eastwood ausgibt und mit Bösewicht Buford „Mad Dog“ Tannen, einem Vorfahren seines Widersachers Biff in den 1980ern, duelliert. Als Hommage an „Für eine Handvoll Dollar“ trägt er beim Duell von Buford unbemerkt die Eisentür eines Ofens unter seinem Poncho. Die Musik stammt hier aber von Alan Silvestri, ebenfalls Meister auf dem Gebiet der Filmmusik.

Noch mehr Dollars, noch mehr Musik

Die weiteren Zutaten zu einer gelungenen Westernmelodie werden bis heute mit diesem Genre verbunden: Chorgesang, gepfiffene Themen, E-Gitarre mit Hank Marvins „The Shadows“-Sound, Marsch-Snare. Leone war so verliebt in die Musik des ersten Films, dass auch die weiteren Teile der Dollars-Trilogie so klingen sollten. So verwundert es nicht, dass bereits während der Eröffnung des Films „Für ein paar Dollar mehr“ all die genannten Elemente vorkommen.

Einige Unterschiede gibt es jedoch: Die gutturalen Klänge des Chores erzeugen einen martialischen Unterton und die Maultrommel zieht sich mehrfach wie ein Pedalton durch das Stück. Das Problem: Maultrommeln sind im Tonumfang sehr eingeschränkt und produzieren eher einen Ton mit verschiedenen Klangfarben und Obertonstrukturen. Damit der Klang der Maultrommel mit den übrigen Instrumenten und dem Stück in der Tonart d-Moll harmoniert, musste verschieden gestimmte Maultrommeln separat aufgezeichnet werden. In einer Zeit, in der das Mehrspurverfahren im Prinzip noch nicht üblich war, kein leichtes unterfangen. Morricone berichtet in „Ennio Morricone: In his own words“ von einer einfachen Dreispur-Bandmaschine und vielen, vielen Bandschnitten.

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In diesem zweiten Film begannen Leone und Morricone, die Bilder und die Musik noch enger miteinander zu verweben, um Stimmungen zu schaffen oder den Charakter der Figuren durch die Musik zu unterstreichen. Und immer ist es der Einfallsreichtum Morricones, der für ein interessantes und bis dahin ungehörtes Klangbild sorgt. Modifizierte oder auf ungewöhnliche Weise gespielte Instrumente erzeugen Sounds, wie man sie heute wohl mit Synthesizern oder Samplern kreieren würde.

The Good, The Bad and The Ugly

Drei Charaktere, drei Sounds, drei Instrumente: Flöte (The Good), Okarina (The Bad) und die Stimme (The Ugly). Die Idee, den Ruf eines Kojoten mit der Stimme durch zwei Sänger mit den Vokalen „a“ und „e“ im Falsett gesungen nachzubilden, diese zusammenzuschneiden und mit einem Halleffekt zu versehen, ist schlicht genial und hat nicht umsonst dazu geführt, dass dieses Titelthema zu einem der bekanntesten des Genres gehört. Auch Wahwah-Effekte, wie sie bei Bläsern durch den Dämpfereinsatz vor dem Instrument erzeugt werden, nutzte Morricone.

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Der berühmte Kojotenruf aus „The Good, The Bad and The Ugly“.

Unausweichlich sind der Chor, die E-Gitarre und die Trompete, gespielt im Mariachi-Stil. Das Quint-Arpeggio der E-Gitarre bringt zusätzlich Bewegung in das Thema, ebenso der typische Galopp-Rhythmus von Snare und Streichern, der allem unterlegt ist und direkt als Vorlage für Iron Maiden’s „The Trooper“ gedient haben könnte:

Für weitere Stücke des Films erweiterte Morricone sein Sound-Repertoire mit elektronischen Musikinstrumenten wie Hammond Orgeln, Fender Rhodes und dem Syn-Ket (https://120years.net/tag/synket/). Morricone berichtet darüber, dass Leone eingängige Melodien wichtig waren, an die sich das Publikum erinnert. Für ihn selbst waren es die Klänge, die er durch das Arrangement und die Auswahl ungewöhnlicher Instrumente oder Spielweisen erzeugen konnte. Auch Geräusche spielten für ihn eine große Rolle.

Eine weitere Besonderheit war, dass schon im Fall von „Für ein paar Dollar mehr“ die Musik produziert war, bevor die Dreharbeiten begannen. Bei „The Good, The Bad and The Ugly“ war es nicht anders. Leone soll den Schauspielern die Musik sogar bei den Dreharbeiten vorgespielt haben, um sie hinsichtlich ihrer Darstellung damit zu beeinflussen.

Film und Musik waren weltweit ein Erfolg und so ist es nicht verwunderlich, dass Sergio Leone und Ennio Morricone ihre Zusammenarbeit weiter fortsetzten.

Once Upon a Time in the West

Alles kam anders als gedacht: Leone, der eigentlich keine Western mehr drehen wollte, hatte sich in den Kopf gesetzt, einen Gangsterfilm mit dem Arbeitstitel „Once Upon a Time in America“ (Es war einmal in Amerika) zu drehen. Dieser scheiterte jedoch (zunächst) an der Finanzierung, sodass er sich doch an die Produktion eines weiteren Western machte. Mit Charles Bronson, Paramount Pictures und einem großen Budget im Rücken ging er an die Produktion. Für die Musik verpflichtete er abermals Ennio Morricone. Dieser arbeitete die Leitmotive für die einzelnen Filmfiguren bereits vor den Dreharbeiten aus. Besonders eine Szene sorgte für das wohl bekannteste musikalische Motiv des Films: Ein Junge steht umgeben von mehreren Halunken mit gefesselten Händen und einer Mundharmonika im Mund in einer Ruine. Auf seinen Schultern sein älterer Bruder, ebenfalls gefesselt und um den Hals eine Schlinge. In der brennenden Sonne atmet er stoßend durch die Mundharmonika aus und ein, bis er schließlich erschöpft zusammenbricht und sein Bruder durch die Schlinge erhängt wird.

Die Funktionsweise einer Mundharmonika, die beim Ein- und Ausatmen (blasen & ziehen) verschiedene Töne, oft im Abstand eines Halbtonschritts erzeugt, schafft schließlich die Idee für das bekannte Mundharmonika-Motiv, das sich durch den ganzen Film zieht und den Namenlosen, auch „Mundharmonika“ genannt, repräsentiert. Alles dreht sich um die beiden Töne e und dis, die rhythmisch frei immer und immer wieder gespielt werden: Einatmen–Ausatmen. Die Musik nimmt die gerade beschriebene Szene vorweg, die am Ende des Films in Form einer Rückblende das Geheimnis des Namenlosen auflöst, wenn dieser den Mörder seines Bruders zur Strecke bringt.

Erneut schöpft Morricone aus dem Vollen, was den Sound an geht. Die klangliche Vielfalt ist atemberaubend und einige der Melodien jagen dem Zuhörer bis heute einen Schauer über den Rücken. Dazu gehört auch die von Edda Dell’Orso vokalisierte Melodie des Jill-Leitmotivs. Jill’s Thema wird zum eigentlichen Filmthema und gliedert sich in zwei im Film wiederkehrende Teile. Der erste Teil wird von einem Cembalo gespielt und durch eine einstimmige Cello-Bassstimme begleitet. Die markante 12/8 Rhythmik wird durch einen Auftakt bestehend aus einer Viertel und einer Achtel eingeleitet. Diese Folge wird sequenziert und plötzlich durch eine Duole durchbrochen, nur um dann auf einer anderen Tonstufe erneut zu sequenzieren, diesmal allerdings ohne Duole. Ennio Morricone versteht es, mit einfachsten kompositorischen Mitteln dennoch einzigartige Themen zu konstruieren. Hier ein Ausschnitt aus dem ersten Thema:

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Diese markante Terzmelodie besteht eigentlich nur aus einem kleinen Motiv, gespielt vom Cembalo.

Morricone erzählt zu Jill’s Thema, dass ihm eine Idee fehlte. Er dachte dann an eine Übung mit Sexten, die aufeinander aufbauen sollten. Aus dieser Übung wurde das folgende zweite Thema. Die Sext-Sprünge habe ich im Notenausschnitt mit eckigen Klammern markiert:

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Dieses schöne Thema wird teils von Edda Dell’Orso gesungen, teils von in hoher Lage klagenden Streichern gespielt, und gehört wohl zu den schönsten Stücken des Films.

Die singenden hohen Streicher stehen bis heute für den Film-Sound Hollywoods. Der Soundtrack wurde von RCA vertrieben und 10 Millionen Mal verkauft.

Späte Anerkennung

Außer Sergio Leone arbeitete Morricone schon früh mit weiteren Regisseuren zusammen. Darunter auch Skandalregisseur Pier Paolo Pasolini. Dessen Film „Die 120 Tage von Sodom“ basiert auf dem gleichnamigen Buch des Marquis de Sade und zeigt unvorstellbare Grausamkeiten und Erniedrigungen in einem faschistischen Staat. Bis heute ist die geschnittene Fassung nur als FSK18 erhältlich, die ungeschnittene Fassung bleibt indiziert (letzte Bestätigung im Jahr 2004).

Bis heute beliebt ist die Musik zu den Filmen der „Nobody“-Reihe mit Terrence Hill, die echte Ohrwurmqualitäten aufweist. Bud Spencer Fans kommen mit „Eine Faust geht nach Westen“ und „Die fünf Gefürchteten“ auf ihre Kosten.

Alle Filme aufzuzählen, die Ennio Morricone vertont hat, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Es lohnt sich, einmal etwas auf seiner Website zu stöbern: http://www.enniomorricone.org/the-music/

Trotz aller Bedeutung, die Sergio Leone und Ennio Morricone für das Western-Genre hatten, erfuhren beide das gleiche Schicksal: Ihre Verdienste wurden erst spät anerkannt. Obwohl die gemeinsamen Filme und auch die Filmmusik große Erfolge feierten, blieben große Filmpreise für die gemeinsamen Produktionen aus. So wurde Morricone zwar vielfach für einen Oscar nominiert, aber erst 2016 hat er die begehrte Trophäe für den Western „The Hateful Eight“ (Quentin Tarantino) erhalten. 2007 wurde aber immerhin der Ehrenoscar für das Lebenswerk verliehen. Den Golden Globe gewann Morricone 1987 mit „Mission“, 2000 mit „Die Legende vom Ozeanpianisten“ und 2016 mit „The Hateful Eight“. Einen Grammy ins Regal stellen konnte Ennio Morricone für seine Filmmusik zu „The Untouchables – Die Unbestechlichen“.  Obwohl Morricone immer mehr für andere Filmgenres als Komponist engagiert wurde, ist er den Ruf des Westernkomponisten nie ganz los geworden. Dass die späte Anerkennung ausgerechnet mit einem Western („The Hateful Eight“) kam, ist wohl als Ironie des Schicksals zu werten.ennio-morricone-people-teil-2-shutterstock_95178364

Morrricones weiteres Schaffen

Dass Morricone auch abseits der großen Leinwand als Komponist aktiv war, ist den wenigsten Menschen bekannt. Er schrieb für kleine Orchesterbesetzungen sowie für Solisten verschiedene Werke und auch Kantaten, Messen ein Requiem sowie eine Oper gehören zu seinem Werkverzeichnis. Auch hier beschreitet Morricone klanglich neue Wege und scheut auch nicht den Weg in die Moderne: Seine Messe zu Ehren von Papst Franziskus (Missa Papae Francisci, https://www.youtube.com/watch?v=jECzxt6gngk) beinhaltet vor dem Kyrie ein auskomponiertes Kreuzzeichen, welches in der Partitur (gezeigt im Video bei ca. 2:34) auch als solches zu sehen ist.

Fazit

Ennio Morricone war ein herausragender Musiker und Komponist, der gerade bei seinen Filmmusiken immer bereit war, ausgetretene Pfade zu verlassen. Sein umfangreiches Schaffenswerk von über 450 Filmscores und vielen weiteren klassischen Kompositionen zeugt von der Unermüdlichkeit des Italieners, dem nachgesagt wird, teilweise bis zu 20 Filmmusikkompositionen pro Jahr fertiggestellt zu haben. Am 06. Juli 2020 hat die Welt einen der interessantesten Komponisten des 20. Jahrhunderts verloren, doch in seinen Werken hat er sich längst unsterblich gemacht.

Forum
  1. Profilbild
    Numitron  AHU

    Danke, hab ihn 2014 live mit einem 75 köpfigen Orchester gesehen.
    War sehr beeindruckend.
    Er hat sehr viele schöne stücke geschrieben.

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