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E-Gitarren Typen und ihre Variationen

4. Dezember 2018

Was es nicht alles gibt ...

 E-Gitarren Typen

E-Gitarren Typen

Die große Welt der E-Gitarren Typen. Wahrscheinlich ist es jedem schon einmal aufgefallen, Gitarristen sind durch die Bank weg ein sehr merkwürdiges Völkchen. Nicht, dass die anderen Instrumentengattungen nicht ebenso einen an der Waffel hätten, das liegt in der Natur der Sache des Musizierens, aber bei wohl keiner anderen Spezies wird sich teilweise um so dermaßen winzige Details im persönlichen Setup gestritten wie bei der sechssaitigen Zunft. Da geht es um Millimeter, Picofarad oder Wuchsrichtungen von Holzfasern. Könnt ihr euch vorstellen, dass sich Schlagzeuger über die Wuchsrichtung des Holzes in ihren Kesseln unterhalten? Eben! Sobald es dann um die verschiedenen E-Gitarren Typen geht, ist ganz Feierabend in Sachen Toleranz dem anderen gegenüber. Ist dies wirklich gerechtfertigt? Klingen die unterschiedlichen E-Gitarren Typen wirklich so unterschiedlich? Lasst uns der Sache auf den Grund gehen!

E-Gitarren Typen: Das hört man doch!

Eigentlich ein sehr gewagtes Thema für ein Special, denn dem Autor wird einmal mehr die undankbare Aufgabe zuteil, mit vielen geliebten und bewährten Vorurteilen von E-Gitarren Typen aufzuräumen. Dies bedeutet nichts anderes, als dass einige Leser diesen Artikel verachten werden, andere werden sich in ihrer Meinung bestätigt fühlen. Unter dem Strich bleibt auf jeden Fall ein leicht fades Gefühl zurück, bei dem jeder für sich selber entscheiden muss, ob er dies annimmt oder nicht. Eines vorweg, der Klang einer Gitarre wird vom Zusammenspiel unzähliger Einzelpunkte erzeugt, bei dem sich einige Faktoren auslöschen, andere wiederum verstärken. Es ist daher unmöglich zu sagen, dass EIN einzelner Punkt für den Klang einer Gitarre verantwortlich zeichnet. Es gibt allerdings klangliche Tendenzen, die eher das gewünschte Ergebnis liefern als andere Zusammenstellungen.

Ich möchte dieses Special mit einer kleinen Ansammlung von mehr oder minder fest zementierten Kernaussagen beginnen, die zum Teil bereits seit Dekaden ihre Runden machen, zum Teil aber auch erst in den letzten Jahren an Popularität dazu gewonnen haben.

Die Form einer E-Gitarre entscheidet nicht über ihren Klang

Genau genommen schon, was sich auch jeder bei dem nächsten Beispiel einigermaßen schnell vor Augen führen kann, allerdings bezieht es sich eher auf die Masse des Instrumentes. Stellt euch vor, euer Gitarrenkorpus besteht lediglich aus einem kleinen, viereckigen Kantholz, auf dem gerade so eben die Pickups und die Elektrik Platz haben. Aus dem gleichen Holzstamm baut ihr nun einen möglichst riesigen Korpus mit gleichen Pickups, Elektrik etc. Natürlich werdet ihr einen Unterschied hören. Ich besitze eine Ibanez Doubleneck aus den Siebzigern, die komplett aus Mahagoni gebaut ist und knapp 8 kg auf die Waage bringt. Das Sustain müsst ihr mal hören …

Würdet ihr nun den Korpus in Strat oder Les Paul Form fräsen, wäre der Unterschied im direkten Vergleich wahrscheinlich schon nicht mehr zu hören. Interessanterweise klingen allerdings alle meine Flying Vs einen Ticken höhenreicher als vergleichbare Modelle mit „normalen“ Korpusformen. Ob dies allerdings an der Schallausbreitung innerhalb der Korpusform liegt, kann bezweifelt werden.

Die Wahl der Hölzer bei einer E-Gitarre ist klanglich kaum von Bedeutung!

Eine beliebte Aussage bei den Computernerds, die mehrere Studien im Internet darüber gefunden haben, was sie nicht weniger falsch macht. Die entsprechende Resonanzkurve auf dem Display mag identisch sein, der Klang ist es nicht. Ich gebe zu, dass ungeübte Ohren große Schwierigkeiten haben, einen Unterschied zwischen den Hölzern wahrzunehmen und es auch eines langen Trainings bedarf, überhaupt Unterschiede wahrzunehmen.

Spielt man die Instrumente allerdings selber, ist der Eindruck umso stärker wahrzunehmen. Der spektakuläre Testbericht der Whiskygitarre (siehe hier) zeigt die immensen klanglichen Unterschiede innerhalb ein und desselben Baumstamms. Die unterschiedlichen Klänge innerhalb der verschiedenen Hölzer kann sich jeder gut vorstellen. Allerdings sind auch hier Grenzen gesetzt. Auch ich würde mir bei einer „Blindverkostung“ nicht zutrauen, den Unterschied zwischen einem einteiligen oder dreiteiligen Korpus herauszuhören. Aber wer weiß, vielleicht können einige Personen auch das.

Ein geleimter Hals klingt besser als ein geschraubter!

Falsch! Anders, ja, besser, nein. Geht es um Sustain, stinken beide Konstruktionen ohnehin zumeist gegen einen durchgehenden Hals ab. Die Annahme, ein geleimter Hals klänge besser, stammt aus der Zeit der Fünfziger, als Fender mit seiner neuen Fertigungsart (später mehr dazu) schneller und preiswerter produzieren konnte, während der große Konkurrent Gibson, seines Zeichens noch im traditionell verbundenen Instrumentenbau verhaftet, die Hälse einleimte.

Um die Preise niedrig zu halten, übernahmen nahezu alle folgenden, vornehmlich asiatischen Hersteller das Prinzip der geschraubten Hälse, was dazu führte, dass man einen geschraubten Hals gleichzeitig mit einer minderwertigeren Gitarre verband. „Wat nix kostet, is auch nix …“

E-Gitarren Typen Hals

Geleimter vs geschraubter Hals bei der Gibson Les Paul und der Fender Stratocaster

Mit Singlecoil-Pickups spielt man cleane, mit Humbucker-Pickups verzerrte Sounds

Falsch! Auch diese Annahme stammt noch aus den Fünfzigern, allerdings ist ein Praxisaspekt nicht von der Hand zu weisen. Mit der Erfindung des Humbucker-Pickups („to buck the hum“ – das Brummen unterdrücken) im Jahre 1957 gelang es erstmals, das Einstreuen elektromagnetischer Felder in den Tonabnehmer zu mindern. Mit der seriellen Schaltung der beiden Spulen nahm aber auch der Ausgangspegel des Instrumentes zu, was zu einer früheren Übersteuerung des Verstärkers führte.

Von daher ist ab einem bestimmten Gain-Anteil der Humbucker bis heute in Sachen Nebengeräuschen klar im Vorteil, was aber Musiker wie Gary Moore in seiner Pre-Blues-Ära auch nicht davon abgehalten hat, mit einer stets kurz vor dem Feedback stehenden Strat dem Hardrock zu frönen. Und in Sachen Crunch Sounds liegt meines Erachtens ein Singlecoil immer noch deutlich vor dem fetteren, aber auch stets muffigeren Humbucker.

Eine E-Gitarre sollte am besten  nicht lackiert sein, da jede Lackierung das Schwingungsverhalten negativ beeinträchtigt

Richtig, aber wer einmal einen unlackierten Ahornhals ein paar hundert Stunden gespielt hat, weiß um den Sinn einer Lackierung. Das Teil ist gerade bei schwitzigen Händen danach so verranzt, dass er vor lauter Siff abgeschliffen werden muss. Einen Mittelweg stellt das Ölen des Halses dar, da in diesem Fall das Spezialöl in die kleinen Fugen des Holzes einzieht, sie verschließt und die Verschmutzung etwas verlangsamt.

Außerdem schützt es wie auch die Lackierung vor der Austrocknung des Holzes. Möchte man seine Gitarre in einer Farbe, kommt man ohnehin nicht um mehrere Schichten Lack herum, die allerdings so dünn wie möglich sein sollten. Die generelle Grundsatzdiskussion über Gitarrenlacke wie Nitro-, Kunstharz- oder Acryllacke kneifen wir uns hier einmal, das wäre wieder ein Thema für ein separates Special. Eine sehr gute Idee, Axel (Anmerkung der Redaktion)!

Ein Vibratosystem klaut Sustain

Richtig, allerdings nur bei Floyd Rose und Konsorten, die nach dem Messerkantenprinzip arbeiten. Zwei möglichst klein gehaltene Auflageflächen des Vibratosystems schaffen es gegenüber eines festen Stegs nun einmal nicht, die Schwingungsenergie der Saiten in gleichem Maße gegen den Korpus zu koppeln. Anders sieht es bei einem Vintage-System im Fender-Style aus, das mit sechs Schrauben und teilweise aufliegender Grundplatte arbeitet.

Was hingegen ein „Sustainkiller“ erster Ordnung darstellt, ist die Evertune-Bridge, die zwar von der Ingenieurleistung her ein kleines Meisterwerk darstellt, den Korpus des Instrumentes allerdings dermaßen stark aushöhlt, dass die Saitenschwingung geradezu absorbiert wird. Im High-Gain-Bereich wird dieses Problem zwar durch die Vorverstärkung zu einem Teil wieder aufgehoben, aber die Eigenresonanz des Korpus ist komplett im Eimer.

Ist eine original 59er Gibson LP Standard mit ihrem durchschnittlichen Handelspreis von bis zu 500.000 Euro auch 2.000 mal besser als eine aktuelle Gibson Les Paul Standard“

Hahaha, eine völlig bescheuerte, aber dennoch interessante Frage. Natürlich ist eine 60 Jahre alte Gitarre in normalen Werten gerechnet keine halbe Million wert, aber es gibt Musiker oder Sammler, die bereit sind, diesen Betrag auf den Tisch zu legen. So gesehen ist sie es dann doch wieder wert. Ronaldo ist bestimmt ein begnadeter Fußballer, aber selbst er ist nicht die 500.000,- Euro wert, die er PRO TAG (!) verdient.

Eine Gitarre, die zu dieser Zeit gebaut wurde, hatte bestimmt im Durchschnitt eine bessere Holzauswahl und Gibson stellte zu dieser Zeit auch nicht bis 1.000 Instrumente PRO TAG (!) her, allerdings hatten die einzelnen Bauteile wie Pickups, Kondensatoren oder Potis eine dermaßen hohe Fertigungstoleranz, dass je nach Kombination hervorragende oder auch nur durchschnittliche Sounds aus dem Verstärker klangen. Ach ja, die Verstärker klangen seiner Zeit natürlich auch völlig anders, aber das ist eine andere Geschichte …

Forum
  1. Profilbild
    Kingfisher

    Danke, toller Artikel und klärt über einiges auf. Man redet sich so einiges ein, wenn man sich ne neue holt, bzw. lässt sich einreden.

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      Axel Ritt  RED

      @Kingfisher: danke für das Lob. Wie gesagt, der Bericht ist wirklich nur sehr, sehr grob, in den Details gibt es noch viel, viel mehr zu berücksichtigen, aber so hat man schon mal eine grobe Übersicht. Wenn Detailfragen, einfach mal in die Kommentare posten.

  2. Profilbild
    Wellenstrom  AHU

    Ich habe z.B. bis heute immer noch geglaubt, dass der eingeleimte Hals mehr Sustain bringt als der geschraubte. Als Teilzeitgitarrist taucht man auch nicht unbedingt in alle Untiefen der Gitarrenphysik und -mystik. So what! Aber mal wieder was dazugelernt. Dankschöndank!

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      Axel Ritt  RED

      @Wellenstrom: in der Summe betrachtet ist dies auch richtig, aber wirklich nur marginal. Eine perfekt verleimte Stelle zwischen 2 Hölzern ist immer noch einen Tickn stabiler und damit intensiver in der Schwingungsübertragung, als eine verschraubte.
      Allerdings ist das Sustain bei einem verschraubten Holz mit hochwertigen Hölzern immer besser als bei einem verleimten Hals mit durchschnittlichen Hölzern. Von daher, es kommt immer auf das Gesamtkonzept an.
      Im Übrigen, wenn deine Ohren dir sagen, dass der Sound geil ist, so ist der Sound geil! Jedem das Seine!

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