Feature: Fender Jazz Bass vs Fender Precision Bass

Grundsätzliche Unterschiede

Und was ist jetzt der richtige Bass für mich? Die einfache Antwort ist: Geh in den Laden und spiel welche an. Noch wichtiger, nimm zwei verschiedene Modelle mit Heim und spiel beide im Bandkontext. Was allein gut klingt, passt noch lange nicht zur Band – und andersrum. Aber das sind schöne Weisheiten, die jeder kennen sollte. Dieser Artikel hingegen soll ja hilfreich sein, also mal rein in die Materie.

Bespielbarkeit

Der Jazz Bass ist mit seinem schmaleren, dünneren Hals ursprünglich konzipiert werden, um schnelleres und komplexeres Spiel zu ermöglichen. In der Realität ist es auch tatsächlich so, dass der Hals vielen Bassisten bei frickeligeren Sachen besser in der Hand liegt – immerhin sind die Abstände zumindest in zwei Richtungen kleiner und erlauben weniger ausladende, effizientere Bewegungen. Daher findet man auch relativ oft Jazz-Hälse auf Precis, aber nur sehr selten umgekehrt. Der Preci-Hals hingegen hat den Ruf, hart zupackenden Rockern eher entgegen zu kommen und auch da ist was dran. Mir persönlich liegt generell ein breiterer, dickerer Hals besser in der Hand und das, obwohl ich recht kleine Hände habe. Die etwas weiteren Abstände erlauben oft eine entspanntere Handhaltung, aber gerade schnelle String-Skips werden schwieriger, weil beide Hände mehr Weg zurücklegen müssen.

— Headstock und recht schmaler Hals beim Jazz Bass —

Trotzdem gewinnt bei mir stets der Preci und das trotz teils weder langsamer noch wenig komplexer Spielweise (hauptsächlich Funk-beeinflusster Progrock und seit neuestem auch Heavy Metal mit Maiden-Zitaten). Virtuosen wie Steve Harris und Rocco Prestia sieht man stets mit Preci, während die in der eher Stoner-Szene immer wieder auftauchenden Jazz Bässe dafür sprechen, dass auch rustikaleres Spiel und der Jazz sich nicht beißen. Andersrum fummelte sich aber Jaco auf einem (bundlosen) Jazz einen ab, während der stets reduziert groovende James Jamerson auf ewig mit dem Preci verbunden bleibt. Genug Verwirrung gestiftet? Okay, hier sind die Fakten, die man sich ansehen und auch erfühlen sollte:

  • Der Hals eines 60s Jazz ist das berühmte Streichholz, schmal und dünn. Das erlaubt ein relativ effizientes, schnelles Spiel, sorgt aber gerade bei Bassisten, die eher grob zupacken, schneller für Verspannungen, weil die Position der Greifhand weiter geschlossen sind. (Dass man sich derartige Technik vielleicht eh abgewöhnen sollte, steht auf einem anderen Blatt.)

  • Der Hals von 70s Jazz Bässen ist oft noch etwas schmaler, aber dafür recht dick. Das erlaubt eine entspanntere Handhaltung, führt aber zum berühmten Baseballschlägergefühl, das nicht jeder Bassist mag.

  • Der Hals eines klassischen Preci ist recht dick und obendrein breit. Man kann es drehen und wenden, wie man will, die Wege sind weiter, dafür kann die Handhaltung entspannt bleiben. Außerdem kommt das gerade größeren Händen und dickeren Fingern entgegen.

  • Modernere Precis sind oft etwas entschärft und reihen sich irgendwo dazwischen ein. Oft immer noch breit, aber etwas flacher – die Dicke des Halses ist aber halt komplett Geschmacks- und Techniksache. Freunden von Ibanez oder ESP kommen diese Konstruktionen oft sehr entgegen.

  • Alle klassischen Fender-Hälse haben ein C-Profil, es gibt aber vereinzelt auch modernere Instrumente (oft Nachbauten) mit D- oder sogar V-Profil. Auch das muss man ausprobiert haben, um zu wissen, ob es gefällt.

  • Worüber kaum gesprochen wird: Die Tonabnehmerposition. Die meisten Bassisten stützen den Daumen auf dem Tonabnehmer ab, zumindest beim Spiel auf der tiefen E-Saite (Stichwort „Thumb-Trailing“). Beim Preci liegt der Tonabnehmer ziemlich im Sweet Spot zwischen Attack (Zupfhand näher am Steg) und Fundament (Zupfhand Richtung Griffbrett), während der Jazz eher zwei extremere Positionen fördert. Natürlich lässt sich das mit einer Daumenstütze oder gar einer Gary-Willis-Ramp auch alles ändern.

  • Auch für die Zupf- oder Pickhand machen die unterschiedlichen Saitenabstände einen Unterschied – der grobe Arbeiter wird vielleicht dahin gehend wieder mit dem Preci glücklicher, während beim Jazz auch hier die Wege kürzer sind.

Es ist aber am Ende tatsächlich einfach Gefühls- und Geschmackssache. Wenn ich mich auf einem Instrument wohl fühle, werde ich in der Regel besser spielen, als wenn es nicht hundertprozentig passt. Noch einmal, auch ein Jazz kann fett und primitiv und auch auf dem Preci kann ich mich virtuos austoben – wenn ich’s kann.

— Headstock und deutlich kräftigerer Hals beim Precision —

Die Typen und ihre Sounds

Klanglich haben beide Instrumententypen den Ruf des Allrounders. Das hat aber weniger mit der tatsächlichen Flexibilität zu tun, als mit der Tatsache, dass eben ein sehr großer Teil der uns bekannten Rock- und Popmusik mit solchen Instrumenten eingespielt worden ist, da sie eben lange Zeit DIE Bässe waren. Bassisten wählten stets nach individueller Präferenz, auch was das Handling anging. Trotzdem findet man den Precision Bass öfter in Rock und Funk, während Jazz und Pop traditionell das Metier des Jazz Bass ist (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Natürlich bietet ein Jazz Bass mit den zwei Tonabnehmern mehr Flexibilität als der Precision Bass mit nur einem. Mit dem Halstonabnehmer lässt sich fett rocken, mit beiden zusammen kommt ein ausgehöhlter, eher filigraner Sound zum Slappen und virtuosen Begleiten zum Vorschein, während der Stegtonabnehmer Jaco-mäßig knattert (und von Bassisten, die nicht Pastorius heißen, auch entsprechend selten solo eingesetzt wird). Der Preci hingegen schiebt mehr in den Bässen und tiefen Mitten und mittels Tonblende und Spieltechnik lässt sich das entweder gedämpft funky oder in Kombination mit dem berühmten Fender-Attack metallisch klackernd einsetzen. Beide Stilistiken lassen sich auch locker mit dem Jazz-Halstonabnehmer machen, aber dem fehlt halt etwas das, Verzeihung, „Furzen“ des Preci, das vor allem von der leicht anderen Tonabnehmerposition und vor allem der Verwendung des Splitcoil-Humbucker rührt.

Einfach mal zwei Hörbeispiele aus früheren Tests, beides moderne US-Fender, ein 70s Jazz auf dem Halstonabnehmer und ein Precision, man hört den Unterschied sehr deutlich:

Gerade bei diesem fetten Rock-Riff würde ich persönlich den Preci wählen, der Jazz macht seine Sache aber auch gut. Begleitend eingesetzt setzt sich ein Preci meist auch deutlich leichter gegen verzerrte Gitarren durch, während gerade die Zwischenposition des Jazz bei nicht gar so heftiger Musik eleganter im Mix sitzt. Jetzt ergibt zum Beispiel auch der virtuose Preci-Einsatz eines Steve Harris Sinn …

So wäre ein Paradebeispiel für den Preci schon einmal geklärt, gehen wir doch direkt zur Königsdisziplin des Jazz über, der Slap-Technik. Entgegen aller Unkenrufe klingt Slappen auf dem Preci nicht schlecht und ist auch machbar, man wird aber stets einen erdigeren, fundamentaleren Sound erzielen, der etwas auf der Bremse steht. Auf dem Jazz Bass mit beiden Tonabnehmern hingegen kann man das Gaspedal durchdrücken, die Kombi aus genug Fundament, Mittenloch und aggressivem Attack macht das Slappen zu einer reinen Freude.

Wie viel die Grundkonstruktion hier ausmacht, kann man in den nächsten zwei Beispielen hören. Hier sind zwei Nachbauten verwendet worden, ein 60s Jazz Bass passiv betrieben und ein mittelklassiger Preci mit Aktivelektronik vielen modernen Komponenten. Aber auch die verleugnen den Grundcharakter nicht, auch wenn der Preci aktiverweise so viel Höhen ins Spiel bringt, dass er den billigen Jazz damit überflügelt und fast schon wehtut!

Zurück zu den teuren Amerikanern. Auch mit dem Pick gespielt ergeben beide Sinn, klingen aber einfach anders. Vor allem mit beiden Tonabnehmern aktiviert gibt sich der Jazz eher kultiviert, der Preci dafür die Dampframme.

Funky mit den Fingern gespielt ergeben sich einfach andere Sounds, die beide ihren Anwendungsbereich haben. Modern, schön und vielleicht etwas poppig – ganz klar Jazz. Dreckig und mit Hüftschwung – eher Preci, würde ich sagen.

Es gibt aber auch noch Dinge, die wirklich jeweils der eine kann und der andere nicht. Der Sound des Jazz Steg-Pickups bekommt man aus dem Preci nicht raus (es sei denn, man verwendet solches Teufelswerk wie einen PJ-Bass), während der Jazz-Halstonabnehmer bei funkig abgedämpften Staccatoattacken nicht gegen einen guten Preci anstinken kann.

Und zu guter Letzt habe ich noch einmal mit dem Preci und einer guten aktiven Jazz-Kopie in Metal-Gefilden gewildert, auch das sollte für sich sprechen. Der Jazz klingt (wettbewerbsverzerrend aktiv geschaltet) solo vielleicht sogar schöner, aber glaubt mir – der Preci wird sich gegen zwei Marshall Fullstacks mit seinem Druck und seinem Knack besser durchsetzen.

— Inzwischen natürlich auch aktiv und mit 5 Saiten erhältlich: Fender Jazz Bass —

Variationen

Natürlich gibt es unendlich viele Variationen des Themas – allein über bundlose Varianten könnte man sich ewig auslassen. Hat eigentlich mal einer über das Paradoxon eines Fretless-Precision nachgedacht? Ich besitze solch ein Instrument und habe lange genug gebraucht, um es zu finden, es ist wunderbar, aber klingt auf keinen Fall nach Jaco. Auch PJ-Bässe, die das Beste aus zwei Welten versprechen, ebenso wie Jazz Bässe mit Preci-Hals existieren in größeren Mengen. Es gab sogar mal ein Stu Hamm-Signature-Modell von Fender mit einem P-Pickup zwischen den beiden J-Singlecoils. Und da haben wir mit den verschiedenen erhältlichen Aktivelektroniken noch nicht angefangen, genauso wenig mit den Vergleichen zwischen Esche und Erle als Korpusholz und Palisander und Ahorn für die Griffbretter. Das alles würde aber den Umfang dieses Artikels massiv sprengen, daher – es gibt selbst von den eigentlich bekannten Modellen noch 1001 Variante, ums selbst Ausprobieren kommt man einfach nicht drum herum.

— Allzweckwaffe: PJ mit Jazz-Hals und aktiver Elektronik —

Fazit

Precision Bass für Soul und Rock, Jazz für Soul, Rock und alles andere? Die Klangbeispiele scheinen es zu bestätigen und tatsächlich ist an der Binsenweisheit auch was dran. Der fette Druck und die Durchsetzungsfähigkeit des Preci ergeben für besagte Stile mehr Sinn und die Wandelbarkeit und Eleganz des Jazz für vieles andere. Nun sind aber eben alle Beispiele direkt ins Pult gespielt und zeigen die Grundcharakteristik des jeweiligen Instruments, während der Basssound als solcher in der Realität durch viele andere Faktoren mitbestimmt wird.

Ein Jazz Bass durch einen SVT und den dazugehörigen Ampeg Kühlschrank wird um Klassen mehr nach Heavy-Metal klingen als ein Preci durch einen Markbass-Combo, das sollte klar sein. Als Fazit kann also nur bleiben, dass beide Basstypen sehr vielseitig einsetzbar sind und es im Prinzip der Fantasie und Präferenz des Musikers überlassen lässt, welchen man am Ende wählt. Generelle Tendenzen lassen sich aber feststellen und damit möchte ich den Leser, der die Nerven hatte, mir bis hier zu folgen, ins nächste Musikgeschäft zum Selbstausprobieren entlassen.

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    t.goldschmitz  RED

    Vielen Dank für diesen sehr lehrreichen und unterhaltsamen Beitrag – habe ihn sehr genossen. Und Nerven hat es mich überhaupt keine gekostet. 
     
    Eine Frage in eigener Sache: gibt es eine gute Quelle für aktive Elektroniken für die Beiden? Hab mich wund gesucht. Die Elektronik in meinem Precision Deluxe ist nämlich so heiß eingestellt, dass der bei härterem Anschlag sofort anfängt massiv zu zerren (das passive Signal ist dagegen clean)?

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