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Feature: Pro und Contra Gitarrencombo und Gitarrenstack

5. März 2017

Die Geschichte vom Combo und dem Riesenstack

Wann immer der geneigte Sechssaiter, egal ob blutiger Anfänger oder hauptberuflicher Axtschwinger, sich zum Kauf eines neuen Verstärkers entschließt, die Frage ist fast immer die gleiche. Combo oder Topteil-Box-Kombination, auch Stack genannt? Abgesehen davon, dass es neben den üblichen konstruktionsbedingten Größenunterschieden auch riesige Combos und geradezu winzige Topteil-Boxen Setups gibt, muss es aber doch noch andere Gründe geben, warum man einige Künstler, unabhängig von den Locations, für ihren speziellen Sound nahezu immer nur mit einer der beiden Bauprinzipien auf der Bühne sieht. Dieser Workshop soll mehr Hintergrundwissen vermitteln und bei der Kaufentscheidung helfen. Los geht’s!

— Ganz kleiner Head —

Etwas Geschichte vorneweg

Auch für diesen Workshop ist es sehr hilfreich, sich die Anfänge der Verstärkertechnik vor Augen zu führen. Daher begeben wir uns um knapp 70 Jahre in der Zeitrechnung nach hinten, wo das Nonplusultra eines gepflegten Tanzabends mit der holden Weiblichkeit der Besuch eines Ballrooms mit Bigband darstellte, eben jener Bands, die mit 4- bis 5-fachen Besetzungen aller Blechblasinstrumente einen Mörderdruck von der Bühne aus verbreiteten. Wer einmal erlebt hat, welchen Lärm diese Instrumentengruppe bei Fortissimo erzeugen kann, kann sich vorstellen, dass Saiteninstrumente hier nicht den Hauch einer akustischen Chance hatten.

Auch mit Vollresonanzgitarren und 013er Saitensatz blieb dem Gitarristen nichts anderes übrig, als mit „strammen Viertelgehacke“ im Hintergrund seinen sehr leisen Platz im Pool der Tröten zu manifestieren. Gelegentlich gab es noch ein Mitleidsmikrofon vor das Schalloch, was allerdings zu einer starken Einschränkung der Bewegung führte und wie immer mit den üblichen Feedbackproblemen und Einstreuung anderer Instrumente einherging.

Dies änderte sich schlagartig, als die Kombination Tonabnehmer/Comboverstärker (deshalb auch DER Combo!) Einzug in die Bühnenwelt hielt. Man stellte/setzte sich hinter den Combo und konnte erstmals die natürliche Maximallautstärke seines Instrumentes um ein Vielfaches erhöhen. Apropos hinter dem Verstärker, dies ist der Grund, warum viele Vintage Combos die Beschriftung „auf dem Kopf stehend“ angeordnet haben. Heutzutage ist diese Anordnung natürlich obsolet, wird aber gerne aus Traditionsgründen beibehalten.

Allerdings besaßen die Combos seiner Zeit Leistungsangaben, die heute der Bedroom-Amp-Szene zugeordnet werden würden. 10 Watt, maximal 20 Watt, mit 10“ Lautsprecher war das Höchste der Gefühle, was damals auf dem Markt war, zudem sollte ja in dieser Zeit die Gitarre möglichst sauber verstärkt werden. Crunch war verpönt und die Vorstellung, man würde einmal Verstärker bauen, die besonders viel Gain erzeugen können, war an Lächerlichkeit nicht zu überbieten.

— Ganz großer Head —

Dennoch zerrte die permanente Überlastung der Verstärker an Bauteilen und Konstruktionen. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie Netzteil, Treiber, Röhren und Lautsprecher ein durchgehendes „Sag“ erzeugten und in Anbetracht der großen Fertigungsunterschiede seiner Zeit auch das regelmäßige Abschießen der Verstärker an der Tagesordnung war. Die Gegenbewegung flüchtete sich in immer stärkere Trafos, Lautsprecher und Endröhren, was irgendwann einmal z. B. in einen Twin Reverbs Combo mit 4×12“ Lautsprechern endete, ein extrem lauter, extrem cleaner und extrem schwerer Gitarrencombo, den kaum ein Mensch mehr alleine transportieren konnte.

Hier war nun die Grenze der Transportabilität erreicht. Die Gitarrencombos waren zwar laut genug, um sich in einem Orchester durchsetzen zu können, allerdings stand der Rock ’n’ Roll vor der Tür mit immer größer werdenden Hallen, die akustisch ausgeleuchtet werden wollten. Hier waren selbst die größten Combos immer noch zu leise, gleichzeitig ließ sich allerdings das Bauprinzip nicht weiter ausreizen. Der Legende nach soll Pete Townsend von THE WHO eines Tages zu Jim Marshall gekommen sein und ihm sein Leid geklagt haben bzgl. ständig abrauchender Amps auf der Bühne. Er brauche mehr Lautstärke und vor allem mehr Schalldruck für die großen Hallen seiner Zeit. Man beachte bitte, die P.A. war noch nicht erfunden, man musste selbst Stadien VON DER BÜHNE aus beschallen. Kein Wunder, dass nahezu alle Rockstars der Sechziger mehr oder minder taub sind!

Jim Marshall ging daraufhin in seine Werkstatt und baute Pete Townsend eine 8×12“ Box, kopierte die Schaltung des Fender Bassman in einem Topteil und schuf den ersten Fullstack der Geschichte. Die Erfindung der Head-Boxen-Kombination war demnach nichts anderes als eine Reaktion auf die immer größere Lautstärke, die von Künstlern und Fans eingefordert wurde.

— Ganz flexibler Head —

Forum
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    OscSync  

    Wenn mensch die Varianten Top + Box sowie einen vergleichbar ausgestatteten (Kanäle, Leistung) Combo gegenüberstellt, gewinnt nach meinem Empfinden das zweigeteilte Besteck. Ein kleiner 15W-Combo mit einem Kanal ist sicher leicht und wendig, aber wenn man sich mal die Combo-Gewichte von „Leistungsträgern“ wie Engl, Mesa oder auch der EVH-Range anschaut, ändert sich das Bild. Ich persönlich spiele meistens 2x12er-Boxen mit Rollen und habe damit für mich den idealen Kompromiss aus Druck, Vielseitigkeit und Transportabilität gefunden. Für den „kleinen Anlass“ spiele ich ein altes Mesa Studio 22-Top, das schön handlich und leicht ist, sowie eine offene 1x12er Box. In jeder Hand ein Gerät und die Klampfe auf dem Rücken läuft & trägt es sich gut ausbalanciert.

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    AMAZONA Archiv

    Sehr schön geschrieben, ich finde eure Workshops immer wieder sehr gelungen. Hat mich sehr gefreut.

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