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Fritz Fey Studio Magazin Archiv Online

Raphael:
Es gibt ja seit Jahren eine regelrechte Flut von Nachbauten der alten Klassiker. Was hältst du davon?

Carsten:
Um ehrlich zu sein, für mich ist das komplett uninteressant. Erstens habe ich ja fast alle klassischen Modelle im Programm, zweitens bin ich oft bei Andreas Grosser, dem allseits bekannten Mikrofonspezialisten. Er bekommt ja hin und wieder solche Nachbauten auf den Tisch und es ist schon bemerkenswert, was so manche Firmen für zusammengeschusterten Mist aufrufen. Billigste chinesische Netzteile von der Stange, minderwertige Kapseln, Übertrager mit falschem Übersetzungsverhältnis und so weiter. Ich habe 3000 $-Mikros gesehen, deren Elektronik so aussah wie bei einem Prototypen. Vor einiger Zeit habe ich mit einem bekannten Kapselspezialisten aus Deutschland gesprochen, der mal eine zeitlang chinesische Kapseln verkauft hat. Er musste sie allerdings wieder aus dem Programm nehmen, die Qualität war einfach nicht gut genug. Es freut mich deshalb umso mehr, dass Neumann angesichts dieser Trittbrettfahrer seine Klassiker U67 und U47-FET wiederauflegt und damit auch auf rege Nachfrage stößt.

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Raphael:
Die Anfangsphase der Digitalisierung der Studiotechnik fällt genau in die Zeit der ersten 100 Hefte des Studio Magazins und ich fand es unheimlich spannend zu lesen, welche Hoffnungen und Erwartungen die Toningenieure und Produzenten damals in diese neue Technik legten.

Carsten:
Ja, die erste Etappe des Weges ins digitale Zeitalter ist in diesen 100 Heften gut dokumentiert.
Das große Thema war die Mischpultautomation. Bei 24 oder gar 32 Spuren war der Wunsch danach mehr als verständlich, da es manuell eine echte Herausforderung war.
Eine spannende Übergangszeit von analog zu digital gab es bei den Effektgeräten. EMT hatte sowohl die Hallplatte als auch die Goldfolie noch bis Anfang der 1980er im Programm, gleichzeitig aber schon Mitte der 70er den ersten Digitalhall, das 250, auf den Markt gebracht (2). Der wurde liebevoll „Weltraumheizung“ genannt und klingt auch heute noch sehr interessant. AKG brachte Anfang der 80er Jahre mit dem BX25 sogar noch mal ein letztes professionelles Federhallsystem auf den Markt. Es steht hier im Raum nebenan und klingt auch richtig gut.

Das digitale Hallgerät EMT 251 wurde auch die „Weltraumheizung“ genannt.

Ein sehr interessanter Digitaleffekt ist der Barth Audios, der erstmals 1978 vorgestellt wurde und 1981 auf den Markt kam. Ein Pitch-Transposer mit Delay, von dem nur 50 Stück hergestellt wurden. Eines davon ist bei mir im Verleih (42). Ein geiles Teil mit integriertem Sequencer, der zum Beispiel von einer TR-808 getriggert werden kann.
Insgesamt werden im Studio Magazin zwischen 1978 und 1986 fast 40 Effektgeräte vorgestellt. Über das Sachregister im „Studio Magazin Archiv“ lassen sich die Gerätevorstellungen direkt aufrufen.

Raphael:
Wie geht es denn jetzt weiter bei dir? Was sind deine nächsten Pläne für die Zukunft?

Carsten:
Ich habe vor, das Archiv bis zum Jahre 2006 zu vervollständigen. Das ist natürlich auch davon abhängig, was meine zeitlichen und finanziellen Ressourcen so zulassen. Die Kooperation mit Fritz Fey ist jedenfalls sehr gut, er hat das Projekt von Anfang an sehr unterstützt. Er ist beim Studiomagazin ja von Anfang an dabei, also seit 1978! Fritz ist sicher einer der bestvernetzten Vertreter in der deutschen Tonstudioszene. Er würde sicher sagen, er ist der alte Sack der Szene (lacht). Jeder kennt ihn und schätzt ihn dafür, mit wie viel Ausdauer und Hingabe er seit 40 Jahren das Studio Magazin führt. Ich finde es persönlich sehr gut, dass er regelmäßig wirtschaftliche und soziale Aspekte rund um das Thema Musikproduktion thematisiert. Häufig ist das ja nicht ganz einfach in unserem Bereich und wird deshalb auch von anderen Zeitschriften gerne verschwiegen.
Ich wünsche Fritz beste Gesundheit, damit er zusammen mit seinen Redaktionskollegen noch lange die Studioszene bereichern kann.

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Raphael:
An dieser Stelle würde ich gerne ein wenig mehr von dir und deiner Firma Echoschall erfahren. Wie kam es dazu? Hattest du all diese schönen Vintage-Mikros und  Vintage-Synthesizer bei dir zu Hause und wusstest nicht, wohin damit?

Carsten:
Als ich diese Räumlichkeiten hier in Berlin gefunden hatte, begann ich zunächst ein Studio aufzubauen und stellte bald fest, dass es keinerlei Möglichkeiten gab, Neumann Röhrenmikrofone, Bändchenmikrofone, einen Minimoog oder die Roland TR-808 für eine Produktion zu mieten. Also all das, womit in Profikreisen gearbeitet wird. Da dachte ich: In der Musikstadt Berlin muss es einen Verleih für so etwas doch geben!

Die Idee zur Geschäftsgründung kam also eigentlich aus der eigenen Not heraus. Ich habe einen Kredit genommen und den Laden von Ende 2010 bis März 2012 aufgebaut. Einiges hatte ich bereits, aber den Großteil des Equipments musste ich ankaufen. Wie du weißt, ist es nicht ganz so einfach, an die Röhrenklassiker ranzukommen, aber mit ein wenig Glück habe ich es dann doch geschafft, von Anfang an ein attraktives Programm anbieten zu können. Richtig schwierig war es allerdings, das AKG C12 und das Telefunken Ela M251, das ebenfalls von AKG hergestellt wurde, zu bekommen. In Berlin treibt man die nicht so ohne weiteres auf. Ich habe schließlich beide Modelle jeweils in Wien kaufen können. Echoschall ist damit europaweit der einzige Verleih, bei dem qualitätsbewusste Musikschaffende die „Big Five“ der Gesangsmikrofone – Neumann U47, M49, U67, AKG C12 und Telefunken Ela M251 – mieten können. Preamps und Kompressoren waren ebenfalls von Anfang an dabei, seit Kurzem ist auch der TAB V76 im Sortiment. Ein toller Röhren-Preamp mit fantastischen Klangeigenschaften. Was ich erst später ins Programm genommen habe, sind Synthesizer und Drumcomputer. Hier sind besonders die TR-808 und der Minimoog sehr beliebt.
Mir geht es darum, dass jeder, der einen hohen Anspruch hat, sich diese Klassiker leisten und mit ihnen arbeiten kann. Auch ist mir wichtig, dass alles gut gewartet ist und der Kunde jedes Gerät im Top-Zustand bekommt. Glücklicherweise haben wir exzellente Techniker hier in der Stadt, ohne die das alles nicht möglich wäre.

Auch Synthesizer von Moog, Roland, Korg etc. sind im Verleihprogramm

Raphael:
Wird denn dein Angebot gut angenommen?

Carsten:
Am Anfang war eine Anlaufphase nötig, da ich ja keine Laufkundschaft habe und sich das Vermietungsgeschäft im Bereich Studiotechnik erst etablieren musste – in den Bereichen Filmtontechnik oder Veranstaltungstechnik war und ist das ja gang und gäbe. Aber inzwischen füllt mich der Verleih voll aus. Den großen Studioraum nutze ich nur noch für Mikrofontests. Hier arbeitet inzwischen Mirko Schaffer, der sich unter anderem als Produzent für Die Ärzte und Michael Patrick Kelly einen Namen gemacht hat. Ein Profi auf seinem Gebiet, von dem man viel lernen kann.
Das Spektrum an Kunden ist heute sehr vielfältig: Tonstudios, Produzenten, freie Toningenieure, Bands, einzelne Musiker oder auch Filmproduktionsfirmen.
Nicht nur aus Berlin, sondern aus ganz Deutschland, denn ich versende die Mikros ja auch.
In Berlin habe ich auch viele Kunden aus dem europäischen Ausland und Nord- und Südamerika. Die bleiben teilweise nur ein paar Jahre in der Stadt und denken daher häufig mobiler und weniger stationär. Zudem ist die Verleihkultur in anglo-amerikanischen Ländern wesentlich ausgeprägter als hier.

Meine Website spielt bei allem eine wichtige Rolle. Es war mein Ziel, dass man sich schnell einen Überblick über klassische Studiomikrofone und das andere Equipment machen kann, auch ohne Leihkunde bei mir zu sein. Meine Maßgabe war, dass alles auf einen Bierdeckel passen soll: technische Daten, Klangeigenschaften und Einsatzbereiche. Neben dem Einbringen von persönlichen Erfahrungswerten habe ich für jedes einzelne Mikrofon auch viel in Berichten und Making-ofs recherchiert. So bieten die Beschreibungen eine erste Orientierung. Die wegweisenden Fotos von Jonas Walter tun das Übrige.
Im Laufe der Jahre haben viele, ganz unterschiedliche Musikschaffende von Rang und Namen mit Echoschall-Equipment gearbeitet. So zum Beispiel Silbermond, Marteria, Mark Forster, Michael Patrick Kelly, Laurel Halo, Isolation Berlin oder die Guano Apes, um nur einige zu nennen. Das freut einen dann schon.

„Ich hätte gern einmal das U67 zum Mitnehmen bitte.“

An dieser Stelle wünschen wir Carsten viel Erfolg bei der Erweiterung des Studio Magazin Archivs. Eine kleine Warnung: Es passiert mir immer wieder, nur mal kurz schmöckern zu wollen und mich dann lange darin zu „verlieren“.

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Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Super Bericht und Interview! Danke! Das Studio Magazin Archiv, von Carsten liebevoll eingerichtet, ist wirklich eine unglaubliche Fundgrube für Studiowissen. Schön, dass das auf diese Weise am Leben erhalten wird.

  2. Profilbild
    Llisa  

    Klasse Archiv! Mal wieder etwas um Stunden über Stunden zu lesen… ;-)
    Das Interview mit Conny Plank ist interessant, und sicher technisch gesehen aus heutiger Sicht.
    Mehr als einmal geschmunzelt…!

  3. Profilbild
    banalytic  

    vielen dank für den hinweis auf das archiv. das ist wirklich ein historischer fundus zum schmökern und recherchieren. tolle sache!

  4. Profilbild
    fritz808  

    toller beitrag – tolles archiv – dadurch hebt sich amazona eben von anderen e-mags der szene ab.

  5. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Das Studio Magazin ist für mich eine tolle Gelegenheit, den Profis über die Schulter zu sehen. Auf diese Art habe ich im Laufe der Jahrzehnte schon einiges gelernt, umso besser, dass man jetzt Zugriff auf das Archiv bekommt.

  6. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Lesestoff für Ewigkeiten. Der Sprachgebrauch damals und die semicoole 70’er-Attitüde mit gefühltem Zigarettenrauch…. Das Interview mit Conny Plank….. Immer anders, immer gegen den Strom. Zitat:“….wenn es meine ökonomische Situation zuläßt, werde ich einen Computer haben, anstatt einem Mischpult.“ Ich bin mir sicher, wenn er noch leben würde, er hätte beides. Das eine durch etwas anderes zu ersetzen, das hätte ihn im Schaffensprozess nur eingeengt.

    • Profilbild
      AMAZONA Archiv

      Sehe ich anders! Lese gerade das Interview, das in vielen Teilen immer noch Allgemeingültigkeit besitzt (der „amerikanische Weg“ in der Musikproduktion Trendwellen totzureiten).
      Beschäftige mich jetzt schon lange Zeit mit Conny Plank und seinen Produktionen. Ich denke, dass man diese Aussage (Zitat):
      „Dazu muss ich sagen, … dass ich trotzdem überhaupt keinen Respekt vor irgendwelchen Technologien habe. ich benutze sie als Werkzeug wie ein Maurer seine Kelle. Für mich ist so etwas nichts besonders Tolles. Es verselbstständigt sich nichts bei mir. Eigentlich sage ich immer Audio-Rubbish dazu,…weil mir bewusst ist, ich kann es in fünf Jahren wegschmeißen, denn dann ist eine andere Sache da, die noch cleverer ist, noch anders funktioniert. Also weg damit.“, genauso stehen lassen kann, wie er sie geäußert hat. Er hat durchaus mal Abstriche bei der Qualität der Aufnahme, des Mixes in Kauf genommen, weil ihm künstlerische Aspekte – auch Fragen der Aufnahmeumgebung, die über Fragen der Akustik hinaus gehen, wichtiger waren; er ignorierte sogar mal typische Toniaspekte. Wenn man z.B. an Albumaufnahmen für Cluster denkt, die er mit einer mobilen Studioausrüstung gemacht hat u.ä., dann sieht man, dass er als Mischer/Produzent sehr viel pragmatischer dachte und kein Nerd war. An Conny Plank muss man sich anders herantasten als an Toni/Produzent x oder y. Der setzte an anderen Hebeln bei der Betrachtung und der Arbeit, dem Produkt an, als an läppischen analog/digital Diskussionen.

  7. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    Gerade erst entdeckt — sehr schön!
    .
    So möchte ich gerne mal eines Tages mein Archiv aufbereiten, auf daß es entsorgt werden möge.
    .

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