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Workshop: Gitarre aufnehmen und Homestudio

9. Juli 2019

Homestudio für Gitarristen - ein praktischer Guide!

E-Gitarre aufnehmen

E-Gitarre aufnehmen

E-Gitarre aufnehmen: Wer bei sich zu Hause die E-Gitarre adäquat aufnehmen will, sieht sich mit unzähligen Problemen konfrontiert. Das Gebot, nur mit aufgedrehtem Verstärker Resonanz und Dynamik ausschöpfen zu können, kommt nicht in Frage, wenn man im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses wohnt. Wir wollen euch hier die Möglichkeiten aufzeigen, mit denen ihr in einem angemessenen Preisrahmen bei euch zu Hause Studioverhältnisse schaffen könnt – ein Homestudio für E-Gitarre eben.

Gerne wird gesagt, dass es grundlegend zwei Möglichkeiten gibt, zu arbeiten: Mit dem passenden Mikrofon den Verstärker zu übernehmen oder am inzwischen hochentwickelten Markt für DAWs sich die passende „Suite“ rauszusuchen, die zu den eigenen Klangvorstellungen passt. Doch auch die Zeiten des Modelings sind angebrochen – Kemper und Fractal Audio haben in den Jahren diesbezüglich echte Gamechanger auf den Markt gebracht. Auch wenn es sich um die vielleicht teuerste Variante handelt, lassen sich mit diesem Prinzip unerhörte Klangergebnisse schaffen. Doch auch Racks und Cab-Simulationen können eine wichtige Rolle spielen. Dann gibt es natürlich auch die Möglichkeit, alle Punkte zu kombinieren – ein vernünftiges Mikrofon in Kombination mit der passenden DAW ist für Einsteiger oft finanziell überschaubar und kann zu guten Ergebnissen führen. Es gibt also zahlreiche Wege für das Homestudio und Homerecording von Gitarren und Verstärkern. Wir stellen euch die wichtigsten Punkte vor.

Gitarre aufnehmen – Audiointerface

E-Gitarre aufnehmen

E-Gitarre aufnehmen

Egal, welchen Weg man wählt – an einem Audiointerface kommt man nicht vorbei. Dieses Gerät stellt den Schnittpunkt zwischen der Gitarre und der Aufnahme-Software dar und ersetzt die oftmals begrenzten Möglichkeiten der Computer-internen Soundkarte. Hierbei bieten sich zwei Möglichkeiten: das Audiointerface zu nutzen, um ein mit einem Mikrofon abgenommenes Signal in eine Aufnahme-Software zu bringen oder die Eingänge des Audiointerfaces zu nutzen, um die Gitarre direkt abzunehmen. Letztere Variante wird Direct-in-Recording genannt und funktioniert über einen regulären 6,3 mm Klinkeneingang, den man beispielsweise von Effektpedalen kennt.

Prinzipiell ist hier das Problem, dass über diesen Weg die Gitarre entsprechend leblos und undynamisch abgenommen wird – eins der zentralen Probleme beim Homestudio für Gitarristen. Die Bearbeitung des Signals erfolgt einzig und allein über die DAW. Damit ihr trotzdem beim Einspielen ein bisschen dynamische Bandbreite zur Verfügung habt, empfiehlt es sich, für euer Homestudio ein Audiointerface zu kaufen, das mit einem Hi-Z-Eingang versehen ist. Dieser ist mit einer hohen Impedanzanpassung versehen und somit für die direkte Abnahme der Gitarre geeignet. Die meisten Audiointerfaces besitzen sogenannte Combo-Buchsen – hier können gleichzeitig XLR wie auch Klinke angeschlossen werden. Daran koppeln sich ein paar einfache Faustregeln:

  • XLR-Eingänge sind für die Abnahme von Sound mit einem Mikrofon gedacht.
  • Hi-Z-Eingänge sind für die DI-Abnahme von Gitarren geeignet.
  • Line-Eingänge eignen sich für die Abnahme von Synthesizern und Keys.
  • ADAT oder S/PDIF sind digitale Schnittstellen, mit denen sich beispielsweise Firmware-Updates durchführen lassen. Der ADAT-Anschluss eignet sich zudem zur Erweiterung der Inputs und der digitalen Übertragung von bis zu acht Kanälen – ein digitaler, achtfacher Multicore-Stecker. Für den Einsatz im Homestudio aber erst mal uninteressant.
  • USB 2.0, Thunderbolt oder Firewire können sich durchaus auf die Latenz der Signalübertragung auswirken, wobei Thunderbolt hier die besten Ergebnisse bietet, aber außerhalb von Mac kaum noch Verwendung findet. Gängiger Standard sind USB 2.0 oder 3.0.

Des Weiteren solltet ihr bei der Auswahl eures Audiointerfaces im Hinterkopf haben, wie viele In- und Outputs ihr prinzipiell zur Verfügung haben wollt. Wenn ihr ein kleines Arsenal zur Verfügung habt, neben Synthesizern beispielsweise auch mit Mic-Preamps Gesang abnehmen wollt, dann ist es sinnvoll, mehrere Eingänge im Audiointerface zu haben, um nerviges Umstecken zu vermeiden. Prinzipiell sind die meisten Audiointerfaces mit internen Preamps ausgestattet, die es ermöglichen, ein mäßig laut aufgenommenes Signal der Gitarre zu verstärken. Doch zum Pegel kommen wir noch.

Die meisten Audiointerfaces werden mit einer zugehörigen DAW mitgeliefert. Eine DAW, eine Digital Audio Workstation ist so unverzichtbar wie der Treiber des Audiointerfaces, der gewährleistet, dass euer Betriebsprogramm und das Audiointerface miteinander auskommen. Jetzt ist der Dschungel da draußen an DAWs inzwischen fast nicht mehr zu durchdringen. Das liegt daran, dass aus programmiertechnischer Sicht durch das Ändern einzelner weniger Parameter bereits vorhandener Klangsimulationen alte Programme als neuwertige DAW-Pakete verkauft werden können. (Wir werden euch in einem separaten Special mit den wichtigsten DAWs für Gitarristen vertraut machen.) Wenn ihr in eurem Homestudio Gitarre also nur mit einer DAW arbeiten wollt, gilt es, folgende Faustregeln zu beachten:

  • Euer Rechner sollte mit dem richtigen Treiber ausgestattet sein, damit er das Audiointerface erkennen kann. Viele Anbieter besitzen auf ihrer Seite eigene Treiber, die eigens für das Interface eingerichtet wurden und heruntergeladen werden könnten. Andere häufig verwendete Treiber sind die ASIO-Treiber, die im Internet für die meisten Betriebsprogramme frei erhältlich sind.
  • Der Pegel ist alles – ihr müsst darauf achten, nicht zu übersteuern. Das heißt, dass das Eingangssignal nicht über die Stränge schlagen darf. Das ist das sogenannte Clipping und führt zu einer hässlichen Verzerrung und Gerauschen. Die meisten Audiointerfaces besitzen einen Regler, mit dem sich das Eingangssignal einstellen lässt – oftmals einfach als Gain-Regler bezeichnet, über den ihr die Signalstärke im Input anpassen könnt.
  • In der DAW muss das entsprechende Audiogerät auch ausgewählt werden. Dies erfolgt in den meisten Programmen über die Global-Settings, wo im Default-Modus beispielsweise auf das Laptop-Mikrofon zugegriffen wird.
  • Begriffe wie Sample-Rate und Bit-Tiefe nehmen auf die Signalverarbeitung Bezug. Die meisten Audiointerfaces sind mit einer herkömmlichen Bit-Tiefe von 24 Bit ausgestattet. Ihr müsst darauf achten, dass beides in der DAW so eingestellt ist, dass es den Anforderungen des Audiointerfaces entspricht.
  • Das Problem mit der Latenz, der verzögerten Wiedergabe dessen, was ihr spielt, kann viele Gründe haben. Wenn ihr euer Signal einspielt und das Software-Monitoring euch mit nur ein paar Millisekunden später das Signal zurückspielt, ist das Metronom hinfällig. Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass das Problem nicht mit dem Betriebsprogramm zusammenhängt, sondern mit der DAW, gibt es zwei große Angriffspunkte zur Verbesserung: die Puffergröße und der Treiber. Wenn die Puffergröße bzw. der Buffer-Size geringer eingestellt ist, wird auch die Latenz verringert. Das beansprucht den Arbeitsspeichers eures Computers verstärkt, löst aber in einem Großteil der Fälle das Problem mit der Latenz. Ähnliches gilt für den Treiber: Der sollte regelmäßig mit einem Update versehen werden. Überholte Treiber können ebenfalls mitverantwortlich für eine Latenz sein.

Eine kleine Übersicht mit für Gitarristen geeigneten Audiointerfaces findet ihr hier.

 

E-Gitarre aufnehmen mit Verstärker und Mikrofon

E-Gitarre aufnehmen

E-Gitarre aufnehmen

Die mit Abstand nach wie vor populärste Methode, für das Homestudio E-Gitarre aufnehmen zu können, wird uns als Nächstes beschäftigen. Wenn ihr euch für einen Verstärker entschieden habt, ist die nächste, grundlegende Anschaffung das Mikrofon. Wenn ihr konkrete Vorstellungen vom Sound eurer Gitarre habt, ist es nicht einfach, diesen im Nachhinein mit einem DAW zu korrigieren oder zu formen. Vor der Abnahme sollten also mindestens 90 % des Sounds bereits stehen. Das, was aus dem Verstärker kommt, ist und bleibt das Entscheidende. Der Grund, dass so viele Studios also Unsummen für Equipment ausgeben, ist also recht einfach: Qualität lässt sich nicht ersetzen.

Darf also jeder, der es auf die „alte“ Weise versucht und kein teures Studio-Equipment besitzt, gleich das Handtuch werfen? Natürlich nicht. Klangbild ist ja durchaus subjektiv und muss vor allem einem selbst gefallen. Trotzdem – kommen wir grundlegend zu den gängigen Mikrofonen, die in einem Homestudio zum Einsatz kommen können:

Bändchenmikrofon

E-Gitarre aufnehmen

E-Gitarre aufnehmen

Das zerbrechliche, feinfühlige unter den Mikrofonen: Ausgestattet mit einem Filmband aus Aluminium oder Duraluminium, erfordern sie zugleich einen sehr vorsichtigen Umgang. Bändchenmikrofone sind extrem raumempfindlich und übertragen in ausgeprägter Weise Bässe. Grund hierfür ist der sogenannte Nahbesprechungseffekt. Sie reagieren beidseitig, das heißt, dass hinter ihnen oft ein gewisser Raum vorhanden sein muss. Es ist vor allem als ergänzendes Mikrofon geeignet, das sich durch einen resonanzfreien Mittenbereich auszeichnet und zudem meistens recht teuer ist. Für das überschaubare Home-Studio für E-Gitarristen also eher ungeeignet.

Gitarrenbrikett

E-Gitarre aufnehmen

E-Gitarre aufnehmen

Hier kommen wir der Sache schon näher. Der Klassiker in diesem Feld dürften zweifelsohne Sennheiser gestellt haben: Das e609 ist ein erschwinglicher Allrounder, der in vielen Bereichen zum Einsatz kommt und im E906 noch mal eine besonders auf Gitarren-Frequenzen zugeschnittene Ausführung bekommen hat. Für Einsteiger sind die enorm simple Handhabe und die mittlere Preisklasse mögliche Kaufgründe. Als Einsteiger-Mikrofone, mit denen man im E-Gitarre Recording betreiben möchte, allemal geeignet.

Ein weiteres, viel verbreitetes Mikrofon ist das Shure SM57, das als echter Allrounder inzwischen in fast jedem Homestudio zugegen ist. Im unmittelbaren Vergleich mit den Sennheiser Briketts wird dem Shure gerne eine Neigung zur Verzerrung nachgesagt, gleichzeitig ist es in vielen Studios beliebt zur Abnahme von Snares. Als Gitarrenmikrofon also durchaus geeignet, wenn auch der große Bruder, das Shure SM 7 B  für das Vierfache des Preises einen noch umfassenderen Allrounder darstellt. Damit ihr wisst, welche Aspekte ihr bei der Positionierung des Mikrofons beachten solltet, lege ich euch den Workshop meines Kollegen Axel Ritt ans Herz. Dort werden Fragen nach der Rolle des Raumklanges und die Auswirkungen der Positionierung auf die Frequenzbereiche behandelt.

E-Gitarre aufnehmen und Homestudio – Cab-Simulation, Lautsprecher- und Boxensimulation

Für Gitarristen, die sich im Jazz-, Funk- oder Blues-Bereich bewegen, sind die Nuancen im Spiel entscheidend. Hi-Z-Anschluss hin oder her – am Ende des Tages kann die Direct-in Methode nicht wirklich die dynamischen Nuancen wiedergeben, die für Profi-Gitarristen so wichtig sind. Dass es also sinnvoll ist, irgendeine Form von authentischem Sound vor den A/D-Wandler zu haben, liegt entsprechend nahe. Welche Möglichkeiten gibt es, das zu bewerkstelligen, ohne mit 2x12er oder 4x12er Cabs im Wohnzimmer die Nachbarschaft in den Wahnsinn zu treiben und das halbe Haus in unliebsame Vibration zu versetzen?

Der Weg mit dem vielleicht organischsten Ergebnis dürfte die Nutzung eines sogenannten Attenuators sein – eine Loadbox für das Signal aus dem Röhrenverstärker, der zwischen Gitarrenverstärker und das Audiointerface angeschlossen wird. Er ersetzt den herkömmlichen Lautsprecher. Ein Weg der Nutzung ist es beispielsweise, das Gitarrensignal aus der DAW in den Attenuator einzuspeisen, von dort aus an den Verstärker und dann wieder zurück in die DAW. Am Ende der Schleife steht also das Signal des Verstärkers über die Cab Simulation des Attenuators. Die gängigste Methode ist es aber, den Speaker-Out des Verstärkers in den Speaker-In des Attenuators zu führen und den Attenuator an das Audiointerface zu schließen. Viele Attenuatoren werden mit einer zugehörigen Software geliefert, mit der sich dann einzelne Lautsprechersimulationen anwählen lassen – so lässt sich der Sound quasi von beiden Seiten aus bearbeiten. Ein etwas kompliziert anmutender Ansatz, der aber mit seinem organischen Klangbild und seinem Reamping-Potential punktet.

Und auch ohne Verstärker kann die Abnahme über den Direct-Ins eines Attenuators ein hervorragendes dynamisches, trockenes Signal mit sich bringen – das A und O für eine direkt abgenommene Homestudio Gitarre sowie der perfekte Weg, um euren authentischen, individuellen Gitarren-Sound in eine DAW einzuspeisen, ohne etwas von eurer Spieldynamik einzubüßen. Viele nutzen diese Methode, um den oft kostspieligen Weg des Amp-Modelers zu umgehen. Wen dieser Weg jedoch am meisten interessiert, dem seien die Workshops meines Kollegen Jan Steiger ans Herz gelegt. Wer den Weg der Attenuatoren gehen möchte, dem empfehle ich als Orientierung folgendes Video:

Forum
  1. Profilbild
    pootnik

    Was ist ein Guide? Ist das eine Form von Guido, mit unbekannten Geschlecht?

    Ich bin zwar nicht deutsch oder muttersprachlich deutsch, aber mich stört die zunehmende Anglifizierung. Muss nicht sein! Es gibt si viele schöne, verständliche Worte, wie: Anleitung, Ratgeber, etc.

    • Profilbild
      Franz Walsch  AHU

      Leider lässt sich das Rad nur schwer zurückdrehen, aber wenn dann schon komplett und richtig.
      Fangen wir mit der Überschrift und den Tabulatoren an: Amazona – Musik kann die Welt ändern. Studio, Tasten, Gitarre & Bass, Plattenaufleger, Bühne, Schlagzahl, altes Gerät, Kurse, Leute, Tabellen, Elektronische Klangerzeuger und ihre Gebraucht-Preise, Archiv, Gemeinschaft.
      In dem Artikel findet man eine Vielzahl von Begriffen, die sich auch in deutscher Sprache ausdrücken lassen z.Bsp. Homestudio= Wohnstudio, Audiointerface=Schnittstelle für Klanggeräte, Recording=Aufnahme, Iron Maiden=eiserne Jungfrau etc..
      Da aber die englischen Begriffe schon lange Eingang in den Sprachgebrauch haben, spielt die deutsche Sprache keine Rolle mehr. Außerdem sind die englische Begriffe weltweit in Gebrauch und werden verstanden (siehe auch Gerätebeschriftungen).

  2. Profilbild
    catcap

    Lieber Dimi,
    das ist leider kein praktischer Guide, das ist ein halber Guide.
    Zuviele offene Fragen, zuviele Möglichkeiten die gar nicht erwähnt werden.
    Audio-Interface, DAW und Mikrofon…… ja, sinnvoll und wichtig.
    Aber dann…… welche DAW? Und welche Software? Etwas wie Amplitube,
    oder doch aus Kostengründen eine der vielen guten Freeware-Lösungen
    Aufnehmen mit dem eigenen Amp, wie wär’s mit einem ISO-Cab?
    Oder…… viele LoWatt Amps haben mittlerweile DI-Ausgänge mit eigenem Lastwiderstand,
    dahinter z.B. etwas wie den Mooer Radar und es lassen top Aufnahmen erstellen.
    Gruß, Carsten

    • Profilbild
      Franz Walsch  AHU

      Das Focusrite Audiointerface wäre für mich nicht die erste Wahl.
      Es gibt spezielle Audiointerfaces für Gitarristen wie z.Bsp.
      »IK Multimedia AXE I/O« oder das »Audient Sono«, aber man bekommt auch für wenig Geld ein »Behringer UCG102 Audio Interface«.
      Die Wahl der »DAW« ist schwierig. Will man viele Emulationen von Topteilen nutzen etc. ? Bei Klang, Systemauslastung und Preis ist seit langem »Reaper« meine erste Wahl.

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