Der Mann hinter dem Klang ganzer Generationen
Heute feiert Glyn Johns seinen 84. Geburtstag. Sein Name ist vor allem mit einer ganz bestimmten Art der Studio-Mikrofonierung von Schlagzeugen verbunden, die bis heute Bestand hat. Der Einfluss des Toningenieurs und späteren Produzenten liegt darin, Musik präzise zu erfassen und ihr im Studio Raum zu geben. Viele der Aufnahmen, an denen er beteiligt war, gelten wegen ihrer Transparenz heute als Referenzen. An seinem Geburtstag schauen wir daher auf seinen Werdegang und Einfluss.
Frühe Jahre von Glyn Johns
Glyn Johns wurde 1942 im englischen Epsom geboren. Die Themen Musik und Aufnahmetechnik gehörten früh zu seinem Umfeld, denn sein Vater arbeitete als Jazzmusiker und Toningenieur. Er wuchs mit dem Verständnis auf, dass Klang etwas ist, das sich beeinflussen und formen lässt.
IBC Studios
Ende der 1950er-Jahre begann Glyn Johns seine Laufbahn in den IBC Studios in London, wo er das Studiohandwerk lernte. Dazu gehörte das Platzieren von Mikrofonen, das Bedienen von Bandmaschinen und das Treffen von Entscheidungen unter realen Bedingungen. Er arbeitete unter anderem an frühen Produktionen der britischen Beat-Szene und entwickelte schnell ein Gespür für Energie, Dynamik und Kontrolle. Die Erfahrungen aus dieser Zeit bildeten die Grundlage für seine spätere Arbeitsweise.
Glyn Johns’ Aufstieg in den 1960er-Jahren
Freier Toningenieur
In den 1960er-Jahren arbeitete er als freier Toningenieur und wurde in den Londoner Olympic Studios zu einer festen Größe der britischen Rockmusik. Seine Herangehensweise bei Aufnahmen war immer gleich: Die Musiker sollten gemeinsam spielen, der Raum sollte hörbar bleiben und der Klang sollte nicht nachbearbeitet werden, sondern im Kontext entstehen.
Die Rolling Stones und Led Zeppelin
Bei Aufnahmen mit den Rolling Stones wurde dieser Ansatz besonders deutlich, denn die Instrumente waren ausgewogen verteilt und nichts wirkte überbetont. Der typische Glyn-Johns-Klang ist offen und setzt stärker auf Balance als auf einzelne Spuren, die in der Nachbearbeitung zu einem Lied zusammengesetzt werden.
Der Bonham-Sound
Eine zentrale Rolle in der Karriere von Glyn Johns spielte schließlich die Arbeit an den ersten beiden Alben von Led Zeppelin. Als Toningenieur war er maßgeblich daran beteiligt, den charakteristischen Schlagzeugsound von John Bonham einzufangen. Dieser Klang entstand nicht durch aufwendige Technik und viele Mikrofone, sondern durch eine bewusste Reduktion. Auf den Alben Led Zeppelin I und Led Zeppelin II wirkt das Schlagzeug sehr groß und breit. Die Bassdrum bildet ein stabiles klangliches Fundament, die Snare steht fest im Zentrum, die Becken fügen sich unaufdringlich in das Gesamtbild ein und auch der Raum ist gut hörbar.
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Schlagzeug-Mikrofonierung: Glyn-Johns-Methode
Die hier angewendete und mit Glyn Johns verbundene Schlagzeugmikrofonierung folgt keinem festen Regelwerk, sondern basiert auf einem einfachen Gedanken: Ein Schlagzeug ist ein Instrument und sollte als Einheit aufgenommen werden. Deshalb arbeitete Glyn Johns mit möglichst wenigen Mikrofonen, um ein geschlossenes und phasenstabiles Klangbild zu erreichen.
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Klassischer Aufbau
Typisch war eine Anordnung mit zwei Hauptmikrofonen. Ein Mikrofon hängt etwa 120 cm mittig über der Snare. Ein zweites Mikrofon steht seitlich neben dem Schlagzeug in der Nähe der Floor-Tom und ist ebenfalls auf die Snare ausgerichtet. Um Phasenprobleme zu vermeiden, haben beide Mikrofone den exakt gleichen Abstand zur Mitte der Snare. Dadurch bleibt sie außerdem das stabile Zentrum im Stereobild.
Oft wird diese Anordnung um ein einzelnes Mikrofon an der Bassdrum ergänzt. Weitere Mikrofone kommen bei der Glyn-Johns-Methode nur dann hinzu, wenn es musikalisch sinnvoll ist.
Hörbare Beispiele
Auf dem Album Led Zeppelin I ist dieses Prinzip der Mikrofonierung deutlich zu hören, etwa bei Good Times, Bad Times oder Dazed and Confused. Das Schlagzeug wirkt präsent, aber nie isoliert. Auch auf Beggars Banquet von The Rolling Stones fügt sich das Schlagzeug durch diese Methode organisch in den Bandsound ein. In den frühen Alben von Eagles ist derselbe Gedanke erkennbar, wenn auch mit einem stärker kontrollierten und aufgeräumteren Klangbild.
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Glyn Johns und die Beatles
1969 wurde Glyn Johns mit der technischen Betreuung des Projekts Get Back beauftragt. Bei den Aufnahmen war sein Ansatz strikt: Keine Overdubs, keine Effekte und keine klanglichen Eingriffe. Er stellte mehrere Albumfassungen zusammen, die zunächst unveröffentlicht blieben.
Erst später wurden seine Versionen dieser Sessions öffentlich zugänglich. Spätestens zu diesem Zeitpunkt zeigte sich, dass Glyn Johns seine Rolle nicht als Produzent im klassischen Sinn verstand, sondern vielmehr als jemand, der musikalische Prozesse in ihrer ursprünglichen Form festhalten wollte.
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Der Produzent Glyn Johns
In den 1970er-Jahren arbeitete er dann verstärkt als Produzent. Besonders prägend war seine Zusammenarbeit mit den Eagles, vor allem bei deren ersten beiden Alben. Auch hier blieb Glyn Johns seinem Ansatz treu und sorgte für eine kontrollierte Dynamik und einen insgesamt transparenten Gesamtsound, bei dem die Technik unterstützen, statt dominieren sollte.
Glyn Johns und sein Vermächtnis
Auch wenn Glyn Johns oft auf seine Schlagzeugmikrofonierung reduziert wird, prägte er mit seiner Arbeit die grundsätzliche Haltung zur Aufnahmetechnik: Zuhören, statt direkt einzugreifen und vor allem den klanglichen Raum statt Effekte zu nutzen. Mit dieser Haltung arbeiten auch heute noch viele erfahrene Tontechniker, obwohl die technischen Möglichkeiten heutzutage deutlich umfassender sind als zu der Zeit, in der Glyn Johns aktiv war.
Heute lebt er in den USA, gibt Interviews und hält Vorträge über Aufnahmetechniken, Musikgeschichte und seine eigene Arbeit. 2012 wurde Glyn Johns in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Damit wurde sein Einfluss als Toningenieur und Produzent gewürdigt, eine Rolle, die lange eher im Hintergrund stand, für die Entwicklung der (Rock-) Musik jedoch von zentraler Bedeutung ist. Sein Buch Sound Man ist bis heute gefragt, wenn es um die Rückschau auf sein Berufsleben hinter dem Mischpult geht.
































Es freut mich, dass ihr es immer wieder schafft, mir gänzlich unbekannte Persönlichkeiten der Studiotechnik früherer Jahre aufzuführen. Iin diesem Artikel sind wiedermal einige interessante Dinge zu erfahren.
Wenn ihr noch mehr davon veröffentlicht, würde ich mich nicht dran stören.
Danke!
@CDRowell Tolles Feedback, vielen Dank :)
@CDRowell Da schließe ich mich gerne an.
Ich habe das Buch über Glyn auch direkt bestellt.
Sein Vorgehen der Mikrofonierung gefällt mir.
@Spectral Tune Ja! Irre, wie der durch seine Erfahrungen und technischem Verständnis zu diesen genial einfachen Lösungen kommt.
😅
@CDRowell ja, und viele der alten Funkbreaks wurden ja auch extrem simpel aufgenommen! Amen Break, funky Drummer, Ashleys roachclip (u.a. milli vanilli – Girl you know it’s true und Eric b & rakim -paid in full.
sehr interessant! muss jetzt recherchieren ob er auch bei Led Zeppelin 4 dabei war. mit „when the Levee Breaks“ eins der Lieder, da kannte ich den drumbreak vor dem Song! auch von enigma auf Return to innocence verwendet….
Danke für den schönen Artikel und die schönen Musikbeispiele. Die habe ich mir gerade unter Kopfhörer noch mal alle angehört und warme Ohren gekriegt.
Zum Schluss habe ich bemerkt, das Dolby Atmos beim Smartphone eingeschaltet war. Die Puristen mögen mir verzeihen aber es klang wirklich noch mal besser als ohne. Zumindest mein altes Gehör empfand es so.