Green Box: 360 Systems Professional Midi Bass, Soundmodul

15. Dezember 2018

Bässe müssen nicht immer analog sein

360 Systems Professional Midi Bass

360 Systems Professional Midi Bass

Denkt man an Bass-Synthesizer, fallen einem automatisch viele großartige analoge Monosynthesizer aus den vergangenen Jahrzehnten ein. Doch es gab auch einige Sample-basierte Synthesizer in dieser Sparte. Der erste war der 360 Systems Professional Midi Bass.

360 Systems – wer?

Der Hersteller 360 Systems wird vielen nichts sagen, obwohl die Firma bis heute existiert. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die erst auf elektronische Bauteile, später auf Broadcast-Equipment spezialisierte Firma unternahm in den achtziger Jahren nur einen kleinen Ausflug in die Synthesizerbranche. Zuvor, im Jahr 1978, gab es bereits einen Pitch-to-CV-Converter namens Slavedriver, der zur Ansteuerung von Synthesizern durch eine Gitarre gedacht war. Danach wurden lediglich drei Instrumente entworfen und daneben gab es noch MIDI-Helfer wie Merger und Router, aber bald ließ man diese Sparte wieder fallen.

Das erste Instrument von 360 Systems war auch das ambitionierteste des Herstellers. Der simple Name „Digital Keyboard“ war so was von unsexy, dass man die revolutionäre Leistung dahinter nicht mal ansatzweise erahnen kann. 360 Systems hatte Anfang der 80er Jahre ein sehr erfolgreiches Gerät zum Abspielen von kurzen Ansagen oder Signalen, zum Beispiel für Freizeitparks und Sportstätten, entwickelt, das nicht wie bisher mit Tapes arbeitete, sondern die Audiosignale in Eproms speicherte. Im Klartext: Es war eine Sample-Playback-Einheit.
Wie man dann auf die Verwendung der Speicherchips für ein Musikinstrument kam, lässt sich nicht mehr recherchieren. Aber 1982 wurde das Digital Keyboard vorgestellt, das mit einer ganzen Batterie von einzeln gesockelten Chips bestückt war und bei achtfacher Polyphonie 32 verschiedene Sample-Sounds bot, darunter Piano, Streicher, Vibraphone, verschiedene Bläser, Gitarren und – ein echtes Foreshadowing – Bässe.
Außer den Spielhilfen (Pitch- und Mod-Wheel sowie zwei Pedaleingängen) und einem Tiefpassfilter, das eher zur Glättung und Dämpfung, denn zu Klangestaltung gedacht war, hatte das Digital Keyboard keine weiteren Funktionen. Es wurde nicht mal 200 Stück gebaut und 1984 wurde die Produktion eingestellt. Tja, der Yamaha DX7 mit seiner 16-fachen Polyphonie und dynamisch spielbaren Sounds hatte eben nicht nur die analoge Konkurrenz platt gemacht, sondern auch andere digitale Konzepte.

Tipp: Wer sich für die Klänge des raren Instrumentes interessiert, kann sich auf dem Gebrauchtmarkt nach dem nicht mehr erhältlichen Plugin Sampletron von IK Multimedia umsehen, dessen Library in der Bonussektion auch Sounds des Digital Keyboards unter der Bezeichnung DigiTron, enthält. Die Sampletron-Soundbank kann in den IK Multimedia Sampletank importiert werden.

360 Systems Professional Midi Bass

Das Innenleben des Professional Midi Bass

Midi Bass, die Erste

Erst zwei Jahre später, also 1986, unternahm 360 Systems einen neuen Versuch, ein Chip-basiertes Instrument in den Markt zu bringen. Der Midi Bass war in allen Aspekten bescheidener angelegt als das Digital Keyboard. Die kleine, wahlweise als Pedal oder Beistell-Gerät zu betreibende Kiste war monophon, besaß lediglich vier Sounds und außer einem Pitch-Knopf keinerlei Funktionen. Doch konnte der Midi Bass immerhin einen Frequenzgang von 16 Hz bis 16 kHz aufweisen, womit sich ein für diese Zeit erstaunlich sauberer Sound erzielen ließ.
Das Gerät konnte, wie der Name schon sagt, via MIDI gespielt werden und die Chips ließen sich gegen andere mit neuen Klängen austauschen. Via E-Prom-Brenner war es möglich, sich beliebige Sounds wie Drums oder FX in den Midi Bass implantieren. Ähnlich wie es bei Oberheim mit DMX und Prommer ging.
Übrigens, ich hatte in jungen Jahren mal versuchsweise einen 360 Bass-Chip in eine DMX gesteckt. Das Bass-Sample wurde auch abgespielt, jedoch ohne Loop und es war auch nicht transponierbar, da die DMX diese Funktionen nicht unterstützte. Der Midi Bass hingegen erkannte den DMX-Chip nicht. Zum Glück blieb dieses leichtsinnige Experiment ohne rauchbildende Folgen und ich kann nur jeden von der Nachahmung solcher Aktivitäten abraten.

360 Systems Professional Midi Bass

Über MIDI lassen sich Geräte kaskadieren

Der Bass wird Professional

Nur ein Jahr nach dem 360 Systems Midi Bass stellte 360 Systems den verbesserten Nachfolger Professional Midi Bass vor. Man hatte viel Feedback von Anwendern bekommen und dieses in dem neuen Gerät umgesetzt.
Äußerlich wurde man erwachsen, ein 1-HE hohes 19“-Gehäuse mit zweizeiligem Display machten den Midi Bass nun studiotauglich. Das Modul bot gegenüber dem Vorgänger nun mehr Sounds, ein klein wenig Klangeditierung und Speicherplätze. Es war zwar nach wie vor monophon, doch ließen sich über MIDI zwei Geräte kaskadieren.
Für die Bass-Sounds ist das Gerät mit 16 Plätzen für Eproms ausgestattet. In der Grundversion waren acht davon belegt. Die anderen acht Plätze konnte man mit Eproms aus dem Angebot des Herstellers bestücken. Wie groß die Auswahl war, entzieht sich meiner Kenntnis, ebenso ob auch andere Anbieter für Soundfutter sorgten. Ich kann mich nur dunkel an eine Werbeanzeige mit einer ziemlich lange Liste an Sounds erinnern.

360 Systems Professional Midi Bass

Der 360 Systems Professional Midi Bass, der mir für den Artikel zur Verfügung stand, war komplett mit 16 Chips bestückt, doch hatte er 19 Sounds, denn auf einigen Eproms wurden zwei verschiedene Sounds untergebracht.
Die Bass-Sounds wurden als Multisamples umgesetzt. Die Anzahl der Samples und die Abstände zueinander variieren. Bei den meisten Sounds sind die Übergänge der Samplezonen recht unauffällig, so dass sie sich angenehm spielen lassen. Die Samples sind angesichts des geringen Speicherplatzes natürlich geloopt, sogar sehr kurz. Doch auch hier wurde sehr sorgfältig gearbeitet. Eiernde Loops oder gar Knackser, wie sie einem bei einigen Soundmodulen der frühen 90er immer wieder mal begegneten, gibt es hier nicht. Eine interne Hüllkurve sorgt für ein relativ natürliches Abklingverhalten.
Die Soundchips sind meist nach der Spielweise benannt, wie zum Beispiel Finger Bass, Pick Bass, Hammered, Pizz. Es gibt aber auch Rickenbacker, (Fender) Jazz und sogar Synth-Bässe wie Mini und SEM. Natürlich können die Sounds mit Hochleistungs-Plugins oder modernen Workstations nicht mithalten, doch haben die Klängen einen unleugbaren Charme. Und trotz der alten Technik klingen die Bässe alles andere als LoFi oder billig.
Die Aufnahmen sind ausgewogen, so dass man die Klänge in den passenden Produktionen einsetzen kann, aber sie sind auch einen gewissen Nachbearbeitung durch Amp-(Simulationen) oder Effekten nicht abgeneigt.

360 Systems Professional Midi Bass

Fast schon Verschwendung: der CEM3387 wird nicht ausgereizt

Im 360 Systems Professional Midi Bass ist sogar ein klein wenig Klangeditierung möglich. Tatsächlich gibt es im Modul einen analogen Filterchip. Es handelt sich um einen CEM 3387, der auch in Geräten wie Waldorf Microwave 1 und Wave, Oberheim OB-MX und EMU Emulator III verwendet wurde. Der Chip kann eine 4-Pol Filterkaskade und einen VCA mit Panning erzeugen, jedoch schöpft der 360 Systems Professional Midi Bass das Potential leider nicht einmal ansatzweise aus.
Das Filter wird nur als Tiefpass ohne Resonanz genutzt, mit dem sich der Klang dämpfen lässt. Immerhin wurden dem Parameter 64 Stufen zugestanden, aber eine Modulation ist nicht vorgesehen, sondern nur manuelles Einstellen. Bei Decay und Release, die den VCA steuern, sind es sogar nur sieben Stufen. Der Professional Midi Bass war eben nicht als Synthesizer konzipiert, sondern sollte in erster Linie elektrische und akustische Bässe liefern.
Aber mit einem nachgeschalteten Filter lassen sich selbstverständlich auch abgedrehtere Bässe erzeugen.

360 Systems Professional Midi Bass

Eine Besonderheit bietet der 360 Systems Professional Midi Bass mit seiner Soundzuweisung. Obwohl monophon und monotimbral, können bis zu vier verschiedene Sounds in einem Patch verwendet werden. Zunächst lassen sich an zwei frei definierbare Spilt-Zonen einrichten. In der Grundeinstellung sind die Lower Zone und die Upper Zone chromatisch aufeinander abgestimmt und schließen auf dem Keyboard aneinander an, doch sie lassen sich auch separat transponieren. Dazu kann für jede Zone ein Accent-Sound gewählt werden. Ab einem ebenfalls frei wählbaren Verlocity-Wert wird auf einen anderen Sound umgeschaltet. Hat man die entsprechenden Soundchips installiert, kann man über dieses System mit bis zu vier Artikulationen arbeiten oder gänzlich verschiedene Klänge in einem Patch verwenden.

360 Systems Professional Midi Bass

Es ist schon erstaunlich, dass 360 Systems im Jahre 1987 noch auf das Konzept der separaten ROM-Chips setzte, denn damit war man im Grunde technologisch veraltet. Drummaschinen wie Sequential TOM (1985) oder Yamaha RX5 (1986) hatten mit ihren Cartridges viel praktischere Optionen zum Austausch von Sounds und Korg setzte bei der DDD1 (1986) bereits die handlichen, flachen Soundcards ein, wie sie bald darauf auch bei Keyboards und Soundmodulen Verwendung fanden.
Das Konzept eines spezialisierten Sample-Players unterlag alsbald der neuen Generation an Romplern. Soundmodule wie Roland U110/220, EMU Proteus 1 oder Workstations wie die Korg M1 hatten gesampelte E-, Akustik- und Synth-Bässe quasi nebenbei mit an Bord ihrer multitimbralen Klangerzeugung. Da konnte der Professional Midi Bass schon bald nicht mehr gegenhalten und 360 Systems unternahm keinen weiteren Versuch in der Instrumentenbranche.

360 Systems Professional Midi Bass

Dennoch starb das Konzept nicht völlig aus. Mitte der 1990er gab noch einmal Sample-Bass-Spezialisten. Zuerst kam Peavey mit dem 1-HE-Soundmodul Spectrum Bass heraus, der von den DPM-Synthesizern abgeleitet war. Mit dem Spectrum Bass II gab es sogar noch eine verbesserte Version, die dem Zeitgeist entsprechend mehr Synth-Sounds enthielt. Die beiden Module waren äußerlich noch spartanischer als der Professional Midi Bass, doch konnten via MIDI weitreichend editiert werden.
Alesis koppelte aus den QS-Synthesizern unter anderem den Winzling Nano Bass aus, der als Preset-Schleuder im 1/3-19“-Format daherkam, aber ebenfalls via MIDI ein recht großes Potential bot.
Roland machte schließlich aus einem Erweiterungsbord für den JV-1080 das 1-HE-Modul Bass and Drum M-BD1.

360 Systems Professional Midi Bass

Als Umfragen noch offline stattfanden …

Vermarktung

In Deutschland geschah der Vertrieb exklusiv über das Synthesizerstudio Bonn. Laut Angabe von Dirk Matten wurden vom Professional Midi Bass Geräte im 3-stelligen Bereich an den Mann gebracht. Und das zum damaligen Preis von 1.395,- Euro (Synthesizerstudio Bonn Preisliste vom 15.09.1987).

Fazit

Der 360 Systems Professional Midi Bass ist kein Klassiker geworden. Dennoch ist er einen Blick wert – wenn man ihn denn mal in die Finger bekommt. Denn das Modul ist auf dem Gebrauchtmarkt eher selten zu finden. Die Preise bewegen sich dann meist zwischen 150,- und 300,- Euro.

Wer Bässe im Late-80s-Style sucht, bekommt im Professional Midi Bass Sounds, die meiner Meinung nach hörbar besser als die damaligen Rompler klingen, wo die Bässe meist in eine Ecke des Speichers gequetscht wurden. Als Alternativprogramm zu Analogsynths und E-Bass Plugins bietet der 360 Systems Professional Midi Bass Sounds mit einem eigenen Charme.

 

Plus

  • einfach zu bedienen
  • saubere Bass-Sounds
  • maximal vier Zones
  • rar

Minus

  • nur rudimentäre Editierung
  • Austausch-Speicherchips kaum zu bekommen

Preis

  • damaliger Neupreis: 1.395,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Sudad G  

    Es gab damals Ende der 80er eine ganze Reihe solcher auf Samples basierenden Klangspezialisten.

    Auch die Firma Peavey schickte mit ihrem „Peavey Spectrum Bass“ einen Bass- Spezialisten damals ins Rennen.

  2. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    360 Systems bauten neben dem Slavedriver (in erster Linie zur Ansteuerung eines Oberheim SEM gedacht) noch ein weiteres schickes Gerät, bei dem Slavedriver und SEM in einem Gehäuse untergebracht waren („Spectre“). Außerdem gab es den überaus nützlichen (und noch selteneren) 20/20 Frequency Shifter, den z. B. Larry Fast auf seinen frühen Synergy-Alben einsetzte.
    .
    Ferner war Bob Easton federführend bei der Serienproduktion der Linn LM-1, die nach der ersten von Roger Linn zusammengebratenen Handvoll (und den damit verbundenen Mängeln und Kinderkrankheiten) bei 360 Systems gefertigt wurde. Easton entwickelte auch die Cymbal-Erweiterung für die LM-1.
    .

  3. Profilbild
    swissdoc  RED

    Im Synthorama in Luterbach CH steht ein 360 Systems Digital Keyboard. Wenn man das so direkt über Kopfhörer abhört, klingt es recht unspektakulär und fast schon langweilig. Somit herzlichen Dank für die schönen Sound-Demos des MIDI Bass Pro.
     
    Anderen Quellen zufolge wurden die Geräte wir folgt auf den Markt gebracht:
     
    Digital Keyboard (1982)
    MIDI Bass (1986)
    MIDI Bass Pro (1987)
     
    Der MIDI Bass ist ein Desktopgerät mit einem dedizierten Slider zur Anwahl des Midi-Kanals. Andere Zeiten.
     
    Die Liste mit Sounds zum Digital Keyboard gab es bei den Unterlagen, die das Synthesizerstudio Bonn damals gegen Einsendung von DM 5 in Briefmarken verschickt hat.
     
    Ach ja und sorry für’s Klugscheissen: Einen Microwave 1 gibt es nicht. Es gibt einen Microwave und einem Microwave II, sowie die Varianten Microwave XT und Microwave XTk. Als Exot gab es weiterhin noch den TerraTec microWAVE PC als Erweiterungsmodul für das AudioSystem EWS64 L/XL…

  4. Profilbild
    lightman  AHU

    In den 90ern bekam ich mal einen 19″ MIDI-Bass im Rahmen einer Studioauflösung für 400.- DM angeboten. Nach einem kurzen Test lehnte ich dankend ab, der Klang war eigentlich gut, die Klangcharakteristik paßte aber nicht zu meiner Musik.

    Mittlerweile interessiere ich mich wieder für Drummachines wie Sequential TOM und andere frühe Samplebüchsen, ich sehe da einiges Potential für „Sample-Mißbrauch“ und Circuit Bending. Beim MIDI-Bass werden die Samples geloopt, geschieht das mit fixen Loops per Speicherplatz oder wie habe ich mir das vorzustellen? Was käme beispielsweise raus, wenn ich einen Sprachfetzen oder zufällige Geräusche ins EPROM brenne, würde das automatisch geloopt werden?

    Man stelle sich vor: Ein MIDI-Bass mit 16 Mini-Noise-Loops oder Percussion, oder wie wäre es mit einem gesprochenen Satz mit 16 Worten, verteilt auf die 16 Speicherplätze, schön mit Loops an der völlig falschen Stelle, dann in den Waldorf 2-Pole und schließlich in den Monotron Delay, damit es richtig schmutzig wird…

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