Green Box: Alesis ION, VA-Synthesizer

4. August 2018

Der Alesis ION, ein virtueller Andromeda?

Alesis ION

Die hochgesteckten ALESIS ION Ziele

Die Firma Alesis versprach uns 2003 mit dem ION einen analog-modeling Synthesizer, der die Schaltungen eines analogen Synthesizers nahezu perfekt nachbilden sollte. Und man gab vollmundig zu Protokoll, dass man aus der Entwicklung des analogen Andromeda A6 aus gleichem Hause viel gelernt habe und die Erkenntnisse in den Bau bzw. Programmierung des IONs habe einfließen lassen.

Und so ist es nicht verwunderlich, wenn im Handbuch unter der Rubrik „Frequently Asked Question“ die Frage gestellt wird, ob die Programme des IONs mit dem des Andromedas kompatibel seien. So, nun mal langsam mit den jungen Pferden. Hat da die Firma Alesis einst ein bisschen hochgestapelt?

Der ION hatte es seinerzeit nicht leicht. Die VA-Synths waren zwar 2003 immer noch gefragt, aber hatten ihren Zenit auch bereits überschritten. Der Clavia Nordlead 3, der 2001 auf den Markt gekommen war, konnte die wirtschaftlichen Erwartungen seiner Erfinder bei Weitem nicht erfüllen. Roland hatte es ebenfalls nicht geschafft, ihr Erfolgsmodell Roland JP-8000 aus dem Jahr 1996 in irgendeiner Weise fortzusetzen. Und Yamahas AN1X aus dem Jahr 1997 war ebenfalls mehr eine Eintagsfliege. Nur Access landete mit seiner dritten Auflage des Virus, namentlich mit einem C gekennzeichnet, erneut 2002 einen Volltreffer.

Für die wunderschönen Bilder möchten wir uns herzlich bei Rüdiger Gaenslen bedanken.

Kostengünstige VA-Synths in Form von Plug-ins waren auf dem Vormarsch und machten ihren Hardware-Wettbewerbern das Leben zunehmend schwerer. Und so war auch die Markteinführung des ALESIS ION kein Erfolg beschienen – und das trotz eines Kampfpreises bei Markteinführung von unter 1.000,- Euro.

Inzwischen hat sich aber rund um den ALESIS ION eine true Community entwickelt, die den ALESIS ION in Ehren hält und auch ein wenig glorifiziert. Entsprechend selten ist die Gebrauchtmarktsituation und liegt preislich inzwischen auf Augenhöhe mit einem Virus C oder einem JP-8000.

Also werfen wir doch mal einen Blick auf diesen kleinen achtstimmigen Virtuell-Analogen und prüfen, inwieweit er wirklich den Spirit und Sound eines Alesis Andromeda innehat.

Alesis ION

Handsigniertes Exemplar von Techno-Producer Anthony Rother

Hardware

Ohne Zweifel, den ION-Entwicklern ist ein wirklich schönes Stück Hardware gelungen. Das sehr kompakte, 9 kg mittelschwere Metallgehäuse beeindruckt durch seine schlichte Eleganz. Die roten Kunststoffseiten bringen Farbe ins Spiel. Das sterile Design erinnert ein wenig an den Hartmann Neuron, obwohl Axel Hartmann, Designer des Neuron und Andromeda A6, diesmal nicht mitgewirkt hat. Das hochwertige, anschlagdynamische 49-Tasten Keyboard ist sehr gut spielbar – manchmal wünscht man sich jedoch eine größere Tastatur. Auf dem Bedienpanel tummeln sich 32 Drehregler, 68 Taster und 3 transparente Modulationsräder. Die Drehregler sind bis auf den Main-Volume-Regler als Endlosregler konzipiert. Die Taster sind meiner Meinung nach zu klein geraten und haben einen zu hohen Druckpunkt. Aus diesem Grund lassen sie sich manchmal etwas schwergängig betätigen. Die Beschriftung der einzelnen Elemente ist zu klein geraten.

Ein visuelles Highlight im wahrsten Sinne des Wortes sind die beleuchteten Modulationsräder, die je nach Intensität des Modulationssignals heller leuchten. Nie wieder modulierte Sounds auf der dunklen Bühne, wo keine sein sollen! Auch die Oktav-Verstimmungsknöpfe der Oszillatoren leuchten umso heller, je mehr nach oben oder unten verstimmt wird. Die Bezeichnung „Presetbank“ gehört der Vergangenheit an. Im ION heißen sie einfach Red, Blue und Green – die dazugehörigen Taster leuchten selbstverständlich in einer dieser Farben. Farben kann sich der Mensch sowieso besser merken als Zeichenfolgen. Mein Lieblingsbass befindet sich in der blauen Bank – ist doch besser zu merken als Preset 2, oder?

Interessant ist, wie es unter der Abdeckhaube aussieht. Der ION verwendet für jede der 8 Stimmen einen eigenen DSP, der von Alesis entwickelt wurde. Ein neunter DSP wird zur Berechnung der Effekte verwendet. Damit hat der ION laut Alesis die fünffache Rechenleistung wie vergleichbare DSP-basierte Synthesizer. Das Gerät ist sehr robust aufgebaut. Die Drehregler sind mit der Bedienoberfläche verschraubt – nicht einfach auf die Platine gelötet – absolut bühnentauglich!

Alesis ION

Klangbeispiele
Forum
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    falconi  RED

    „Das sterile Design erinnert ein wenig an den Hartmann Neuron, obwohl Axel Hartmann, Designer des Neuron und Andromeda A6, diesmal nicht mitgewirkt hat.“
    Tatsächlich? Dann vermute ich, dass sie sich den Zeichnungssatz mit Stückliste vom Neuron haben schicken lassen, um ihrem Haus-Designer zu sagen: „Mach‘ mal genauso, nur kleiner…“ So wie das Teil klingt, hätte ich sogar die eine oder andere Zeile Neuron-Code im ION vermutet…aber das weißt Du besser, Du hast ja offenbar auch einen Hartmann zuhause.;)

    „Ich würde den ALESIS ION jederzeit einem Access Virus C den Vortritt geben.“
    Ich nich‘!

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      Michael Krusch  

      Schwierig ist ja vorallem, etwas Neues zu schaffen. Sich ein paar Hartmann-Designs zu nehmen und daraus etwas ähnliches zu erschaffen, ist leichter.

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        falconi  RED

        Ich war nur überrascht, weil es ja wirklich eine Geschäftsbeziehung zwischen Alesis und Design Box gab und der ION so neuronisch waldorfig aussieht. Aber vielleicht ist ja genau das ein Indiz dafür, dass der ION nicht von Axel H. gestaltet wurde…

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    Soundreverend  

    Ich habe mir den ION vor Jahren gekauft weil ich das Design wirklich toll fand (und finde) und viel Positives gelesen hatte. Aber der Sound hat mir dann leider überhaupt nicht gefallen, der Charakter hat irgendetwas „hohles“, weiss nicht wie ich das beschreiben soll und auch zur Programmierung habe ich keinen Zugang gefunden mit den Mehrfachbelegungen. Also habe ich mich nach kurzer Zeit wieder ohne Wertverlust davon getrennt. Aber immer wenn ich den ION wie in diesem Bericht sehe, kommt ein „Haben wollen“ Gefühl, das Design halt…

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    Moonbooter  

    Also, ich hatte mal den Ion und auch den Micron. Letzter hat i.m.h.o. die gleiche Engine plus ein paar Effekte mehr. Aber: Micron und somit auch Ion liegen vom Sound her weit hinter Virus C und NordLead2. Zumindest wenn ein ausgewiesener VA auch nach VA klingen soll. Ion/Micron erinnerten mich an den M-Audio Venom. Sie klingen etwas nach Plastik, wobei auch das seinen Charme haben kann. Das Einzige, was beim Ion/Micron richtig gut war und ist, sind die Drums. Die sind extremst punchy.

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    dflt  

    „Ein Delay oder Hall-Effekt sucht man vergeblich – merkwürdig, denn über die notwendigen Algorithmen sollte die Firma Alesis eigentlich verfügen. Mal sehen, was da mit einem der nächsten Updates auf die ION-Besitzer zukommt.“

    es gibt doch nicht ernsthaft noch updates für den ion, oder? ;)

    hab den ion vor jahren mal gespielt. fand ihn ganz interessant. aber eher als digitaler synth, denn als ersatz für nen analogen synth… ist aber auch schon ein paar jahre her.

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      Obie69  

      Ich fand den Sound anfangs auch etwas statisch, jedenfalls den der Presets. Dank der zahlreichen Filtertypen und der umfangreichen Modulationsmatrix lässt sich aber sehr viel rausholen und man kann den ION sowohl sehr analog klingen lassen als auch sehr crisp und kühl. Dem Autor muss ich in dem Punkt recht geben, dass die Oszillatioren für sich schon sehr analog klingen. Wenn man sich etwas intensiver mit dem ION befasst, birgt er jede Menge Überraschungen, die man bei anderen VA vergeblich sucht.

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    Moogfeld  

    Sehr schöner Bericht, Danke an die beiden Autoren.
    Als Micron und Andromeda User spiegelt das gesagte weitgehend auch meine Eindrücke wieder. Mich hat beim Ion/Micron auch immer schon das Design super inspiriert…ist bei beiden Kisten irgend wie sehr „spacy“ und hat etwas einzigartig eigenständiges. Das sehen offensichtlich auch andere so, denn gegenüber dem Micron ist der optisch unterirdisch verunglückte Akai Miniak bei gleicher Klangerzeugung offensichtlich doch weit weniger gefragt…..naja, das Auge hört eben mit. Klanglich sehe ich die Ion/Micron Engine jedoch keinesfalls vor einem Virus. Meinen B und TI würde ich nie vor einem Ion oder Micron weggeben. Ich möchte hier jedoch keinen Glaubenskrieg entfachen, Ion/Micron und Virus.. ich mag beides, alle besitzen einen individuellen Charakter und die Empfindung der Klangästhetik ist ja bekanntlich immer auch super subjektiv…………

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      gaffer  AHU

      Der grosse hat ein gutes Design, das kann man aber nicht einfach verkleinern, ohne die Höhe auch anzupassen. Daher ist für mich Micron designtechnisch voll daneben, ein Klotz, mit der Anmutung eines Möbelstücks von der Seite. Nee, so einfach geht das nicht.

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        Moogfeld  

        Das schöne an unserer Welt ist, das jeder Mensch diese mit seinen eigenen Augen betrachten darf.
        Von daher lässt es sich insbesondere über Sound und Design auch immer wieder intensiv und ergebnisoffen diskutieren.
        Mir gefällt der „kleine spacey Klotz“, dir halt nicht…..kein Problem, Peace, alles gut!

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    Obie69  

    Ich denke, das Problem beim ion sind mE die echt schlechten Presets. Durch 2 LFO, 2 Unabhängige Filter mit zahlreichen Modi,FM, Sync, Hüllkurvenshape von Dreieck zu Sägezahnwellen, was man dazu noch alles schön im Display sehen kann, dazu drei wheels und zahlreiche Modulationsziele, geht schon extrem viel. Ich habe es gestern nochmal intensiv probiert. Techno Künstler Anthony Rother hatte drei davon. Einer davon ist hier abgebildet und Anthony hatte mir den Tipp gegeben, ich solle mich einfach mal intensiv damit beschäftigen. Er hat das Instrument hier im einem Interview enorm gelobt. Ich denke, da man nicht gleich intuitiv mit dem Instrument warm wird, war es relativ erfolglos und hat nun eine kleine, aber eingeschworene Fan Gemeinde.

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    Tolayon  

    Also irgendwie schafft der Ion es, je nach Tagesform fast völlig konträre Gefühle in mir auszulösen.
    Vor einigen Monaten noch fand ich das Design hässlich und steril und den Klang VA-mäßig plastikhaft.

    Aber jetzt wirkt die Kiste auf mich mit einem Mal wesentlich akzeptabler, auch wenn ich noch nicht bereit bin, mir ein solches Exemplar gebraucht zuzulegen.
    Aber wenn ich es täte, stünde ein aktuelles, digitales Space-Echo von Roland gleich mit auf der Einkaufsliste. Das dürfte dem Ion-Sound noch einmal wesentlich mehr „Vintage“-Würze mitgeben …

    (Was im Grunde genommen auf jeden Synthesizer zutreffen sollte; wer das Geld übrig hat, kann auch gleich ein echtes Tape-Echo nehmen.)

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    Organist007  

    besser einen kawai K 5000s nehmen, der ist zwar additiv, kann aber auch sehr analog klingen…
    und mehr soundmöglichkeiten !

    Programmierung ist allerdings ein Wahnsinn !

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    ZolloZ  

    Ich arbeite seit über 10 Jahren mit dem ION. Für mich ist der ION ein Synth, welcher weder mit einem Analogen (Andromeda) noch einem anderen Virtuel-Analogen verglichen werden kann.
    Ein vor oder hinter Virus usw…. gibt es sowieso nicht (man vergleicht auch kein Klavier mit einer Orgel). Wer Virus Sound will, muss Virus kaufen.
    Der ION hat seinen eigenen Charakter, den man auch mit keinem anderen Synth immitieren kann/soll. Und diesen Charakter muss man wollen.

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