Green Box: E-Mu EMAX II, Sampler & Synthesizer

15. Mai 2015

Viel mehr als nur Depeche-Mode!

Für mich ist dieser Artikel eine Herzensangelegenheit, war doch der E-Mu EMAX II über viele Jahre hinweg so etwas wie mein Hauptinstrument. Von seinem Erscheinen im Jahr 1989 bis ins Jahr 2002 bin ich diesem Kreativtool treu geblieben und konnte wirklich jedes Feature im Schlaf bedienen.

Über den Vorgänger E-Mu EMAX I gibt es übrigens auch einen umfangreichen und sehr persönlichen BLUE BOX Report von „Costello“, den ihr HIER findet.

Seit Alan Wilder von Depeche Mode im Jahr 2011 seinen EMAX II Turbo mit den Soundkreationen der Alben VIOLATOR und SONGS OF FAITH AND DEVOTION versteigerte, begann ein neuer Hype um den EMAX II, der ihn (verdienter Maßen) am Gebrauchtmarkt in neue Sphären hob.

Als sich vor Kurzem die Gelegenheit bot, ein EMAX II Rack mit 8 MB zu ergattern, schlug ich zu. Ich wollte an mir selbst testen, ob mich der EMAX II auch heute noch musikalisch zu begeistern weiß, oder ob in Zeiten von Plug-ins und Kontakt ein voll und ganz digital aufgebauter Sampler nur noch nostalgischen Wert hat.

1989 – ein Schlüsselerlebnis

Der EMAX I war in die Jahre gekommen, hatte wenig Speicher, nur 12 Bit Auflösung und von „analogen“ Filtern verstand ich (noch) nicht viel. E-MU hatte ein Jahr zuvor den Emulator III auf den Markt gebracht. Sicher, ein wünschenswertes Objekt, aber so teuer wie ein Mittelklasse-Wagen (DM 28.000 mit 8 MB) und damit außerhalb meiner finanziellen Reichweite.

Und dann die Ankündigung, dass es demnächst einen neuen EMAX geben würde, der dem Emulator III in kaum einem Punkt nachstünde und ebenfalls aufrüstbar sei auf bis zu 8 MB. Stereo sollte er sein, 16 Bit sollte er haben und Festplatten sollte man anschließen können.

Im Dezember 1989 sprach sich dann im Freundeskreis schnell herum, dass ein solch unglaublicher Sampler in der Münchner Filiale des Synthesizerstudio Bonn ausgestellt war. Einfach hingehen und ausprobieren war aber nicht. Ähnlich wie heute bei APPLE SHOPS musste man sich einen Termin geben lassen. O ja!
Ein gewisser Wieland Samolak empfing einen dann und führte einem den E-Mu EMAX II ausgiebig vor. Und zwar ohne dass außer ihm und meiner Wenigkeit sonst noch irgend eine andere Person im Laden war.

Mein Equipment 1990, Emax II, FZ10M, TX802 und außerhalb des Bilder R8

Mein Equipment 1990, Emax II, FZ10M, TX802 und außerhalb des Bilder Roland R8

Der E-Mu EMAX II befand sich zu diesem Zweck auch nicht in irgendeiner überfüllten Keyboard-Ecke, sondern thronte auf einem Edelstahl/Aluminium-Tisch zwischen zwei Studiomonitoren in der Mitte des stilvoll eingerichteten Ladens, wie der goldene Gral.

Anbetungswürdig lud Wieland ein komplettes Orchester und eine Demo-Sequenz in den voll ausgebauten Sampler und bat mich – in gewissem Abstand – direkt vor dem EMAX II Platz zu nehmen.

Wie ein Hammerschlag ertönte plötzlich Beethovens 5. Symphonie und raubte mir den Atem.

Da spielte der interne Sequencer auf 16 Spuren tatsächlich einzelne Instrumente und verwandelte das Synthesizerstudio Bonn in einen Konzertsaal. Etwas derart Verblüffendes hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie erlebt.

Wieland Samolek, ca. 1990 im Synthesizer Studio Bonn in München

Wieland Samolak im Synthesizerstudio Bonn, Filiale München

Im Prinzip hatte nach dieser erstaunlichen Präsentation Wieland Samolak ein einfaches Spiel mit mir. Ich verkaufte alles, was nicht niet- und nagelfest war, nahm zusätzlich einen Kredit auf und war innerhalb von zwei Wochen einer der wenigen Besitzer eines E-Mu EMAX II Turbo Keyboards mit 8 MB und interner Festplatte zum stolzen Preis von DM 13.400.

E-Mu Emax II Rack Version

Synthesizer oder Sampler?

Im EMAX II Test-Fazit des „Keyboards“ Magazins resümierte Peter Gorges im Januar 1990:

„Meinem  Gesamteindruck nach ist der EMAX II ein ausgesprochen empfehlenswertes Instrument für Musiker, die in einem Sampler eher ein Musikinstrument als ein Recording-Tool sehen. Unter diesem Aspekt ist der neue E-Mu momentan ohne Konkurrenz“

Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen.

Anders als alle Wettbewerber verband der EMAX II einen hochwertigen 16 Bit-Stereo-Sampler mit einer enorm ausgefuchsten und überzeugenden Synthese-Einheit.

Es war auch das letzte Produkt, an dem E-Mu Firmengründer Dave Rossum persönlich mitwirkte. Dave hatte zeitlose Klassiker wie das E-Mu Modular System, die SP-12 oder den Emulator II erfunden. An dieser Stelle gleich ein Hinweis, dass wir seit Wochen ausführlich mit Dave Rossum im Gespräch sind und demnächst eine ganz außergewöhnliche, mehrteilige Story über Daves Leben veröffentlichen werden.

Emax II CHemie

Für den EMAX II hatte Dave mehrere neu Chips entworfen, darunter für die Emulation eines analogen Filters den sogenannten H-Chip. Nach heutiger Erkenntnis klang dieser so gut, dass man damit bereits 1989 einen reinen VA-Synthesizer auf den Markt hätte bringen können, der einem Clavia Nordlead aus dem Jahr 1995 in Nichts nachgestanden hätte.

Damit aber nicht genug, bot der EMAX II die additive Synthese seines Vorgängers EMAX I unter dem Begriff Spectrum Synthese und ganz neu, die sogenannte Transform-Multiplication Synthese.

Sampling

16 Stereo-Stimmen ließen sich mit dem EMAX II gleichzeitig abfeuern. Für damalige Verhältnisse eine außerordentliche Leistung und damit dem Emulator III ebenbürtig, der das Doppelte kostete. Die Auflösung betrug 16 Bit, die maximale Samplingrate aber nur 39 kHz.

Original Emax II Anzeige von 1990

Original Emax II Anzeige von 1990

Mit dieser Einschränkung versuchte man den EMAX II vom Profi-Markt abzugrenzen, hatte sich dort doch schon längst 44 kHz als Standard etabliert. Aber die Einschränkung war nicht so dramatisch, wie man zunächst meinen mochte.

Da es die EMU III Library 1:1 auch für den EMAX II gab, konnte man die Soundbänke mühelos vergleichen. Ließ man die analoge Nachbearbeitung außer Acht und spielte man nur die puren Samples ab, gab es so gut wie kaum Klänge, bei denen sich die fehlenden 5 kHz bemerkbar gemacht hätten.

Bedienung

Ein weiteres Manko war das halb so große Display zum größeren Bruder.

Eine echte Einschränkung war das aber nicht. Ganz in der Emulator-Tradition war nämlich die komplette Menüführung auf das Gehäuse gedruckt und führte zu einem extrem schnellen und effizienten Arbeiten.

Man wählte über die Drucktaster das entsprechende Hauptmenü und gab daraufhin einfach die Zahl des Menüpunktes ein. Danach begann man mit der Dateneingabe im Display über die Cursor und Plus-Minus-Tasten. Ich empfinde diese Art der Menüführung sogar heute noch komfortabler als vergleichsweise bei einem AKAI S5000 oder EMU IV mit zehnmal größerem Display.

EMAX II Right

Nur die fehlende grafische Darstellung von Wellenformen war tatsächlich ein Handicap beim Erstellen von Loops und Truncates, aber auch hierfür gab es ein paar leicht erlernbare Kniffe, mit denen man relaliv schnell auch ohne Grafiken zu sehr guten Ergebnissen kam.

Extrem innovativ war hingegen die Möglichkeit, die analoge Nachbearbeitung unabhängig von der Sample-Platzierung vornehmen zu können. Angenommen, Sie hatten nur ein Sample über die gesamten Tastaturbreite aufgespreizt, ließen sich z.B. trotzdem unterschiedliche  Filter-Einstellungen pro Oktave oder sogar pro Taste definieren. Man war also nicht gezwungen, sich um Splittpunkte der Samples in einem Multisample zu kümmern, sondern konnte davon unabhängig einen Tastaturbereich definieren und dann mit der analogen Nachbearbeitung beginnen.

Klangbeispiele
Forum
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    tomk  AHU

    Sampler waren absolut der unbezahlbare heilige Gral zu IHRER Zeit … mein erst leistbarer Einstieg war der Akai S900.

    Sind Sie Herr „Peter Grandl“, denn eigentlich der Bruder von Herrn legendär Parkcafe „Hansi Grandl“? Sollte dem so sein, so war ihr Tonstudio das Allererste welches ich je betreten habe.

    Wusste auch gar nicht das Herr Matten eine M-Filiale betrieb … der Herr weiß immer wieder zu überraschen.

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      Tyrell  RED

      Nein, bin ich nicht. Aber zum einen kenne ich Hansi gut, zum anderen habe ich sehr oft Peters Rechnungen erhalten, da uns die Münchner Händler gerne verwechselt haben :-)

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    Gul Dukat  

    Danke für den tollen Bericht, Peter. Das deckt sich ungefähr mit meinem Erfahrungen und ging soweit, dass ich vor 3 Jahren mir wieder einen Emax II (Turbo) zugelegt habe. Damals hatte ich meinen Emax verkauft, weil es hiess, die EOS-Serie liest auch die Emax-Sounds. Und da ich viel eigene Sounds mit dem Emax gebaut hatte, wollte ich diese unbedingt weiterverwenden. Aber leider klangen die auf dem E64 (später E6400 Ultra) nie so wie auf dem EmaxII. Daher bin ich froh, wieder den originalen Emax zu haben.

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    wjm

    Toller Bericht! Auch ich bin immer noch bekennender Emax-II-Fan. Schade nur, daß in dem Bericht die überaus wichtige Sonderfunktion „Bird Run“ unterschlagen wurde… ;-)

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    TobyB  RED

    Hallo Peter,

    sehr gut geschrieben. Die Spektrum Synthese dürfte eine Implentierung der „schnellen“ Fourier Transformation sein. Mit sowas kann man junge Menschen an den Limes treiben ;-) Entweder man versteht sie anzuwenden, oder macht fröhlich Try and Error. Ich hab mit damals nur wegen dem H Chip extra ne Soundkarte gekauft. Für mich ist der Sound von E-mu nachwievor relevant.

    Grüße

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    MidiDino  AHU

    Danke für die Erläuterung, gerade weil ich das Gerät niemals ausprobierte. Erst mit dem E4 begann ich mich fürs Samplen zu interessieren. Die in Zeiten des Emax II hörbaren Pop-Klänge fand ich zumeist langweilig. —-

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    Gul Dukat  

    Peter, Du verkaufst den Emax II schon wieder in der Bucht?
    Dann kann man Deinen Satz „…. oder ob in Zeiten von Plug-ins und Kontakt ein voll und ganz digital aufgebauter Sampler nur noch nostalgischen Wert hat.“ mit letzterem beantworten ? ;-)

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      Tyrell  RED

      Nein, ich bin ein Hardware-Fanatiker und der Verkauf passiert genau aus einem Grund, ich habe einfach zu viel Equipment (Schau dir in meinem Profil meine Equipmentliste an). :-)

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    vds242

    Was mir hier fehlt, ist der hörbare Vergleich der Filter, bezogen auf eine simple Sägezahnwellenform, zwischen EmaxII und EIIIXP/EIV!
    Das die Filter unterschiedlich klingen, kann man zwar oft lesen, aber seltenst hören.
    Gerade das Resonanzverhalten des Filters im EmaxII, ist komplett anders, als bei den Tiefpassfiltern der Nachfolger. Dünnt der Klang bei aufgedrehter Resonanz, bei allen Emus nach dem EmaxII sehr aus, so behält letzerer Kraft und Durchsetzungsvermögen.
    Warum so etwas aber nicht an simplen Audiobeispielen auch endlich mal zu hören ist, finde ich persönlich, dann doch etwas schwach.
    Gerade einmal drei Beispiele anhand der SE Synthese.
    Ich hatte mal zwei EmaxII Racks. Beide empfand ich als recht noisy an den Ausgängen.
    Vielleicht wirklich nur Zufall, das beide Geräte eventuell defekt waren?
    Als Zusatzinfo vielleicht noch, das der EIIIXP/XS das EMAXII Format am besten importieren kann.
    Die komplette E4 Reihe importiert fehlerhaft. Gerade bei selbst erstellten Samples aus dem EmaxII, kann schon mal ein Sample falsch geloopt sein, oder out of tune.
    Zur Speichererweiterung wäre noch anzumerken, das eprelectronics aus den USA, einen Code anbietet, die die bekannte, Speicher Upgrade Diskette überflüssig macht. Wer also schon das optionale Ram Board hat, mit z.B. 4MB, der kann seinen EmaxII dann doch aufrüsten.
    Info dazu im EIII Forum.

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    TZTH  

    Ja, ja – die Götter vom Synthesizerstudio Bonn ;-)
    Ich hatte dort ehrfürchtig einen Ensoniq VFX 1989 gekauft. Man war froh wenn man vom Verkäufer nicht was gefragt wurde was man nicht beantworten konnte und dankbar, dass man den Laden betreten durfte. How times have changed …

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    Micky  

    Sehr lesenswerter Bericht. Man spürt die Freude des Autors am Gerät :)
    Mit Sampling hatte ich in der Anwendung erst so wirklich Ende der 1990 als Relikt der Serien-Vertonung zu tun.
    Ein Kurzweil K-2500 Keybpard-Sampler wurde einige Zeit benutzt, um „Der Clown“ von Action Concept zu vertonen/Sounddesign zu betreiben.
    Ein wirklich gut klingender Sampler, aber kurz danach wurde eigentlich nur noch „In the Box“ gearbeitet. Avid AudioVision … anyone? :)
    Seitdem hatte ich eigentlich so gar keine Lust mehr, mich durch Parameter-Pages zu schrauben und habe den Computer als Werkzeug immer bevorzugt, bis, tja .. bis ich mir Anfang der 2000 einen Virus Indigo zum schrauben kaufte und 2011 in die bunte Welt der modularen Klangerzeugung, aka Euro(c)rack eintauchte.

  10. Profilbild
    dilux  AHU

    der emax II ist ein fantastisches instrument mit einem extrem druckvollen und warmen grundklang. wir haben den emax live immer zum abspielen von bass-loops benutzt, weil uns die sh09 zu schade für die bühne war und mir kam es subjektiv immer so vor, dass der emax noch druckvoller klang als das original! auch synth-lines und chords kamen als samples aus dem emax und liessen sich wunderbar mit dem erstklassigen filter modulieren. absoluter kauftip!
    wer übrigens auf der suche nach einer sp 1200 ist, kann viel geld mit dem kauf eines emax I bei echtem mehrwert sparen…

  11. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    „Mir ist bis heute noch nie ein zerbrochener EMAX II unter die Augen gekommen, noch habe ich von abgesplitterten Gehäuseteilen gehört […]“ — mir auch nicht, bis auf den mittig beinahe rechtwinklig durchgeknickten Emax, der mal beim SSB auf der Werkbank landete, während Archie Lenzgen mit meinem Patienten beschäftigt war.
    War ein interessanter Anblick. Moderne Kunst.

  12. Profilbild
    roger-s

    Kann mir jemand sagen, wieviel die Tastaturversion des Emax II wiegt? Ich plane, ihn im Flieger mitzunehmen…

    Vielen Dank.

    Roger

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