Green Box: E-mu Virtuoso, Orchestra Rom-Player

25. September 2000

Einst Königsklasse der Orchester-Module

Die quälende Suche nach passendem Soundmaterial und damit verbundenen, ärgerlichen Ladezeiten sind passé.
Im Handumdrehen haben sie im Virtuoso auf 32 Kanälen ein komplettesSymphonieorchester arrangiert und können dies, dank 128stimmiger Polyphonie, auch noch spielen.

Als vor gut 10 Jahren EMU seine PROTEUS Erfolgsstory begann, folgte kurz nach dem Ur-Proteus schon eine spezialisierte Version mit dem bezeichnenden Namen ORCHESTRA.
Vollgepackt mit 8MB Samples des damaligen EMU III Samplers, fand der PROTEUS ORCHESTRA bald Einzug in viele Studios und erfreut sich selbst heute noch großer Beliebtheit.
EMU hat lange gezögert, einen Nachfolger für dieses Orchester-Modul ins Rennen zu schicken. Die Preise für die Sampler aus eigenen Reihen sind immer weiter gefallen und CD-ROMS, gefüllt mit Orchester-Instrumenten gibt es in Hülle und Fülle. Die Entscheidung, einen „Rompler“ gegen diese übermächtige Konkurrenz ins Feld zu führen fiel EMU schwer.
Entsprechend hoch waren deshalb unsere Erwartungen an den neuen EMU Virtuoso. Obwohl bis auf die silberne Farbe die Ähnlichkeit zu seinen Brüdern („X-Treme Lead“, „MoPhatt“ und „B3“) der neuen PROTEUS Family täuschend ähnlich ist, so gibt es doch einige wichtige Unterschiede. Hier kurz die wichtigsten, technischen Eckdaten

Haptik: Der E-Mu Virtuoso von aussen

Der VIRTUOSO steckt im Gehäuse der neuen Proteus-Serie, bietet aber eine bessere Hardwareausstattung wie seine Geschwister. 4 Drehregler (schade, leider keine Endlosregler) erlauben über eine Matrix die Echtzeitkontrolle von 12 Parametern, der 5. Regler bestimmt die Lautstärke des Main-Outputs. Ein zweizeiliges Display (je 24 Zeichen) hilft einem bei der Navigation durch die Menüseiten. Rechts daneben folgen 8 Tasten, ein Dateneingaberad sowie der Power On/Off Knopf. Ebenfalls frontseitig befindet sich ein Kopfhörerausgang. Rückseitig beginnen die Unterschiede zum Rest der PROTEUS-Family: Statt eines Stereoausgangs befinden sich dort drei analoge Stereoausgangspaare, die selbstverständlich auch als 6 Mono-Ausgänge genutzt werden können.

Wie bei vielen EMU Produkten, so lassen sich auch hier die Audioausgänge als Effektinserts nutzen. Bedient man sich eines handelsüblichen Insert-Kabels und verbindet damit einen der Subausgänge mit einem externen Effektprozessor, so werden alle Instrumente, die an den Subausgang geroutet werden, automatisch durch den externen Effekt geführt, wieder zurückgeleitet an den Virtuoso und schließlich über den Main-Output ausgegeben.
Ein zusätzlicher S/PDIF erlaubt auch die digitale Abnahme aller Audiosignale. Neben dem üblichen Midi-Trio sind im VIRTUOSO zwei weitere Midi-Buchsen integriert (IN/THRU) um auf Wunsch einen 32fachen Multimode zu ermöglichen.
Abschließend sei erwähnt, daß der Virtuoso über ein integriertes Netzteil verfügt.

Technik: Der E-Mu Virtuoso von innen

Der Virtuoso bringt mit 128 Stimmen eine doppelt so hohe Polyphonie auf die Waagschale wie die restlichen Proteus-Mitglieder. Auch der mit 64MB großzügig bemessene ROM Sample-Speicher übersteigt die Kapazität ums Zweifache.
Zwei weitere ROM Boards mit maximal je 32 MB können nachträglich integriert werden. Neben 512 fest programmierten Sounds im ROM Bereich lassen sich weitere 512 Sounds selbst kreieren und abspeichern. Zusätzlich gibt es einen User-Speicher für 128 Multi-Set-Ups.

Und was fehlt? Die Rythmic Pattern und Arpeggiatoren der Brüder wurden dem Virtuoso vorenthalten. Ich gebe zu, dass kaum einer der Virtuoso-Kunden dieses Manko bemängeln wird, dennoch wäre es für die EMU Ingenieure ein Leichtes gewesen, dieses Feature auch in den Virtuoso zu integrieren.

Bedienung

Es ist immer wieder erstaunlich, wie EMU es schafft, eine leicht zu bedienende und gut strukturierte Bedienerführung für ihre Synthesizer und Sampler zu programmieren. Mein erstes „aha“ Erlebnis hatte ich seinerzeit mit dem EMAX II, der mit einem 2×16 Zeichen Display wesentlich einfacher und schneller zu programmieren war, als alle damaligen Mitbewerber. Auch der VIRTUOSO gehört zur Gattung „erklärt sich von selbst“. Zum Durchforsten des umfangreichen Soundpotentials nach geeigneten Klängen gibt es zwei Möglichkeiten.

Entweder der Cursor steht unterhalb der Soundnummer, dann können Sie sich langsam, aber sicher durch die 1024 Sounds steppen, oder sie bewegen den Cursor auf die kleine Abkürzung vor dem eigentlichen Soundnamen z.B. „str“, dann erscheinen im folgenden nur noch Streicherklänge. Alle Virtuoso Klänge wurden einer von 14 solcher Sound-Kategorien zugeordnet.
Möchten Sie nicht jeden angewählten Klang selbst anspielen, genügt ein Druck auf die AUDITION Taste und schon zieht der Virtuoso eine passende Phrase aus dem Ärmel und spielt den Klang selbst an. Hat schließlich ein Klang Ihre Gunst gefunden, verfügt aber z.B. noch über eine zu harte Attackphase der Amplitudenhüllkurve, genügt ein Eingriff an der Matrix, die ich zu Beginn erwähnt habe. Etwas verwirrend dürften für viele Anwender allerdings die Begriffe sein, die man innerhalb der Matrix den Parametern fest zugeordnet hat. So steht z.B. TONE für Filter Cut Off und PRESENCE für Resonanz. EMU zielt damit offensichtlich auf die komponierende Klassikfraktion, die ansonst weniger mit Synthesizern zu tun hat. Die Erstellung von Multi-Set-Ups, die es erlauben, 32 verschiedene Klänge über 32 Midikanäle (A 1-16 und B 1-16) anzusteuern, ist gewohnt einfach.
Aber auch die Programmierung über das Display, bis hinunter in die Tiefen von LFO´s, Hüllkurven und Filtern, geht relativ einfach von der Hand. Wer allerdings aufwendige Synthesizersounds kreieren möchte, was mit dem Virtuoso kein Problem darstellen sollte, hat es mit einem externen Editor vom Schlage eines Sounddivers natürlich einfacher.

Der Sound des E-Mu Virtuoso

WIE KLINGTS DENN? Der Samplespeicher des VIRTUOSO beinhaltet definitiv nur die reine Klassikabteilung. Von Flöten bis Violinen, von Cellos bis Pauken. Auf ein Klavier wurde gänzlich verzichet, dieses lässt sich aber auf Wunsch über einen der Expansion Slots nachrüsten.
Ebenfalls nicht vorhanden sind Chöre oder einzelne Vocals. Besonders Streicher, Trompeten und Bläsersätze sowie jede Art von Percussion haben mir sehr gut gefallen. Alle Samples bestechen durch eine hervorragende Audioqualität, nur die Flöten haben mir bei EMU noch nie gefallen und empfinde ich auch beim Virtuoso als zu scharf und zu markant. Da sich innerhalb eines Klanges bis zu 4 Multisamples layern lassen, präsentieren viele der RAM Sounds eine Mixtur aus zusammengehörigen Instrumentengruppen oder geschmackvollen Kombinationen verschiedener Instrumente. Vollends überzeugen können aber vor allem die anschlagdynamischen Stackings, bei denen auf bis zu vier verschiedene Spielweisen (z.B.: Velocity-Switch Brass:p/mf/ff) des jeweiligen Instruments zugegriffen wird.

E-Mu Virtuoso Werbeanzeige

Wie EMU es geschafft hat, diese Vielzahl an qualitativ hochwertigen Samples in den 64MB großen Speicher zu pressen, ist mir ein Rätsel. Ständig hat man das Gefühl, man greift auf eine Sammlung teurer Orchester-CD-ROMs zu. Wunder darf man allerdings auch beim Virtuoso nicht erwarten. Zwar helfen die vielen Modulationsmöglichkeiten des Virtuoso, einen Klang lebendig und nahezu realistisch zu gestalten (ein Dreh am Modulationsrad überblendet z.B. einen Streicherklang in ein Tremolo), aber eben nur „nahezu“. Der Unterschied zu einer GM-Abspielbüchse ist zwar frappierend, doch selbst der ausgereiftesten Sampling-Technologie sind Grenzen gesetzt.
Die Effektabteilung (zwei Stereoeffekte), besonders der Hall, ist eher eine nette Beigabe, denn die Qualität wäre für effektvolle Synthiesounds noch durchaus brauchbar, in Anbetracht der Tatsache ein realistisch klingendes Orchester zu emulieren, sollte man sich aber besser an hochwertige, externe Prozessoren halten. Auch in Bezug auf die Vielseitigkeit hat hier so mancher Wettbewerber die Nase vorne.

VIRTUOSO GOES 3D „Samples from the 13th row” bezeichnet EMU seine 3D Entwicklung. Im Zeitalter von Dolby-Surround und Co, bietet auch der Virtuoso eine Möglichkeit, realistische 3D Effekte zu emulieren. Alle Klänge, die mit einem Asterix (*) versehen sind, liefern ein Stereosignal für die vorderen sowie ein zusätzliches Stereosignal für die hinteren Lautsprecher. Der Stereo-Subausgang 2 dient dann als Audioausgang für die hinteren Audiokanäle. Innerhalb der genannten Presets wurden daher die Rear-Samples entsprechend auf SUB 2 geroutet.
Bei der Aufzeichnung der Samples verwendete EMU ebenfalls 4 Kanäle, 2 die das Audiosignal direkt an der „Quelle“ abnahmen, und zwei „quasi aus der 13. Reihe eines Theaters“. (Ob es wirklich die 13. Reihe war, konnten uns die EMU Ingenieure bislang nicht einwandfrei nachweisen.)

Wir haben es natürlich wieder mal nicht geglaubt und deshalb getestet und…..: „Ja, es funktioniert und hört sich sehr gut an.“ Der Effekt lässt sich nicht mit einem Hall oder einem Delay vergleichen. Der räumliche Effekt ist viel unaufdringlicher, aber nicht weniger wirkungsvoll. Selbst in meinem kleinen Abhörraum von ca. 10qm waren die betroffenen Instrumente plötzlich zum Greifen nahe.

Fazit

Als Kompositionshilfe für orchestrale Musik oder zur Bereicherung orchestraler Phrasen innerhalb von Pop-Arrangements ist der VIRTUOSO ein rundum empfehlenswertes Produkt. Im Gegensatz zu einem Sampler mit entsprechenden CD-ROMS lässt sich mit dem Virtuoso schneller und damit effektiver arbeiten. Die quälende Suche nach passendem Soundmaterial und damit verbundenen, ärgerlichen Ladezeiten sind passé. Im Handumdrehen haben sie im Virtuoso auf 32 Kanälen ein komplettes Symphonieorchester arrangiert und können dies, dank 128stimmiger Polyphonie, auch noch spielen. Künftige Expansion-Erweiterungen von Peter Siedlaczek und den hervorragenden Ensoniq-Pianoklängen aus dem ZR werden den VIRTUOSO zur Klassik-Sound-Station machen, an der sich die nächsten Jahre die Mitbewerber messen lassen müssen.

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