Workshop E-Gitarre: Vibratosystem, Teil 1

8. Juli 2009

Stimmfest und stabil: Das Vibratosystem, Teil 1

Für viele Musiker ist ein funktionsfähiges Vibratosystem ein „Must have“ auf der elektrischen Gitarre. Nicht nur, das man mit diesem Bauteil des Instrumentes schöne schräge Sounds erzeugen kann – musikalisch sinnvoll eingesetzt kann es dem Künstler durchaus eine zusätzliche Art des Ausdrucks verleihen. Allerdings bedarf es neben dem Grundwissen über das bevorzugte System schon dann und wann einer gewissen Wartung um die Vibratoeinheit funktionsfähig und somit verstimmungsfrei zu halten, doch AMAZONA.de lässt euch nicht im Stich – dieser Workshop wird sich der Sache annehmen und versuchen Licht ins Dunkel zwischen Messerkanten, Rollensatteln und Feinstimmern zu bringen.

Vibrato

E-Gitarre Vibratosystem: Ein wenig Geschichte

Das Vibratosystem ist im Prinzip ist so alt wie die E-Gitarre selbst. Schon auf den frühesten Fender Stratocaster–Modellen der fünfziger Jahre verbaute man ein einfaches System, was bis heute in kaum veränderter Form nach wie vor bei aktuellen Stratocaster-Typ Gitarren angeboten wird. Erfahrungsgemäß sind solche Vintagesysteme mit Vorsicht zu genießen, neigen sie doch bei groberer Benutzung fast immer zu Verstimmungen.

Später in den achtziger Jahren versuchte man dann diesen Tuning-Problemen Herr zu werden und mit aufkommen der Systeme von Kahler, Schaller und Floyd Rose gehört dies dann dank diverser Neuerungen wie dem Sattelverschluss-Mechanismus (Top-Lock) oder der Messerkanten-Aufnahme des Vibratoblocks der Vergangenheit an. Während sich die Vibratoeinheiten der Konkurrenz von Kahler und Schaller nie richtig am Markt durchsetzen konnten, begann das System von Floyd Rose einen weltweiten Siegeszug anzutreten – und auf fast jeder modernen Rock-Gitarre ist heutzutage eine solche, von Floyd Rose lizenzierte Vibratoeinheit zu finden.

E-Gitarre Vibratosystem – Aufbau

Im Prinzip ist die Konstruktion eine denkbar einfache. Bei den simpleren Vintage-Vibratoeinheiten, wie sie bei der Fender Stratocaster z.B. zu finden sind, wird die Grundplatte des Systems mit ihren sechs Saitenreitern im Holz des Korpus mit ebenfalls i.d.R. sechs Holzschrauben verschraubt. In der rückseitig gefrästen Aussparung der Gitarre sorgen wahlweise zwei bis fünf Metallfedern für den nötigen Gegenzug zur Saitenspannung. Nachteil ist hier ganz klar das Fehlen der Verschraubungsmöglichkeit der Saiten am Sattel der Gitarre. Ein normaler Gebrauch wie etwa das Ziehen einer Saite um einen Halbton hoch oder runter mit dem Vibratohebel lässt sich oft noch realisieren, exzessiveren Gebrauch quittieren Systeme dieser Bauart allerdings leider zu oft mit Stimmungsproblemen – was zumeist am Verhaken der Saiten in den Sattelkerben ihren Ursprung findet.

Abhilfe schaffen kann hier neben dem sauberen Aufziehen der Saiten ein hochwertiger, sauber gefeilter Sattel aus Grafit sein, der mit seinen zusätzlich selbstschmierenden Eigenschaften dem Verklemmen der Saiten in den Sattelkerben recht wirkungsvoll entgegentreten kann. Zusätzlich würde sich dabei noch der Tausch der Stimmmechaniken gegen Modelle, bei denen die Saiten in der Welle festgeklemmt werden, positiv bemerkbar machen. Solche Klemmmechaniken gibt es von fast allen Herstellern von Hardware, sei es nun aus Deutschland (Schaller) oder z.B. von der japanischen Firma GOTOH.

E-Gitarre Vibratosystem – Pro

Genau dieses Problem tritt bei Nutzung der moderneren Floyd Rose-Systemen nicht mehr auf. Nicht nur dass hier durch eine feste Verschraubung am Sattel die Saiten eingeklemmt werden und somit absolut reibungsfrei sitzen. Durch das sogenannte „Messerkanten-Prinzip“ wird der gesamte Vibratoblock an zwei in das Holz versenkte Bolzen aufgehangen und sorgt damit für eine sehr weiche Gängigkeit. Zudem lässt sich dieses System auch sehr schnell und problemlos in der Höhe justieren, da nur die zwei Bolzenschrauben hierfür benutzt werden – ganz im Gegensatz zu den üblicherweise sechsfach verschraubten Blöcken der einfacheren, bzw. günstigeren Systeme, bei denen ein korrektes Einstellen schnell zur nervenaufreibenden Sache werden kann.

Da nach Festziehen der Schrauben am Sattel des Floyd Rose-Systems die Saiten wieder leicht verstimmt sind, befindet sich an jedem Saitenreiter eine kleine Einstellschraube um die Stimmung wieder anzugleichen. Ein optimal eingestelltes System dieser Art sollte dann eigentlich bis zum nächsten fälligen Saitenwechsel die Stimmung nahezu perfekt halten.

E-Gitarre Vibratosystem – Contra

Doch nicht jeder mag die Floyd Rose Vibratosysteme. Man sagt ihnen nach, Höhen und Dynamikverluste in Kauf nehmen zu müssen. Und vielen ist dieser große „Metallklotz“ auf der Gitarre einfach ein Dorn im Auge. Ich denke der persönliche Geschmack sollte hier entscheiden, Gitarren der Dreitausend-Euro-Preisklasse mit dieser Vibratoeinheit klingen sicher nicht schlechter nur weil ein Floyd Rose-System ihre Oberfläche ziert. Ein ganz klarer Minuspunkt ist aber das wechseln der Saiten – ohne Werkzeug geht’s hier gar nicht. Zumindest ein passender Inbusschlüssel mit dem passenden Maß für die Klemmschrauben am Sattel und Vibratoblock sollten immer ganz nah beim Instrument sein. Und das beim Reißen einer Saite das ganze System genauso wie beim Vintage-Style-Vibrato aus der Stimmung gerät, ist sicher nur ein schwacher Trost für Floyd Rose–Benutzer. Aber gleichzeitig auch einer DER Minuspunkte bei einem Vibratosystem im Allgemeinen, unabhängig davon, ob nun „Vintage“ oder nicht.

E-Gitarre Vibratosystem – Alternativen

Und dennoch gibt es interessante Alternativen auf dem Markt, wie z.B. das System von Wilkinson, bei dem anstelle eines Klemmsattels ein Rollensattel die reibungslosen Funktionen übernimmt. Die Saiten werden hierbei nicht eingeklemmt, sondern laufen über kleine Rollen, die im Sattel verbaut wurden. Und auch hier ist der Vibratoblock an zwei Hülsen mit ihren Bolzen aufgehangen. Sicherlich kann man bei dieser Lösung keine „Dive-Bomb-Effekte“ erwarten, bzw. erreichen, aber für eine normale, „übliche“ Nutzung hat dieses System mit seinem kleinen, zierlichen Vibratoblock und der sich daraus ergebenden guten Gängigkeit durchaus seine Vorzüge. Auch spart man durch das Weglassen der Feinstimmer und der übergroßen Saitenreiter mit ihren Klemmschrauben an Gewicht, was wiederum das Handling des Instrumentes verbessert.

Soweit zur Übersicht und Funktionsweise der gängigsten auf dem Markt befindlichen Vibratosysteme. Im zweiten Teil widmen wir uns dann Themen wie der Justage des Systems, dem Einstellen der Oktavreinheit bei Vintage- und Floyd Rose-Systemen und den Schwierigkeiten die hierbei auftreten können.

Bis dahin wünsche ich frohes und verstimmungsfreies „Jaulen“ mit dem Hebel der Hebel! Über Anregungen und Hinweise freue ich mich wie immer unter s.guete(at)amazona.de.

Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Guter Bericht, nur etwas schade, dass die "Übersicht und Funktionsweise der gängigsten auf dem Markt befindlichen Vibratosysteme" offensichtlich das gute alte Bigsby gar nicht mehr zu kennen scheint und Gitarre mit Stratocaster gleichsetzt.

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.