En Voice: Neustart und neues Studio
Nach dem Blick auf die Anfänge von En Voice geht es in diesem zweiten Teil des Interviews ganz bewusst in das Hier und Jetzt, denn Andreas Frenkel-Piesch spricht über die Rückkehr mit „Route du Soleil“ und „Golden Hour“ und auch darüber, wie sich sein Zugang zur Musik in den letzten Jahren verändert hat.
Inhaltsverzeichnis
Natürlich geht es auch um seinen Wechsel zu einem fast rein Software-basierten Setup und das neu aufgebaute Studio. Wer den ersten Teil des Interviews verpasst hat, kann ihn HIER nachlesen.
Aktuelle En Voice-Veröffentlichungen
Gereon:
Mit der EP „Route du Soleil“ und deiner aktuellen Single „Golden Hour“ bist du nach einer langer Pause wieder zurück. Was unterscheidet diese Produktionen für dich am meisten von deinen früheren Arbeiten?
Andreas:
Der Workflow ist über die Jahre ein anderer geworden, das ganze Setup hat sich mehr und mehr in Richtung Software gewandelt. Bis auf einen habe ich keine Key-Synthesizer mehr, der gesamte Prozess findet heute ausschließlich in der DAW statt und für ein besseres Handling verwende ich einen MIDI-Controller. Klanglich hat sich die Musik weiterentwickelt, ich tüftle heute intensiver am Sound für Flächen- oder Leadsounds, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen. Das war damals in dieser Form noch nicht so intensiv.
In der Zwischenzeit hatte ich mich auch mit der Landschaftsfotografie beschäftigt. Durch sie habe ich einen anderen Blick auf vieles bekommen. Auf Reisen in den Süden oder auf dem Gipfel eines hohen Berges inmitten einer eisigen Winternacht kann man die Schönheit dieser Erde erfahren und stellt fest, wie unbedeutend ein Mensch im Vergleich zur Natur im Grunde ist und welchen Wert jeder einzelne Tag in unserem Leben hat.
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Während einer Reise durch Down Under erlebte ich einen Sunrise im Katherine Gorge, Northern Territory. Diese Stimmung prägte mich so nachhaltig, dass ich das Erlebte in einem Musikstück festhalten wollte. Der Track „Route du Soleil“ erzählt von dieser Stimmung. Es sollte jedoch noch einige Zeit vergehen, bis dieser veröffentlicht werden sollte.
Wenn ich heute an einem neuen Stück arbeite, habe ich oft das Kopfkino laufen und versuche, Emotionen von Landschaften in Klang umzuformen. Das war früher nicht so. Emotion ist in Musik stets enthalten, nur die Inspiration oder Motivation ist von Künstler zu Künstler unterschiedlich. Bei mir sind es neben der Musik, erlebte Naturschauspiele am Meer oder in den Bergen, die mich inspirieren. Gerade die goldene bis zur blauen Stunde eines Tages kann an manchen Orten so magisch sein. Es ist eine unendliche Quelle für Emotion und damit für Inspiration.
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Gereon:
Deine Songs sind atmosphärisch und gleichzeitig sehr lebendig. Wie gelingt es dir, diese Balance zwischen Energie und der besonderen Stimmung zu finden, die für En Voice typisch ist?
Andreas:
Ich bewege mich gerne in klanglichen Atmosphären, die eine gewisse Weite zum Ausdruck bringen und setze weiche Flächen- und Leadsounds hierfür ein, um der Musik etwas Einladendes zu geben. Drums und Percussion verleihen der Musik die Lebendigkeit, ohne dabei zu aufdringlich zu werden. Dabei versuche ich, die Tracks, mit einzelnen Ausnahmen, nicht zu Upbeat-lastig werden zu lassen, ohne jedoch das Lebhafte dabei zu sehr zu beschneiden. Durch diese Mischung entsteht eine angenehme Mixtur aus Atmosphäre, Lead und Groove. Die Kombination eignet sich aus meiner Sicht sehr gut, um einen träumerischen oder leichten Zustand zu erreichen.

En Voice im Interview: Ich bewege mich gerne in klanglichen Atmosphären, die eine gewisse Weite zum Ausdruck bringen.
Ereignisse, Emotionen und musikalische Vorlieben prägen uns. Unser Wesen hat unbewusst Einfluss auf unsere Kreativität und den Schaffensprozess, wie wir Musik zum Ausdruck bringen. So entsteht vermutlich bei Musikern oder Produzenten die oft unverkennbare Handschrift. Ein Teil des Sounds bestimmen wir durch die Auswahl von Instrumenten, die Gestaltung des Arrangements und die eingesetzte Technik zur Klangbearbeitung. Ein Teil jedoch fließt einfach durch uns hindurch oder entsteht in uns, ohne dass wir einen unmittelbaren Einfluss darauf haben – das macht vielleicht die wunderbare Vielfalt von Musik aus.
Gereon:
In den letzten Jahren hattest du auch internationale Erfolge in den iTunes-Charts, zum Beispiel mit „Rising“ oder „Dreamland“. Was bedeutet dir diese Resonanz und hat sie deinen Weg ein Stück beeinflusst?
Andreas:
Dass „Rising“ 2017 in die iTunes Top 200 Electronic-Chart auf #9 stieg kam schon sehr überraschend. Immerhin lagen 11 Jahre zwischen der Platzierung und dem CD-Release 2006 und sechs Jahre nach dem digitalen Re-Release 2011. Es war großartig, sich in den iTunes-Charts wieder zu finden. Ich freue mich wirklich sehr, dass die Musik von En Voice nach 20 Jahren seit dem Debüt-Release noch immer gerne gehört wird.
Als 2023, also 17 Jahre nach dem CD-Release und 12 Jahre nach dem Digital-Release, „Dreamland“ dann noch auf #5 der iTunes Sweden Electronic-Charts stieg, war das unglaublich. Es ist ein schönes Gefühl, wenn nach so langer Zeit sich die Hörer noch für die Musik interessieren. Die Chart-Platzierungen sind vielleicht nicht mit den International Top 100 vergleichbar, doch auch die Platzierungen in den iTunes-Charts waren für mich etwas Besonderes.
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2023 war auch das Jahr, in dem die Streaming-Zahlen angestiegen sind und ich entschied, dass wenn En Voice immer noch nicht vergessen ist, es langsam Zeit wird, ein Lebenszeichen zu senden und den Hörern etwas Neues zu geben. Die Entscheidung zum Comeback kam zum einen durch den Wunsch, der Musik wieder deutlich mehr Raum in meinem Leben zu geben. Zum anderen habe ich den letzten Kick dazu 2023 auch durch die treuen Hörer erhalten, für die ich unglaublich dankbar bin und was mich mit einer tiefen Freude erfüllt. Es fühlt sich einfach sehr gut an, wieder aktiv Musik zu machen.
En Voice: Neues Studio und Technik
Gereon:
Du hast dir vor Kurzem ein neues Studio aufgebaut. Was war dir bei der Einrichtung am wichtigsten und wie fühlt es sich an, dort zu arbeiten?
Andreas:
Eine angenehme Atmosphäre war mir besonders wichtig. Ein Raum, in dem ich mich ungestört auf die Musik konzentrieren kann. Es fehlt noch einiges, bis alles fertig eingerichtet ist, doch bereits jetzt fühlt es sich schon sehr gut an. Kreativität braucht Zeit und Raum für die Entfaltung. Daher empfinde ich das als sehr wichtig, ein entsprechendes Umfeld zu haben.
Auch eine neue Abhöre stand auf meiner Wunschliste. Ich suchte nach etwas, das analytisch ist und Leistungsreserven hat, ohne dabei zu ermüden. Das hat mich eine ganze Weile beschäftigt. Da ich mit Subwoofer-Systemen nie warm geworden bin, kam das für mich nicht infrage. Durch das Studio, in dem 2024 die EP gemastert wurde, bin ich auf die dort installierte Main-Abhöre aufmerksam geworden. Die lineare Auflösung der Koaxiallautsprecher empfand ich als unfassbar gut. So kam es, dass ich mich nach langem Überlegen letztendlich für diese Abhöre entschieden habe. Diese Studio-Monitore begeistern mich mit jedem Hören jedes Mal aufs Neue.
Da sich der Workflow mit Abstand zum größten Teil im Rechner abspielt, war es mir wichtig, auch hier etwas Leistungsreserven zu haben. Der seit einigen Jahren eingesetzte MacPro 5.1 konnte aus Altersgründen in puncto MacOS nicht weiter aktualisiert werden. Zudem hatte er mit den Plug-ins und Software-Instrumenten teils gut zu tun, wenn einige Instrumente oder Plug-ins geladen waren.
So entschied ich mich aufgrund einer günstigen Gelegenheit für einen neueren Mac mit M2 Ultra Chip – der Unterschied ist schon enorm. Als Master-Tastatur habe ich mich für NI-Kontrol S88 MK3 entschieden, nachdem mein altes Masterkeyboard auch schon 18 Jahre erreicht hatte. Die Einbindung des S88 MK3 in die NI Software finde ich sehr gelungen, auch wenn es sicherlich hier und da noch etwas zu verbessern gibt.
Gereon:
Welche Instrumente, Geräte oder Software nutzt du mittlerweile am liebsten und was macht für dich den typischen En Voice Klang aus?
Andreas:
Ich plane es nicht im Voraus, mit bestimmten Instrumenten ein neues Projekt zu starten. Vielmehr habe ich meist eine Idee und mache mich auf die Suche, was dazu am besten passt. Oft mit dabei sind die Software Synthesizer von U-HE, Diva und Synapse Audio, DUNE sowie Spectrasonics Omnisphere. Zunehmend setze ich den Kontakt 8 für einzelne Instrumente oder sphärische Elemente ein sowie die V Collection von Arturia.
Auch Software-Instrumente wie den Nexus 5 von ReFX verwende ich öfter. Das Soundmodul lässt sich erstaunlich gut auch für Downbeat einsetzen. Es ergibt sich dadurch eine Vielzahl von Möglichkeiten und ich muss gelegentlich aufpassen, mich bei der Suche nach Sounds nicht zu verlieren und stattdessen einen passenden Sound final zu formen.
Der typische En Voice Klang ist vielleicht weniger eine spezielle Auswahl von Instrumenten, sondern wie die einzelnen Elemente aus Samples, Klangerzeugern und Plug-ins zu einem Ganzen geformt werden. Das beginnt mit der Auswahl von Sounds, über die Auswahl von FX-Plug-ins, bis zum Arrangement. Hall und Delay sind hierbei sehr wichtige Bestandteile.
Fertige Percussion-Loops setze ich weniger gern ein, oft gibt es etwas an ihnen, was mir nicht gefällt oder zum Projekt nicht passt. Daher greife ich oft auf Einzel-Samples zurück und erstelle mein eigenes Percussion-Set. Das dauert länger, doch es fügt sich dann einfach besser in ein Projekt ein. Mit Kompression oder Distorsion gehe ich meist sehr dezent um. Die Musik braucht für mich Dynamik, es ist aus meiner Sicht eher ein Gewinn für das Hörerlebnis, wenn Raum vorhanden ist, der eine gewisse Weite vermittelt.
Kreative Prioritäten von En Voice
Gereon:
Viele Produzenten arbeiten heute hybrid mit Hardware und Software. Wie ist das bei dir und wohin entwickelt sich dein Setup?
Andreas:
Das neue Studio ist aktuell auf virtuelle Klangerzeugung ausgerichtet. Ich kann zwischen einzelnen Projekten wechseln, ohne dass ich auf Einstellungen an Hardware achten muss. Die Software-Synthesizer liefern alles, was ich für meine Musik benötige. Dass ich derzeit bis auf wenige Ausnahmen rein virtuell arbeite, bedeutet jedoch nicht, dass ich Hardware ablehne, ganz im Gegenteil. Es gibt auch viele Vorteile, wenn externe Instrumente eingespielt werden bzw. Hardware verwendet wird. Dass kann z. B. der Sound eines Synthesizers sein, der virtuell vielleicht so nicht erreichbar ist oder die Spielweise eines Gitarristen.
Dass nicht alles durch Software ersetzt werden kann, empfinde ich als beruhigend und hoffe, dass das auch so bleibt. Und ja, manchmal fehlt mir tatsächlich der Regler in der Hand, der einen zwingt, zu einem bestimmten Punkt eine Entscheidung zum Sound zu treffen, weil er je nach Hardware nicht zu 100 % reproduzierbar ist. Wenn ich so darüber nachdenke, könnte ich mal wieder den MicroQ oder den Oberheim Matrix einbinden, das wäre eine Aufgabe. In Zukunft werde ich vielleicht auch wieder mehr Hardware-Synthesizer verwenden. Es gibt inzwischen viele phantastische Synthesizer, sodass die Wahl ganz sicher alles andere als einfach sein wird.
Gereon:
Stell dir vor, du spielst ein großes Konzert ohne jede Einschränkung. Wie würdest du deine Musik auf der Bühne präsentieren und welche Rolle hätten dabei Licht, Visuals und Live-Elemente?
Andreas:
Das ist eine Frage, bei der viele Künstler ins Träumen geraten. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten können audiovisuelle Stimmungen auf der Bühne erschaffen werden, die keine Wünsche offen lassen. Groß-Events oder Live-Auftritte großer Acts zeigen, was technisch inzwischen alles machbar ist und das ist wirklich beeindruckend. Wenn ich die Möglichkeit für ein solches Live-Event hätte, dann würde ich die Menschen mit genau einer solchen Kombination begeistern, wie du sie angesprochen hast. Ich würde Visuals beispielsweise aus ausdrucksstarken Landschaftsaufnahmen, kombiniert mit Lichteffekten, nutzen, um sie mit der Musik zu verschmelzen. Das wäre phantastisch.
Ein solches audiovisuelles „Lineup“ lässt sich jedoch nicht mal eben so einfach auf die Beine zu stellen. Schritt für Schritt wäre ja auch ein guter Ansatz. Wer weiß, vielleicht verhält es sich eines Tages im positiven Sinne wie mit der Schmetterlingstheorie und träumen ist grundsätzlich erwünscht (lacht). Durch die lange Pause habe ich in den Socials einiges nachzuholen, um die Menschen zu erreichen und zu zeigen, dass En Voice wieder da ist. Es gibt noch sehr viel zu tun. Alle, die Interesse haben, sind auf meinem Instagram-, Facebook– oder YouTube Profil herzlich willkommen. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn ihr dabei seid.
Gereon, für das Interview möchte ich mich bei dir und den Lesern ganz besonders bedanken.




































Danke für das Interview. Mit der Veränderung des eigenen Studios kommen viele Fragen und selten schnell Antworten auf, die einem jede Lust auf einen Neubeginn stören können.
Gut, dass es für Gereon nun weiter geht. Ich eünsche ihm weiterhin viel Kraft, Gesundheit und gute Erfolge!
Danke für den 2. Teil des Interviews.
@CDRowell Das wünsche ich dem Gereon selbstverständlich auch. Und auch dem Andreas Frenkel-Piesch, der Gereons Fragen so freundlich und umfassend beantwortet hat …
@fitzgeraldo Da war ich so schnell, dass ich mich selbst überholt habe… 🥳
Auch Dir danke ich für den Hinweis.
Gute gesundheit und Erfolge wünsche ich auch Dir für das neue Jahr!
@CDRowell Alles bestens. Glückwünsche und positive Vibes sind für jeden gut. Daher auch dir die besten Wünsche für’s neue Jahr und frohes (musikalisches) Schaffen 👍
@CDRowell Danke @herw für Deine Info!
Da habe ich im Sog der Ansprüche tatsächlich etwas viel übersprungen und Fehler reingeschmissen… 🤪
natürlich sollte mein Text folgend geschrieben sein:
„Gut, dass es für Andreas und Gereon nun weiter geht. Ich wünsche ihm, Andreas weiterhin viel Kraft, Gesundheit und gute Erfolge! Gereon selbstredend auch.“
@CDRowell Vielen Dank :)
Der Synapse Dune kann nicht viel, aber das was er macht, macht er fantastisch! Vor allem ist er extrem softwarestabil (können viele Teile nicht von sich behaupten). Diese Eigenschaften machen ihn auch für mich zu einem viel genutzten Softwaresynthesizer. Die Architektur ist allerdings äußerst strange und ein paar mehr Presets könnte er haben. Da muss man halt selber rein in’s kuriose Klangdesign. Ich warte hoffnungsvoll, dass dieses Jahr ggf. eine neue Version (4) kommt. Die Möglichkeiten der Software sind heute exorbitant. Kosten weniger und nehmen keinen Platz ein. Aber ganz ohne Hardwareklangerzeuger würde ich wirklich was vermissen! Nur ein Rack werde ich mir nicht mehr zulegen. Ich meine kein Eurorack, sondern Rompler und Effekte als Hardware in einem Rack untergebracht. Das hat Software eindeutig abgelöst meiner Ansicht nach. – Zumindest im Semibereich.
@Filterpad Was ist denn an der Architektur des Dune strange? Noch einfacher aufgebaut geht ja kaum. Er ist für Anfänger sehr gut geeignet und man kommt auch durch den Aufbau der FM Algos sehr schnell zum Ziel. Einfacher wirst du es kaum noch bekommen, außer beim Hive vielleicht. Presets hat der Dune Sau viele. Was fällt der denn so schwer in der Architektur? Vielleicht kann man Tipps geben.