Interview: Andreas Rieke alias And.Ypsilon, Teil 2

Die Fantastischen Vier - Fornika

Die Fantastischen Vier – Fornika

Amazona.de:
Können wir noch ein bisschen übers Modularsystem sprechen. Es ist ja relativ neu, dass du damit arbeitest.

And.Ypsilon:
Ja, endlich! Mich reizt das Analoge, denn von digitaler Klangerzeugung bin ich meistens gefrustet. Mit dem Modular möchte ich unerhörte Sounds entdecken. Meine Art Musik zu machen, geht vom Sound aus. Beim Modular Synthesizer kann man das auch weitertreiben, dass ich auf Melodien komme, die sich aus Schaltungen ergeben und dass ein Soundkonstrukt eine Komposition erzeugt. Ein rhythmisches Pattern, das sich zu einem melodischen Pattern entwickelt. Durch das reine, intuitive Rumschrauben entsteht der Kern einer Komposition. Da geht’s nicht mehr darum, einen “geilen Synthi-Bass” zu machen. Das kann man natürlich auch, und es freut mich auch sehr, wenn so hochqualitative, total unique, aussagekräftige Synthi Bässe rauskommen. Richtige Signature Sounds, die ja in der elektronischen Musik derzeit eine große Rolle spielen. Im Dubstep zum Beispiel gibt es Sounds, die so OU-OU-OU machen und ganz charakteristisch sind, einen tollen Move beinhalten und sehr viel Schwung machen mit nur einem kleinen Sound. So was find ich immer gut.

Und der Modularsynthesizer hat für mich auch etwas mit Instrumentenbau zu tun, weil man sich durch die Verkabelung einen jeweils neuen Synthesizer zusammenstellt. Deshalb habe ich auch zehn verschiedene VCAs, über 20 Filter und viele verschiedene Oszillatoren. Das sind tausend noch nicht erfundene Synthesizer, was auch anstrengend sein kann. Ein Prophet-600 oder die neuen Prophets beispielsweise sind ja alles ausgewachsene Synthesizer. Sie verfolgen eine Architektur und ein Konzept, und das macht einen gewissen Sound Range, und da ist auch ein Spirit und ein bestimmtes Gefühl, das einem gefallen kann oder nicht. Und man weiß in einer Produktion: “Ich nehme jetzt den hier.” Aber da ich ein Forscher bin, ist ein Modularsystem schon gut. Vor allem mit den analogen Modulationsmöglichkeiten. Mich haben seit jeher Modulationen in Audiogeschwindigkeit interessiert, und da können die meisten Plug-ins überhaupt nicht mithalten. Das ist Waveshaping, das West Coast Prinzip. Natürlich führt das in eine andere Soundwelt als die reine klassische, subtraktive Synthese.

Andi an seinem neuen Modularsystem.

Amazona.de:
Wie würdest Du digitale und analoge Klangerzeugung charakterisieren?

And.Ypsilon:
Beides interessiert mich gleichermaßen. Wenn man einen Sound sucht, der von Reinheit lebt, dann ist man mit diesen digitalen, perfekten Sinusschwingungen viel besser bedient als mit analogen VCOs. Die Sounds, die aus der digitalen, abstrakten Welt kommen, sind metaphysische Sounds. Die reine Digitallehre finde ich sehr spirituell, und man kann sie nutzen, um genau diese Ebenen anzusteuern. Ein analoges Modularsystem ist die Abkehr von metaphysischen Sounds. Das ist physischer Sound!

Amazona.de:
Gibt es bestimmte Module, die du dir wünschst, aber jetzt noch nicht erhältlich sind?

And.Ypsilon:
Ich hätte gerne ein Modul, um Trigger-Impulse um einige Millisekunden zu verzögern, gerne auch spannungsgesteuert. Es gibt zwar ein solches Modul von Doepfer, das arbeitet aber im Zeitbereich von Sekunden und ist für meine Anwendungen zu wenig fein. Das ist eine andere Idee. Ein solches Modul würde es mir intuitiv ermöglichen, Drum Instrumente fein zu verschieben, was ich seit MIDI Zeiten ja auch schon tue. Das gehört für mich zum guten Beat Programming einfach dazu, dass ich das definieren kann. Auf der digitalen Programming Ebene mache ich das bis auf Einzelsamples genau .

Amazona.de:
Ich find’s faszinierend, wie ihr weiterhin massentaugliche Popmusik macht und mmer wieder neue Sounds bringt.

And.Ypsilon:
Uns inspiriert natürlich, was kontemporär abgeht. Das ist immer noch wichtig für uns. Wir können das zwar nicht mehr eigenhändig machen. Dazu haben wir ja auch junge Produzenten mit im Boot. Die haben für das Kontemporäre natürlich mehr Skills als ich. Zweifellos. Für mich als Produzent ist eine gewisse Schwierigkeit, dass ich auch Bandmitglied bin. Das nimmt mich ganz viel in Anspruch. Um kontemporär immer so richtig up-to-date zu sein, hätte ich seit den 90er Jahren nur Produzent sein müssen und eine Platte nach der anderen produzieren müssen mit verschiedenen Bands.

Forum
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    AMAZONA Archiv

    Ja ja der Groove und die Quincy Jones Methode. :) Jeder der kreativ Musik macht, macht oft die gleichen Entdeckungen.
    Damals gab es für PC ein EMS Midi-Interface das ständig im Milisekundenbereich rumzickte.
    Bei 8 Rhythmusspuren hat es dann gegroovet!
    Ein Kumpel hat es händisch mit Audiospuren gemacht und nie quantisiert. Er war klassischer Perkussionist und hatte es einfach drauf. Zum Thema Modular und Mikrotiming. Ich stelle mir mehrere LFO’s vor die Timingsignale auf mehreren Spuren sync/async verschieben können. Gerne auch als VST3 Plug-in. Geht das nicht auch so schon? Ich dachte immer mit ein paar LFO’s/Attenuatoren/Delays etc. die Trigger und Clocksignale zu bearbeiten wäre das machbar? Das alles in einem Modul/VST wäre natürlich schon geil! Dann kann es wieder jeder……. Evolution ist schon kacke!

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    AMAZONA Archiv

    Das Warten hat sich gelohnt! Der zweite Teil ist noch packender als der Erste! Die Philosophien zum modularem Sounddesign und vor allem über den Groove, finde ich sehr interessant. Solcherlei Input ist für mich auch immer sehr erfrischend und oft versuche ich dann auch etwas davon in meine eigene Produktionsweise einzubringen. Schade dass ich derzeit eine musikalische Zwangspause einlegen muss :D und ebenfalls schade, dass dieses Interview tatsächlich schon zuende ist. Ich hätte auch noch einen 3. und 4. Teil lesen können :)

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    Steinklopfer  

    Groove in Millisekunden nach hinten und vorne verschieben? Das mache ich per Midiclock. Innerclock Sync Shift ermöglicht das Shiften der Clock in eine entsprechende Richtung. Absolut genial. Eins meiner wichtigsten Studiotools.

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    AMAZONA Archiv

    Die beiden Teile bilden zusammen eines der interessantesten Interviews, das ich seit langem gelesen habe. Ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten!

    Was mir nebst musikalischen und technischen Einblicken immer besonders gefällt ist der respektvolle Umgang, wie hier z. B. mit den Bandmitgliedern und deren Fähigkeiten.

    Bin da ganz bei Marius und hätte mich über zumindest noch einen Teil sehr gefreut.

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    tomk  AHU

    Schließe mich an und würde auch gern noch weiter Geschichten aus Andis Nähkästchen hören!!!
    Man gestatte mir dennoch eine kleine Anmerkung: Looking for the perfect Beat, sowie das legendäre Album „Planet Rock“ wurde von Arthur Baker produziert, ein Weißer. Soweit mein Wissen reicht war Africa Bambaataa einer der ersten der HipHop Jam´s in NY veranstaltete. Zeitzeuge dürfte hier der Film Wild Style sein.

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    changeling  AHU

    Wenn jemand Trash Metal schreibt kringeln sich mir immer die Fußnägel. Ist es so schwer zu verstehen, dass es Thrash Metal heißt? Es heißt ja auch nicht Hip Pop, sondern Hip Hop!

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