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Interview: Andreas Schneider – Totally Wired (2009)

6. September 2009

Mr. Superboth: Andreas Schneider

Andreas Schneider 2009

Wenn man sich die im deutschsprachigen Raum ansässigen Musikfachhändler und Vertriebe ansieht, dann gibt es da die „einen“ und den „anderen“. Der „Andere“ ist SCHNEIDERS BÜRO. Bei Schneiders Büro ist eigentlich alles anders. Da sich das „anders“ schlecht beschreiben lässt, empfehlen wir zunächst die Lektüre des folgenden Interviews mit Mr. Andreas Schneider himself und danach einen Besuch im, mag man seinen Fans glauben schenken, kultigsten Musikfachhandel Deutschlands, der sich vor allem auf Analogsynthesizer und analoge Peripherie spezialisiert hat.

Peter:
Hallo Andreas, erzähl mal von Anfang an, wie bist du zur Musik gekommen?

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Andreas Schneider:
Die Musik ist zu mir gekommen und war schon immer laut. Am Anfang waren es die Lastkraftwagen von meinem Papa, später habe ich selber mit Motoren und Schlagringen experimentiert, eine Zeitlang habe ich sogar Synthesizer in einer Band gespielt. Was mich immer am meisten beeindruckt hat, war die Gruppendynamik – vor allem in den Bands: Je mehr wir in jungen Jahren getrunken hatten – später kamen auch andere Drogen dazu – um so lauter haben wir gespielt. Das Timing wurde immer schlechter, immer weniger entsprach es der Idee, die wir am Anfang hatten. Immer wieder dachten wir, die Aufnahmegeräte wären kaputt! Entzug oder Üben hätte vielleicht geholfen, aber irgendwie war das nie mein Ding. So wurde ich der Manager der Band und kam zurück zur Musik.

Peter:
Wie kam es zur Begeisterung für elektronische Musikinstrumente?

Andreas Schneider:
Irgendwie will man ja doch immer wieder ran, und dass es im Takt bleibt, damit die Leute da auch was mit anfangen können, weil es einfach abgeht. Es ist ja auch schön, wenn alle tanzen. Elektronik kommt nicht zu spät zur Probe oder muss noch vor der Tür stehen und knutschen, und das ist echt praktisch, wenn man gerade alleine in einer neuen Stadt ist und Musik fühlt.

Peter:
Machen wir mal einen großen Sprung zur Gründung von Schneiders Büro. Wann war das, und wie kam es dazu?

Andreas Schneider:
Ich habe aufgehört Musik zu machen, weil fast alle Musiker, die ich bis dahin kannte, erst mal sich selbst sahen, dann ihre Karriere und dann lange gar nix. Dann habe ich diese ganzen Bastler und Erfinder kennen gelernt: Da waren Schweizer mit großen modularen Kisten, ein Amerikaner mit einem Synthesizer ohne Tastatur aber mit einem 16-Step Sequenzer, der wie die Rappelkisten von dem Kreuzberger Rhythmusmaschinen-Bastler erstmal total beschränkt auf mich gewirkt hatte. Ich dachte immer, Musik hätte was mit Arrangement und notorischem Üben zu tun. Dann habe ich mich ein wenig in Berlin umgeschaut und festgestellt, dass die Anwender dieser Geräte tatsächlich und wirklich die ganze Zeit Musik machen, etwas fühlen und tanzen. Ein Riesenfeld an Tiefe und Details in Musik und Rhythmus, das mir vorher als selbstversessenem Instrumentenspieler in einer Band verborgen blieb, öffnete sich plötzlich in der vollen Breite einer sechsspurigen Autobahn. Nach ein paar Jahren als Manager von Hiphop-Kapellen oder Marketing-Fritze beim Musikfernsehen ging mir erst jetzt wieder auf, worum es hier eigentlich geht. Ich konnte mir wieder treu werden und habe beschlossen, erst mal nix mehr aufzunehmen sondern nur noch zu spielen. Lernen und machen, darum geht’s, und das mache ich heute noch, wenn ich dazu komme.

Peter:
Besonders aufsehenerregend war schließlich dein erster großer Auftritt mit der Superbooth auf der Musikmesse. Wie kam es dazu.

Andreas Schneider:
[DEM SUPERBOOTH, bitte – ich finde, der war ziemlich maskulin!]
Die Hersteller sollten Teilhaber einer Genossenschaft werden können, die ihrerseits unsere bisherige Tätigkeit mit weit größerer Kraft hätte realisieren können, am besten gleich auch noch im derzeit wirren aber lukrativen amerikanischen Absatz-Markt. Die Micro-Unternehmen sollten sich als Kollegen und nicht mehr als Konkurrenten verstehen. Der sogenannte Superbooth war das heutzutage sogenannte Kickoff für eine konstituierende Gründungsversammlung. Die Ausarbeitung und Darstellung der Genossenschafts-Idee wurde von unserem französischen Kollegen vorgetragen und stieß leider auf erstaunlich wenig Gegenliebe bei der Summe der ersten Mitaussteller. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass natürlich die vielen selbstständigen Unternehmer auch unbedingt selbstständig bleiben wollen. Wir hatten das Vertrauen für so einen großen Schritt noch nicht erworben, und die weitsichtige Einsicht in den Sinn einer solchen Investition gab es derzeit noch nicht

Peter:
Beeindruckend war hier dein umfangreiches Engagement, ohne das „der“ Superbooth gar nicht möglich gewesen wäre. Du warst quasi dein eigener Messebauer, korrekt?

Andreas Schneider:
Ich habe nicht gebaut, sondern einen Gestaltungsspielraum geschaffen. Diesen habe ich dann immer wieder neu gemeinsam mit Herstellern in unserem Sinne zu füllen versucht. Wenn ein Mensch nach dem Studium von Hartz4 lebt und nebenbei über Jahre sein erstes Gerät gebastelt hat, kann man ihm nicht einen Tisch für 1000 Euro vermieten, wo er vier Tage lang fünf Händler treffen soll. So etwas machen nur Werbeagenten. Und vielleicht Messebauer. Die Franzosen waren nach dem ersten Rückschlag leider ein wenig demotiviert, ich habe versucht, die resultierende Idee weiterzudenken und bin inzwischen auch als Vertrieb und Sprachrohr in Europa so etwas, wie wir uns das damals vorgestellt haben. Die Hersteller haben zwar keine selbstverwaltete Macht darüber, aber da ich auch nicht so auf Macht stehe, das Ganze aber unkompliziert und meistens partnerschaftlich zu regeln versuche, sind glaube ich alle zufrieden und empfehlen mich weiter.

Peter:
Das Vertriebskonzept von Schneiders Büro ist schon „spezial“ :-)! Es scheint aber „musikerfreundlich“ zu sein, nicht umsonst wirst du überall in höchsten Tönen gelobt. Was ist dein Rezept?

Andreas Schneider:
Als Vertrieb sind wir natürlich davon abhängig, dass von Klangfarbe in Wien über Thomann und andere bis nach Irland der kompetente Fachhändler unsere Produkte auch anbieten kann, aber das geht leider nicht immer. Die Einhaltung von drei Jahren Garantie zum Beispiel realisiert natürlich nicht Thomann sondern der dazu genötigte Lieferant, also eher wir. Neue Produktlinien und delikate handgefertigte Kleinserien behalten wir nicht nur deshalb zunächst bei uns. Entsprechend kompatible „sichere“ Massenware geben wir gern weiter an die „großen“, die uns für die mühevolle Recherche in der Regel sehr dankbar sind. Europäische Regulierungen durch diverse Gesetze machen alles nicht weniger kompliziert. Wir nehmen also viele ganz kleine Firmen auf, selbst wenn wir wissen, dass wir ihre Produkte vielleicht gar nicht verkaufen dürfen, zunächst nur wenn und weil es uns selber interessiert. Unsere (direkten) Kunden und die Tester der Zeitschriften sind uns dankbar und arbeiten mit, wir testen zusammen, sie testen für uns, oder wir probieren aus, ob es interessant ist, und wenn es passt, dann fangen wir mit den entsprechenden offiziellen Anmeldungen an, und irgendwann findet man eine neue Filterbank auch beim Händler um die Ecke.

Peter:
Seit kurzem gibt es auch SCHNEIDERS LADEN in Berlin. Wie kam es dazu?

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Andreas Schneider:
SchneidersBuero ist schon seit rund sechs Jahren auch ein LADEN, aber es hieß eben immer nur SchneidersBuero. Am 9.09.09 eröffnet erstmals ein richtiger „SchneidersLaden“, der nicht gleichzeitig der Vertrieb „SchneidersBuero“ ist. Das Konzept geht allerdings einen Schritt weiter als die Idee eines eigenen Fachhändlers. Neben dem Schauraum, wo wir neue Produkte und Ideen neben gebrauchten Geräten vergangener Zeiten gleicher oder ähnlicher Bauart zum Testen und Erfahren präsentieren, haben wir einen großen Schulungsraum eingerichtet. Die bei uns schon lange üblichen Einführungen in z.B. modulare Systeme auch für Anfänger machen wir eben dort wie auch Vorträge, Workshops und andere Veranstaltungen  von und mit Lieferanten und Kunden. Weil wir aber kein einfacher Fachhändler sind, sondern auch Sachen erklären, die der Kunde vielleicht nie, erst Monate später oder irgendwann woanders kaufen wird, wird der Schulungsraum in jedem Fall kostenpflichtig sein und bleiben.

Peter:
Widerspricht es nicht etwas dem Grundgedanken eines Vertriebes auch einen Laden zu haben?

Andreas Schneider:
Ein Laden ist eben noch lange nicht Schneiders Laden und sein ist nicht haben.

Peter:
Und das Wichtigste zum Schluss – und jetzt Klartext bitte: Was sind deine Lieblingsgeräte aktueller Produktionen?

Andreas Schneider:
Erst vor kurzem habe ich mit einem Lieferanten lange am Telefon dafür streiten müssen, dass meine Mitarbeiter ehrlich sagen dürfen, was sie mögen und vor allem was sie weniger mögen. Es gibt die Möglichkeit, dass einer etwas empfielt, wovon ein anderer eher abrät, wie bei Mode. Auch bei uns gibt es nicht das Eine, was für alle gut ist, also Klartext . Als tanzender Musiker wäre es immer noch meine modifizierte XBase09, aber ich mag sehr gern den Clockwork von Flame dazu, der macht feine aber wichtige Unterschiede in der Rhythmik – als Desktop-Variante. Als Vorführer mag ich sehr die MFB522, die habe ich sofort kapiert, und in fünf Minuten ist jedem klar, dass er sie haben will. Als ehemaliger Hammond und CP-70 Träger gefällt mir das Memotron, weil ich da auch einen überquellenden Aschenbecher draufstellen kann und würde, wenn ich mir das Rauchen nicht abgewöhnt hätte, das wäre chic. In Lowbeat-Laune stehe ich immer wieder auf die Bässe von Studio Electronics, als modularister Kaufmann auf Doepfers neuen Synthie, und als Mensch mag ich wegen ihrer Art wie sie arbeiten am liebsten die Vermonas. Übrigens hervorragend zu sehen in der jetzt erhältlichen Dokumentation „totally wired“ auf DVD – nur zu haben von schneidersladen.com.

Peter:
Andreas, wir bedanken uns bei Dir für das Interview und hoffen, dass Du uns in der Musiklandschaft noch sehr lange erhalten bleibst.

Totally Wired DVD & Filmpremiere

Zur Premiere der DVD „Totally Wired“, die Andreas Schneider im Interview erwähnt hat, waren Immanuel Pasanec und Christopher Knapp für uns live dabei:

Ein Report von Immanuel Pasanec und Christopher Knapp

Vielen Synthesizerfans dürfte das (Berliner) Synthesizergeschäft Schneiders Büro ein Begriff sein. Einzigartig in Europa, gibt es in dem gemütlichen und mit viel Technik voll gestopften Berliner Laden nahe am Alexanderplatz eine Auswahl erlesener analoger Synthesizer, modularer Systeme und andere exotische Klangerzeugungs – und -verbiegungsmaschinen zu bewundern und zu erstehen. Das Geschäft versteht sich dabei nicht (nur) als Spezialgeschäft, sondern (auch) als Brücke zwischen Synthesizerbauern und Musikern, zwischen den oft aufopferungsvoll hergestellten Instrumenten von Klein- und Kleinstunternehmen und Musikern, die Qualität und Ergonomie asiatischer Massenware vorziehen. Bei Schneiders Büro geht es um Leidenschaft, und so verwundert es nicht, dass das Fachgeschäft immer wieder die Aufmerksamkeit von Medienleuten, Filmmachern und Journalisten auf sich zieht. Nun ist ein Film über Schneiders Büro entstanden, der den Inhaber Andreas Schneider, aber vor allem auch die Riege der Synthesizerbauer hinter Namen wie Döpfer, Cwejman oder Vermona zu Wort kommen lässt – und klarstellt, dass sich hinter all dieser edlen Technik auf Seiten ihrer Schöpfer Nonkonformismus, Leidenschaft und häufig auch ein gewisses Maß an Besessenheit verbirgt. AMAZONA hatte die Gelegenheit, der Premiere des Films in Deutschland in Berlin beizuwohnen.

Uraufführung des Films im stillgelegten Rangierbahnhof Berliner Schöneberg

Passend zum Dampfmaschinenambiente von Schneiders Büro wurde der Film im stillgelegten Rangierbahnhof im Berliner Schöneberger Südgelände aufgeführt, an Getränke und liebevolle und schöne Dekoration wurde dabei ebenso gedacht wie (natürlich) an allerhand analoge Klangmaschinerie. Vor allem der kleine Little Boy Blue – Modularsynth der Amerikaner Flower Electronics lies in vielen Besuchern den Spieltrieb erwachen, und so zirpte und summte es beim ganzen Fest ziemlich fröhlich, wenn auch nicht unbedingt musikalisch: Der kleine Synthesizer lässt sich nämlich nicht chromatisch und damit melodisch spielen, sondern produziert eben nur Krach&Klang – und ist damit irgendwie auch Metapher für Schneiders Büro und den gesamten Abend.

Natürlich waren einige der Hersteller, das  sympathische Personal von Schneiders Büro und die irische Filmemacherin Niamh Ahern anwesend. Alle waren freundlich und zugänglich, angeführt vom genauso  realistischen wie immer enthusiastischen Chef von Schneiders Büro selber, Andreas Schneider. Auch der Film selber konzentriert sich auf den charismatischen Synthesizerenthusiasten, der seine Firma als Gegenpol zur (digitalen) Musik-Massenware, aber auch als Sprachrohr der Klein- und Kleinsthersteller versteht. „It’s all about quality“ war ein von uns überhörter Kommentar eines Eventbesuchers im Gespräch mit der Filmemacherin, und das ist wohl das Faszinierende an dem Berliner Laden, dessen Kunden häufig der illustren VIP-Riege der elektronischen Musik angehören – Musiker von Orbital bis zu Nine Inch Nails sollen dort regelmäßig einkaufen, also ist der Laden sicher auch für Groupies dieser Bands ein heißer Tipp.

Wer von dem Film allerdings detaillierte Informationen über neue und alte  Produkte seiner Lieblingshersteller bzw. eine Synthesizer-Doku erwartet, wird enttäuscht werden:

Totally Wired ist kein Film für gemütliches Fachsimpeln, sondern widmet sich eher den Menschen  hinter Namen wie Vermona, Doepfer, Macbeth oder Cewjman als ihren Produkten. Zwar fehlen auch Einblicke in die Werkstätten und Aussagen von Fans und Kunden nicht, aber meist stehen Aussagen über persönliche Motivation und Lebensphilosphie der Entwickler im Vordergrund. Genau das macht den Film auch für weniger in der Materie bewanderte Interessierte faszinierend – Entwickler wie Dieter Doepfer, Woka Cewjman oder  eben Ken McBeth handeln vor allen Dingen aus Leidenschaft und sind ganz sicher Nonkonformisten, die mit vielen Schwierigkeiten ihre eigene Vision umgesetzt haben.

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Fazit

Der mit viel abstrakten elektronischen Beats unterlegte und ästhetisch und modern umgesetzte Film demonstriert dies sehr deutlich und nimmt manch arg technische Aussage der Entwickler  gekonnt auf die Schippe –  hier hatte eindeutig eine Frau den Finger am (Kamera-)Drücker, zum Glück. Zumindest für uns weniger analog fixierte Amazona-Autoren war der Film dann aber doch irgendwie zu lang und das Thema doch zu speziell, und ein Eindösen zum Filmende lies sich nicht verhindern. Dies sollte Interessierte aber nicht abschrecken – der Film wird direkt über den Webshop von Schneiders Laden vertrieben, auf der Homepage kann man sich einen Ausschnitt anschauen.

Plus

  • interessante Einblicke in die Welt von Schneiders Büro

Minus

  • teilweise zu langatmig

Preis

  • 17,99 Euro
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Forum
  1. Profilbild
    Tischhupe

    Kinners, schöner Artikel, aber vieeeel zu kurz. Und Herr Woka Cewjman heisst eigentlich Wova Cwejman. Oder so ähnlich. :-)

  2. Profilbild
    studiodragon  

    Sehr kompetent und freundlich am Telefon !! Lieferung bis nach Frankreich, bis jetzt gibt es bei Schneider wirklich was für Musiker, und nix zu meckern …

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