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Interview: Anselm Goertz, Elektroakustik-Experte

"Mess-Papst" im Interview: So entsteht das perfekte PA-Setup

7. Juni 2026
Interview: Anselm Goertz, Elektroakustik-Experte

Interview: Anselm Goertz, Elektroakustik-Experte

Prof. Dr.-Ing. Anselm Goertz gehört zu den bedeutendsten Experten für Lautsprecher, Messtechnik, PA-Systeme und professionelle Beschallung. Im AMAZONA-Interview bei den Thomann Live Days erzählt uns der Akustiker, Hochschuldozent und Fachautor, wie er von selbstgebauten Lautsprechern, DSP-Experimenten und viel Neugier zu seinem Berufsweg zwischen Forschung, Lehre und Praxis kam. Außerdem spricht er mit uns darüber, worauf es beim Speaker-Tuning ankommt und warum Frequenzgang, Abstrahlverhalten, Maximalpegel, Verzerrungen und verlässliche Lautsprecherdaten zusammengehören.

Kurz & knapp

Worum geht es? Im Interview spricht Prof. Dr.-Ing. Anselm Goertz über seinen Weg in die Audiotechnik, Lautsprechermessungen, PA-Setups und verlässliche Simulationsdaten.

  • Werdegang: Anselm Goertz kam über selbstgebaute Lautsprecher, Elektrotechnik und das Institut für Technische Akustik zur professionellen Audiotechnik.
  • Messpraxis: Ein gutes PA-Setup entsteht nicht allein über den Frequenzgang, sondern durch das Zusammenspiel mehrerer Messwerte.
  • Lautsprecherdaten: Frequenzgang, Abstrahlverhalten, Maximalpegel und Verzerrungen müssen gemeinsam betrachtet werden.
  • Simulation: Planungstools bieten hohe Sicherheit, wenn Raumakustik und Lautsprecherdaten zuverlässig sind.
  • Praxisbezug: Anselm Goertz betont, dass Beschallungstechnik als Werkzeug funktionieren muss und in der Pro-Audio-Branche meist entsprechend solide umgesetzt wird.

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Das Interview mit Anselm Goertz gibt es auch als Video:

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Mehr Informationen

Anselm Goertz’ Weg in die Audiotechnik

Gereon:
Hallo Anselm, herzlich willkommen zum AMAZONA-Interview. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast. Vielleicht magst du dich zu Beginn einmal selber kurz vorstellen.

Anselm Goertz:
Hallo, Anselm Goertz ist mein Name und ich bin hier auf der heutigen Veranstaltung von Thomann, weil ich hier einen Vortrag über Lautsprecher, Messtechnik und alles, was damit zusammenhängt, gehalten habe. Das war der eigentliche Grund für meinen Besuch. Und was die Vorstellung betrifft: Viele interessieren sich ja dafür, wie ich überhaupt zu diesem sehr interessanten Berufsbild gekommen bin.

Angefangen hat das – wie wahrscheinlich bei den meisten –, dass man sich schon in der Schulzeit dafür interessiert hat und angefangen hat Lautsprecher und Verstärker zu bauen. Das gab es ja damals alles noch nicht in dem käuflichen Sinne. Also zum Beispiel wurde die Lautsprecheranlage in der Aula in unserer Schule, damals von mir gebaut. Gut, dass keiner umgekommen ist, so zurückgedacht heute. Weil, wir haben ja Elektronik, wir haben Verstärker gebaut mit Netzspannung drin und allem, was da zugehört. Und ja, ist irgendwie gut gegangen.

Vielleicht liegt der der Grundstein bei mir auch darin: Mein mein Onkel hatte einen Radio- und Fernsehladen. Dadurch war natürlich schon mal automatisch der Kontakt dazu da. Was der gemacht hat und repariert hat und gebaut hat und sowas. So kam das. Und dann war natürlich nach dem Abitur die Überlegung: Was kann man studieren? Und mein Cousin war schon in Aachen und der machte Maschinenbau und ich habe dann auch mal geguckt. Und da bot sich Elektrotechnik an und das geht ja so in diese Richtung.

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Vielleicht als Hinweis für Leute, die heute auch damit anfangen: Also die ersten paar Semester – speziell in Aachen – habe ich durchaus gezweifelt, ob das richtig war. Weil Aachen heißt: AudiMax, 1.000 Leute, Frontalunterricht. Und nicht unbedingt so richtig interessant, sondern von Leuten runtergespult, die das schon seit 20 oder 30 Jahren machen. Da kann man durchaus schon mal ein bisschen zweifeln.

Heute ist der Studiengang vielleicht anders und auch die Art der Vorlesungen, wie das zu meiner Zeit war. Das ist ja im Endeffekt schon 40 Jahre her. Und wenn man da einmal durch war – also wenn das Grundstudium rum war – dann fing die Sache an, doch relativ interessant zu werden. Und auf dem Weg bin ich damals zum Institut für Technische Akustik gekommen. Professor Kuttruff war damals der Institutsleiter. Ich habe da erstmal ein Praktikum gemacht, also so ein Institutspraktikum mit diversen Versuchen. Sowas gehört ja sowieso zum Studium dazu.

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Und bin dann aber auch direkt als Hiwi – also als Hilfswissenschaftler, als studentische Hilfskraft – da geblieben, sehr intensiv mit 18 Stunden pro Woche. Also man war fast die ganze Zeit in dem Institut. Vor allem, weil ich da endlich die Sachen machen konnte, die ich immer schon mal machen wollte. Das ging dann eben so weiter, dass ich dann meine Diplomarbeit gemacht habe. Da habe ich ein DSP-System gebaut und programmiert, damals bei Dieter Leckschat als Betreuer. Der ist dann auch Professor in Düsseldorf an der Fachhochschule geworden, ist jetzt schon im Ruhestand, wir sind aber immer noch gut befreundet. Und daraus hat sich das dann alles entwickelt.

Nach der Diplomarbeit habe ich dann eine Anstellung bekommen, also für eine Promotion an dem Institut. Das läuft typischerweise über fünf Jahre, ist auch Vollzeit bezahlt und das war gut damals. Also man wusste: Fünf Jahre lang kriegt man jetzt richtig Geld […] und wir konnten eigentlich relativ frei forschen und machen. Ein bisschen Lehrauftrag, also dass wir Übungen machen mussten und Praktika betreuen und sowas. Aber dann hat sich da eine ganze Gruppe gebildet in dem eigentlich kleinen Institut, zusammen mit Sven Müller – vielleicht auch ein bekannter Name aus der Messtechnik, der heute Entwicklungsleiter bei NTi ist – und Dieter Leckschat eben und Gottfried Biller nicht zu vergessen, der akademische Oberrat.

[Das sind] alles sehr – ich sage mal – Audiotechnik-affine. Und Professor Kuttruff hat sich nicht so wirklich dafür interessiert, hatte aber die Devise: Wenn das läuft, wenn da etwas Gutes herauskommt, lass die Leute machen.“ und das war unser großes Glück. Und daraus hat sich das eigentlich alles entwickelt. Also wir haben allesamt an dem Institut promoviert und ich bin direkt danach freiberuflich tätig geworden. Ich kann sagen: Das waren die einzigen fünf Jahre, [in denen] ich gearbeitet habe (lacht).

"Der teurste Lautsprecher hilft mir nicht, wenn er in Bereiche strahlt, wo ich gar nichts hin haben wollte." – Anselm Goertz im Interview bei den Thomann Live Days

„Der teuerste Lautsprecher hilft mir nicht, wenn er in Bereiche strahlt, wo ich gar nichts hin haben wollte.“ – Anselm Goertz im Interview bei den Thomann Live Days

[Ich habe] in der Zeit aber auch schon angefangen, die Testberichte für Production Partner zu machen. [Das war ein] totaler Zufall, wie ich dahin gekommen bin, weil mein Cousin ein Abo von Production Partner gewonnen hat. Ich kannte die Zeitung gar nicht, habe da dann reingeguckt und gedacht: „Ach, interessant.“ und habe dann Kontakt zu Walter Wehrhan aufgenommen. Ich wollte eigentlich einen Artikel über meine Diplomarbeit da reinbringen – das ist auch passiert, also es hat direkt vier Artikel hintereinander über das Thema gegeben.

Und durch Zufall kam dann, als wir mal in der Redaktion waren. jemand von HK Audio an – Stefan Fischer glaube ich – und brachte Lautsprecher zum Test und dann fragte der Walter direkt: „Könnt ihr den Test nicht machen?“ Das war der erste Test und seitdem hat es keine Ausgabe mehr ohne Tests von uns gegeben.

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Gereon:
Und gab es im Anfang deiner Karriere ein Projekt, einen Moment oder vielleicht auch eine technische Fragestellung, die dich am Anfang besonders geprägt hat?

Anselm Goertz:
Nein, das sehe ich jetzt im Moment nicht. Also wenn, dann würde ich sagen: Die Diplomarbeit, in der [ich] selber ein DSP gebaut habe, also inklusive Platinen selber ätzen, programmieren, also wirklich das volle Programm. Das hat eigentlich den Grundstein für das Ganze gelegt. Und wir haben auch viel programmiert und gemacht. Es gab ja damals keine Mess-Software. Es gab die alten wahnsinnig teuren, großen Systeme, mit denen man wenig machen konnte.

Und deswegen war einfach der Bedarf für uns da, etwas selber zu machen. Und daraus ist auch das alles entstanden. Man schreibt sich selber eine Software zum Messen und dann kommen die ersten, die sagen: „Oh, das wollen wir auch haben. Können wir das nicht verkaufen?“ Und das hat sich alles so weiterentwickelt. Und in unserem heutigen Ingenieurbüro, in unserer Firma, verkaufen wir ja auch Messsoftware. Die ist quasi aus diesen damaligen Anfängen entstanden.

Anselm Goertz zwischen Forschung, Lehre und Praxis

Gereon:
Du arbeitest nun schon seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Forschung, Lehre, Messung und auch praktischer Anwendung. Was würdest du sagen, macht diese Mischung besonders interessant? Gibt es da einen speziellen Reiz?

Anselm Goertz:
Klar, zum einen natürlich die Vielfältigkeit. Unser Ingenieurbüro bearbeitet wirklich eine riesige Bandbreite von Aufgaben in der Akustik. Lautsprecherentwicklung, Lautsprechermessung in erster Linie bei uns das Kernthema von Michael Markaski bei uns im Büro. Aber es gibt ganz viele andere Themen. Wir sind zum Beispiel mit dem Forschungsschiff vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie auf der Ostsee rumgefahren, haben da Mikrofonarrays getestet, um Schiffshupen und sowas, also Schiffssignale akustisch zu detektieren.

Wir sind unter Tage im Bergbau gewesen, um da Kommunikationsanlagen zu optimieren, weil die Leute sich nicht verstanden haben […]. Oder wir machen auch Technik, die in Flugzeugen eingesetzt wird. Da darf man nicht ganz so viel drüber reden, das ist unter anderem Rüstungstechnik. Das ist eben eine riesige Bandbreite mit allen möglichen Sachen, wo Akustik vorkommt. Da sind wir recht breit aufgestellt. Das macht die Sache interessant.

Und dann die gerade angesprochene Lehre: Also 2007 habe ich eine Honorarprofessur in Berlin an der TU bekommen bei der Audiokommunikation. Und da trifft man natürlich ständig auf neue Leute, die entweder das Studium dort betreiben oder sonst wie wissenschaftlich tätig sind. Dadurch kommen natürlich ganz viele Impulse rein und ich merke an der Stelle auch immer, dass ich für mich – weil ich einfach keine Zeit dazu habe – ein gewisses Lerndefizit habe. Also ich würde mich gerne mehr mit neuen Dingen beschäftigen, komme aber nicht so richtig dazu, weil das Alltagsgeschäft die gesamte Zeit in Anspruch nimmt.

Prof. Dr.-Ing. Anselm Goertz im Interview

Prof. Dr.-Ing. Anselm Goertz im Interview

So, wie ich das jetzt betreibe, würde es nicht gehen ,wenn das nicht mein ureigenstes Interesse wäre. Wenn das jetzt nur Arbeit wäre, wäre es Unsinn, das so zu machen. Also da muss das eigene Interesse natürlich schon [vorhanden sein]. Ich habe ja einen Anspruch und ich will das ja machen. Und ich mache es auch immer so, wenn wir im Urlaub sind: Ich sage zu meiner Frau, [dass der Urlaub]  für mich immer erst um zwölf Uhr anfängt. Vorher muss ich noch andere Sachen machen. Und schlimm wäre, es wenn keiner anrufen würde und nichts passieren würde.

Es ist einfach so, dass ich da ein verstärktes Interesse dran habe. Ich werde jetzt 64 [und es] fragen schon ein paar Leute: „Wie ist es denn mit Ruhestand?“ Aber daran verschwende ich gar keinen Gedanken. Was sollte ich dann tun? Dann käme ich vielleicht auf dumme Ideen und würde irgendwie HiFi-Lautsprecher bauen oder sowas.

Anselm Goertz bei den Thomann Live Days

Gereon:
Dein Vortrag hier bei den Thomann Live Days heißt „Von der Messung zum perfekten Setup“. Für die, die den Vortrag nicht gehört haben: Was macht das perfekte Setup aus?

Anselm Goertz:
Mit Setup war in dem Fall gemeint: Wenn ich einen Lautsprecher baue oder einen Lautsprecher habe, den ich über Filter, Limiter oder – ich sag mal ganz allgemein gesprochen – Controller-Einstellungen mit einem beliebigen DSP-System oder Verstärker – die ja heute alle sowas drin haben – optimieren möchte. Wie kommt man dann dahin? Also welche Daten sind wichtig? Was muss ich berücksichtigen? Und da darf ich nicht nur auf den Frequenzgang gucken, sondern es gibt noch ganz viele andere Sachen.

Und dann haben wir das anhand eines Beispiel-Lautsprechers gemacht. Das war eine – ich sage mal – Wald- und Wiesen-12-2-Box bei uns aus dem Lager. Und dazu haben wir einen ganz neuen Verstärker von Dynacord genommen, das IX-Modell, [in dem] alles in großer Ausführlichkeit drinsteckt, was man braucht, um solche Sachen zu machen. Und anhand dieses Beispiels habe ich gezeigt, wie man – wenn man die Rohdaten der Messung hat – zu einem gut funktionierenden Gesamtsetup kommt.

Gereon:
Du hast jetzt gesagt, man darf nicht nur auf den Frequenzgang gucken. Was wären weitere Punkte, die man für den Live-Kontext beachten muss?

Anselm Goertz:
Der Frequenzgang ist immer das, was man als Erstes sieht. [Der] ist natürlich auch wichtig und sollte erstmal hinreichend gerade sein. Also Sound sollte die Box nicht machen. Sound macht man bitte am Pult oder sonst wo, aber nicht mit dem Lautsprecher. Und die anderen Aspekte sind räumliches Abstrahlverhalten. Das muss natürlich passen. Also der teurste Lautsprecher hilft mir nicht, wenn er in Bereiche strahlt, wo ich gar nichts hin haben wollte. Das muss passen. Das muss ich dabei berücksichtigen. Also auch, wenn ich sowas konzipiere.

Und ganz wichtig ist natürlich auch: Welchen Maximalpegel kann ich mit dem Lautsprecher erzielen? [Das ist] immer wieder ein Streitpunkt, weil da ganz viele Fantasiewerte in den Datenblättern rumgeistern. Und vor allem [ist es wichtig], das dann auch interpretieren zu können, wenn ich ein Datenblatt sehe und da stehen irgendwie technische Daten drin. Wenn ich Glück habe, steht auch dahinter, wie die gemessen worden sind. Wie kann ich daraus folgern? Was kann ich mit dem Lautsprecher machen?

Das Gleiche trifft nicht nur auf Datenblätter, sondern – ganz wichtig – auch auf Simulationsdaten zu. Weil fast alle Projekte werden heute im Vorfeld simuliert. Sei es in der Live-Branche, [dass man] vorher mal schnell mit EASE Focus guckt oder mit den Programmen der jeweiligen Hersteller.

Auch bei größeren Installationsprojekten wird eigentlich immer komplett simuliert. Unter anderem Bahnhöfe, Flughäfen, Fußballstadien und sowas. Und da muss ich natürlich absoluten Verlass auf die Daten haben, die ich da reingebe. Also zum einen muss die Bewertung der Raumakustik stimmen. Ich muss also muss wissen. Wie verhält sich der Raum? Wenn ich das nicht weiß, kann ich nicht simulieren. Das ist vollkommen klar. Welchen Störpegel muss ich berücksichtigen? Und dann muss ich natürlich wissen: Stimmen die Lautsprecherdaten? Also das, was der Hersteller in die Simulationsdaten reingepackt hat, was für mich als normaler Anwender erstmal eine Blackbox ist.

Ich muss die Daten so nehmen, wie sie sind. Wie zuverlässig sind dann meine Ergebnisse? Wenn ich jetzt ausrechne: Ich erreiche die und die Sprachverständlichkeit in einem Stadion und ich erreiche den und den Maximalpegel. Und dann kommt im Zweifelsfall – oder nicht im Zweifelsfall, sondern wenn es sich um eine baurechtlich geforderte Sprachalarmanlage handelt – kommt ein Prüfsachverständiger, der misst das nach. Der hat ja auch die Messgeräte. Und wenn dann auf einmal zehn dB weniger rauskommen, als ich simuliert habe, dann habe ich ein Problem. Und das darf nicht passieren.  Deswegen ist es total wichtig, diese Daten wirklich beurteilen zu können und zu wissen: Was kann ich damit anfangen?

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Gereon:
Aber gibt es auch Situationen, in denen wo von der Messung her alles gut und perfekt abgestimmt auf den Raum aussieht, aber du dem Ganzen trotzdem nicht traust? Also wie viel Vertrauen legt man dann tatsächlich in so eine Messung Simulation?

Anselm Goertz:
Ich sage mal so: Wenn messtechnisch alles in Ordnung ist, habe ich es noch nicht erlebt, dass es dann irgendwie gar nicht ging oder nicht funktioniert. Wenn man umfassend alle Messergebnisse betrachtet, dann passt das schon ganz gut. Und Simulationen ist wirklich „Garbage in, garbage out“. Also je besser die Eingangsdaten sind, umso besser ist das Ergebnis.

Das heißt ,wenn ich zum Beispiel einen Raum simuliere, den es schon gibt, dann kann ich natürlich die Nachhallzeit nachmessen und mein Simulationsmodell auf die gemessenen Werte anpassen. Das bringt eine viel höhere Planungssicherheit, als wenn der Raum noch nicht existiert und ich mit Materialdaten arbeiten muss. Das ist also immer schon mal ein ganz großer Vorteil.  Und was Einmessungen von Anlagen betrifft: Der eine oder andere weiß vielleicht, dass ich zusammen mit Klaus Jankuhn zehn Jahre lang die MAYDAY in der Westfalenhalle betreut habe. Und da war das immer so, dass wir erst mal gemessen und gemacht haben und alles eingestellt haben. Und dann haben wir uns das angehört und haben gesagt: „Ja, ist gut, gefällt uns.“

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Und dann kam Klaus sozusagen als künstlerische Instanz, hat sich dann seine Produktion da auf dieser Anlage angehört und hat dann meistens noch gesagt: „Okay, ich möchte da noch einen Filter und da noch ein bisschen und dies noch ein bisschen.“, bis das dann auch genau so war, wie er sich das vorstellte. Das waren dann keine großen Änderungen, eher so Kleinigkeiten und Details am Rand. Und dann war man nachher damit zufrieden. Das war gut.

Einmessen einer PA: Tipps von Anselm Goertz

Gereon:
Was wären denn erste konkrete Schritte, die man machen müsste, wenn man in einen Raum kommt, in dem eine PA steht oder hängt, die einen aber klanglich nicht überzeugt?  Gibt es da einen guten Leitfaden? Vielleicht auch gerade für Anfänger in dem Bereich?

Anselm Goertz:
Also erstmal [sollte man] natürlich grundsätzlich gucken, ob alles in Ordnung ist. Die Zeiten sind zum Glück ein bisschen vorbei, in denen man 90 Prozent der Zeit Fehler gesucht hat und dann noch mal schnell eben gemessen hat. Mittlerweile funktionieren die Sachen alle sehr zuverlässig und gut. Aber trotzdem: Checken, ist alles in Ordnung? Und dann ich sage mal: Klassische PA links, rechts, Line Array oder Hornsysteme oder sonst was auch immer: Da sollte man immer mal sehen, dass man sich den Bezugsbereich der Lautsprecher im Publikum anguckt und einfach mal über diese Fläche gemittelt misst.

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Also 20-30 Messpositionen gemittelt über die die angepeilte Zuhörerfläche. Und das dann auch getrennt voneinander. Also nicht links und rechts zusammenlaufen lassen – auch, wenn es noch Sidefields oder irgendwelche Lautsprecher auf den Rängen gibt. Erstmal alles aus, immer nur einen Bereich laufen lassen, den messen und die [Ergebnisse] dann entsprechend vergleichen. Wenn jetzt zum Beispiel [die Mess-Ergebnisse] der linken Seite von der PA bei einem völlig symmetrischen Aufbau total anders aussehen, als die der rechten Seite, weiß ich: Da stimmt irgendwas nicht.

Dann muss ich erst mal die Ursache klären. Und wenn ich diese Messung mache, dann sehe ich natürlich auch direkt: Was habe ich für einen Frequenzgang? Passt das? Sind da möglicherweise irgendwo Lücken? Sieht irgendwas ganz komisch aus? Und solche Sachen. Und damit komme ich eigentlich schon recht weit. Wenn ich jetzt natürlich einen Raum habe, der – sagen wir mal – einem Hallraum gleicht, also fünf, sechs Sekunden Nachhallzeit hat, dann habe ich ein Problem.

Dann muss man grundsätzlich darüber nachdenken, ob dieser Raum für das, was ich da machen möchte, überhaupt geeignet ist. Also ein Schlagzeuger in die Kirche zu setzen, da mischt man sich dann wahnsinnig, sonst nichts. Und auch alle Zuhörer werden wahnsinnig.

Gereon:
Gibt es denn Fehler, die du relativ häufig beim Aufbau von PAs siehst? Vielleicht auch bei Profis, die damit eigentlich täglich umgehen?

Anselm Goertz:
Nein, das kann man eigentlich nicht sagen. Ich finde schon, dass in letzter Zeit eigentlich immer alles ganz gut aussieht. Wie gerade schon gesagt: Früher haben wir uns oft mit der Fehlersuche beschäftigt. Da war einfach auch die Möglichkeit, Fehler zu machen, viel größer. Das waren ja freie Systeme. Ein Kumpel von mir – Thorsten Schulz aus Berlin – hat immer gesagt: „Die alten Anlagen hatten einen viel höheren Spielwert.“, weil man viel mehr probieren und machen konnte.

Da hatte man beliebige Verstärker, beliebige Controller und das wurde alles irgendwie mit den Lautsprechern verkabelt und zusammengesucht von zig Verleihern. Gerade für so Riesen-Anlagen, wie bei MAYDAY und so. Das kam ja teilweise von ganz vielen Verleihern zusammen. Und da gab es natürlich manche Überraschungen. Dann ging plötzlich irgendetwas nicht und dann wurde kräftig nach Fehlern gesucht.

Gereon:
Jetzt gibt es ja heutzutage für Messungen und Simulationen immer mehr Softwares die genutzt werden, um eine PA einzurichten und im jeweiligen Raum gut klingen zu lassen. Glaubst du, dass die ganze Sache vom Messen und vom Einstellen von PAs dadurch viel komplizierter geworden ist? Man kann sich ja recht einfach sehr viele Daten ausspucken lassen und gerade als Laie oder Semi-Profi ist es schwer, damit umzugehen.

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Anselm Goertz:
Man muss zum einen sagen: Natürlich, wenn man mit dem Programm umgehen kann, hat man dadurch eine höhere Planungssicherheit. Man kann also viel besser vorhersagen, was passiert und was geht. Ich nenne jetzt noch mal als Beispiel mal ArrayCalc von d&b, womit man eine Anlage sehr gut konfigurieren kann und auch sehr genau definieren kann, von wo bis wo die Beschallung geht. Und dass man sagt: „Da hinten ist eine Wand, die möchte ich auf keinen Fall beschallen, damit ich kein Echo zurückkriege.“ Das funktioniert da alles schon ziemlich gut.

Und da ja mittlerweile auch meistens die Schnittstelle zwischen diesen Programmen von den Herstellern zu den Geräten da ist – wenn man sich also ein Setup in der Simulation konfiguriert, kann man das ja auch direkt auf die Geräte übertragen –, erspart das natürlich zum einen viel Arbeit, weil es schnell geht. Aber man muss sich natürlich auch – ich sage mal – blind drauf verlassen können, dass die Sachen, die man da überträgt, auch wirklich ankommen und so umgesetzt werden. Das ist immer so ein bisschen eine Sache, [bei der] im Hintergrund immer so eine Angst mit schwelt. „Tut das Ding jetzt auch das ,was es soll?“ Aber wie gerade schon gesagt: Die meisten Sachen funktionieren nahezu problemlos.

Gereon:
Ich habe noch eine letzte Frage, vor allem mit Blick auf die Leute, die deinen Vortrag bei den Thomann Live Days nicht gehört haben. Wenn du dir einen Aspekt aus dem Vortrag herauspicken müsstest: Was ist am wichtigsten für die Leute, die etwas beschallen wollen – ein Konzert, ein Theater. Was aus deinem Vortrag ist der wichtigste Aspekt, der ihnen bei kommende Dinge, die sie beschallen möchten, hilft?

Anselm Goertz:
Ich glaube, aus dem Vortrag ist es wahrscheinlich der Teil, [in dem] es um die Lautsprecherdaten geht und was zu berücksichtigen ist. Ich denke mal, es ist das Wichtigste, dass man wirklich nicht nur selektiv auf eines guckt, dass man also zum Beispie lnur auf den Frequenzgang guckt, sondern dass man immer gucken muss: Frequenzgang, Abstrahlverhalten, Maximalpegel, Verzerrungsverhalten. Wenn die Sachen alle stimmen, dann passt es, dann kann eigentlich fast nichts mehr schief gehen.

Und man darf eben nicht nur auf eine Sache gucken. Dann ist das Risiko relativ groß, dass man vielleicht andere Dinge übersieht. Aber auch da muss man sagen, dass da die Pro-Audio-Branche natürlich relativ weit ist, weil da ist ein Lautsprecher ein Werkzeug und ein Werkzeug muss funktionieren und das tun, was man davon erwartet. Deswegen passen die Sachen in der Regel ziemlich gut.

Ganz anders ist das in der Hi-Fi- und Hi-End-Branche, in der manchmal auf irgendeinen Einzel-Messwert total abgefahren wird und all die anderen Sachen werden irgendwie vergessen. Und dann bildet sich daraus ein Hype oder die einen schwören darauf und die anderen nicht und man weiß gar nicht so richtig, warum. Das ist zum Glück in der in der Pro-Audio-Branche nicht so.

Elektroakustik-Profi Anselm Goertz im AMAZONA-Interview

Elektroakustik-Profi Anselm Goertz im AMAZONA-Interview

Gereon:
Ich schließe noch eine letzte Frage hinten an: Gibt es etwas Besonderes, das in nächster Zeit ansteht? Sing irgendwelche spannenden Projekte geplant?

Anselm Goertz:
Ja, spannende Projekte… Ich meine, ich bin ja in erster Linie in diesem ganzen Planungsgeschäft verstrickt. Und ich finde als Eisenbahn-Liebhaber natürlich meine Bahnhöfe spannend. Obwohl die Bahn ja gestern wieder mit allen Mitteln versucht hat, mich an dem Hier-Hin-Kommen zu hindern.

Gereon:
Ich hoffe, es lag nicht an fehlenden Lautsprecher-Durchsagen.

Anselm Goertz:

Nein, es lag nicht an Lautsprecher-Durchsagen. (lacht) Es lag daran, dass unter einer Eisenbahnbrücke ein Honk von LKW-Fahrer fest saß. Das war der Grund. Also die Bahn kann nicht mal etwas dafür. Das das sind so die Sachen, die wirklich für mich interessant sind. Ein Projekt, das jetzt läuft – was sicherlich interessant ist –, das ist die sprechende Sirene, bei der wir auch an der Planung beteiligt sind. Weil man weiß ja, dass es die Sirenen gibt, die einen Ton abstrahlen können. Das sind mittlerweile auch Lautsprecher. Und da ist es natürlich so: Wenn jetzt ein Alarmton kommt, weiß man ja nicht, warum kommt der denn?

Kommt möglicherweise eine gefährliche Rauchwolke und ich muss ins Haus gehen oder kommt eine Überschwemmung und ich muss das Haus verlassen? Und deswegen sind wir unter anderem mit dabei, das so zu erweitern, dass diese Sirene auch sprechen kann. Also der Alarmton kommt und danach wird gesagt: „Bitte verlassen Sie Ihr Haus!“ oder „Bitte schließen Sie Türen und Fenster!“ Das ist eigentlich gar kein Kernprojekt, aber es ist eben eine ganz interessante Sache.

Wir sind schon immer mit Probeaufbauten draußen mit sowas haben wir uns auch schon bekannt gemacht in unserem Umfeld. [Wir haben das] auf dem Firmengelände aufgebaut und damit rumgespielt. Ich überlege gerade noch, was sich sonst so abspielt. Für mich – sage ich mal so halb privat: Ich restauriere ganz gerne alte Sachen, also alte Lautsprecher und ich habe gerade ein paar Electro-Voice Sentry III aus dem vom Sperrmüll gerettet, die tatsächlich weggeworfen werden sollten.

Also historische wirkliche bekannte Lautsprecher. Damals vor 50 Jahren total begehrt. Noch funktionierten sie nicht. Die stehen jetzt bei mir, die werden jetzt überarbeitet. Das sind so Sachen, die ich aus Spaß und nebenher mache.

Gereon:
Sehr schön. Vielen Dank für den Einblick in deinen Werdegang und wie du diesen Bereich siehst. Ich finde, gerade diese Aspekte mit den Sirenen oder auch Bahnhofsdurchsagen: Klar, das kennt man und man sieht, dass so etwas installiert ist und man ist auch darauf angewiesen. Aber was da für Entscheidungen für ein ganzer Prozess hinter steckt, hat man oft nicht auf dem Schirm.

Anselm Goertz:
Das sieht man von außen nicht. Vor allem die ganzen ganzen Formalitäten und so, die da die dahinter stehen. Also bis überhaupt erst mal ein Lautsprecher für den Einsatz in solchen Bereichen zugelassen ist, das ist ein ein Riesen Aufwand.

Gereon:
Ja, das glaube ich. Vielen Dank für das tolle Interview.

Anselm Goertz:
Gerne. Vielen Dank.

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Über den Autor
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Gereon Gwosdek RED

Leidenschaft für Tasten und Technik, Musikschulinhaber und Bandleader im Bereich von christlicher Musik.

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