Der Flügel als Drumcomputer
Wie verbindet man einen Sequencer mit einem hundertjährigen Flügel? Der Zürcher Pianist, Produzent und Komponist Bálint Dobozi experimentiert mit mechanischen Hämmern, um seinen Flügel kurzerhand in eine Art akustischen Drumcomputer zu verwandeln. Wir trafen Bálint Dobozi in seinem Studio in Zürich und sprachen mit ihm über seinen Werdegang und den Balanceakt zwischen Kunst und Kommerz.
Worum geht es? Ein Interview mit dem Zürcher Pianisten, Produzenten und Komponisten Bálint Dobozi über mechanisierte Flügel, künstlerische Haltung und Künstliche Intelligenz in der Musik.
- Akustischer Drumcomputer: Bálint Dobozi erweitert seinen Flügel mit MIDI-gesteuerten Solenoiden zu einem sichtbaren, mechanischen Rhythmusinstrument.
- Hybrid-Ästhetik: Seine Musik verbindet Jazz, Elektronik und zeitgenössische Komposition mit intuitiver Wirkung.
- Live-Fokus: Technik bleibt hörbar und sichtbar. Konzerte sollen unmittelbare und unverstärkte Präsenz erzeugen.
- KI-Kritik: Künstliche Intelligenz sieht Bálint Dobozi als Hilfsmittel, lehnt sie jedoch als kreatives Ersatzwerkzeug klar ab.
- Berufung Musik: Seit fünfzehn Jahren lebt er ausschließlich von der Musik und bewegt sich zwischen Kunst und Kommerz.
Inhaltsverzeichnis
Bálint Dobozi: Zwischen Klassik, Jazz und Elektronik
Martin:
Hallo Bálint, freut mich sehr, dass wir uns hier in deinem Studio treffen können. Wie war dein musikalischer Werdegang?
Bálint Dobozi:
Ich spielte schon als Kind Klavier, meine Mutter ist klassische Pianistin aus der strengen ungarischen Schule. So bin ich mit viel klassischer Musik aufgewachsen – Wiener Klassik, Romantik aber auch zeitgenössische Musik, vor allem aus ungarischer Feder: Bartók, Kurtág, Eötvös.
Ich ging zur Klavierstunde, lernte aber langweilige Sonatinen und hatte als Teenager keine Lust mehr auf die klassische Klavierliteratur. Und so begann ich – vielleicht auch aus Protest – Schlagzeug zu üben, wovon ich heute noch profitiere. Schon ein Jahr später spielte ich wieder Klavier, diesmal aber nur noch Jazz. Parallel begann ich mich wegen eines Freundes für elektronische Musik zu interessieren. Mein erster Synthesizer war der Roland D-10.
Zusammen mit dem legendären Master Tracks Pro MIDI-Sequencer auf dem Atari spielte ich meine ersten Stücke und Arrangements ein. Der D-10 war ein tolles Gerät: multitimbral, flexibel – insgesamt ein runder Sound. It didn’t excel at anything. Aber er hatte ein paar coole E-Pianos, gute Bässe, FM-artige Sounds, Drums und einen schrottigen Hall. Aber im Ganzen hat es funktioniert.
Nach der Matura ging ich für einen Sommer nach Boston ans Berklee College, was sehr inspirierend war. Dennoch kehrte ich in die Schweiz zurück und studierte an der Universität, unter anderem auch Musikwissenschaften. Später arbeitete ich in der Kommunikationsbranche, aber die Musik lief immer parallel weiter mit verschiedenen Bands, unter anderem mit der schweizerdeutschen Hip-Hop-Band Sendak, mit der wir in der Schweiz viel auf Tour waren. Das Besondere war, dass wir alles live spielten.
Um die Jahrtausendwende veröffentlichte ich meine ersten elektronischen Tracks, eine Mischung aus Electro und Disco mit jazzigen Chords. Dies konnte ich auch in Produktionen für die Schweizer Rapperin Big Zis einbringen, die ich zusammen mit meinem Bruder realisierte. Und ich nahm den Faden wieder auf mit dem Schlagzeuger unserer 90er-Hip-Hop-Band, der inzwischen unter dem Namen Kalabrese seine eigene, charakteristische Variante von Klubmusik erschuf. Wir sind seitdem international auf Tour mit dem Rumpelorchester, was immer noch viel Spaß macht.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Im eigenen Studio machte ich erste Werbejobs, dann mit der Zeit auch Kompositionen für Theater, Filme, für Tanz und Museen. Letztes Jahr auch für den Tatort (Tatort Zürich, „Kammerflimmern“). 2020 veröffentlichte ich dann mein erstes Solo-Piano/Elektronik-Album. Seit fünfzehn Jahren lebe ich nur noch von der Musik, was ein großes Privileg ist.
Mich interessiert die Schnittstelle zwischen Jazz, Elektronik und zeitgenössischer Musik. Von Letzterer vor allem der sinnliche Kern und weniger die intellektualisierte Schlagseite. Ich möchte die Leute mit der Musik berühren. Der technische Aspekt soll stets im Hintergrund bleiben, dabei kann die Musik selbst komplex sein, unter anderem auch mit Odd-Meter-Rhythmen, Siebenern und Fünfern. Das ist es: Ich finde es am Spannendsten, wenn die Musik intuitiv wirkt, ohne dass man verstehen muss, wie sie aufgebaut ist.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Vom Sequencer zum mechanischen Flügel
Martin:
Du arbeitest neuerdings auch mit mechanisierten Hämmern. Wie genau gehst du dabei vor?
Bálint Dobozi:
Früher spielte ich viele Solo-Gigs mit Klavier und Ableton, doch störte ich mich immer mehr an den vorgefertigten Loops und Sounds, auch wenn der Drumcomputer mit Klavier-Samples bestückt war. Und so begann ich mich mit mechanischen Systemen zu beschäftigen, die die digitale Sequencer-Programmierung in die akustische Domain zurückführt und bin bei Dadamachines in Berlin fündig geworden.
Kern des Systems ist ein zwölfkanaliges Kästchen, das USB-MIDI in Steuersignale für elektromagnetische Bolzen, sogenannte Solenoide, wandelt, was problemlos funktioniert, sodass ich mich auf die rein klanglichen Aspekte und verschiedene Materialien, Schlägerarten etc. konzentrieren kann: Wo und wie bekomme ich die besten Sounds im Klavier? Und wie passen die unterschiedlichen Geräusche und das Live-Klavierspiel in der Lautstärke zueinander? Eine eher banale, aber wichtige Frage ist, wie die Solenoiden am Flügel festgemacht werden, damit sie sich nicht durch den Impuls verschieben.
Gesteuert wird das Ganze momentan durch einen Arturia Beat-Step-Sequencer, das könnte natürlich auch eine DAW oder etwa ein Modularsystem sein. Das ist momentan die rhythmische Basis, zu der ich meine Klavierstücke spiele. Aber es könnte auch umgekehrt sein und MIDI-Signale könnten auch von eingehenden Audiosignalen getriggert werden, womit ein automatisiertes System möglich wäre: Du spielst frei und die Hämmerchen folgen der Musik.
Entscheidend ist, dass alles, was zu hören ist, direkt aus dem Klavier kommt. Die Beats wirken durch den mechanischen Aufbau anders, da das Publikum die Bewegungen der kleinen Hämmer und Schlägel sieht und die Erweiterung des Klavierkörpers zu einem akustischen Drumcomputer etwas Interessantes hat. Ich benutze Technologie, aber mache sie sichtbar. Im Gegensatz zu einem Live-Act, der nur mit Ableton, Drumcomputer und Synths spielt, was in der Performance immer abstrakter und distanzierter bleibt, egal wieviel Lightshow noch darum herum geschieht. Auch wenn elektronische Musiker mit viel Elan an ihren Knöpfen drehen, kann das Publikum nicht nachvollziehen, was eigentlich passiert. Das will ich hier für mich ändern.
Martin:
Besteht nicht die Gefahr, dass deine Musik trotzdem etwas mechanisch klingt?
Bálint Dobozi:
Ja, bestimmt. Doch ich spiele ja frei auf dem Flügel, während die Solenoiden „nur“ für den Rhythmus verantwortlich sind. Zudem läuft der Groove nicht die ganze Zeit, freie und rhythmische Passagen wechseln sich ab. Dynamik ist bei diesem Setup sehr wichtig, es soll auch mal leise werden können.
Letzten Endes suche ich nach einem Weg, das Publikum spüren zu lassen, was ich auf der Bühne mache. Was mich fasziniert, ist dass dieses Setup auch in kleinen Räumen unverstärkt funktioniert, während für die große Bühne zwei Mikrofone reichen. Und die ganze Musik ist da schon drin.
Martin:
Wie stehst du zu anderen Solo-Piano-Projekten?
Bálint Dobozi:
Als ich mein Piano-Projekt begann, habe ich mich natürlich umgehört, wer sich sonst mit dem Klavier in einem zeitgenössischen und/oder elektronischen Kontext beschäftigt. Dazu gehören natürlich Namen wie Frahm, Einaudi, Rani, nebst vielen anderen. Jede und jeder hat eigene Stärken.
Bei Frahm finde ich es zum Beispiel beeindruckend, wie er oft sehr einfache musikalische Motive an seinen Konzerten in einer beeindruckenden Dynamik zu mächtigen Klanggebilden heranwachsen lässt, die er mit seinem Instrumentarium erzeugt. Und dabei ist er alleine auf der Bühne. Das ist sein Genie. Als ich vor einem Jahr ein Konzert von ihm besuchte, habe ich mich hingesetzt und das einfach genossen.
Wenn mir auch nicht alles, was unter dem problematischen Begriff „Neoklassik“ zusammengefasst wird, zusagt, ist es schön zu sehen, dass sich ein größeres Publikum wieder für Klaviermusik und das Klavier begeistern kann. Das ist sehr viel wert.
Für meine Musik suche ich meine eigene Balance aus den Stilen, die mir wichtig sind und die mich glücklich machen, wenn ich spiele: Die Rhythmik der afroamerikanischen und europäischen Volksmusik genauso wie die Attitüde barocker und klassischer Klavierwerke und das Existenzielle zeitgenössischer Kompositionen.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Martin:
Hörst du viel Musik?
Bálint Dobozi:
Das kommt sehr darauf an. Wenn ich viel komponiere, bin ich am Abend froh, nichts mehr hören zu müssen. In anderen Phasen interessiere ich mich sehr für Neues, zum Beispiel auf Bandcamp oder in Newslettern von Musikjournalen. Da entdecke ich immer wieder spannende Dinge. Das kann Jazz sein, hybride Ambient- oder elektroakustische Projekte oder auch mal etwas richtig anstrengendes Zeitgenössisches, um die Ohren zu öffnen. Oder neue Schallplatten vom Flohmarkt mag ich auch sehr, natürlich die ganze Haptik, aber auch, weil das Medium die musikalische Form definiert und nicht der Algorithmus.
Bálint Dobozi über KI und Kreativität
Martin:
Was hältst du von Künstlicher Intelligenz in der Musik?
Bálint Dobozi:
KI kann interessant sein als zuarbeitende Technik für einen Producer oder Komponisten, um beispielsweise schnell verschiedene Varianten einer Auftragsmusik zu arrangieren. Manche Kunden können mit halbfertigen Entwürfen nicht viel anfangen, weil dies schlicht zu abstrakt ist. Hier kann die KI sehr hilfreich sein als Arrangementhilfe für das schnelle Prototyping.
Künstliche Intelligenz als kreatives, sprich als erschaffendes Werkzeug, das ganze Songs direkt erstellen kann, interessiert mich aber überhaupt nicht. Es ist schlicht nicht spannend. Zudem haben wir es hier mit einer Urheberrechtsverletzung epischen Ausmaßes zu tun. Das generiert auch eine Rechtsunsicherheit für die Firmen, aber auch die Nutzer. Ich bin der Überzeugung, dass das Urheberrecht immer beim Komponisten bleiben muss, gerade auch in einem kommerziellen Kontext. Ich hätte schlicht keine Lust, tagelang zu prompten und von Firmen pro Stunde bezahlt zu werden, die sich eigentlich viel mehr leisten könnten, es aber einfach nicht wollen.
Und wenn im Falle der Streamer zum Beispiel Spotify KI-generierte Musik pusht, dann wird Spotify selbst total sinnlos, weil es die Musik weiter degradiert.
Live, Publikum und Zukunft der Konzerte
Martin:
Wie siehst du die Zukunft der Konzerte?
Bálint Dobozi:
Eigentlich sehr positiv, denn Konzerte sind durch nichts zu ersetzen. Doch sollten wir nicht vergessen, dass für Musikerinnen und Musiker die Gagen stetig sinken. Vor 30 Jahren bekam ich nominell gleich viel wie heute, obwohl es ja so etwas wie Inflation gibt. Wir erleiden seit Jahrzehnten einen Reallohnverlust. Hinzukommt, dass wir oft schlechte Geschäftsleute sind und immer an die Musik denken, sonst würden wir uns das nicht gefallen lassen. (lacht)
Doch grundsätzlich sehe ich eine rosige Zukunft für das Format der Livekonzerte, wo Zuschauer und Musiker zusammenkommen und etwas passiert, das eben nicht durch das digitale Medium abstrahiert ist, sondern aus dem Moment heraus entsteht. Ganz ähnlich schätze ich die Situation in anderen Berufen ein: Das reine Handwerk wird immer bestehen bleiben und sogar aufgewertet werden, während einige Bürojobs viel einfacher durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden können.
Martin:
Vielen Dank, Bálint, für das interessante Gespräch und alles Gute für deine Projekte!
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

































Richtig gutes Zeug! 🫠👍
Danke Martin, für diesen anregenden und kreativ motivierenden Artikel!
Die Thematik des kreativ Musikmachen darf die Redaktion gerne mehrere Artikel verbreiten. Mit einem Instrument gleich 2 Fliegen auf einem Schlag… Ähm…, nee…
Klanglich konsequent von Bálint, das Piano so zu nutzen!😬👍
Alternative:
Künstler: „Grandbrothers“
Album: „Open“
Die nutzen auch computergesteuerte mechanische Aktoren um auf verschiedenen Teilen eines Klaviers „herumzuhämmern“ und Klänge zu erzeugen.
Sehr interessante und schöne Stücke dabei.