Unheilig-Mischer im Interview: Wie entsteht der Sound eines großen Konzerts?
Kurz vor dem Unheilig-Konzert in der Oberhausener Turbinenhalle am 29. Dezember hatte ich für AMAZONA die Gelegenheit, mit dem FoH-Tontechniker Bernd Michael Tombült zu sprechen, der schon seit vielen Jahren mit seiner Firma TTL Event Solutions den Livesound von Unheilig prägt. Im Interview gibt er spannende Einblicke in seinen Werdegang und seinen Arbeitsalltag auf Tour. Dabei geht es nicht nur um die Technik, sondern auch um Erfahrung und das Zusammenspiel von Band, Raum und Publikum.
Inhaltsverzeichnis
Das Interview ist auch als Video auf dem YouTube-Kanal von AMAZONA zu finden:
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Ergänzend zu diesem transkribierten Interview und dem ausführlichen Konzertbericht erscheinen auf AMAZONA.de in Kürze weitere Beiträge rund um das Konzert, wie beispielsweise ein Interview mit dem Keyboarder und Produzenten von Unheilig Henning Verlage.
Werdegang und Arbeit als Tontechniker
Gereon:
Du bist hier für den Livesound verantwortlich. Vielleicht kannst du uns einmal kurz mitnehmen und erzählen, wie du überhaupt dazu gekommen bist, Livesound zu machen.
Bernd Michael:
Oh, Livesound mache ich schon seit über 30 Jahren, tatsächlich. Und natürlich, wie es so ist, man fängt als Hobby an. Damals, noch in der Ausbildung, habe ich das einfach mal nebenbei gemacht. Vor 30 Jahren gab es noch nicht den Veranstaltungstechniker als Beruf, also [habe ich eine] klassische elektrotechnische Ausbildung gemacht und nebenbei dann Livesound gemixt. [Ich bin] bei vielen kleinen Bands mitgefahren, im Sprinter nach Spanien und so weiter. Und ja, irgendwann wird man da so ein bisschen weitergereicht von Band zu Band und mit einem großen Glücksfall [bin ich] dann nach Unheilig gekommen irgendwann, aber auch schon vor über 15 Jahren.
Gereon:
Gab es bei den Künstlern, mit denen du unterwegs warst, irgendjemanden, der dich von der musikalischen oder technischen Seite besonders geprägt hat?
Bernd Michael:
Prägen tun sie alle, weil jeder hat so ein bisschen seine eigenen Eigenarten und auch seine Qualitäten, aber natürlich auch manchmal schon schlechte Seiten. Aber in dem Falle habe ich viele gute Sachen mitgenommen. Die Angelo Kelly Tour ist mir noch sehr gut im Gedächtnis geblieben, die wir 2021/22 gespielt haben, weil es mal musikalisch ganz anders war als das, was wir bis dahin mit Unheilig gemacht hatten. Wir hatten ja diese kleinen Lockdown-Pause, aber bis dahin haben wir mit Unheilig viel gemacht und dann hat mir das noch mal so richtig schön die andere Blickweise gezeigt, weil das war natürlich viel analoger, instrumenteller.
Ablauf am Konzerttag von Unheilig
Gereon:
Wie beginnt für dich ein typischer Konzerttag? Also vom Aufstehen bis die Show beginnt, wie läuft das für dich ab?
Bernd Michael:
Morgens kommen wir hier um 8 Uhr in die Halle, dann schauen wir erstmal, wie die Gegebenheiten sind. Der Kollege misst die Bühne aus, ich schaue schon mal, wo der FoH-Platz sinnigerweise stehen kann und darf. Dann kommt relativ schnell das Equipment rein und dann fange ich hier eigentlich schon am FoH-Platz an, mein Equipment aufzubauen.
Sobald das Equipment dann steht, fange ich schon mal an mit einem virtuellen Soundcheck. Dazu nutze ich dann die Recordings der letzten Show oder auch mal der Shows, die wir zwei, drei Wochen vorher gespielt haben oder ein paar Tage vorher gespielt haben, um einfach auch mal ein Match zu kriegen und einen Vergleich zu kriegen. Das mache ich dann alles aber noch für mich alleine auf dem Kopfhörer, mache noch mal ein paar Anpassungen auf Kompressoren, ein paar Levels und so weiter. Ja, und dann sind die Kollegen meistens auch schon so weit, dass es mit der PA losgehen kann.
Gereon:
Stichwort Soundcheck: Wie gehst du vor, wenn du bei Null starten würdest, einen Soundcheck mit einer Band zu machen? Was sind deine Schritte, die sich im Laufe deiner Erfahrungsjahre bewährt haben?
Bernd Michael:
Eigentlich klassisch, erstmal Rhythmus, erstmal die Schlagzeugsektionen durcharbeiten, Gitarren, Bass, Keyboards, aber da bin ich auch echt offen, einfach so wie die Musiker auch fertig sind auf der Bühne. Wir kennen alle noch von früher die vielen kleinen Clubshows, die wir gemacht haben. Der eine trägt noch seinen Amp rein, während der andere schon startklar ist. Dann wird er einfach vorgezogen.
AMAZONA-Artikel: Der perfekte Soundcheck
Mischpult und Mixing-Tools auf der Unheilig-Tour
Gereon:
Vielleicht kannst du uns kurz etwas zu der Technik sagen, die hier steht. Was nutzt du für ein Pult? Hast du einen Side-Rack? Du hast ja eben schon mal etwas von den Plug-ins von Universal Audio erzählt. Was nutzt du da und was ist dir lieb geworden im Laufe der Zeit?
Bernd Michael:
Also ich benutze jetzt eine Yamaha DM7 Konsole. Seit diesem Tourstart auch oder seitdem wir die Proben begonnen haben. Es war so ein bisschen: Man kannte schon Yamaha-Pulte. Ich glaube die meisten Kollegen, die sind irgendwie mit einem Bein schon mal in der Yamaha-Pfütze gestanden sozusagen (lacht). Und das war ein leichter Zugriff da drauf. Die neuen Konsolen bieten extrem viel. Dazu sind sie relativ klein und kompakt und die Schnittstellen über dieses ganze Dante-Netzwerk ermöglichen jetzt eine Vielfalt, dass ich zum Beispiel auch Universal Audio Plug-ins nutzen kann. Das war aber auch eine Voraussetzung, weil da gibt es schon viele tolle Soundtools, die ich nicht missen möchte.

Das DANTE-Audiointerface Universal Audio Apollo x16 zusammen mit zwei Luminex GigaCore Netzwerk Switches im FoH-Rack beim Unheilig-Konzert
Gereon:
Kannst du da welche benennen?
Bernd Michael:
Ja, kann ich tatsächlich. Also ein sehr liebgewonnenes Stück ist ein Avalon 737. Das hatten wir noch auf der letzten Tour vor neun Jahren als analoge Hardware dabei. Die gibt es jetzt seit ein paar Jahren auch als Plug-in. Des Weiteren nutze ich auch gerne mal ein paar Kompressoren von Universal Audio selber oder einen Shadow Hills Mastering Kompressor. Aber auch die Lexicons, die dort nachemuliert wurden, sind grandios.
Gereon:
Gibt es daneben noch bestimmte Effekte oder Tools, die für deinen Sound, den du für Unheilig machst, unverzichtbar sind?
Bernd Michael:
Wir benutzen tatsächlich viele Standards, versuchen dann möglichst viel daraus zu zaubern. Das ist wie mit einer guten Suppe: Die vielen Kleinheiten machen es aus. Aber ich bin dann immer ein Freund davon [zu sagen]: Manchmal ist weniger mehr. Nicht alles auf einmal und nicht alles viel, sondern langsam herantasten. Also gerne auch mal in der Vocal Chain drei Kompressoren hintereinander, aber von jedem nur ein bisschen und nicht voll.
PA und klangliche Umsetzung der Produktion
Gereon:
Vielleicht einmal zur PA und zur Halle. Ich habe schon gehört, dass das jetzt die Hallen-PA ist, die hier hängt. Mit was seid ihr sonst unterwegs, wenn ihr nicht das nutzt, was schon in der Halle hängt?
Bernd Michael:
Hier ist es eigentlich fast so wie unsere Tour-PA, ein bisschen kleiner. Wir haben 24 [L-Acoustics] K2 mit auf Tour, ein paar Downfills, ein paar Delays, [L-Acoustics] KARA, ein paar Sidehangs, auch KARA und dann [L-Acoustics] KS28 Subs. Hier ist es sehr ähnlich: K2 plus, ich glaube die [L-Acoustics] SB28 sind es, hier sind die älteren besser noch verbaut, aber im Prinzip ein sehr ähnliches System.
Gereon:
Wie geht ihr vor, wenn ihr für die Tour plant, was ihr anschafft oder euch für die PA mietet?
Bernd Michael:
Wir schauen uns alle Hallen an, alle Hallenpläne. Die meisten kennen wir schon von anderen Tourneen, von vergangenen Zeiten und versuchen da einfach, ein Match zu finden. Wir wollen natürlich auch nicht viel zu viel mitnehmen, aber es muss schon reichen für alle Locations. Also so viel muss dann doch im Laster sein.
Gereon:
Mal unabhängig vom Budget, was wäre deine Traum-PA?
Bernd Michael:
Ich würde jetzt keinen Namen favorisieren oder sowas. Ich bin schon sehr glücklich mit dem, was wir mitnehmen tatsächlich, das ist schon klasse. Man kann das immer größer skalieren und auch mit größeren Modellen bespicken. Das werden wir auch müssen, wenn wir in die großen Hallen gehen. Aber mit dem L-Acoustics Equipment bin ich eigentlich total fein. Aber wie gesagt, es gibt auch andere tolle Dinge.
Gereon:
Gibt es ein Tool, das bei dir live nicht fehlen darf?
Bernd Michael:
Ja, das Mischpult (lacht). Das sollte auf jeden Fall da sein. Ich bin also kein Freund davon, man kann ja alles irgendwie mit einer Stagebox und einem Editor machen oder sowas. Das finde ich nicht so cool, weil da bin ich zu langsam drauf. Du wirst es vielleicht noch sehen, wenn du uns hier noch begleitest bei dem Konzert: Ich bin nonstop am Arbeiten an dem Pult, weil jede Halle ist anders, das Publikum ist manchmal mehr, manchmal weniger. Die Band setzt Akzente und so versuche ich das auch umzusetzen und ich gehe da auch mit. Wenn ich sehe, dass der Drummer da alles gibt, dann wäre es ja auch der falsche Weg, da nicht mitzugehen.
Tipps aus der Praxis als FoH-Tontechniker
Gereon:
Gibt es Arbeitsweisen oder Abläufe, die sich für dich als besonders zuverlässig erwiesen haben?
Bernd Michael:
Ja, erstmal die Steckdose messen. Also ganz banal von unten an und nein, tatsächlich erstmal das ganze Technische aufbauen, alles Technische prüfen und dann fangen wir mit dem Musikalischen an. Und das hat sich wirklich bewährt, weil es ist nichts nerviger, als beim Soundcheck nochmal zu sagen: „Entschuldigung, ihr könnt nochmal alle 10 Minuten in den Backstage.“ Das wollen wir vermeiden. Deswegen versuchen wir schon am Soundcheck, alles ready zu haben, dass wir dann wirklich musikalisch uns konzentrieren können und auch ich hier die Levels fahren kann.
Gereon:
Eine letzte Frage habe ich noch: Welchen Rat würdest du jungen Tontechnikern mitgeben wollen, die selber mal große Hallen bespielen wollen?
Bernd Michael:
Okay, „die das gerne möchten“ ist natürlich eine Sache. Ich glaube, das möchte jeder. Davon habe ich früher auch geträumt. Da gehört ja auch immer ein bisschen Glück zu, aber im Prinzip üben, üben, üben. Das heißt, wenn sich eine Chance ergibt, mit einer kleinen Band loszugehen in Clubs, da kann man manchmal viel mehr lernen als in einem großen Event. Hier ist eine PA fertig, da ist ein Kollege, der hilft dir. In einem kleinen Club bist du oft alleine, musst dich mit allen Belangen der Band kümmern und das mach mal. Nach zehn Jahren weißt du alles (lacht). Und dann kommst du wahrscheinlich mit ein bisschen Glück automatisch in die großen Hallen.
Gereon:
Super, vielen Dank!
Bernd Michael:
Ja, bitteschön!







































Vielen Dank Gereon und Bernd Michael,
ich finde solche Einblicke sehr spannend und habe mich total über diesen Artikel gefreut.
Natürlich wirkt der erstmal etwas kurz, jedoch gibt es ja noch mehr!
😇
Ich persönlich habe den Eindruck dass der Klang bei Konzerten eher immer schlechter wird, dieser aber aufgrund dessen dafür schon laut gedreht wird. Schade eigentlich weil ein Konzert eigentlich ein Erlebnis sein soll. Persönlich dieser Erfahrung machte ich bei Night of the proms. Vor 20 Jahren war das noch ein geiler, wuchtiger Klang, jetzt klirrend und laut! Beides in selbiger Halle (Olympiahalle München). Das wäre auch eine interessante Frage meinerseits an einen Live-Mischer: Wie erkennt man das, wie laut es nun sein darf oder es sinnvoll erscheint? Ich könnte das überhaupt nicht einschätzen bei einer vollen Halle. Beschwerden gegenüber mir wären sicherer wie das Amen in der Kirche! 😆
@Filterpad Mit hilfe eines Schallpegelmesser und einhalten der spezifischen Vorschriften.
@Filterpad Ich kenne es ja nur einige, einige Nummern kleiner aber es gibt eigentlich immer jemanden, der sich beschwert. Wenn schon Leute beim Soundcheck dabei sind, dann kommt gerne jemand, der den Gesang zu leise findet, dabei hat man die PA gar nicht hochgefahren, weil es grade nur um den Bühnensound geht. Und beim Konzert selber gibt es eigentlich immer jemanden, der sich über zu wenig Lautstärke beschwert. Wenn man dann guckt, wo diese Leute stehen, ist es die hinterste Ecke, in Clubs gerne die Bar und dort quatschen sie ehh mit anderen und interessieren sich kaum für die Musik. Und andere Leute stehen mit ihren Ohren direkt vor den Boxen und ich frage mich, wie die das aushalten. Im Zweifelsfalle mache ich es lieber etwas leiser als zu laut, es bringt doch nichts, wenn ich als Mischer schon denke, dass ich eigentlich Ohrenschützer fürs Abmischen bräuchte.
@Filterpad Das sehe ich leider ganz genau so. Ich gehe seit einigen Jahren immer weniger auf Konzerte, nicht nur weil sie extrem teuer geworden sind. Der Sound wird mMn immer schlechter, viel zu viel Bass, nervende Höhen. Und das bei Musik, bei der man eigentlich zuhören können sollte (Snarky Puppy, Jacob Collier). Da ist man dann froh, wenn mal eine leisere Nummer gespielt wird. Sehr schade.
@calvato Collier hast du gesehen? Ok interessant. 🙂