Interview: Boris Blank, Yello Mastermind, Teil 2

15. April 2017

The Amazonas Full Of Piranhas...

Mein Interview mit Boris Blank wurde durch ein wunderbares Mittagessen mit Schweizer Köstlichkeiten unterbrochen. Nach einer leckeren Nachspeise (ich kann nicht ohne, während sich Boris zurückhielt), setzten wir unser Interview in seinem Studio fort.

Peter:
Wie kam es zu diesem Namen Yello?

Boris:
Das müsstest du Dieter fragen, der hat den Namen erfunden. Wir haben alle ganz verschiedene Namen eingeworfen. Yello kam von Dieter. Das hat uns gut gefallen, weil es etwas war, was nichts heißt und trotzdem gut klingt. Es war sozusagen ein Unikat.

Peter:
Ich bin erst 1984 auf euch aufmerksam geworden, als ihr diese LP mit dem Gorilla auf dem Cover herausgebracht habt.

Boris:
„You Gotta Say Yes to Another Excess“.

Peter:
Genau… war das euer Durchbruch?

Boris:
Der richtige Durchbruch kam erst 1985, als wir das Album „Stella“ herausgebrachten, das sich auch international ganz gut durchsetzte.

Der Durchbruch für YELLO kam mit Stella

Peter:
Kurz vor „You Gotta Say Yes to Another Excess“ trennte sich Carlos Peron von euch?

Boris:
Ja, das war 1983.

Peter:
Wie stark hat er damals den Yello-Sound geprägt?

Boris:
Er war eigentlich nie so wirklich als Musiker dabei, sondern er war eher ein Mentor. Er war vor allem im Hintergrund und hat sich zum Beispiel um die geschäftlichen Belange gekümmert. Wirklich musikalisch integriert war er aber eigentlich nie. Er produzierte damals mit Chris Lunch in der Roten Fabrik sehr schrillen Elektro-Punk.

Peter:
Auf jeden Fall ging die Trennung relativ glatt über die Bühne …

Boris:
Ja, man kann sagen, wir haben uns musikalisch auseinandergelebt.

Peter:
„You Gotta Say Yes to Another Excess“ war vielleicht nicht euer Durchbruch, aber für mich war es eine ganz neue Welt. Du hast schon damals sehr viel mit Stimmen experimentiert und vor allen Dingen auch mit Geräuschen. Gerade der Song GREAT MISSION mit dieser Dschungelatmosphäre und den bombastischen Ethno-Drums am Ende, hat mich nachhaltig beeindruckt.
Den Text kenne ich heute noch auswendig … „The Jungle near Manaos …“

Boris:
„… the Amazonas full of piranhas, the birds of paradise disappear into the green desert …“

Boris Regieplatz im Überblick

Eine TR-8 gehört ebenfalls zum Setup von Boris Blank

Peter:
Ja genau. Erzähl doch mal etwas zu dieser Produktion.

Boris:
Ich glaube, dass Dieter und ich uns sehr gut ergänzen. Wenn ich ihm meine Stücke, also diese Klanggebäude vorspiele, dann hat er immer sofort eine Idee für eine Story, die er erzählen kann. Er ist quasi der Protagonist, der durch die Gebäude geht und sich darin seine Rolle erfindet. Wir haben beide Freude an außergewöhnlichen, witzigen Sachen. Deshalb auch die Story vom „Jungle near Manaos, full of piranhas“. Wenn Dieter hinten am Mikrophon steht, während ich ein Stück spiele und er Texte macht, die vielleicht noch nicht passen, dann helfe ich weiter, wie zum Beispiel bei „Oh Yeah“ (1985). Damals habe ich zu Dieter gesagt: „Mach doch einfach das ganze Stück lang nur (Boris verstellt die Stimme und spricht ganz tief) ‚Oh Yeah’. Du musst dir vorstellen, dass du in der Karibik in einer Hängematte liegst und dir ein Girl mit einem Palmwedel Luft zufächert – und du sagst nur „Oh Yeah“. Dabei hast du einen Drink und siehst auf das Meer hinaus.“ Er kam dann noch zusätzlich mit dem „The moon beautiful – the sun even more beautiful“. Oder bei „Otto di Cantania (1988), da sagte ich ihm „dieser Fellini, diese alten Männer, wie sie da sitzen und sagen (Boris spricht mit krächzender Stimme) „Otto di Cantania bella donna…“

Peter:
(unterbricht Boris) Das war Dieter?

Boris:
Das war alles Dieter.

Peter:
Das Stück habe ich letztens angehört und gedacht, da hättet ihr irgendeinen Kolumbianer ins Studio eingeladen.

Boris:
Nein, nein. Das war Dieter, er ist ein Schauspieler mit seiner Stimme. Er kann sie sehr gut verfremden und so denken wir, beziehungsweise hauptsächlich Dieter, uns dann Geschichten aus.

Peter:
Von Anfang an hast du mit Geräuschen gearbeitet. Hattet ihr dafür bereits einen Sampler?

Boris:
Diese Geräusche, auch diese Rülpser, das waren damals die ersten Gehversuche mit dem Fairlight.

Peter:
Einen Fairlight? Der muss damals doch ein Vermögen gekostet haben?

Boris:
Der war sehr teuer, ja. Klaus Netzle (Elmulab Anm. d.Red) hat uns damals nach München eingeladen, damit wir uns den Fairlight vor Ort ansehen konnten.

Er war nicht nur Musiker und Produzent, sondern hatte auch den Fairlight-Vertrieb für Deutschland und die Schweiz übernommen

Das war für uns natürlich WOW! Man musste sich zum Beispiel nicht mehr die Finger an einer Bongo blutig schlagen und immer wieder dieselbe Sequenz von vorne spielen, sondern nur noch zwei, drei verschiedene Akzente eines Bongos aufnehmen, quantisieren, justieren, loopen,… Da gab es dann quasi keine Grenzen mehr und es war die totale Freiheit. Es gab die Möglichkeit, wie man ergänzend Obertöne mit einem Stift zeichnen konnte, man konnte Klänge modulieren und quasi wie ein Wissenschaftler, der durch ein Rastermikroskop in die molekulare Struktur eingreifen kann, auch in der Musik in die Klänge eingreifen. Das war fantastisch.

Peter:
Aber der Klang-Wissenschaftler bist immer du gewesen, oder? Dieter hat sich immer für die Stimme und nie für Synthesizer interessiert, oder?

Boris:
Seit 38 Jahren bin ich für die Musik von Yello zuständig, so steht‘s auch in den Credits unserer Platten: „Music Composed, Arranged and Engineered by Boris Blank / Lyrics and Vocals by Dieter Meier“. Um seine Texte zu schreiben und die Vocals aufzunehmen, braucht Dieter jeweils nur wenige Tage. Danach geht er wieder und ich arbeite teilweise noch mit seiner Stimme weiter, bearbeite sie oder baue noch Konturen über seine Stimme, die das Ganze dann noch ein bisschen verändern. Wie soll ich sagen … ich arbeite wie ein Mönch in Klausur, da oben auf dem Berg.

Peter:
Mit dem Album „Stella“ habt ihr auch begonnen, weiblichen Gesang einzusetzen. Vor allem auf ANGEL NO kommt die kräftige Stimme der Dame toll zur Geltung. Hatte Yello so etwas wie eine weibliche Ader gefehlt?

Boris:
Die erste Sängerin war Rush Winters bei „Stella“. Es gibt immer wieder Stücke, zu denen nur eine weibliche Stimme passt. Auch jetzt habe ich etwa 50 Stücke, die für das nächste Album brach liegen und auch da sind immer wieder solche Stücke dabei. Ich kriege immer wieder Stimm-Angebote von Damen, die gerne bei uns singen würden, zum Beispiel bei der Jazzsängerin Malia war das so. Auf der letzten Platte hat Heidi Happy ein paar Lieder gesungen, bei der war das nicht so, auf sie bin ich selbst zugegangen. Es ist gut, wenn auch eine helle Stimme dazu kommt, die ein paar Melodien singt und etwas Kontrast in das Ganze bringt.

Peter:
Ich frage jetzt einmal ein bisschen provokativ: Ist denn ein Stück von Yello noch Yello, wenn Dieter nicht dabei ist? Schreibt er die Texte für diese Mädchen?

Boris:
Ich glaube, bei „Vicious Games“ hat er den Text geschrieben, aber meistens machen die Damen das selbst. Für Shirley Bassey hat Billy Mackenzie den Text und die Guide-Melodie von „The Rhythm Divine“ geschrieben.

Peter:
Aber ist das dann noch wirklich Yello? Oder ist das dann Boris Blank?

Boris:
Bevor dieses Studio, in dem wir jetzt sitzen, umgebaut wurde, standen hier vier Maschinen. Zwei 24-Spur-Maschinen, eine Halbzoll, eine Viertelzoll-Maschine und noch ein riesengroßes Mischpult. Als das dann umgebaut und auf die jetzige Software-Workstation redimensioniert wurde, gab es viele Kisten mit Medien wie F1-Tapes und Mastertapes. Da war auch viel Musik dabei, die es nie auf eine Yello-Platte geschafft hat, also reine Blank-Stücke. Deswegen hatte Ian Tregoning, ein langjähriger Freund von Yello, die Idee, eine retrospektive Boris Blank-Platte zu machen. Es entstand ein Box-Set mit 3 Vinyl, einer (man höre und staune) Musikkassette, 3 CDs, 1 DVD (mit Videos von verschiedenen Künstlern) und einem Booklet mit Fotomaterial und Text. Da sind 64 Stücke drauf, kurze und längere, die teilweise noch in der Zeit vor Yello entstanden sind. Die Leute, die sich das angehört haben, meinten das klingt ja wie Yello und ich habe dann gesagt: „Ja natürlich, ich mache ja seit bald 38 Jahren die Musik von Yello.

Peter:
Nachvollziehbar. Boris ist Yello.

Boris:
Auch bei der LP Convergence, die ich 2014 mit der Jazz-Sängerin Malia gemacht habe, fanden die Leute, dass es wie Yello klingt. Ich denke, eine gewisse Handschrift oder DNA hört man auch in diesen Stücken, weil das rein melodisch und musikalisch zu dem Kaleidoskop an Bildern von Boris Blank und Yello gehört.

Peter:
Wenn man sich deine ganzen CDs nacheinander anhört, fällt auf, dass sie sehr von südamerikanischen Rhythmen geprägt sind. Hast du dafür eine besondere Ader? Lateinamerikanische Elemente prägen eigentlich fast jedes Yello-Album, auch schon die ersten. Steckt ein Brasilianer in dir?

Boris:
Das werde ich sehr oft gefragt und darauf angesprochen, aber ich kann das gar nicht wirklich beantworten. Ich finde nur, dass Rhythmus im meinem Klangbild wichtiger ist als das Sinfonische und Harmonische, weil es eigentlich, wenn man genau hinhört, das erste ist, was im Bauch drinnen steckt, bevor man auf die Welt kommt: Der Herzschlag.
Auch afrikanische Rhythmen stehen mir nahe, in Südamerika sind sie mit spanischen Einflüssen vermischt z.B. beim Samba. Die Mixtur aus afrikanischen und spanischen Elementen liegt mir schon sehr, muss ich sagen.

Immer noch im Einsatz, die Ultras von E-Mu

Peter:
Diese Sachen klingen oft sehr authentisch. Hast du da jemanden, der dir dabei hilft? Spielst du das selbst ein oder sind das Loops?

Boris:
Früher habe ich das ausschließlich selbst gespielt, heute mache ich es nur noch zum Teil. Bongos und Hölzer, so etwas habe ich alles von Hand eingespielt. Es gibt davon sicher auch Loops, die nehme ich aber meistens nicht so, wie sie in den Libraries gespielt werden, sondern ich zerpflücke sie in Slices und arbeite dann zum Beispiel mit Recycle von Propellerhead. Das verwende ich dann in dem Metrum oder der Quantisierung, die ich mir vorstelle. Oft gefallen mir schließlich nur zwei, drei Klänge oder zwei, drei Schlaginstrumente eines Patterns. Ich setze mir meine Sachen solange zusammen, bis ich die Fragmente oder die Struktur habe, die ich mir wünsche.

Peter:
Man merkt trotzdem, dass auch Trends der musikalischen Popwelt Einfluss auf dich nimmt. Irgendwann gab es eine Phase, in der du überraschend nach House Music geklungen hast. Beeinflussen dich Trends?

Boris:
Auf jeden Fall! Ich denke, dass auch ich nicht taub durch die Welt gehe und dass mir zum Beispiel bis heute unterbewusst Pink Floyd im Hinterkopf ist. Allgemein kommen die Einflüsse von Musik, die ich gerne gehört habe, wie zum Beispiel Led Zeppelin, The Doors, King Crimson, Frank Zappa, Curtis Mayfield, John Grant, Nina Simon, The Temptations, Jimi Hendrix, Frank Sinatra und viele mehr. Und so ist es mit allen modernen Musikrichtungen, ich bin ein wacher Zuhörer. Wie ich dir vorher gezeigt habe, verbessere ich gerade mein Know-how von Ableton, weil ich da etwas nachlässig war und immer nur die klassische Oberfläche, die Loop-Seite, verwendet habe. Auch werde ich natürlich ständig verführt durch die neuesten Plug-ins, die dir dann neue musikalische Welten aufzeigen. Natürlich verwende ich sie aber nicht so plakativ, wie das vielleicht andere Musiker tun, die dann damit Sachen umsetzen, die es eben schon gibt. Ich versuche sie lieber wegzuführen von ihrem eigentlichen Verwendungszweck. Um eben etwas Neues zu erschaffen.

Peter:
Bei „Stella“ gab es ein reines Instrumentalstück, das richtig nach Filmmusik klang – Stalakdrama. Das war eines meiner Lieblingsstücke.
Damit hast du eine Welt aufgemacht, die eigentlich relativ weit von den sonst rhythmischen Yello-Sachen, weg ist. Bis heute findet man immer wieder Instrumental-Stücke auf euren Alben, die eher nach Klangmalerei klingen. Ich hatte dabei immer das Gefühl, dass in diesen Stücken der wahre Boris Blank zum Vorschein kommt. Ist das so?

Boris:
Ja, ich liebe das sehr. Diese Moods, diese Stimmungsbilder sind das, was mir am meisten liegt. Wir sind dran, zusammen mit einem Mann aus Los Angeles, einem Freund von Hans Zimmer übrigens, und mit Ian Tregoning aus London, möglicherweise eine Firma, die Blank Media heißt, zu gründen, mit der wir eine Library erstellen, in der genau solche Moods enthalten sind. Ich bin ja auf einem Auge blind, und ein Freund von mir, ein Neurologe, meint, dass ich dieses blinde Auge und die fehlende visuelle Räumlichkeit möglicherweise mit dem Gehör kompensiere.

Peter:
Bist du auf dem einen Auge schon seit deiner Kindheit blind?

Boris:
Ja, ich hatte damals einen Unfall.

Peter:
Wenn man nicht ein Bild untermalen muss, sondern es selbst schafft, kann man sehr viel mehr experimentieren. Wenn man dagegen eine Szene vorgegeben hat wie eben bei Filmmusik, muss man ja etwas zu der Szene …

Boris:
… das liegt mir eben nicht. Ich habe deshalb auch nicht Filmkomposition studiert. Viele Filmleute nehmen Musik von Yello als Temp-Tracks, um zu sehen, wie ein Bild mit Musik wirkt. Offenbar musste sich Michael Eisner, der Chef von Disney (bis 2005 Anm.d.Red), sehr oft Musik von Yello anhören und hat dann mal seine Cutter gefragt, warum er immer Musik von uns anhören muss. Sie haben ihm dann geantwortet, dass – egal welche Szene man nimmt, die Szene mit Yello-Musik immer gut aussieht. Scheinbar liegt es mir, Bildwelten klanglich zu erstellen, wie Filme, die nicht belichtet sind.

Der Kurzweil wurde von Boris besonders lobend erwähnt

Peter:
Lass uns noch kurz über dein Equipment reden. Du hast lange Zeit auch viel analoges Equipment gesammelt und dich dann aber vom Großteil getrennt. Bei bestimmten Dingen bist du aber geblieben. Zuerst einmal, wieso hast du dich davon getrennt?

Boris:
Ich bin kein Sammler von physischer Hardware, und ich habe immer an die Zukunft neuer Musik-Technologien geglaubt und denke, dass es heute sehr viele gute Musik-Plug-ins gibt. Mit den Plug-ins kann ich auch, wenn ich das auch will, trotzdem sehr viel dieser analogen Charakteristik, allenfalls diesen Schmutz reinbringen. Im Gegensatz zu vielen Analog-Freunden, fehlt mir das Sammelfieber zu diesen alten Instrumenten.

Peter:
Aber warum hast du dann noch dein ARP Odyssey? Bist du doch ein bisschen sentimental?

Boris:
Ja, bei meinem ARP Odyssey bin ich ein bisschen emotional, weil das das erste Gerät war, das ich damals erstanden habe. Es gibt auch noch einen anderen Synthesizer, an dem ich hänge, meinen alten Roland Vocoder VP330 mit Holzrändern. Der gefällt mir auch noch immer.

Der ARP Odyssey von Boris, ein ewiger Begleiter

Peter:
Warum stehen hier noch zwei E-Mu IV Sampler in deinem Set-Up?

Boris:
Ich habe bis vor kurzem auch noch einen Fairlight gehabt, dieser ging jetzt nach Sydney zur Revision, weil die Laufwerke nicht mehr ansprechbar waren. Danach wird er verkauft. Ich habe für den Fairlight eine riesige Library, an der ich hänge. Die Leute in Sydney haben mir nun zwei Festplatten mit vier Terabyte mit meinen Samples zurückgeschickt.

Peter:
In welchem Format, damit du sie nutzen kannst?

Boris:
Ich kann sie nun mit Logic oder anderen Systemen nutzen.

Peter:
Und die hast du hier?

Boris:
In Griffnähe. Ich habe sie noch nicht überspielt, weil es sehr viel Arbeit ist, sie zu loopen und einzusetzen, genauso wie bei den E-Mu IV Ultras. Da habe ich auch eine sehr große Library, die ich selbst zusammengebastelt habe und nicht aus den Händen gebe. Wie auch diesen Kurzweil K2000, den ich auch noch hier im Einsatz habe.

Peter:
Auch dafür hast du eigene Sounds gemacht?

Boris:
Ja.

Peter:
Wie muss man sich das vorstellen, wenn du mit einem Track beginnst? Wo fängst du an?

Boris:
Ich beginne meistens mit der Basis, mit dem Fundament. Das habe ich als Architekturstudent so gelernt. Ich bestimme das Tempo und fange mit dem Rhythmus an, sodass ich eine vage Vorstellung habe, wie der Rahmen ist und wie ein Klangbild entstehen könnte. Manchmal überrasche ich mich dann selbst mit verschiedenen vorfabrizierten Sounds und Patterns, die ich einmal weggelegt und in irgendwelchen Foldern versteckt habe. Wie ein Eichhörnchen, das seine Nüsse vergräbt. Nach Ablaufdatum höre ich es dann wieder und weiß genau nach Namen, welche Sounds wo und in welchen Tempis waren, weil ich ein photographisches Gedächtnis besitze. Die setze ich schließlich wie ein Puzzle zusammen und bin oft selbst erstaunt, was dann zu Stande kommt.

Peter:
Hat sich euer Leben verändert, als ihr damals euren Durchbruch hattet und dadurch natürlich auch Ruhm und wirtschaftlicher Erfolg kamen? Hat sich eure Musik verändert?

Boris:
Nein, für mich nicht. Nicht einmal die Herangehensweise, wie ich produziere. Das ist eigentlich immer noch dieselbe Art und Weise. Aber natürlich sind die Möglichkeiten mit diesen modernsten Musiktechnologien so komfortabel, dass es mittlerweile viel schneller geht.

Boris Brute-Faktor

Peter:
Das meinte ich nicht. Ich meinte: Man träumt als Musiker doch ein Leben lang davon berühmt zu werden und in bei unzähligen Menschen zu finden. Das verändert Menschen. Die Situation verändert sich, man hat ein anderes Auftreten bei der Plattenfirma, man hat plötzlich Fans, die einem die Tür einlaufen … Hast du es als positiv oder als negativ wahrgenommen plötzlich im Rampenlicht zu stehen?

Boris:
Ich glaube, ich bin nach wie vor ein sehr zugänglicher Mensch, ich bin nicht hochnäsig und ich gehe durchs Leben, wie ich das immer getan habe. Ich freue mich, wenn mich Leute erkennen und sagen, dass sie unsere Musik mögen. Dass sich mein Leben dadurch verändert hat, kann ich nicht behaupten.

Peter:
Bei welchem von deinem Alben würdest du sagen, hat alles zusammengepasst, auch der Work Progress. Welches würdest du gerne ein bisschen auf ein Podest heben? Gibt es da eines?

Boris:
Nein. Wenn ich so zurückdenke eigentlich nicht. Das wäre, wie wenn du einen Vater mit zehn oder 15 Kindern fragst, welches er am liebsten mag. Jedes Album hat seine eigene Art und Weise und ich möchte auf keines verzichten.

Peter:
Und es gibt auch kein Projekt, über das du sagst: Um Gottes Willen, da reden wir lieber nicht drüber, das ist mir misslungen?

Boris:
Nein, bei mir ist das nicht so, weil ich nicht an einem Konzept arbeite, das heute so und morgen so ist. Ich mache das, was ich am besten kann und gebe immer alles. Es gibt vielleicht Stücke, auf die ich nicht besonders stolz bin, wie zum Beispiel für den Film „Santa Claus“, da habe ich „Jingle Bells“ gecovert, das hätte vielleicht nicht sein müssen.

Peter:
Lieber Boris, dann vielen Dank für das ausführliche Interview und deine Zeit. Wahrscheinlich gibt es nun noch einige Fragen durch unsere Leser, wenn das Interview mal veröffentlicht ist. Vielleicht reagierst du auf den ein oder anderen Kommentar sogar persönlich.

Boris:
Wenn ich Zeit dazu finde, sehr gerne.

YELLO live 2016 (Foto: Michael Wilfling)

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    AMAZONA Archiv

    Fantastisch! Ich habe beide Interview-Teile förmlich verschlungen und konnte es kaum abwarten den 2. Teil zu lesen :) Es ist interessant und lustig zugleich wie unverkrampft Boris und Dieter sind. Ich glaube das ist etwas, was den allermeisten Produzenten heute fehlt – Viele nehmen sich einfach zu ernst! Mein Lieblingsstück von Yello ist übrigens „Desire“ :) Eine Frage bleibt aber doch noch: Nachdem ja im ersten teil sehr deutlich wurde, dass die finanzielle Situation anfangs nicht so gut war, frage ich mich, wie sie sich letztlich einen Fairlight leisten konnten?

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      Cornel Hecht  

      Ich empfehle dazu das Buch bzw die Yello Bio zu lesen, die zu deiner Frage auch eine ausführliche Antwort liefert.

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        AMAZONA Archiv

        Ich hab gerade mal nachgesehen, und leider gibt es das nur als „Hardware“, sprich ein richtiges gebundenes Buch. Da ich aber nur noch mit Handgepäck bzw. einen normal großen Rucksack reise, bin ich schon vor längerer Zeit auf Kindle und andere Mobilformate umgestiegen. Und leider gibt es das nicht in einem dieser Formate. Schade!

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    AMAZONA Archiv

    Ich hoffe meine Erinnerung trügt mich jetzt nicht, aber ich glaube damals im Booklet gelesen zu haben, dass Hubertus von Hohenlohe bei dem Track mit Shirley Bassey involviert war. Da hätte mich interessiert was er genau beigetragen hat, da es mich damals (als eifriger und begeisterter Yello Hörer) ziemlich überrascht hat. Wie auch immer… in der Serie der guten Interviews die ihr in letzter Zeit hier laufend veröffentlicht, für mich das neue Highlight. Die Freude auf November ist eine wachsende.

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      iggy_pop  AHU

      Wenn ich das richtig erinnere, dann kam der Kontakt zu Shirley Bassey über Hubertus von H. zustande.
      Muß sowas Sankt-Moritz-Jetsettiges gewesen sein.

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        AMAZONA Archiv

        Danke Iggy. Seine eigenen musikalischen Arbeiten gehen doch in eine etwas andere Richtung, diplomatisch formuliert.

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        AMAZONA Archiv

        „Like“ für Deinen abschliessenden Satz.

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    moon

    Da ich momentan wieder viel produziere, war es sehr gefährlich das neuue Album: „Toy“ als „Ohrwurm“ im Hinterkopf zu haben. Der Sound von Boris ist oberklasse und beeindruckt mich persönlich so sehr, dass ich beim produzieren meiner eigenen „Linie“ treu bleiben muss. Ich habe jetzt erst enddeckt was Yello bedeutet, obwohl ich über 30 Jahr im Musikgeschäft tätig bin. Anfang Dezember kommt Yello nach Hamburg und ich bin am überlegen, ob ich mir das wirklich antuen soll . . .
    tolles Interview!

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    gruuv

    Tolles Interview!
    Überrascht war ich zu hören, dass noch immer 2 EMU-Ultras im Einsatz sind, obwohl doch auch mehr und mehr Softwareinstrumente genutzt werden (Stichwort: Studio redimensioniert). Ich frage mich, wie diese 2 EMUs im heutigen Studio Setup integriert werden, da es für aktuelle Betriebssysteme kaum noch Möglichkeiten hierzu gibt (SCSI, SCSI Karten und entsprechende Treiber, Software Editoren für die EMUs, Audio Editoren die über SCSI (direkt an die EMUs) exportieren können etc.
    Es gibt heute viele tolle Software Sampler aber ein paar Funktionen sind nach und nach über die Jahre weggefallen und man kann diese PlugIns heute meist nur noch auf dem Rechner einsetzen – aber leider nicht mehr mit Hardware Sampler einsetzen.
    So eine Anbindung würde mich wirklich interessieren (da ich auch noch einen EMU Ultra hier stehen habe :-) )

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        gruuv

        Das Problem ist nicht das „SPIELEN“ der Sounds, das würde natürlich über MIDI kein Problem darstellen (wie sonst kann man einen Sound Expander/Sampler spielen?).
        Das Problem ist das ERSTELLEN der Sounds (was heute meist im Rechner stattfindet) und danach das Übertragen, sprich LADEN dieser Sounds / Patches / Sequences / VOM Rechner IN DEN Sampler. Ein Sampler ist ja ersteinmal nur ein Gerät OHNE Klänge!

        Bei älteren Macs Hardware gab es standardmäßig eine SCSI Schnittstelle, daran konnte man externe Festplatten (HD oder ZIP Laufwerke) und auch den EMU Sampler dranhängen in einer „Kette“ dranhängen. Damit hatte man schonmal eine Verbindung zwischen Rechner und Sampler hergestellt. Dazu gab es eine Software, die auf dem Rechner die Funktionen des Samplers übernehmen konnte, quasi ein GUI damit man nicht direkt am Sampler immer Knöpfe und Drehregler nutzen musste. Dazu gab es Sample Editoren, wie heute auch. Aber man konnte den Export nicht nur auf verschiedene Formate speichern, sondern auch direkt „Export-to-Sampler“ die SCSI ID ansprechen und damit direkt auf dem Sampler abspeichern. Danach hate man das EMU GUI für die Verwaltung genutzt um z.B. das Sample in ein Preset abzulegen, Keyboard split oder Layer anzuwenden und dann das ganze in einer „Bank“ abzulegen.

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          Tyrell  RED

          Das siehst du falsch. Auch in der Hoch-Zeit der Hardware-Sampler, gab es nur einen verschwindend geringen Anteil an Usern, die ihren Sampler über eine Remote-Software bedient haben. Dabei spielte die Anbindung über SCSI für Remote keine Rolle. Auch heute bedient man Emus und Akais direkt am Gerät. Das funktioniert einwandfrei und geht schnell von der Hand. Ich persönlich liebe meinen E6400 Ultra und würde ihn nicht missen wollen. Vor allem die enormen Libs die ich in der Zeit angesammelt und selbst erstellt habe, nutze ich nur mit dem E, obwohl ich sie längst auch ins Kontakt-Format konvertiert habe,weil sie aus dem E einfach deutlich besser klingen.

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            gruuv

            Das mit dem GUI auf dem Rechner ist ja nur eine persönliche Präferenz (eigentlich nur ein Tool vom EOS namens: EOSLink) – kann man eben so und so machen. Für mich wars am Rechner halt recht flott. Aber man kann auch direkt am Gerät drehen und drücken und benennen – klar.. Das Hauptproblem für mich ist aber eher:
            1. Erstelle ich Sounds auf dem Rechner. Wie bekomme ich die Sounds dann in den EMU?? Damals eben vom Rechner über SCSI – und heute?
            2. Welche Software nehme ich zur „Übertragung“ und wie übertrage/verbinde ich überhaupt?
            Vielleicht habe ich aber auch ein grundsätzliches Verständnisproblem hier zur Nutzung meines Samplers, das will ich nicht ausschliessen.

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            gruuv

            zum besseren Verständnis.
            mein Workflow war damals zumeist von der Software Antares Infinity beeinflußt (Mac OS 9 only!). Ein Super Tool um sehr schnell Sounds zu erstellen, Loopen und dann direkt auf den EMU zu schicken. Danach dann die „administration“ über EOSLink oder direkt am Gerät wie Name, Patch, Root Key, Keyboard Range usw.
            Ich bin eigentlich noch immer auf der Suche nach so etwas wie Infinity, aber keines der Sample Editoren heute kann so etwas (vielleicht NI Kontakt…., aber dann nur mit viel manuellem Aufwand)

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              gaffer  AHU

              Alchemy, auch nur Classic macOS, nicht zu vergessen. Direktes Editieren der Harmonischen, SCSI Transfer usw.

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            gaffer  AHU

            Ich weiss, viele haben grundsätzlich am Gerät gearbeitet, aber das Problem bleibt doch, dass die Speichermedien oft grundsätzlich SCSI waren und Grösse und Fabrikat der Platten auch noch kritisch war. Das ist jetzt noch viel übler. Man muss glücklich sein, wenn einer eine Notlösung wie irgendwie hingefriemelten USB Port für Sticks anbieten kann

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        gruuv

        Ansonsten habe ich auch noch alte EMU Libraries auf CDs, die ich auch nicht wirklich mehr in den EMU laden kann.

        Diese Möglichkeiten mit einem Hardware Sampler heute noch zu arbeiten fehlen mir eben. Das Problem ist u.a. die SCSI Anbindung und auch die fehlenden Software Tools (oder die weggefallenen Export Funktionen). Und als ich las, dass der Herr Blank da noch mit 2 EMU Ultras arbeitet, hatte mich die Anbindung und arbeitsweise interessiert.

        Es gab ja auch mal SMIDI (kennt das noch jemand?) Also Sample Transfer über MIDI SysEx. Aber das dauerte sehr sehr SEHR lange zu transferieren. Wird das eigentlich heute noch von Sample Editoren unterstützt?

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          polyaural  AHU

          Man kann das Laufwerk der EMUs auf SD-Card umstellen. Dann braucht es nur noch einen Konverter um von WAV/AIFF auf das EMU-Format zu kopieren. Wenn der EMU nicht sogar AIFF verwendet. Mein ESi-32 kann als SCSI-Gerät in die Kette aufgenommen werden und wie ein Laufwerk verwendet werden. Ich habe hier noch eine große Kiste mit SCSI-Kram, Kabel, Laufwerke, Terminatoren, etc. Und natürlich ein Apple Powerbook mit SCSI-Anschluss. Für alle Fälle … :-)

  5. Profilbild
    tomk  

    Claro Que Si – Solid Pleasure – You gotta say yes to another Excess … das war reinstes Ohren LSD. Eine Kräuterzigarette und ein Hopfengetränk dazu, das war unser Reiseproviant. Unvergesslich!!!
    Vielen Dank Herr Blank!

  6. Profilbild
    Wellenstrom  AHU

    „Yello soll für „(a) yelled hello“ stehen.“

    Und gleich schon wieder korrigiert….. damit diese blöden Gerüchte nicht weiter kursieren… auch Carlos Perón sagte in einem eben gesehenen Interview, dass der Name „Yello“ bei der Findung keinerlei Bedeutung hatte. Keine Ahnung, ob dieses „Yelled Hello“ nu eine Erfindung der Musikindustrie, der -journaille ist, oder ob Dieter Meier das (im Nachhinein) selbst streute

  7. Profilbild
    stookie

    Wunderbares Interview und ein wirklich Sympatischer Zeitgenosse.
    Was ich in einem sehr kurzen Interview vor Jahren mal noch gelesen habe ist dass Herr Blank äusserst diszipliniert arbeitet. Jeden Tag!
    Also von morgens xx bis abends xx (weiss nicht mehr genau).
    Keine Wochenenden oder Nachtschichten. Auch etwas das zu dieser Präzision führt denke ich.

  8. Profilbild
    RaHen  

    Er benutzt ganz normales Equipment und erzielt damit einen absolut großartigen und einzigartigen Sound! Für mich ein Genie! Respekt und tiefer Kniefall!

  9. Profilbild
    SimonChiChi  

    Ich habe mir die CD mit den Songs aus der ROTEN FABRIK besorgt. Genial !!! Absolute Empfehlung und nach meinem Geschmack deutlich besser als die letzten YELLO-Alben.

  10. Profilbild
    BJack   121

    Sehr schönes Interview, aber über die Bildunterschrift „Boris‘ Brute-Factor“ bin ich ein bisschen gestolpert. Ist das nicht ein MicroBrute, der unter anderem eben einen Brute Factor Filter besitzt?

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