Laute meets MIDI
Laute – für viele klingt sie nach Renaissance, höfischen Tänzen und alter Musik in historischen Konzertsälen. Die meisten von uns kennen sie, wenn überhaupt meist nur von Mittelaltermärkten und Live-Rollenspiel-Events. Doch der Tiroler Lautenist David Bergmüller zeigt, dass dieses Instrument weit mehr kann.
Inhaltsverzeichnis
Mit seinem neuen Album Know Thyself (VÖ: 17. Oktober 2025 bei Neue Meister) wagt er den Schritt in die Gegenwart: zwischen filigranen Saitenklängen, elektronischen Effekten und der besonderen Magie des Studio3 im Berliner Funkhaus.
Was David Bergmüllers Umgang mit dem Instrument so spannend macht, ist der Umstand, dass er sich nicht ausschließlich auf historisch informierte Aufführungspraxis konzentriert. Vielmehr interessiert ihn vor allem der Klang selbst – wie er wirkt, wenn er im Raum steht, wenn er durch Delays gebrochen wird oder, wenn er im Dialog mit Synthesizern neue Farben annimmt.
Auf Know Thyself finden sich Stücke, die wie kleine Reisen wirken: ein Schwarm aus 23 Renaissance-Lauten, eine Theorbe im Zwiegespräch mit einem Moog Synthesizer, polyrhythmische Experimente oder ein intimes Wiegenlied für seine Tochter. Dabei bleibt die Laute immer der Mittelpunkt – mal pur, mal verfremdet, aber stets als lebendiger Gesprächspartner zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Wir haben David Bergmüller zum Interview getroffen und mit ihm über die Suche nach dem passenden Klangraum, über Studio-Experimente mit Delay-Schleifen und darüber gesprochen, warum die Laute auch im 21. Jahrhundert noch immer ein Instrument mit Zukunft ist.
Wie kommt man heutzutage zur Laute?
Sonja:
Du stammst aus Tirol, hast bei großen Lautenmeistern wie Hopkinson Smith und Rolf Lislevand studiert. Wie aber bist du überhaupt zu einem so außergewöhnlichen Instrument wie der Laute gekommen?
David:
Eigentlich war es eine Reihe von Zufällen. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Alte Musik sehr präsent war, daher kannte ich die Laute als Instrument schon früh – und als Gitarrist war mir auch ein Teil des Repertoires nicht fremd. Der wirkliche erste Kontakt kam aber anders: Für ein Projekt habe ich mir damals von einem Hobby-Instrumentenbauer eine Drehleier ausgeliehen. Als ich sie zurückbrachte, entdeckte ich in der Ecke seines Ateliers eine selbstgebaute Laute. Er bot mir an, sie einfach mitzunehmen – und von da an war es um mich geschehen
Sonja:
Du bewegst dich zwischen Alter Musik, improvisierten Projekten und elektronischer Klangforschung. Wenn du dich selbst beschreiben müsstest: bist du mehr Lautenist, Klangforscher oder Produzent?
David:
In erster Linie bin ich Lautenist. Die Laute ist meine wichtigste Inspirationsquelle und prägt, wie ich Musik empfinde und bestimmt meine ästhetische Prämisse. Natürlich bringt das auch gewisse Einschränkungen mit sich: Ich beneide Instrumente, die den Ton nach der Erzeugung noch formen können – bei mir liegt der Fokus ganz intuitiv vor allem auf dem Moment des Tonanfangs.
Das Forschen und Klangforschen gehört untrennbar zur Alten Musik-Bewegung. Diese Szene schätze ich sehr, weil sie vermeintliche Selbstverständlichkeiten ständig hinterfragt. Jenseits des historischen Kontextes ist das im Grunde aber genau so: Von einer Gitarre, Geige oder einer Flöte gibt‘s sofort recht klare Klangassoziationen, von der Laute viele weniger. Also, wie klingt eine Laute?
Das Produzieren entstand aus einer Notwendigkeit: Ich träume davon, die unmittelbare Sensation des Lautenspiels auch in Aufnahmen erfahrbar zu machen.
Die Tür zur ganzen „Production“-Welt hat sich mir erst durch die Zusammenarbeit mit Janus Rasmussen zur EP Wirbel (2023) eröffnet.
Sonja:
Was genau ist für dich beim Producing besonders wichtig?
David:
Für mich ist entscheidend, dass alles logisch aus der Laute heraus gedacht und auch spielbar bleibt. Der Workflow muss, wie bei jedem Instrument intuitiv sein.
Meist habe ich eine klare musikalische Vorstellung und suche dann in der DAW nach einer passenden Lösung. Aber es kommt auch vor, dass Effekte, Synths oder die DAW selbst neue Ideen anstoßen – dann lasse ich mich davon leiten
„Know Thyself“ – Laute im 21. Jahrhundert
Sonja:
Dein Album Know Thyself ist ein Mix aus jahrhundertealter Tradition und moderner Elektronik. Wie kam es zu der Idee, die Laute in einen so zeitgenössischen Klangraum zu stellen?
David:
Für mich ist das kein Widerspruch, sondern eigentlich ganz logisch. Jedes Instrument hat seine Tradition und seine Geschichte. Und ich lebe im 21. Jahrhundert, bin geprägt von unserer Zeit, kenne Elektronik, Demokratie und Antibiotika. Renaissance oder Barock sind ja keinesfalls Epochen, in die wir zurückwollen – aber die Instrumente, Musikpraktiken und die Musik faszinieren uns bis heute!
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Man könnte in der Geschichte verweilen und die Kunst ihrer Zeit restaurieren, aber ich bin weder Restaurator noch Historiker. Als Musiker muss für mich der Diskurs heute stattfinden.
Sonja:
Die Aufnahmen fanden im legendären Studio 3 des Funkhauses Berlin statt. Was hat die besondere Atmosphäre dieses Raumes in deine Musik hineingetragen?
David:
Ich habe lange nach einem Raum gesucht, dessen Akustik sich schon von einem sehr leisen Instrument anregen lässt – und der gleichzeitig für Aufnahmen optimiert ist (kein Lärm, klimatisch stabil, kontrollierte Akustik).
Durch Zufall bin ich auf das Studio 3 im Funkhaus gestoßen und habe bisher keinen besseren Raum für Aufnahmen gefunden.
Außerdem arbeiten dort Menschen, die diesen Raum mit großer Sorgfalt pflegen und enorm viel Wert auf Details legen. Diese Liebe und Empathie für die Dinge dort, denke ich, spürt man.
Sonja:
Was lief überraschend gut, was ist total danebengegangen und gab es für dich auch so etwas wie die große Erkenntnis im Zusammenhang mit den Aufnahmen?
David:
Im Funkhaus lief alles erstaunlich geschmeidig – der Weg dorthin war allerdings lang. Es dauert, bis sich lose Ideen und Fragmente zu Stücken mit einer klaren Dramaturgie entwickeln und bis feststeht, wie genau etwas aufgenommen wird. In Berlin war all das bereits geklärt, ich konnte völlig fokussiert arbeiten. Ich habe nicht einmal meinen Berliner Freunden Bescheid gesagt, dass ich in der Stadt war – ich wollte ganz für mich in dieser Funkhaus-Blase bleiben.
Zwischen Delay, MIDI und Klangforschung
Sonja:
Das Eröffnungsstück „Cicadas“ mit 23 übereinandergelegten Renaissance-Lauten klingt wie ein organischer Schwarm. Wie bist du auf diese Idee gekommen?
David:
Die Idee kam von den namensgebenden Zikaden auf einer kroatischen Insel … und ich wollte ein Delay-Stück schreiben, ohne einen Delay-Effekte zu verwenden.
Sonja:
In „Rains“ übersetzt du die Lautenstimme in MIDI und lässt Synthesizer parallel dazu spielen. Wie hast du dir diese Arbeitsweise erarbeitet – eher als klassisch geprägter Musiker oder als Produzent mit Experimentierlust?
David:
Hier ist es sicher beides: Die Laute tut ein bisschen so, als ob sie ein Synth wäre und der Synth so, als ob er eine Laute …
Sonja:
Delay, Loops und Effektarbeit sind ein roter Faden durch das Album. Gibt es bestimmte Tools oder Setups im Studio, auf die du besonders schwörst?

David Bergmüller im Interview: Ich wollte ein Delay-Stück schreiben, ohne einen Delay-Effekte zu verwenden. (Foto: Theresa Pewal)
David:
Lauten, Synths und Effekt müssen zu einem intuitiv zu spielende Instrument werden. Deshalb unterscheiden sich Live- und Studio-Setup nur wenig.
Für die Lauten nehme ich am liebsten ein Paar Royer R-122er, zusätzlich nehme ich manche Lauten mit Pickups zum Effekte-Triggern ab. Das ganze Live-Processing passiert in Ableton. Ferner ist immer ein Moog Sub 25 mit am Start. Gesteuert wird das Ganze über ein Hammond-Orgel-MIDI-Pedal und ein paar Expression-Pedale.
Also live passieren alle Effekte „In The Box“. Im Funkhaus haben sie aber eine wunderbare Sammlung analoger Delays. RE-501 & Binson Echorec https://www.amazona.de/test-t-rex-binson-echorec-disk-delay/ habe ich viel verwendet und sie stehen seitdem auf meiner Wunschliste.
Sonja:
In „Sotterranea“ hast du die rechte und die linke Hand separat aufgenommen und mit Effekten bearbeitet. Wie genau bist du vorgegangen? Magst du uns deinen Workflow konkret beschreiben und vor allem, was war dein Gedanke hinter dieser Herangehensweise?
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David:
Live funktioniert das Stück synchron, aber für die Aufnahme wollte ich die Signale trennen, um Übersprechungen der Delays zu vermeiden. Dafür habe ich mir Playalong-Spuren erstellt, zu denen ich im Studio die einzelnen Elemente overduben konnte. Die Delays sind alle live eingespielt – hier mit zwei RE-501 Tape-Delays aufgenommen.
Sonja:
Live vs. Studio – was sagst du?
David:
Ich liebe die Akribie und Intimität der Studioarbeit genauso wie die Energie von Konzerten. Intimität, Inspiration und Polyrhythmen.
Sonja:
Du sagtest mal, die Laute klinge am schönsten in der Stille. Hat dieser intime Zugang dich dazu gebracht, mit Elektronik neue Klangräume zu erschließen?
David:
Eigentlich ja. Ganz am Anfang der Pandemie habe ich ein Streaming-Konzert gegeben – damals war das für alle ganz neu. Zu meiner Überraschung war die Anzahl der Zuhörer und Zuhörerinnen für ein Lautenkonzert fast absurd hoch. Das war die Initialzündung.
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Eine Laute in großen Räumen funktioniert nicht wirklich. Zumindest ist es eine krasse Komprimierung dessen, was das Instrument eigentlich kann. Man kann nur die obersten 10 % der Lautstärke nutzen und muss so spielen, dass auch die letzte Reihe noch erreicht wird – das ist eigentlich nur selten poetisch.
Beim Streaming-Konzert konnten jedoch alle den besten Platz haben und das Instrument in voller Erfahrbarkeit erleben: volle Dynamik, Details und Nebengeräusche, Reverb im Instrument, Low-End. All das geht bei klassischen Aufnahmen (Stereo aus 1,5 – 3 m in überakustischen Räumen) quasi verloren und wird trotzdem oft als „naturalistisch“ bezeichnet.
Es geht hier nicht um richtig oder falsch. Gewisse Genres haben ihre eigene Ästhetik, die man respektieren sollte. Mir geht es bei einer Aufnahme nicht um eine naturalistische oder supernaturalistische Perspektive, sondern um die sinnliche Erfahrbarkeit des für mich schönsten Instruments.
Sonja:
Hast du dich für die Aufnahmen extra selbst in neue Geräte und Instrumente eingearbeitet oder hattest du Unterstützung?
David:
Am meisten musste ich selbst in den DAWs dazulernen. Für die Aufnahmen im Funkhaus und für Mix & Master hatte ich Unterstützung.
Sonja:
Die „Napoli“-Stücke spielen mit Polyrhythmen. Worauf kommt es hierbei für dich an und sind es für dich eher mathematische Konstruktionen oder poetische Bilder für Bewegungen in der Natur und im Leben?
David:
Es hat mich immer schon fasziniert, wie Dinge, Menschen, Planeten und Rhythmen sich ganz individuell, in unterschiedlichen Tempi und in scheinbar verschieden Richtungen bewegen, sich trotzdem alle „heiligen“ Zeiten wieder treffen und somit in Sync sind.
Sonja:
Zum Schluss des Albums erklingt ein „Lullaby„, das du für deine Tochter geschrieben hast. Hat das Vatersein deine Musik verändert?

Tiroler David Bergmann hat sein neues Album „Know Thyself“ im Funkhaus Berlin aufgenommen. (Foto: Theresa Pewal)
David:
Ich glaube schon, da man seine Perspektive ändert und unweigerlich die Welt auch durch Kinderaugen sieht. Jedenfalls ist mein Fokus viel enger und sind meine Prioritäten viel klarer als davor.
Bei Kindern und Studierenden, ich frage mich manchmal, wer eigentlich von wem lernt.
Sonja:
Wie siehst du die Zukunft der Laute?
David:
Ich sehe die Zukunft der Laute in ihrer Vielfalt – von historisch informierter Aufführungspraxis über zeitgenössischen Kompositionen bis hin zur Popmusik ist alles denkbar. Es gibt über 40 verschiedene Lautentypen und eine enorme Menge an noch unerschlossener Literatur unserer historischen Kollegen. Da wartet noch unglaublich viel darauf entdeckt zu werden. Und gleichzeitig ist da ein riesiges Potential für Neues. Ich würde mir wünschen, dass der Kanon nicht über die Laute herfällt, und sie „frei“ bleibt.
Sonja:
Was sind deine Pläne für die Zukunft und hast du einen Traum, den du unbedingt verwirklichen willst?
David:
Kommendes Jahr wird ein Produktionsjahr – ich freue mich sehr auf die Zeit im Studio!
… und auf meiner Bucketlist steht: Irgendwann in meinem Leben würde ich gerne einen Film scoren.
Vielen Dank, David, für dieses Interview und den spannenden Einblick in ein außergewöhnliches Instrument!
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Danke für das Interview. Ein begnadeter Musiker mit einem bemerkenswerten und nicht alltäglichen Instrument – das ist immer ein gute Kombination. Ich werde das musikalische Schaffen des Herrn Bergmüller gerne mitverfolgen. Bin schon gespannt, was da noch so kommt …