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Interview: Dieter Schleip, Tatort-Filmkomponist und mehr …


Von schlecht bezahlten Kurzfilmen und Tütensuppen

Dieter Schleip 5

Alles begann damit, dass mich ein potentieller Käufer meines JB SOLARIS besuchte und wir über unsere Filmmusik-Vorlieben zu sprechen kamen. Solche Gespräche beginnen in der Regel mit den Superstars wie Williams, Goldsmith oder Hans Zimmer und enden in der Regel mit den Geheimtipps der Branche, bis der Punkt erreicht ist, wo man hofft, die ein oder andere Trumpfkarte zu ziehen, von der der andere noch nie etwas gehört hat. In diesem Fall war Dieter Schleip diese Trumpfkarte und ich musste mich geschlagen geben. „OK – nie gehört, wer ist das?“. An dieser Stelle kann üblicherweise der Kontrahent den Finger in die Wunde legen und mit einem Ausdruck des Entsetzens sagen: „Was? Den kennst du nicht? Der hat doch … gemacht und … gemacht. Das ist aber eine echte Wissenslücke!“

Dass es an diesem Tag nicht zum Verkauf meines SOLARIS kam, wurmte mich definitiv weniger, als noch nie von Dieter Schleip gehört zu haben. Auf Wikipedia wurde ich schließlich fündig. Geboren 1962 in Aachen, mehrfacher Gewinner zahlreicher angesehener Auszeichnungen der deutschen TV-Landschaft, Komponist vieler deutscher Kino-Erfolge und TV-Spielfilmen (darunter auch einige TATORT-Folgen).

Meine Neugierde war geweckt und kurz darauf kam es auch zu einem persönlichen Kennenlernen mit Dieter, der heute in München lebt. Erstaunlich dabei war nicht nur der außergewöhnliche und teils sehr holprige Werdegang des äußerst sympathischen Musikers, sondern auch die Erkenntnis, dass zwischen der Arbeitswelt eines Hollywood-Komponisten und der eines Filmkomponisten für deutsche Produktionen ein himmelweiter Unterschied besteht. Nach dem Gespräch möchte ich fast behaupten, dass „wir“ in dieser Sparte noch Entwicklungsland sind – nicht was Kunst und Kreativität angeht, überhaupt nicht, – sondern was Auftragsabwicklung und die Kompetenz der Auftraggeber anbelangt. Stop, an dieser Stelle möchte ich nicht all zu viel vorgreifen und wünsche viel Spaß beim folgenden Interview.

Ihr
Peter Grandl

———————

Peter:
Hallo Dieter, Du bist ja ein Autodidakt und nicht über ein „Musikstudium“ in die Branche gerückt. Erzähl doch bitte mal, wie alles begann.

Dieter:
Nachts auf einem Campingplatz in der Eifel im Alter von ca.12! Da hörte ich aus einem Zelt die Musik von SPARKS – This town ain’t big enough for both of us. Da ist irgendwas bei mir passiert, ich wusste erst nicht genau was, aber das „Wesen“ der MUSIK hat mich da gepackt und das bis heute. Ich kann es leider nicht besser beschreiben.

Peter:
Du hast mir mal erzählt, Du hättest auf einer einsaitigen Gitarre das Spielen gelernt. Klingt irgendwie abenteuerlich.

Dieter:
Ja, nach der Campingplatz Erweckung musste natürlich was geschehen! Wenn man selber Musik machen möchte, muss man wohl ein Instrument lernen, dachte ich. Zumindest war das Anfang der 70er noch so. Also habe ich zuhause mal nachgesehen, was wir so da hatten:
Mutters Blockflöte – noch aus dem Krieg, Vaters Heimorgel – Anfang der 70er – hätte man behalten sollen und die Wandergitarre von meiner Schwester  – allerdings mit 6 Saiten – da hast Du was falsch verstanden. Ich habe aber tatsächlich erst mal nur auf einer Saite versucht, Melodien nachzuspielen. Platte laufen lassen und Töne gesucht. Hätte es 1975 einen Wettbewerb für „schnellster Einsaitensolist in NRW“ gegeben, hätte ich sicher gute Chancen gehabt. Zum Glück hat mir ein Nachbarsjunge nach einem Jahr oder so gesagt, dass es auch Akkorde gibt. Ich konnte also mein Spektrum etwas verbreitern. (Falls Du das lesen solltest, Rupert aus Aachen, melde Dich, ich habe bis heute ein schlechtes Gewissen, dass ich Dir das Gitarren Songbook von CCR nicht zurückgegeben habe – ich halte es aber weiterhin in Ehren.)

1978 dann entdeckte ich auf unserer Klassenfahrt nach London den Punk für mich. Also Haare ab, die Pink Floyd Platten auf dem Flohmarkt verkauft, damit ich mir die Punkplatten kaufen konnte von den Sex Pistols, Clash, Damned, Vibrators, Stranglers und wie sie alle hießen. Mit 16 also die erste eigene Band. Wir hatten einen Proberaum im Wehrmachtsbunker, wo einem schon mal eine Fledermaus ins Gesicht geflogen kam, aber wir haben wirklich viel gespielt und Spaß gehabt.

Dem Punk verdanke ich nicht nur die erste Band – ich glaube, dass es für viele Leute in meinem Alter wichtig war zu sehen, dass man nicht irgendwas erst mal studiert haben muss, um irgendwas zu machen und kreativ zu sein. Das war eine ganz wichtige , befreiende Erfahrung.

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  1. Profilbild
    udapp

    Sehr schön, sehr ehrlich, sehr sympathisch: Die negativen Zwischentöne gegenüber den GEZ Lakaien verweisen allerdings auf Schleip selbst zurück. mit andern Worten „Achtung Dieter, Glashaus“ ;-)

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    Franz Walsch AHU

    Leider haben die fallenden Produktionskosten zu sehr schlechten Arbeitsbedingungen und Löhnen bei Kamera, Ton & Co. geführt. Qualität wird auch zu Dumpingpreisen erwartet. Was gut ist entscheiden dann Amateure … . Eine traurige Entwicklung. Umso erstaunlicher ist, das es noch Menschen gibt, die mit Spaß an der Arbeit ein gewisses Maß an Qualität durchsetzen. Das Kunst keinen großen Stellenwert hat, merkt man spätestens wenn mal wieder der Abspann gekürzt und man um den Genuss der Musik gebracht wurde.

    • Profilbild
      udapp

      @ Franz Walsch : Volle Zustimmung. Das Thema Filmvertonung ist in der Tat mehr oder weniger auf dem Abstellgleis der ÖR angekommen. Die immer selben Schemata der GEZ Filmchen, Drehbücher und Schauspieler haben längst auch im musikalischen Bereich dieselbe prekäre Qualität erreicht. Dieter Schleip Kompositionen, gerade die von Dominik Graf Filme werden mittlerweile ja auch schon von vielen Mitläufern nachgeahmt. Aber auch im Kino läufts nur noch selten anders. Die besten klanglichen kompositorischen Neuerungen (ob man es mag oder nicht) sowie m.E. auch die besten Musiktitel- Zusammenstellungen der letzten Jahren habe ich bei Filmen von Paul Thomas Anderson gehört (There will be blood, The Master, Inherent Vice) . Auch hier ist ein Autodidakt am Werk, das Radiohead Mitglied Jonny Greenwood.

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    knutinge

    Meine Erfahrungen decken sich leider mit dem Gros dessen was Dieter Schleip anführt. Allenortens und fast ausnahmslos Technokraten statt Kreativität.

    Nebenbei bemerkt: Es ist schon paradox, dass trotz 8,3 Milliarden GEZ-Rekordeinnahmen der Druck auf die Selbständigen in der Kreativwirtschaft des ÖRR permanent ansteigt.

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      Franz Walsch AHU

      Ich erinnere mich gelesen zu haben das es immer weniger Geld für Produktionen gibt. Das Geld geht hauptsächlich in die Rückstellungen der Pensionskassen. Sehen tut man das schon seit Anfang des Monats, denn seither läuft die Sommerpause bis Ende August. Aber Privatjets der ÖR zur WM!

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        TobyB RED

        Hallo Franz,

        wenn der gecharterte Privatjet wie hier günstiger ist als ein Linienflug, dann spricht doch nichts dagegen. Irgendwie müssen die nun von A nach B kommen.

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          Franz Walsch AHU

          Ich verstehe nicht warum? Die Bilder kommen vom Fr.-TV und liessen sich bequem von Hamburg und Mainz kommentieren. Zwei kleine freie Teams vor Ort mit Redakteur und Moderator würde aus meiner Sicht völlig reichen.

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            TobyB RED

            Hallo Franz,

            Es kommen eben nicht alle Bilder in den den Sendezentralen an, für O Töne und Interviews braucht man nun vor Ort Teams. Und Liveschaltungen benötigen nun mal einen Aufwand an Technik. Und ehrlich gesagt, da muss man mal die Kirche im Dorf lassen. Sollen mit Autos oder TGV durch Frankreich reisen? Das wäre beim Spielplan ohne Übernachtungen auch nicht möglich und bei Linienflügen gibt es Restriktionen, wie Nachtflugverbot. Und da die Chartermaschine nur bei Spielen der DFB Elf zum Einsatz kommt, ist da ok.

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      TobyB RED

      Hallo Knutinge,

      der ÖRR kauft Programme, Übertragungsrechte und Filme ein. Produziert wird dann von solchen Firmen wie Ufa, Studio Hamburg und Endemol usw. Da versinkt das Geld. Beim ÖR ist alles budgetiert. Und die Pensionskassen bekommen nur 50 % Beiträge von den Sendeanstalten, den Rest zahlen die Festen, Festen Freien und Freien. Ausserdem sind 42 Mio Umsatz/Rentenkasse p.A bei 248,2 Mio(Werbeumsatz ohne Gebühren ARD 2015) auch kein Aufreger. Das Privatfernsehen hat das doppelte an Umsatz und vermutlich noch schlechtere Arbeitsbedingungen.

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        knutinge

        Erstens: Werbefinanziertes Fernsehen ist gebührenfrei, im Unterschied zum quasi Steuerfinanzierten ÖRR. Dies gilt umso mehr wenn man kein Empfangsgerät besitzt.

        Zweiten: Es ist bisher noch niemandem gelungen, mir den Mehrwert des erwiesenermaßen Weltweit kostspieligsten Sender-Konstrukts glaubhaft zu machen.
        Nur mal als Beispiel: Der US-Amerikanische Pendant zum ÖRR, der sog. „Public Broadcasting Service“ wird jährlich mit lediglich 500 Millionen US$ aus Steuermitteln finanziert.

        Auch kann ich Deine These, dass bei Privatsendern schlechtere Arbeitsbedingungen herrschen, nicht bestätigen.

        PS. Zu Deiner Hypothese, dass ein gecharterter Privatjet günstiger als eine Linienflug ist, hätte ich gerne belastbare Zahlen.

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          TobyB RED

          Hallo Knutinge,

          Privatfernsehen ist nicht gebührenfrei, ASTRA HD(+) und diverse KabelTV Anbieter nehmen Zugangsgebühren. Und an der terrestrischen Verschlüsselung mit DVB T2 wird gearbeitet und die wird implementiert. Zu einer pluralen demokratischen Gesellschaft gehört ein gebührenfinanzierter ÖRR dazu. Das amerikanische PBS kannst du nicht vergleichen, die machen teilweise noch nicht mal eine Basisversorgung, ich würde das eher mit den deutschen „Offenen Kanälen“ vergleichen. Drittens ich bin verdi Mitglied und bekomme über connex av ungefiltert mit wie es derzeit abgeht. Nur weil jemand sagt, dass bei Privaten alles besser ist, stimmt das noch lange nicht. Was im Umkehrschluss auch nicht heisst das beim ÖRR, Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Und ohne den ÖRR würde es hier in Deutschland noch schlimmer aussehen. Klar gehen mir die x-te Verfilmung von Uta Danella und der 50. Relaunch der Schlagerparty auf die Nerven. Aber dafür habe ich ARTE, ZDF Kultur, Einsfestival oder BR Alpha und Phönix. Oder diverse Radioprogramme. Was wiederrum andere nervt oder unverständlich ist. Nur stellt sich mir weder die Frage nach dem Status Quo der ÖRR noch nach der Gebühr hierfür. Und mehr möchte ich dazu nicht sagen.

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            TobyB RED

            Weil es am Kernproblem vorbeiführt, wir haben auf der einen Seite eine Budget finanzierte Körperschaft öffentlichen Rechts, die das Budget nicht überschreiten sollte und auf der anderen Seite Produzenten(Produktionsfirmen) die nach Effizienz, Produktivität, Umsatzsteigerung und Gewinnmaximierung arbeiten. Und das passiert zu Lasten von Wem?
            Die Kosten für die Privatjets wurden ja nun lang und breit durch die Presse getreten.
            http://www.....98971.html

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    Tyrell RED

    Grundsätzlich – und das gilt nicht nur für Filmmusik – ist Filmproduktion in Deutschland ein durch und durch bürokratischer Akt. Die gesamte Finanzierungskette ist getrieben von Sicherheitsdenken und Kontrollstufen. Am Ende gilt in Deutschland: „Der Köder muss dem Angler schmecken und nicht dem Fisch!“

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    rw1957

    Ein gutes Interview. Danke!

    Bitte in Zukunft aber den Gender-Kuddelmuddel – Als ich anfing, war der Regisseur/in mehr oder weniger noch der Chef/in. Heute ist es der Redakteur/in. – weg lassen.

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    Andreaz Vogel

    Sehr schönes und aufschlussreiches Interview. Schön, auch mal andere krumme Karrierewege beschrieben zu bekommen.
    Und um die obig angerissene Genderdiskussion aufzugreifen. Ich finds gut, dass ihr genderkuddelmuddelt. Denn:
    Beware: The whole life is a kuddelmuddel :)

  8. Profilbild
    iggy_pop AHU

    „Wenn ein Musiker anfängt, seine Instrumente zu verkaufen, steht es wirklich schlecht.“
    Den Punkt kenne ich, und ja: Dann steht es wirklich beschissen.
    „Ein Film wird anderthalb Jahre gedreht und geschnitten, und zwei Wochen vor der Premiere fällt den Machern ein, daß sie noch eine Filmmusik brauchen. Man hat also zehn Tage Zeit, um sich was auszudenken und noch die Korrekturen für die Produzenten vorzunehmen. Ein absolut undankbarer Job.“ (Mark Shreeve)

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    Weigand

    Na das ist ja witzig! Ich sehe gerade den Artikel und das Photo von seinem Zimmer und denke: Nanu! Das ist doch Batics Wohnung aus „Tatort“ :“ Der Tod ist das ganze Leben(so ab Min. 52, noch bis zum ca. 20.5.17 in der ARD-Mediathek) für den ders nicht glaubt .

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