Interview: Florian Anwander, Synthesizer-Urgestein

Florian Home-Studio 2014

Florian Home-Studio 2014

Peter:
Elektronische Musik und die Liebe zu Synthesizern teilst du ja mit vielen Zeitgenossen. Du scheinst dich aber noch tiefer mit der Materie auseinander gesetzt zu haben als viele andere. Wie kommt’s?

Florian:
Wenn ich ehrlich sein soll. Das ist das Bastel-Gen, das vermutlich viele Jungs haben. In meinen Jahrgängen haben das alle erst mal über die Modellbahn ausgelebt, und mit ungefähr 14 Jahren verzweigte sich das dann in die Mofa-Schrauber und in die Verstärker-Löter. Als ich die Abbey Road gekauft hatte, habe ich kurz danach zu Weihnachten einen Kosmos-Experimentierkasten „Elektronik“ geschenkt bekommen. Da war eine einfach Oszillatorschaltung dabei. Nach einem Vierteljahr habe ich das mit der Elektronik dann so weit verstanden, dass ich diesen Aufbau mit dem Widerstandsdraht aus einem alten Föhn so erweitern konnte, dass man mit einer Kugelschreibermine auf dem Draht unterschiedliche Tonhöhen abrufen konnte. Heute weiß ich, dass ich da eine Ondes Martenot adaptiert habe – das ich damals natürlich nicht kannte.

Aus der vorher erwähnten Bluesband wurde irgendwann eine richtige Rockband. Ich hatte eine Yamaha YC-30 Orgel (mühsam in den Sommerferien sechs Wochen lang als Aushilfe in einem Lager erjobt). Die war toll und sie hatte ja so einen Ribbon-Sensor, mit dem man schon sehr synthetisch klingende Sachen machen konnte, aber ich wollte doch lieber einen richtigen Synthesizer; inzwischen wusste ich ja, was das war. Ich drückte mir zwar die Nase an den Schaufensterscheiben der Musikläden platt, aber ich konnte mir keinen leisten. Dann las ich irgendwann eine Kleinanzeige im „Blatt“, der damaligen Stadtzeitung von München: „Ich habe einen Synthesizer. Wer sich den mal ansehen will, ruft mich an.“ Ich rief da noch am selben Tag an. Das war Richard Aicher [Jahre später Autor von eines bekannten MIDI-Fachbuches], der mir dann bei sich zu Hause seinen Elektor Formant zeigte. Und da war es um mich geschehen: noch einmal fieser Ferienjob, dann hatte ich die 1400 Mark beisammen, um mir einen Formant-Bausatz zu kaufen. Den habe ich dann zusammengelötet, und aus dieser Erfahrung des Selbstbaus eines Synthesizers stammt sicher ein nicht unerheblicher Teil meiner Kenntnisse.

Eine nette Anekdote gibt es da übrigens noch: Richard Aicher meinte, es gäbe noch jemanden in München, der auch Synthesizermodule selbst baut, und gab mir eine Telefonnummer. Ich besuchte den Typen dann ein paar Tage später. Er zeigte mir im Wohnzimmer seiner Eltern seinen Formant, und ein dazu entwickeltes Phasermodul. Er hieß Dieter Döpfer.

Peter:
Das ist dann etwa Ende der siebziger Jahre?

Florian:
Das war wohl 1979 oder 1980. Ich bin dann zwei Jahre später nach dem Zivildienst durch Zufälle in die professionelle Münchner Tonstudioszene gerutscht, und habe bis in die Neunziger mein Geld als Toningenieur und Studiotechniker in diversen Studios verdient. Damals gab es noch keine Ausbildung für diese Tätigkeit. Daher lief das für mich alles über „learning by doing“. Da konnte ich natürlich unglaublich viel lernen. Es gibt einige Leute, denen ich sehr viel verdanke, und vor denen ich bis heute sehr großen Respekt habe. Zum Beispiel der Produzent Willi Klüter, der Filmmusikkomponist Andreas Köbner oder auch Leslie Mandoki – dessen allgemeine Ansichten ich zwar oft nicht teile – der mich aber sehr gefördert hat und der mir sehr viel über professionelles Verhalten beigebracht hat.

Forum
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    AMAZONA Archiv

    EIn zeitloses Interview, welches man immer wieder mal lesen kann.

    (Weitaus besser als Gear Gerüchte Artikel.)

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    tandem

    „Wenn mir jemand einen virtuell analogen Synthesizer präsentiert, bei dem ich die VCA-Envelopes der aktuell gespielten Stimmen separat mit einem Triggersignal oder meinetwegen einer Steuernote in MIDI antriggern kann, dann wäre ich der erste, der diese Kiste auf dem Tisch hat.“ – Der Nord Lead kann das (über Special Function „A“).

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      Florian Anwander  RED

      Hallo Tandem,

      Du übersiehst geflissentlich den Satz: „Ich ertrage ein Gerät nicht, bei dem ich in irgendwelchen Menüs die Controller-Nummer für das Filter in der nächsten Sequenz aus Zilliarden Möglichkeiten raussuchen muss […] – geschweige denn, dass das live auf der Bühne machbar wäre.“

      Ich sehe gerne zu wie Du die Meute im Club mit folgendem Prozeder zum kochen bringst…

      4. Hold down SHIFT and press MIDI CH. Set the MIDI Channel for Slot A to ‘1’.
      5. Press each of the other
      SLOT buttons and set them to MIDI Channel ‘16’. This is just to make sure they do not get used in this example.
      6. Hold down SHIFT and press SPECIAL.
      7. Press the SPECIAL button until the left digit in the DISPLAY reads ‘F’.
      8. Make sure Slot A is selected. Otherwise press the SLOT A button.
      9. Use the UP/DOWN buttons to set the value to ‘F.on’.
      10.Press STORE. Use the UP/DOWN buttons to select MIDI Channel ‘2’.
      11.Press STORE again and then the DOWN button to select ‘– – –’ (any MIDI note number).
      12.Press STORE again

      … uuuups, die Tanzfläch ist ja leer

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      moogulator  AHU

      Er meint analoger Triggereingang für Signale von TR’s und so weiter. Das fehlt und sollten alle haben, auch VAs.
      MIDI war vermutlich nicht gemeint.

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        Florian Anwander  RED

        Hallo Moogulator,

        Triggerung durch ein MIDI-Event wäre schon auch in Ordnung. Aber bitte nicht über diesen Setup-Wahnsinn. Das „Unverschämte“ an einer Triggerbuchse ist ja, dass die einzige „Setup“-Aktion das Einstecken des Kabels ist.

        Die Möglichkeit des Nordlead ist ja fein für jemanden der zu Hause im Kämmerlein alles sorgfältig vorbereitet, und das dann nur noch auf der Bühne reproduziert. Aber das hat für mich nur wenig mit Musikmachen zu tun. Ein Trompeter kann ja seinen Lippenansatz auch nicht zu Hause vorprogrammmieren – der macht das ja auch in Echtzeit auf der Bühne.

        Naja, Dir muss ich das nicht erzählen.

        (PS: wer die Chance hat, Moogulator mal live zu erleben, der sollte sich das nicht entgehen lassen. Das ist sehr beeindruckend!)

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          moogulator  AHU

          yepp –

          und was das erleben angeht – total „seeeelber“ weil war immer gut – hoffe du bist demnächst auch wieder da live unterwegs, damit ich das mit bekomme. Ist nämlich auch richtig gut!

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          Pflosi  

          Es gibt schon Lösungen… Einen MidiPal z.B. habt Ihr ja offenbar, der kann das auch… :) Manche Sequenzer haben die Funktion ebenfalls, so etwa der Zyklus MPS1.

          LG

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            Florian Anwander  RED

            Ja, klar haben viele Geräte diese Funktion und viele andere Funktionen, die ich sehr einfach in der CV/Gate/Trigger-Clock-Welt realisiere; nur eben mit einem blödsinnigen Konfigurationsaufwand bzw mit einem technischen Aufwand. Warum soll ich mir für 100 oder 200 Euro ein Zusatzgerät kaufen, wenn die gleiche Lösung mit einer Buchse und Bauteilen für unter einem Euro zu realisieren wären?

            Ich sehe hier ein Problem, das ich aus der Softwarewelt nur zu gut kenne: Es ist unter Produktmanagern und zT. auch Entwicklern verpönt, Vorteile alter Technologien anzuerkennen (die also nicht vom Produktmanager oder vom Entwickler stammen), da man auf die Art weniger von sich präsentieren kann; das ist dem Selbstwertgefühl abträglich. Kein technisches sondern ein allzu menschliches Problem…

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    daniel müller  

    Vielen Dank Herr Grandl und Herr Anwander für das unterhaltsame Interview…

    Sehr schön das…

    „Ich selbst lösche vor dem Auftritt alle Sequenzen und Drumpatterns und beginne bei Null.“

    Weitermachen…

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    Stephan M.  RED

    Tolles Interview! Dank Florian hatte ich überhaupt die Motivation, mich mit analogen Synthesizern zu befassen. Ich konnte in der damals abonnierten Keys nur was mit den Audiobeiträgen des Workshops modulare Synthesen anfangen. Die Form der Improvisation ist mir nicht fremd, so etwas würde ich auch liebendgerne mal probieren. Leider ging an mir der Kelch vieler analoger Hardware vorüber, bislang zumindest. Ich denke, ein analoges System könnte wunderbar barrierefrei sein.

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    BlackSun

    Danke für dieses tolle Interview! Ich habe mir erst letzte Woche das Standardwerk „Synthesizer“ von ihm gegönnt und finde es sehr gelungen! Auch wenn ich darum bitte bei der nächsten Auflage gleich noch ein passendes Döpfer A-100 System + persönliche Beratung mitzuliefern. …Ich würde bestimmt auch 10 Euro mehr bezahlen für das Buch! Bestimmt! ^^
    Mein persönliches Fazit: Ihr seid cool. Weitermachen.

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    barkingdog  

    Bevor man sich überhaupt einen Synth kauft muss man zeimal das Buch SYNTHESIZER durchackern, finde ich. Und ein drittes mal dann mit dem Synth. Das sollte staatlich kontrolliert werden, so wie ein Führerschein ;) dann wäre bald Schluss mit dem Presetgedüdel. Ein echt gutes Buch, das den Weg zur eigenständigen Synthese erst aufmacht. Danke dafür!!!
    LG
    David

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