Interview: Francisco Javier Rubio Torres von Servus! Pedale

1. September 2017

Servus! Handgemachte Gitarren-Effekte

Javier Rubio Torres Servus! Pedale

— Javier Rubio Torres Servus! Pedale —

Amazona.de Autor Michael Fendt zu Besuch bei Francisco Javier Rubio Torres von Servus! Pedale.

Wer kennt das nicht? Das Pedalboard müsste mal wieder überarbeitet werden oder: Da könnte man noch etwas feilen, der Effekt würde besser passen, der andere wird ja überhaupt nicht mehr benötigt, also weg damit. Mmh, ein neues Delay wäre ganz gut, was könnte ich denn gebrauchen?! So fängt es meistens an und schon steckt man mitten im Research, heutzutage zu 99% im Internet, in irgendwelchen Foren oder Gruppen, die das Thema der Wahl explizit behandeln.

Genau so war es vor kurzem mal wieder bei mir. Somit bin ich auf Servus! Pedale aufmerksam geworden. Ein kurzes Gespräch mit der Redaktionsleitung folgte und nur kurze Zeit später stand ein Interviewtermin an.

Bei Javier angekommen erwartete ich eine kleine Werkstatt, was sich letztendlich aber als ein Arbeitszimmer in seiner Wohnung entpuppte. Hier werden alle Servus! Pedale in Handarbeit entwickelt, konstruiert, zusammengebaut und verschickt. Der sympathische erste Eindruck zog sich wie ein roter Faden durch das ganze Interview. Ein Mann mit einer Aufgabe und man kann ruhigen Gewissens sagen, dass bei Javier die Wahl des Berufs von Berufung kam. Noch kann er leider nicht komplett davon leben, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden!

Michael:
Hallo Javier! Kaum zu verkennen, Du bist Spanier. Servus! Pedale startete 2011 in Spanien. Was hat Dich nach Deutschland verschlagen, woher kommst Du, was hast Du vorher gemacht?

Javier:
Also, ich habe in Cáceres/Spanien Elektrotechnik studiert, das ist südwestlich, ungefähr zwischen Madrid und Sevilla, an der portugiesischen Grenze. Danach habe ich als Tontechniker gearbeitet, im Theater und auf Konzerten. Ich bin 2013 nach Deutschland gekommen. Meine Freundin ist Deutsche und hatte einen neuen Job in Hamburg angetreten. Wir haben uns in Spanien kennengelernt, sind dann aber gemeinsam hier hergezogen.

Servus! Produktion 4

— Servus! Produktion 4 —

Michael:
Wie oder warum kamst Du dann ins Rhein-Main-Gebiet?

Javier:
Im Oktober 2016 hat für meine Freundin eine andere Arbeitsstelle in Frankfurt begonnen, da es in Frankfurt sehr schwierig ist, Wohnungen zu finden, hat es uns nach Offenbach verschlagen.

Michael:
Gibt es denn in Spanien außer Dir noch andere Boutiquepedal-Hersteller?

Javier:
Ja, es gibt vier oder fünf Firmen, jedes Jahr ein paar mehr. Heute ist es glaube ich einfacher, Pedale zu bauen als früher. Man kann mittlerweile durch das Internet viele Schaltungen/Schaltpläne bekommen und kopieren. Viele machen das und verkaufen es als „Boutique“.

Michael:
Gibt es einen spanischen Hersteller, den Du besonders magst?

Javier:
Thermion ist für mich die beste Firma in Spanien. Sie bauen neben Pedalen auch Verstärker. Vor Kurzem waren sie auch in Frankfurt auf der Musikmesse. Der Chef ist ein super netter Typ und die Qualität ist sehr gut.

Michael:
Deine Firma heißt Servus!, das klingt eher nach Süddeutschland oder Berge, wie kam es zu dem Namen? Zu Offenbach hätte doch eher „Gude!“ gepasst.

Javier:
„Servus“ war mein erstes deutsches Wort. Ich lernte es von meiner Freundin, die kommt ursprünglich aus Bayern.

Michael:
Warum ein deutsches Wort für den Namen deiner Firma?

Javier
:Ich fand, „Servus“ klingt gut. Es hat was von Latein. Aus dem Latein entliehen, hat es auch die Bedeutung von einem Sklaven in nicht menschlicher Form. Anders ausgedrückt: ein Gerät, das dir dient oder Etwas das macht, was du willst. Das hat für mich gepasst und somit kam es zu der Namensgebung.

Der Bestseller Yodelmaster

— Der Bestseller – Yodelmaster —

Michael:
Kennst Du das Wort „Gude“?

Javier:
Nein (lacht).

Michael:
In Hessen sagt man an vielen Orten „Gude“, so wie in Bayern „Servus“. Das ist eine Kurzform von „Guten Tag“.

Javier:
Ich kenne nur „Morsche“, ich bin aber auch erst seit Oktober letzten Jahres hier in Offenbach.

Michael:
Wie hast Du es geschafft, Dir relativ schnell einen Namen zu erarbeiten, ist das deiner Meinung nach auch so? Machst du Werbung?

Javier:
Bisher lief das alles übers Internet. Natürlich habe ich auch Kontakte in Deutschland aufgebaut, die mir helfen. Ansonsten die üblichen Kanäle. Social Media natürlich, auch wenn ich davon kein großer Freund bin. Ist dennoch notwendig.

Servus! Produktion 1

— Servus! Produktion 1 —

Michael:
Ich gehe mal davon aus, aber spielst Du selber Gitarre? Wie ist deine musikalische Vergangenheit?

Javier:
Ja ich spiele Gitarre, komme aber ursprünglich vom klassischen Klavier. Hier hatte ich auch lange Unterricht, von meinem sechsten bis zum achtzehnten Lebensjahr. Danach habe ich immer Keyboards in Bands gespielt, meist Classicrock. Gitarre lernte/lerne ich als Autodidakt.

Michael:
Wie kam es dann dazu, dass Du Gitarreneffekte baust?

Javier:
Der Gitarrist meiner damaligen Band war unzufrieden mit diversen Effekten, somit hatte ich die Idee, selbst etwas zu bauen. Mein erster Versuch war somit ein Clean Boost und das hat gut funktioniert. Der Booster war ganz einfach aufgebaut, quasi nur „an“ ohne Schalter, aber er spielt ihn heute noch. Danach ging es weiter mit Research, natürlich im Internet, es hat mir viel Spaß gemacht und dann kam das Eine zum Anderen.

Michael:
Spielst du noch andere Instrumente außer Klavier und Gitarre?

Javier:
Ja ich versuche mich noch mit dem Saxofon und Cello.

Michael:
Du hast ja Elektrotechnik studiert, in welche Richtung ging das oder was war Dein ursprünglicher Plan?

Javier:
Ich wollte ursprünglich in die Richtung Akustik für Theater gehen, das hat aber leider nicht geklappt. Nach dem Studium (18-25) habe ich dann noch eine Ausbildung als Tontechniker gemacht und habe dann auch fast zwei Jahre in einem Theater in diesem Berufsfeld gearbeitet.

Prototypen Roots und Photophobia

— Die Prototypen „Roots“ und „Photophobia“ —

Michael:
Was waren die Hauptbeweggründe, Effekt-Bodentreter zu bauen und das zu Deinem Beruf zu machen?

Javier:
Spaß! Ich liebe es, Sachen auszutüfteln. Irgendwann dachte ich dann, wieso nicht ein Geschäft daraus machen, es gibt ja nichts zu verlieren.

Michael:
Wenn ich das richtig überblicke, verwendest Du Best of Both Worlds also analoge und digitale Technologie. Wo liegt deine Philosophie bzw. die von Servus! Pedale?

Javier:
Ich habe für mich rausgefunden, dass die meisten Sounds analog besser klingen, mal abgesehen von diversen Delays. Dennoch ist man eingeschränkt, somit lief es in Richtung analogem Signalweg mit digitaler Steuerung, um die Möglichkeiten auszuweiten.

Servus! Produktion 2

— Servus! Produktion 2 —

Michael:
Der Pedal-Hype beschäftigt die Szene mittlerweile schon ca. 20 Jahren und noch ist kein Ende in Sicht. Neben den bekannten Marken wie TC Electronics, die ja mittlerweile von Behringer aufgekauft wurden, BOSS, Electro Harmonix, MXR usw. gibt es ja einige Boutique Marken zum Beispiel Xotic, Fulltone, Strymon, Diamond, um nur mal ein paar zu nennen. Vieles kommt natürlich aus den USA. Welche haben Dich denn persönlich am meisten inspiriert und gibt es persönliche Favoriten neben Deinen eigenen natürlich?

Javier:
Strymon und Empress gehören zu meinen Favoriten. Das große alte Delay von Empress hatte ich selbst und war bzw. bin immer noch davon begeistert. Wobei hier auch vieles komplett auf DSP basiert, der El Capistan ist voll digital, der Flint ist Hybrid wie auch der Sunset und das Riverside.

Michael:
Welche sind für Dich die wichtigsten Pedale auf einem Pedalboard?

Javier:
Für mich wichtig ist das Overdrive, dieses Pedal kann man am vielseitigsten einsetzten, zum Boosten, leichten Zerren bis zu Distortion. Aber mein Lieblingseffekt ist wohl das Delay.

Michael:
Wie hältst Du es mit Modulationseffekten, sprich Chorus oder Flanger?

Javier:
Chorus ja, Flanger eher selten, außer es muss sein, bei einer 80er Jahre Coverband zum Beispiel.

Michael:
Was sollte noch drauf sein?

Javier:
Distortion, aber es hängt auch immer vom Verstärker ab. In Spanien benutze ich mit Vorliebe einen VOX AC15, der mit momentan leider nicht zur Verfügung steht. Aber viele Amps bieten ja schon eine interne Verzerrung, somit kann man auf ein Distortion-Pedal verzichten.

Michael:
Worauf baut Dein Konzept auf, ich würde mal behaupten: Qualität für einen fairen Preis. Liege ich da richtig?

Javier:
Ja, so kann man das sagen, wobei ich mir schwer dabei tue, einen fairen Preis festzulegen. Man muss ja immer die Waage halten nach dem Prinzip: Was nichts kostet, ist nichts wert. Dennoch darf man als kleiner Hersteller auch nicht zu teuer sein, sonst wird es nicht gekauft. Aber diese Frage stelle ich mir auch öfter mal. Somit wird mein neues Pedal, das Ende Juni auf den Markt kommt etwas im Preis steigen.

Servus! Produktion 3

— Servus! Produktion 3 —

Michael:
Ein neues Pedal, interessant. Aber dazu wollte ich später sowieso noch kommen. Lass uns doch vorher kurz die restlichen Fragen durchgehen. Welche Rolle spielen die einzelnen Bauteile innerhalb Deiner Servus! Pedale?

Javier:
Es sollte alles einen gewissen Standard erfüllen. Was ich als am wichtigsten empfinde, ist mit guten Kondensatoren und Widerständen zu arbeiten, sodass man die Signalqualitiät hochhält und das Grundrauschen minimiert. Ich benutze, seitdem ich in Deutschland bin bevorzugt WIMA-Kondensatoren. Sie sind zwar etwas teurer, aber sehr gut und unterm Strich zahlt es sich aus. Auch bei den Potis, hier benutze ich Alphapotenziometer. Die Buchsen stammen von Neutrik.

Servus Produktion 5

— Servus Produktion 5 —

Michael:
Was zeichnet Deine Pedale aus? Unterschieden sie sich von anderen?

Javier:
Mmh, das ist eine schwierige Frage. Also ich würde mal behaupten, dass vieles natürlich gleich oder ähnlich ist. Aber ich versuche immer, etwas anders zu machen. Zum Beispiel beim Servus! Roots hat man drei Effekte in einem Pedal, kann aber durch die separaten Ein- und Ausgänge alle so behandeln, als hätte man drei einzelne Pedale.

Michael:
Würdest Du behaupten, du fertigst auch Pedale, die anders oder neu sind und vergleichbar nicht auf dem Markt?

Javier:
Mein neues Pedal GLAM gibt es so noch nicht, würde ich behaupten. Da habe ich auch sehr lange dran entwickelt.

Michael:
Welche Art von Effektpedalen würde Dich noch am meisten reizen zu bauen?

Javier:
Ich würde sagen, so in die Richtung des GLAM. Kompakt, vielseitig mit digitaler Steuerung, aber ansonsten komplett analog. Ich habe im Grunde auch schon ein neues Delay entwickelt, das auf diesem Konzept basiert. Da sind die Platinen aber noch nicht in die Fertigung gegangen. Mit Presets, aber komplett analog.

Michael:
Was hältst du vom allgegenwärtigen Vintage- und Analoghype im Vergleich zu den ganzen digitalen Gegenpolen wie z.B. Axe FX, Kemper und Konsorten?

Javier:

Der Kemper ist super, ich besitze keinen, habe ihn aber schon mal ausprobiert. Bei den Pedalen steckt aber etwas mehr dahinter. Vielen macht es mehr Spaß herumzuexperimentieren, ein neues zu kaufen, was auszutauschen usw. Ich glaube, das wird schwer für die digitalen Kollegen, diese Gewohnheit oder auch Leidenschaft zu brechen.

Michael:
Was kann man die nächste Zeit von Servus! Pedale erwarten? Wenn auch schon ein paar Mal angesprochen zwischendurch, geh doch bitte mal etwas näher darauf ein.

Javier:
Das Servus! Pedale GLAM ist ein Distortion-Pedal mit einem integrierten Booster, es orientiert sich an einem Marshall Sound. Das neue Konzept ist, dass man sechs Presets speichern kann. Mit einem zusätzlichen Expressionpedal kann man das Gain oder die Lautstärke zusätzlich per Fuß regeln. Quasi Boost, Gain oder auch Lautstärke usw. einstellen und abspeichern.

Das Servus! GLAM Neuer Release Sommer 2017

— Das Servus! GLAM Neuer Release Sommer 2017 —

In Zukunft möchte ich dieses Konzept ausbauen und fortsetzen. Dieses Jahr wird noch ein Delay folgen mit Presets zum Abspeichern, in der Bedienung ähnlich wie beim GLAM.

Michael:
Das klingt doch sehr vielversprechend. Vielen Dank für das Gespräch!

Forum
  1. Profilbild
    Armin Bauer  RED

    Sieht sehr interessant aus, was Javier da so macht.
    Handmade, frische Ideen, gutes Design und für Boutique fast schon unverschämt günstig.

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